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- Das Risiko der Vaterentbehrung: Wozu brauchen wir einen Vater?
Pädagogik & Soziales
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Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 11.2009
AuflagenNr.: 1
Seiten: 92
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback
eBook
Medium: PC-PDF
DRM: Wasserzeichen
In einer Zeit, in der traditionelle Familienstrukturen nach und nach obsolet werden, hat eine Suche nach neuen Vaterschaftskonzepten begonnen. Es ist immer häufiger die Rede von der Neuen Vaterschaft, von engagierter Vaterschaft, von den Neuen Vätern. Doch woran können sich diese Neuen Väter orientieren? Was sind ihre spezifischen Funktionen? Worin liegt die spezielle Bedeutung des Vaters für sein Kind? Brauchen Kinder überhaupt einen Vater? Oder kann eine genügend engagierte Mutter den Vater ersetzen? Stellt Vaterentbehrung eine Gefahr für die kindliche Entwicklung dar? Ist Vaterentbehrung überhaupt ein Risiko? Bei der Suche nach Antworten auf diese Fragen wird in dieser Arbeit zunächst die Bedeutung des Vaters für die Entwicklung des Kindes untersucht. Dabei wird auf zentrale Aspekte der Entwicklung (Geschlechtsrollenentwicklung, sozioemotionale und kognitive Entwicklung) rekurriert. Aber auch Vater-Kind-Bindung und Triangulierung werden thematisiert sowie ein früher Vatereinfluss bei Schwangerschaft und Geburt. Die Kernfrage der Arbeit zielt dann auf Auswirkungen, die eine Entbehrung des Vaters auf die kindliche Entwicklung hat. Dabei wird eine Differenzierung von verschiedenen Formen der Vaterentbehrung vorgenommen - von vorübergehender Vaterabwesenheit bis Vaterlosigkeit. Es werden kurzfristige und langfristige, altersbedingte und geschlechtsspezifische Reaktionen dargestellt. Daran schließt sich eine Untersuchung zu einem breiten Spektrum von Schutzfaktoren, welche zu einer Abmilderung des Risikos der Vaterentbehrung beitragen. Einfluss und Wirksamkeit von Vatersurrogaten, Familienklima und Persönlichkeitsmerkmalen des Kindes werden erörtert und diskutiert. Mit dieser Arbeit erhält man einen Überblick über die Thematik und Anregungen dafür, welche Faktoren eine engagierte Elternschaft ausmachen könnten. Vaterentbehrung ist ein nicht zu unterschätzendes Risiko für die kindliche Entwicklung, dem durch Aufklärung sowohl präventiv als auch interventiv entgegengewirkt werden kann.
Textprobe: Kapitel 3.3, Vaterverlust - Tod des Vaters: Diese Form von Vaterentbehrung kommt zwar weniger häufig vor als die der Vaterabwesenheit, stellt aber durch die Unwiderruflichkeit der Abwesenheit ein besonders einschneidendes Ereignis mit weitreichenden Folgen dar. Wie diese sich gestalten, soll in diesem Punkt untersucht werden. Vaterverlust bedeutet, dass das Kind den Vater durch dessen Tod (durch Unfall, Erkrankung oder Suizid) verliert und setzt somit voraus, dass das Kind eigene Erfahrungen mit dem Vater gemacht, ihn, wenn auch zeitlich begrenzt, gekannt hat. Vaterverlust ist endgültig. Auch hier zeigen sich unterschiedliche Folgen, die vom Alter des Kindes zum Zeitpunkt des Verlustes abhängen. Petri unterscheidet zwischen frühem (in den ersten drei Lebensjahren des Kindes), mittlerem (viertes bis sechstes Lebensjahr) und spätem (Pubertät) Vaterverlust. Bei frühem Vaterverlust besteht demnach ein Mangel an positiven Vatereinflüssen, insbesondere dann, wenn die Mutter keine neuerliche feste Partnerschaft eingeht. Dies führt bei den betroffenen Kindern häufig zu Unsicherheit und Orientierungslosigkeit im Umgang mit dem anderen Geschlecht, zu mangelndem Selbstvertrauen, einem gestörten Verhältnis zur Sexualität und zu Existenzängsten. Durch die Beziehungs- und Bindungsängste kommt es auch hier oft zur Wahl eines intellektuell unterlegenen Partners, zu konfliktbelasteten Partnerschaften und wiederholten Partnerschaftsabbrüchen. Ferner werden die eigenen Kinder häufig parentifiziert, was letztlich zu konfliktreichen Familienbeziehungen führt. Mittlerer Vaterverlust birgt das Risiko, dass das Kind den Entwicklungsschritt von der Bewunderung des Vaters zur Rebellion und Auflehnung gegen ihn nicht vollziehen kann. Dies kann zu einer Stagnation der weiteren Reifungsprozesse führen, wie sie in Kapitel 2 dieser Arbeit, ‘Bedeutung des Vaters für die Entwicklung des Kindes’, beschrieben sind und infolge dessen dazu, dass das Kind in späteren interpersonellen Beziehungen nicht über den Wunsch nach Anerkennung, Nähe und Unterstützung hinauskommt. Insgesamt können depressive, zwanghafte Symptome, eine allgemeine Gehemmtheit, ein Überangepasstsein, Ängstlichkeit, Konfliktscheu, geringes Durchsetzungsvermögen im Beruf und, aufgrund der Angst vor Ablehnung und Trennung, Schwierigkeiten in Partnerschaften und wiederholte Trennungen die Folge von mittlerem Vaterverlust sein. Allerdings sind hier, durch die frühe Anwesenheit des Vaters, meist schon ‘wichtige Grundsteine für die psychische Struktur des Kindes wie die Ausbildung einer Gewissensinstanz, soziale Kompetenzen und kognitive Fähigkeiten gelegt’ worden, die eine wichtige Voraussetzung für die spätere Lebensbewältigung darstellen. Der späte Vaterverlust in der Pubertät fällt zusammen mit der anstehenden Identitätskrise. Da bis zur Pubertät bereits grundlegende Entwicklungsschritte vollzogen worden sind, stellt der Vaterverlust in dieser Lebensphase, laut Petri, ein vergleichsweise geringes Trauma dar. Und dennoch, da der Vater gerade in der Adoleszenz zur Stabilisierung der psychosexuellen Identität und zur Orientierung für die eigenen Lebensentwürfe gebraucht wird, kann Vaterverlust auch in dieser Entwicklungsstufe zu tiefer Orientierungs- und Haltlosigkeit führen, was wiederum schulische Probleme, Drogenmissbrauch und Motivationsverlust zur Folge haben kann. In Studienergebnissen zu den Folgen von Vaterverlust taucht wiederholt ein bestimmtes Merkmal auf, welches die betroffenen Kinder zeigen: sie neigen stark dazu, den verstorbenen Vater zu idealisieren, an einem überhöhten Vaterbild festzuhalten. Diese Phantasieväter sind dabei idealistisch verzerrter als die inneren Vaterbilder der von Vaterabwesenheit betroffenen Kinder. Nach Dammasch dient diese ‘Aufblähung des inneren Vaters [...] vor allem dem Ungeschehenmachen der narzißtischen Kränkung [...], von einem psychisch lebenswichtigen Liebesobjekt verlassen worden zu sein.’ Ein wesentlicher Faktor bei der Bildung von idealisierten Vaterbildern scheint das Alter des Kindes zum Zeitpunkt des Vaterverlustes zu sein. Je früher dieses Ereignis im Leben des Kindes stattfindet, umso stärker hält das Kind an diesen Vaterphantasien fest. Wie bereits in Abschnitt 2.3, ‘Die Triangulierung’, beschrieben wurde, dienen diese inneren Objekte der Aufrechterhaltung des psychischen Gleichgewichts. Kann der Vater als überwiegend positives Objekt verinnerlicht werden, trägt dies in unterstützender Weise zur Entwicklung bei. Kommt es aber zu einer überhöhten Idealisierung des Vaters, kann dies, nach Petri, zur Ursache diverser Lebenskrisen werden. Wird der Vater als überwiegend negatives Objekt verinnerlicht, etwa durch negative Erinnerungen und Erzählungen der Mutter, kann dies in Vaterhass und letztlich in Selbsthass münden. Ambivalente innere Vaterbilder, mit positiven und negativen Anteilen, können zu einem tiefen inneren Zwiespalt des Kindes bis ins Erwachsenenalter hinein und damit zu Orientierungslosigkeit und psychosexuellen Identitätskrisen führen. Wie sich diese inneren Objekte ausgestalten, hängt wesentlich mit davon ab, wie die Familie und das soziale Umfeld des Kindes mit dem Vaterverlust oder der Vaterlosigkeit umgehen. Besonders der Mutter kommt hier eine zentrale Rolle zu. Durch ihr Vaterbild, welches sie dem Kind vermittelt, hat sie großen Einfluss auf die Vaterphantasien des Kindes und auch auf die Stärke der Gefühlsbindung des Kindes an den verstorbenen Vater. Aus psychoanalytischer Sichtweise ist weniger der Tod des Vaters an sich ein pathologisierender Faktor vielmehr ist die Art und Weise des Umgangs mit dem Ereignis, die Fähigkeit zu trauern und auch die gesellschaftliche Resonanz ausschlaggebend für die weitere kindliche Entwicklung. Ist die Ursache des Vaterverlustes Suizid, ist eine Beeinträchtigung der kindlichen Entwicklung wahrscheinlich. Denn in diesen Familien ist meistens mindestens ein Elternteil von dem Suizid vorausgehenden psychiatrischen Erkrankungen betroffen, womit die Folgen vergleichbar sind mit denen der krankheitsbedingten Vaterabwesenheit. Aus weiteren Studien zu den Auswirkungen von Elternverlust geht hervor, dass die betroffenen Kinder insgesamt mehr Verhaltensauffälligkeiten, schulische Leistungs- und Anpassungsprobleme, sowie depressive Verstimmungen und Ängste zeigen, als Kinder aus vollständigen Familien. Vor allem Jungen zeigen verstärkt Verhaltensauffälligkeiten und haben ‘die größten Schwierigkeiten, Trauer zu verbalisieren.’ Das weist auf das Unterdrücken von Gefühlen hin, was in betroffenen Familien, aufgrund einer Unfähigkeit zu trauern oder durch die Tabuisierung des Ereignisses, häufiger der Fall ist. Aber auch Schwierigkeiten in der Entwicklung der psychosexuellen Identität wurden bei Kindern, deren Vater gestorben war, wiederholt festgestellt. Die daraus resultierenden Unsicherheiten führen vor allem bei betroffenen jugendlichen Mädchen dazu, dass sie sich dem anderen Geschlecht gegenüber zurückhaltend bis ausweichend verhalten. Was die Auswirkungen von frühem Elternverlust auf die Bildungschancen der Kinder betrifft, so zeigte sich in einer Analyse der Mikrozensus Daten von Hillmert, dass die Betroffenen geringere schulische und Ausbildungschancen haben. Sie sind insgesamt weniger in höheren Schulen und häufiger in Berufsschulen vertreten und werden früher regelmäßig erwerbstätig als Kinder aus vollständigen Familien. Das bedeutet, dass ihre Bildungszeit insgesamt verkürzt ist. Auch hierbei sind das Alter des Kindes zum Zeitpunkt des Verlustes sowie die sozioökonomische Situation der Familie wesentliche Einflussfaktoren. Denn neben den emotional belastenden Auswirkungen kommt es häufig zu finanziellen Einbußen, welche die weitere Bildungslaufbahn des Kindes beeinträchtigen können. So müssen einige Betroffene ihre Ausbildung verkürzen oder abbrechen und in das Erwerbsleben einsteigen, um ihre ökonomische Selbständigkeit zu sichern. Insgesamt ist im Erwachsenenalter die psychosoziale Anpassung bei denjenigen, deren Vater gestorben ist, besser als bei Trennungskindern. Gegenüber Erwachsenen aus vollständigen Familien sind aber beide schlechter angepasst.
Johanna Saltzwedel, geb. 1981, Diplom-Pädagogin, Studium der Erziehungswissenschaften an der Freien Universität Berlin, Abschluss 2009. Während des Studiums galt ihr besonderes Interesse den familiären Strukturen und Einflüssen auf die kindliche Entwicklung sowie der Arbeit mit Familien. Da in der Lehre, trotz eines offensichtlichen Wandels der familiären Rollenausübung, nach wie vor die Mutter-Kind-Beziehung bzw. mütterliche Einflüsse auf die kindliche Entwicklung im Vordergrund standen, fühlte sie sich herausgefordert, eine Arbeit über Väter zu schreiben.
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