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Gesellschaft / Kultur


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Produktart: Buch
Verlag: disserta Verlag
Erscheinungsdatum: 12.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 148
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Betrachtet man die optische Selbstinszenierung einiger weltbekannter Fußballstars, so bietet sich einem ein kontroverses Bild. Während Profis wie Cristiano Ronaldo aufgrund ihres gepflegten, oftmals feminin anmutenden Äußeren häufig in die Nähe von Weiblichkeit rücken, scheinen Spieler wie Wayne Rooney den Inbegriff der Männlichkeit darzustellen. Fußballer wie Lionel Messi hingegen wirken aufgrund ihrer zierlichen Statur und ihres harmlosen Erscheinungsbildes eher knabenhaft und burschikos. So unterschiedlich sie auch aussehen mögen, eines haben all diese Spieler gemein: Sie schaffen es, aufgrund ihrer Leistungen auf dem Platz als Idealform ihrer Spezies anerkannt zu werden. Doch wie sieht diese Idealform konkret aus? In meinem Werk befasse ich mich mit der Frage, inwiefern sich Raewyn Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit auf das empirische Feld des Fußballs übertragen lässt. Auf Basis einer qualitativen Analyse des Mannschaftslebens von bayerischen Amateurfußballteams untersuche ich, welche verschiedenen Formen von Männlichkeit in der Praxis beobachtet werden können und wie diese sozial konstruiert, (re)produziert und dargestellt werden.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 4.3, Der Nutzen quantitativer Methoden bei der Untersuchung von Männlichkeit: Quantitative Erhebungsmethoden kommen bei der Erforschung von Männlichkeit eher selten zum Einsatz. Dennoch können sie, insbesondere als konsekutive Erhebungsmethode, zur Reliabilität von qualitativen Daten beitragen, indem sie bestimmte Sachverhalte statistisch absichern oder strukturelle Zusammenhänge aufdecken. Der Nutzen von quantitativen Methoden zur Untersuchung von Männlichkeit soll im Folgenden näher erläutert werden. Als quantitative Methoden werden all jene Vorgehensweisen bezeichnet, welche die numerische Darstellung und Verarbeitung von empirischen Sachverhalten zum Gegenstand haben. Sie dienen insbesondere der Unterstützung von Schlussfolgerungen aus dem erhobenen Empiriematerial, indem dieses durch den Einbezug der Inferenzstatistik auf seine Verallgemeinerbarkeit geprüft wird. Im Gegensatz zur qualitativen Sozialforschung, deren Ziel das ‚Verstehen’ von sozialen Zusammenhängen ist, strebt die quantitative Sozialforschung eine andere Form des Erkenntnisgewinns an: ‘Das Ziel des quantitativen Paradigmas ist das ‚Erklären‘ der kulturell/sozial geschaffenen Wirklichkeit. Mit Hilfe quantifizierender Methoden werden Strukturen über individuelle Zusammenhänge und Regeln zwischen Begebenheiten aufgedeckt, indem soziale Gegebenheiten über einen Operationalisierungsvorgang messbar gemacht werden, um dann statistische Analysen anzuwenden’ (Raithel 2012: 11f, Hervorh. i.O.). antitativen Methoden gelingt es häufig, sämtlichen Gütekriterien der empirischen Sozialforschung gerecht zu werden, da sie generell in hohem Maße standardisiert sind. Insbesondere Fragebögen gelten diesbezüglich als wichtiges Mittel zur einfachen und schnellen Erhebung von quantitativen Daten. Im Kontext der Männlichkeitsforschung könnte eine derartige standardisierte Befragung mit einer Vielzahl von sogenannten Likert-Skalen erfolgen. Likert-Skalen messen persönliche Einstellungen, indem sie den Grad an Zustimmung als Zahlenwerte interpretieren. Der Einfluss jener Werte auf die Konstruktion von Männlichkeit könnte anschließend durch die Anwendung von multivariaten Analyseverfahren gemessen werden. Auf diese Art und Weise lässt sich herausfinden, wie stark sich bestimmte Verhaltensweisen, Praktiken oder Einstellungen auf die Herstellung der eigenen Männlichkeit auswirken. Die Verwendung von quantitativen Methoden bringt selbstverständlich auch einige Nachteile mit sich. So kann lediglich das erforscht werden, was in seinen Grundzügen bereits bekannt ist. Dementsprechend ist das quantitative Vorgehen eher theoriegeleitet und konfirmativ ausgerichtet, während die qualitative Sozialforschung meist empiriegeleitet und explorativ agiert. Ein weiterer Schwachpunkt von quantitativen Methoden ist die mangelnde Offenheit von strukturierten Befragungen. Diese sorgt dafür, dass man ‘keine Informationen jenseits des Spektrums der vorgelegten Antwortkategorien [erhält]’ (Diekmann 2010: 438). Ein ‚ungeahnter’ Wissensgewinn ist somit aufgrund der zwangsläufigen Einschränkung durch vorgegebene Items und Werte äußerst unrealistisch. Auch die Interviewsituation wirkt bei quantitativen Befragungen eher künstlich, da Informationen zumeist klar strukturiert und unflexibel erhoben werden, während der/die Interviewer_in bei qualitativen Erhebungsmethoden meist deutlich mehr auf die befragte Person eingehen kann. Im Zuge meiner Arbeit werde ich ein quantitatives Forschungsdesign erarbeiten, mit dem sich der Einfluss von bestimmten Praktiken und Wertvorstellungen auf die Konstruktion von Männlichkeit messen lässt. Dabei greife ich sowohl auf theoretische Annahmen, als auch auf empirische Erkenntnisse zurück. Letztere stammen dabei aus meinen qualitativ erhobenen Daten. Das Ziel des quantitativen Designs besteht sowohl darin, die Einflussstärke der einzelnen Komponenten zu messen, als auch deren Übertragbarkeit auf die Grundgesamtheit mittels Inferenzstatistik zu überprüfen. 5, Männlichkeit und Fußball: Eine der zentralen Forschungsfragen meiner Arbeit lautet, wie Spieler im Rahmen einer Fußballmannschaft Männlichkeit konstruieren. Dementsprechend dient dieses Kapitel der ausführlichen Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Männlichkeit und Fußball’. Dabei soll zunächst erörtert werden, weshalb Fußball in weiten Teilen der Welt als reiner ‚Männersport’ gilt. In diesem Zuge werde ich die Entstehungsgeschichte des modernen Fußballsports chronologisch rekonstruieren, um zu zeigen, welche historischen Ereignisse dafür verantwortlich sind, dass Fußball heutzutage vielerorts als typische Sportart für Männer betrachtet wird. Im Anschluss daran stelle ich einige ausgewählte Studien zum Thema ‚Fußball‘ aus dem Feld der Männlichkeitsforschung vor. Dies dient dem Anschluss an bestehende Forschungserkenntnisse und soll insbesondere beim Entwurf meines späteren Interviewleitfadens berücksichtigt werden. 5.1, Die Entwicklung des Fußballs zu einer Domäne des männlichen Gestaltungswillens: Fußball gilt hierzulande ganz selbstverständlich als eine Sportart, welche primär von Männern ausgeübt und verfolgt wird. Länder wie Norwegen oder die USA beweisen jedoch, dass Fußball nicht zwangsläufig einer männlichen Konnotation unterliegen muss (vgl. Guttmann 2002 Markovits 2006). Wenn man die historische Entwicklung der Sportart betrachtet, lässt sich feststellen, dass zu den Anfängen des modernen Fußballs nicht die Geschlechts-, sondern die Standeszugehörigkeit als zentrales Inklusionskriterium für die aktive Partizipation am Spiel fungierte. Mitte des 19. Jahrhunderts waren es meist privilegierte junge Männer, die im Rahmen ihrer privaten schulischen Ausbildung an einem gemeinsamen Fußballspiel teilnehmen konnten. Als Beleg dafür, dass auch Frauen prinzipiell Zugang zu der Sportart hatten, gelten die wenigen Mädchenschulen, an denen damals ebenfalls in regelmäßigen Abständen Fußball gespielt wurde (vgl. Brändle/Koller 2002: 217f Williamson 1991: 3). Demnach hat die Geschlechtszugehörigkeit nur indirekten Einfluss auf die unverhältnismäßige Verteilung der Anzahl von Spieler_innen genommen. Vielmehr lässt sich vermuten, dass das global weit verbreitete Image des Fußballs als Männersport auf zwei historischen Begebenheiten basiert: Zum einen sorgte die vorherrschende Geschlechtersegregation hinsichtlich des Zugangs zu höherer Bildung dafür, dass hauptsächlich Männer in den Genuss der Sportart kamen. Zum anderen kam es im Zuge der ‘Polarisierung der ‚Geschlechtscharaktere’’ (Hausen 1976) dazu, dass Frauen in den häuslichen und familiären Bereich gedrängt wurden, was unweigerlich zur Folge hatte, dass sie auch von einer Mitgliedschaft in außerschulischen Fußballvereinen indirekt ausgeschlossen wurden (vgl. Müller 2010: 3 Frevert 1995: 39). Im Zuge des Ersten Weltkriegs kam es schließlich dazu, dass auch Fußball spielenden Frauen eine große öffentliche Aufmerksamkeit zuteilwurde. Da die Männer aufgrund ihrer militärischen Verpflichtungen den Spielbetrieb vorübergehend einstellen mussten, kam es während des Krieges zu etlichen Partien zwischen verschiedenen Frauen-Fußballmannschaften (vgl. Eggers 2002: 77). Zur selben Zeit fand jedoch auch eine öffentliche Diskussion darüber statt, ob Fußball spielende Frauen als gesellschaftlich angemessen gelten sollten. Begründet wurde diese Hinterfragung sowohl durch medizinische Einwände, als auch durch die angebliche Nichtvereinbarkeit des Frauenfußballs mit dem damals vorherrschenden Ideal einer normativen Weiblichkeit (vgl. Hoffmann/Nendza 2005: 7). Im Jahr 1921 wurde schließlich erstmals juristisch dafür gesorgt, dass Frauen nicht mehr ohne jegliche Einschränkungen am aktiven Fußballgeschehen teilhaben dürfen. Der englische Fußballverband ‚The Football Association‘ stellte ein Verbot auf, welches seinen Mitgliedern ausdrücklich untersagte, Frauen-Fußballmannschaften auf ihrem Vereinsgelände spielen zu lassen (vgl. Williamson 1991: 65). Kurze Zeit später wurde auch in anderen europäischen Ländern ein derartiges Verbot erlassen. Lediglich in Deutschland dauerte es bis 1955, ehe man Frauen auch juristisch vom aktiven Fußballgeschehen ausschloss. Der Bundestag des DFB fällte seine Entscheidung am 30. Juli 1955 mit der Begründung: ‘Im Kampf um den Ball verschwindet die weibliche Anmut, Körper und Seele erleiden unweigerlich Schaden und das Zurschaustellen des Körpers verletzt Schicklichkeit und Anstand’ (Bundeszentrale für politische Aufklärung 2014). Erst als die ausgeschlossenen Fußballerinnen gegen Ende der 1960er Jahre darüber diskutierten, einen eigenen Dachverband zu gründen, hob der Deutsche Fußball-Bund das Verbot am 31. Oktober 1970 wieder auf (vgl. ebd.). Für die Positionierung des Fußballs als geschlechtsneutral konnotierte Sportart kam die Aufhebung des Verbots jedoch zu spät. So waren es die ‚frauenfußballfreien‘ 1950er und 1960er Jahre, in denen sich der Männerfußball in vielen Ländern der Welt als Nationalsportart etablieren konnte. Spieler wie Pelé, Cruyff oder Beckenbauer sorgten neben einer globalen Begeisterung für das Spiel jedoch vor allem dafür, dass Fußball immer häufiger als Ausdruck und Inszenierung einer hegemonialen Männlichkeit wahrgenommen wurde (vgl. Müller 2010: 5). Daran hat sich hierzulande auch bis heute kaum etwas geändert.

Über den Autor

Sebastian Hauser wurde 1986 in München geboren. 2014 schloss er sein Masterstudium der Soziologie und Gender Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität München ab. Schwerpunkte seines Studiums lagen dabei im Bereich der qualitativen und quantitativen Sozialforschung sowie den praxistheoretischen Ansätzen aus dem Feld der Geschlechterforschung. Insbesondere das Konzept des ‚doing gender' sowie der darauf basierende Entwurf des ‚doing masculinity' standen dabei im Fokus seiner Forschung.

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