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Pädagogik & Soziales
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Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 11.2008
AuflagenNr.: 1
Seiten: 144
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback
eBook
Medium: PC-PDF
DRM: Wasserzeichen
Angesichts der gegenwärtigen, vom PISA-Schock geprägten Bildungskampagne widmet sich das vorliegende Buch der Frage, wie in der Pädagogik der frühen Kindheit Bildung und der Bildungsauftrag von Tageseinrichtungen für Kinder verstanden werden. Im Mittelpunkt steht die Beschreibung und vergleichende Bewertung von drei in der Praxis wirksamen pädagogischen Konzepten (Situationsansatz, Reggio-Pädagogik und INFANS-Konzept). Ergänzend wird am Beispiel von zwei Erzieherinnen die Einlösung des Bildungsauftrags des Kindergartens im pädagogischen Vergleich illustriert. Nach einleitenden Bemerkungen zu Leitfragen und zur Vorgehensweise der Studie (Teil 1) wird in Teil 2 der Bildungsdiskurs in einem breiten Kontext verortet. Hierbei geht es einerseits um die Skizzierung der Traditionslinien (Humboldt u.a.) und der Abgrenzung der Begriffe Bildung und Erziehung. Andererseits werden frühkindliche Bildungsprozesse in der Perspektive der Entwicklungspsychologie (Piaget und Wygotskie) und der Neurobiologie (z.B. Wolf Singer) erörtert. Die Darstellung der drei ausgewählten pädagogischen Ansätze (Teil 3) wird durch systematische Aspekte strukturiert. Diese betreffen anthropologische Erkenntnisse bzw. Überzeugungen (Menschenbild bzw. Bild vom Kind), das Verständnis von Bildung und Lernen, die Vorstellung über die Rolle der Fachkräfte, die Grundsätze und Verfahrensweisen (Didaktik und Methodik) bei der Unterstützung und Anregung der kindlichen Bildungsprozesse (z.B. Projekte, Beobachtung/Dokumentation)) sowie - als Schwerpunkt einer Didaktik der indirekten Erziehung - die Gestaltung der Räume. Auf dieser Grundlage werden die einzelnen Profile der Ansätze herausgearbeitet. Das diesen Teil abschließende Kapitel erörtert Gemeinsamkeiten (wie z.B. die Auffassung vom Kind als von Anbeginn kompetente Person oder die Arbeit in Projekten) und Unterschiede (z.B. im Hinblick auf den unterschiedlichen Stellenwert anthropologischer und entwicklungspsychologischer Begründungsmuster für professionelles Handeln) in den ausgewählten Konzepten. Im abschließenden Teil 4 berichtet der Autor über die Ergebnisse von Interviews mit zwei Erzieherinnen, die im Anhang dokumentiert sind. Hier ergeben sich zahlreiche Verknüpfungspunkte mit den vorausgehenden Teilen der Arbeit. Die Wirkungen der Bildungskampagne und die Bemühungen der Fachkräfte, mit Bezug auf pädagogische Konzepte (insbesondere Situationsansatz und Reggio-Pädagogik) und mit Blick auf den neuen Orientierungsplan ihren Weg zu finden, kommen in den Interviewaussagen und deren zusammenfassenden Würdigung zur Geltung.
Kapitel 5.2 Anthropologie des Kindes Eine Anthropologie des Kindes ist Grundlage jeder bewussten erzieherischen Interaktion mit Kindern. Sie gibt Aufschluss über Werte, Normen und über das Bild des Kindes. Anthropologie nimmt Einfluss auf die Erzieherin im Erziehungsprozess. Schäfer misst einer Anthropologie des Kindes eine hohe Bedeutung in der Erziehung bei. Sie lehrt sie beobachten, Empfindlichkeit für Wahrnehmungen am Menschen, Respekt und Toleranz gegenüber der Vielfalt menschlichen Verhaltens, Erlebens und Denkens (SCHÄFER 1997, S. 79). Eine Anthropologie bietet somit einen Rahmen und schützt Kinder vor einer wahllosen Beliebigkeitspädagogik. Aufgrund dessen werden die Menschenbilder der drei Ansätze miteinander verglichen und Gemeinsamkeiten und Gegensätze herausgearbeitet. Der Situationsansatz verfügt über keine ausreichend formulierte Anthropologie des Kindes. Dies wurde in der Kritik des Situationsansatzes bereits dargestellt. Das dargestellte Menschenbild ist unvollständig und nur flüchtig beschrieben. Es fehlen bspw. ein ausformuliertes Verständnis von Kindheit und eine adäquate Berücksichtigung der Position der Kinder (vgl. ebd. 1997, S. 78f). In den Konzeptionen des Situationsansatzes besteht daher eine Unklarheit, wer die Adressaten sind.Die Reggio-Pädagogik hingegen hat sich bewusst für eine anthropologische Beschreibung entschieden. Das darin beschriebene Bild vom Kind orientiert sich am Gleichheitsgedanken und betrachtet Kinder nicht als unfertige Erwachsene, sondern orientiert sich an den Fähigkeiten, die es selber ausbauen kann. Das Menschenbild, das INFANS als Ausgangspunkt erzieherischen Handelns nimmt, betrachtet Kinder ebenso wie die Reggio- Pädagogik als konstruierende und forschende Wesen. Kennzeichnend hierfür sind der mehrperspektivische Blick zwischen Kind und Umwelt und die konstruktivistischen Ausprägung. Alle drei pädagogischen Konzepte setzen sich von einem defizitären Kinderbild ab. Dies wird am deutlichsten bei den Beschreibungen der Reggio-Pädagogik, die von einem reichen Kind, d.h. ein Kind mit vielen Fähigkeiten ausgehen. Die Untersuchung zeigte, dass die Reggio-Pädagogik das ausführlichste Menschenbild beschrieben hat. Es ist ein Kernelement der pädagogischen Arbeit. Bei INFANS wurde festgestellt, dass eine Annäherung an Vorstellungen der Reggio-Pädagogik besteht, die auch bewusst gewählt wurde. Der Situationsansatz enthält kaum explizite Formulierungen eines Menschenbildes, wenngleich in neueren Publikationen (vgl. ZIMMER 1998, PREISING 2002) dieses Versäumnis stückweise aufgeholt wurde. Es wäre wünschenswert, dass die Vertreter des Situationsansatzes eine Anthropologie formulieren, die ebenso von einem reichen und kompetenten, sich selbstbildenden Kind ausgeht.
Gregor Bumann, geb. 1980, Studium der Sozialwirtschaft an der Berufsakademie Villingen-Schwenningen, Abschluss 2003 als Diplom Sozialwirt (BA). Anschließend Studium der Pädagogik an der Eberhard-Karls Universität Tübingen und der University of Malta, Abschluss 2007 als Diplom Pädagoge. Lehrer an einer Fachschule für ErzieherInnen.
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