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Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 05.2010
AuflagenNr.: 1
Seiten: 108
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback
In diesem Buch wird eindrücklich beschrieben, wie sich der baskische Nationalismus ab 1975 entwickelte. Dabei werden vor allem folgende Fragen beantwortet: Was macht den baskischen Nationalismus nach 1975 aus und woher bezieht er seine Stärke und Durchsetzungskraft? Welche Werte, Symbole und Begriffe thematisiert er zur Konzeption seines Gesellschaftsmodells? Wie formuliert er seine Interessen und Ziele und welche Erfolge konnte er im Laufe der Zeit erzielen? Worauf stützen sich seine Maximalforderungen? Im Weiteren wird der Frage nachgegangen, warum die vom Zentralstaat Spanien eingeräumte Autonomie zu keiner Konfliktregulierung im Baskenland führte. Warum kann die Autonomie nicht als oktroyiertes System bezeichnet werden? Welche baskischen Akteure waren an der Gestaltung der Autonomie beteiligt und warum wird sie seit einigen Jahren nicht mehr anerkannt? Warum spaltete das Autonomiestatut letztendlich nicht nur die politische, sondern auch die zivile Gesellschaft? Warum lehnten die Radikalen die Autonomieverhandlungen resolut ab und wie drückte sich ihre Haltung aus? Dabei wird vor allem auf den radikalen Nationalismus der ETA und seine Befürworter eingegangen und geklärt, warum selbst weitgehende Zugeständnisse des Staates bislang nicht zu einer Einstellung der terroristischen Attentate geführt haben. Inwiefern der Nordirlandkonflikt als Vorbild für das Baskenland dienen könnte wird in diesem Buch vorgestellt.
Textprobe: Kapitel 2, Von der Entstehung bis zur Aufspaltung: Die PNV wollte in der Nachkriegszeit die baskische Jugend an sich binden, um sie nicht an andere Organisationen zu verlieren. Aus diesem Grund wurde im Dezember 1945 die Exilvereinigung Euzko Gaztedi (baskische Jugend, EG) gegründet. An der Jesuiten-Universität von Deusto bildeten sich 1952 Studien- und Diskussionszirkel, die sich hauptsächlich mit der baskischen Geschichte beschäftigten. Aus diesen Foren entwickelte sich mit der Zeit die Organisation EKIN (Aktion). Diese Gruppe forderte von den Nationalisten einen stärkeren Aktivismus, wobei sich nachdrücklicher für die Erhaltung der Sprache und der baskischen Kultur eingesetzt werden sollte. Vor allem kritisierte EKIN die Nationalisten, die sich mit der Franco- Diktatur abgefunden hatten und sogar wirtschaftlich von ihr profitierten. 1956 schlossen sich die beiden Jugendorganisationen EG und EKIN zusammen. Von Anfang an herrschte ein gespaltenes Klima, da man der Mutterpartei differenziert gegenüber stand. EKIN war immer zu Kritik an der PNV bereit, womit man die Partei zu mehr Aktionismus mobilisieren wollte, dahingegen begegnete die EG den Alten mit Respekt. Die unterschiedlichen Einstellungen führten letztlich 1958, nach nur zwei Jahren Zusammenarbeit zur Trennung der Vereinigung. Schließlich nahmen die EKIN- Mitglieder am 31. Juli 1959 den Namen ETA (Euskadi ta Askatasuna- Baskenland und Freiheit) an und entwickelten ihre eigene Strategie. Kasper fasst diese folgendermaßen zusammen: ‘Durch den bewaffneten Kampf sollte ein souveräner baskischer Staat entstehen, der sich aus den sieben historischen Territorien zusammensetzen sollte’. Das besondere Interesse der ETA galt der baskischen Geschichte sowie der Neuinterpretation der Klassiker des baskischen Nationalismus. Der baskische Soziologe Jáuregui spricht in diesem Zusammenhang von der ‘Wiederentdeckung des originären Sabinianismus’. Auch wenn die ETA dem traditionellen Nationalismus skeptisch gegenüber stand, veränderte sie deren ideologischen Grundwerte kaum. Sie verehrten besonders den Urvater des baskischen Nationalismus, Sabino Arana, und sahen sich als Retter seiner Ideen. Die von ihm propagierte Unabhängigkeit übernahmen sie als zentrale Zielsetzung, wobei die Autonomie nur als vorübergehende Zwischenlösung akzeptiert wurde. Im Gegensatz zum alten Nationalismus, der die baskische Identität über die Rasse definierte, betonte die ETA die sprachliche Zugehörigkeit. Da Spanien als Hauptschuldiger für den katastrophalen Zustand des Baskenlandes angesehen wurde, lehnte man Verhandlungen mit Madrid strikt ab. Ab 1961 erschien regelmäßig die Publikation ‘Zutik’, die sich im Laufe der Zeit als Hauptorgan zur Verbreitung ihrer Ideologie entwickelte. Im selben Jahr beging ETA ihren ersten Sabotageakt, bis dahin beschränkte man sich auf Wandmalereien, Verteilung von Propaganda und das Zeigen der verbotenen baskischen Fahne, Ikurriña. Die Organisation versuchte, einen Zug mit franquistischen Kriegsveteranen entgleisen zu lassen. Diese Aktion schlug fehl und führte zur Verhaftung zahlreicher Etarras (ETA-Mitglieder). In den nächsten Jahren wandte sich die ETA verstärkt sozialistischen Positionen zu, dabei orientierten sie sich an Kuba und Algerien, die anscheinend bewiesen, dass Nationalismus und Sozialismus miteinander zu vereinen waren. Die Strategie der dortigen Befreiungsbewegungen, die auf einer Spirale der Gewalt basierte, wurde kopiert. Nach dieser soll der Staat durch Attentate auf Sicherheitskräfte zu repressiven Maßnahmen gezwungen werden, da er die Täter aber nicht kennt, wird er laut Strategie seine repressive Gewalt gegen die Bevölkerung einsetzen. Wenn die Unterdrückung durch den Staat für die Bevölkerung unerträglich geworden ist, würde es zum Massenaufstand gegen die Staatsgewalt kommen. Gleichzeitig würden viele Bürger mit der ETA sympathisieren und der Organisation beitreten. Zur Finanzierung ihrer Aktivitäten erpressten sie die Bevölkerung. 1946 kündigten sie an, dass sämtliche Basken im Rahmen ihrer finanziellen Mittel zum Widerstand gegen die Unterdrücker verpflichtet sind. Unternehmen, die nicht zu Zahlung der so genannten ‘Revolutionssteuer’ bereit waren, wurden durch Androhung von Sabotageakten oder Hinrichtungen eingeschüchtert. Auf der dritten Versammlung im Mai 1964 gab ETA, in Anlehnung an die europäische Studentenbewegung, die Öffnung zum Marxismus bekannt. Demnach wollte man sich ab sofort mehr für die Gewerkschaften engagieren. Im Winter 1966/67 kam es zur ersten Spaltung innerhalb der Organisation. Es setzte sich der Teil der Mitglieder durch, die eine Strategie des Guerilla- Kampfes auf der Basis marxistisch- leninistischer Ideologie definierte. Kasper äußert diesbezüglich: ‘In diesem Kampf wollte die ETA sowohl die Sympathien der traditionell nationalistischen baskischen Gesellschaft als auch die der baskischen Arbeiter gewinnen, wobei letztere alle Personen umfaßten, die im Baskenland arbeiteten und die baskischen Bestrebungen unterstützten’. Weiter gibt Kasper an, dass der seit langem angekündigte bewaffnete Kampf nicht mehr lange hinausgezögert werden konnte, ohne unglaubwürdig zu werden. So begann ETA 1967, die ersten Banken zu überfallen und Bomben zu legen, die öffentliche Gebäude beschädigten. Schließlich kam es im Juni 1967 bei einer Polizeikontrolle zur Eskalation der Gewalt. Das Direktionsmitglied Txabi Etxebarrieta erschoss einen Angehörigen der Guardia Civil und wurde in einer anschließenden Verfolgung selbst getötet. Ein großer Teil der baskischen Bevölkerung interpretierte diesen Vorfall als kaltblütigen Mord der Staatsgewalt. Es folgten massenhafte Protestaktionen, in denen die Menschen ihre Solidarität bewiesen. Diese fanden auf der Straße oder in den Fabriken statt. Sogar Immigranten beteiligten sich und in den Kirchen hielt man Messen für den Verstorbenen ab. Damit gilt Etxebarrieta als der erste Märtyrer der ETA. Laut Kasper degradierte die PNV 1960 nach dem Tod ihres charismatischen Präsidenten Aguirre zu einer anachronistischen Partei, womit die ETA zu einer ernsthaften Alternative des baskischen Nationalismus geworden. Der Tod Etxebarrietas löste eine Radikalisierung der bewaffneten Auseinandersetzung mit dem spanischen Staat aus. Dabei spielte die Theorie der Spirale immer eine vordergründige Rolle. Um sich für den Mord zu rächen, brachte ETA den als Folterer bekannten Polizeikommissar Melitón Manzanas in Irun um. Der Staat reagierte mit einer aggressiven Verfolgung, in der mehr als 2000 Personen verhaftet und gefoltert wurden. Daraufhin kam es zu erneuten Protestkundgebungen und Streiks der baskischen Bevölkerung. Im August 1968 wurde der Ausnahmezustand über Gipuzkoa verhängt der erst am 25. März des folgenden Jahres endete. In dieser Zeit wurden etliche Etarras verhaftet oder sind ins Exil geflüchtet, wo sich die Organisation erneut formierte. In Hinblick auf die Studentenunruhen von 1968 glaubte man, dass Streiks der spanischen Arbeiter zur Revolution führen könnten.
Dana Fennert, Magistra Artium, Politikwissenschaft / Philosophie, Abschluss Oktober 2004 an der Universität Rostock. Derzeit Doktorandin für Internationale Politik zum Thema Die marokkanische Frauenbewegung als Motor der politischen und gesellschaftlichen Transformation.
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