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Geschichte


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 01.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 88
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Der fünfte IOC-Präsident Avery Brundage bezeichnete Olympia einst als die größte soziale Kraft dieser Welt. Seine Begründung: Wo anders kann man Kommunisten, Kapitalisten, Royalisten und Sozialisten vereint marschieren sehen, wenn nicht bei den Olympischen Spielen. Doch 1980 in Moskau war es anders. Bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit in einem sozialistischen Land marschierten Kommunisten, Kapitalisten, Royalisten und Sozialisten nicht vereint in das Olympiastadion von Moskau ein. Die Spiele wurden boykottiert, zwar nicht von der Mehrzahl westlicher Staaten, aber doch von führenden Industrie- und Sportnationen wie den Vereinigten Staaten, der Bundesrepublik Deutschland und Japan. In diesem Buch untersucht der Autor die Diskussionen und Entwicklungen, die 1980 zum Boykott der Olympischen Sommerspiele von Moskau durch 65 Staaten führten. Anhand von drei deutschen Zeitungen, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (BRD), der Frankfurter Rundschau (BRD) und Neues Deutschland (DDR) wird im Untersuchungszeitraum 1. Januar bis 6. August 1980 die Berichterstattung der drei Tageszeitungen über die Boykottdebatte analysiert und die chronologische Entwicklung bis zu den Olympischen Spielen wiedergegeben. Der Untersuchungszeitraum erstreckt sich vom Beginn des Jahres 1980 über die IOC-Session und die Olympischen Winterspiele in Lake Placid im Februar bis hin zu der IOC-Session und den Sommerspielen in Moskau im Juli und August. Zudem wird untersucht, inwieweit die Olympischen Spiele als sportliches Großereignis unabdingbar von Politik und Medien abhängig bzw. mit ihnen verknüpft sind.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel II. 3, Das US-amerikanische IOC überlässt Präsident Carter die Teilnahmeentscheidung: In einem Interview der Washington Post mit dem US-amerikanischen IOC-Mitglied Douglas F. Roby, das ND und FR zitierten, berichtete Roby, dass der stellvertretende Rechtsberater des Weißen Hauses, Joseph Onek, gedroht habe, ‘das IOC zu zerstören, wenn es nicht total kapituliere.’ Präsident Carter wolle selbst bei einem sowjetischen Teilabzug aus Afghanistan seine Boykottpläne aufrechterhalten. Die US-Regierung sage zwar eine sowjetische ‘Friedensoffensive’ voraus, halte diese aber nur für ‘symbolisch’. Nach Auffassung der Frankfurter Rundschau stecke der US-amerikanische NOK-Präsident Robert Kane in dem Dilemma, dass er einerseits persönlich gegen einen Boykott sei, andererseits jedoch die Interessen der US-amerikanischen Sportler vertreten müsse, die nach Informationen der FR mehrheitlich für einen Boykott seien. Am 15. Februar gab er schließlich bekannt, dass das US-amerikanische NOK die Entscheidung über die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Moskau gänzlich Präsident Carter überlasse – mit der schlichten Begründung: ‘Wir sind in erster Linie Amerikaner.’ In Europa formierten sich unterdessen die politischen Lager in Boykottgegner und -befürworter. Mit Stimmen von Christdemokraten, Konservativen und Liberalen sprach sich das Europaparlament mehrheitlich für einen Boykott und die Verlegung der Olympischen Sommerspiele aus. Die sozialliberale Bundesregierung unter Helmut Schmidt wollte hingegen ihre Entscheidung über die Teilnahme bundesdeutscher Sportler in Moskau offen halten. Dabei sei das Ultimatum von US-Präsident Carter an die UdSSR, bis zum 20. Februar alle Truppen aus Afghanistan abgezogen zu haben, für die Entscheidung der Bundesregierung unerheblich, so Bundesinnenminister Baum. Mit der abwartenden Haltung der Bundesregierung war die Opposition im Bundestag jedoch nicht zufrieden. Der CDU-Bundesvorstand verlangte von der Bundesregierung ‘endlich ihre Politik des Abwartens, Verzögerns und Lavierens aufzugeben und sich unzweideutig für den amerikanischen Boykott der Olympischen Spiele in Moskau auszusprechen’. Der Kanzlerkandidat von CDU und CSU, Franz Josef Strauß, vertrat gar die Ansicht, ein Boykott der Olympiade in Moskau würde die olympische Idee stärken. Der Vorsitzende der SPD, Willy Brandt, bezweifelte hingegen den Sinn eines Boykotts: Niemand solle glauben, dass man durch einen Boykott ‘einen einzigen russischen Soldaten aus Afghanistan rausholt’. II. 4, Internationale Sportlerinitiativen für Olympia: Die bundesdeutschen Spitzensportler waren mehrheitlich gegen einen politisch begründeten Olympiaboykott. Nach einer Umfrage des Magazins ‘Stern’ unter 179 westdeutschen Olympiakandidaten Frage sprachen sich über 80 Prozent gegen einen Boykott aus politischen Gründen aus. Das Neue Deutschland berichtete über einen Brief des Beirates der Aktiven im DSB-Ausschuss für Leistungssport an Bundeskanzler Schmidt und die Vorsitzenden der im Bundestag vertretenen Parteien: Der Sport dürfe ‘nicht zu einem Instrument der Politik werden’, appellierten die Aktiven. Selbst die olympischen Medaillengewinner der BRD von Lake Placid forderten Bundeskanzler Schmidt in einem Telegramm auf, ‘sich dafür einzusetzen, dass auch unsere Olympiamannschaft in den Sommersportarten an den Spielen in Moskau teilnehmen kann’. Ein Olympiaboykott würde den Unfrieden in der Welt erhöhen und die Zukunft der olympischen Bewegung gefährden. Auch der fünffache Goldmedaillengewinner im Eisschnelllauf Eric Heiden (USA) sprach sich gegen einen Boykott aus: ‘Ich meine, dass Sport und Politik nicht vermischt werden sollten.’ Namhafte französische Sportler gründeten gar das ‘Komitee zur Verteidigung der olympischen Idee’ und gaben somit ihren ‘Appell für Moskau’. 78 britische Spitzensportler und zehn ehemalige Olympiamedaillengewinner unterzeichneten einen Brief an Premierministerin Thatcher, der den unbedingten Teilnahmewillen der britischen Athleten ausdrückte. Vier britische Sportverbände erklärten, auf jeden Fall Sportler nach Moskau zu entsenden. Der Präsident der britischen Olympischen Gesellschaft, Dennis Follows, wies darauf hin, dass die britische Regierung bzw. das Parlament nicht befugt sei, darüber zu entscheiden, ob britische Sportler nach Moskau reisen oder nicht. Auch die FAZ berichtete von dem starken politischen Druck, unter dem das britische NOK stünde und daher seine Teilnahmeentscheidung noch nicht treffen wolle. Eine Abstimmung im britischen Unterhaus fiel deutlich aus: 315 Abgeordnete stimmten für einen Olympiaboykott durch britische Sportler, 147 waren dagegen. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau verteilten sich Gegner und Befürworter gleichmäßig auf alle Parteien. In der britischen Bevölkerung sah das Stimmungsbild hingegen anders aus: Über die Hälfte der Briten war für eine Teilnahme. Einen Versuch, ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen in Moskau noch zu retten, unternahmen einige US-amerikanische Sportler, indem sie dem US-Präsidenten vorschlugen, in Moskau weder an der Eröffnungs- noch an der Schlussfeier teilzunehmen, keine Medaillen anzunehmen und nicht im Olympischen Dorf zu wohnen - Carter lehnte jedoch ab. Auch das Neue Deutschland berichtete von einer Initiative von US-Sportlern, die sich unter dem Namen ‘Vereinigte Kräfte für die Olympiade’ zusammenfanden und mit Vertretern gesellschaftlicher Organisationen, Trainern und Sportjournalisten für eine Olympiateilnahme des US-amerikanischen NOKs eintraten. Eine ähnliche Initiative wurde auch in München unter dem Motto ‘Olympia soll leben’ gegründet. Mit einer Unterschriftenaktion forderten bekannte Sportler und Persönlichkeiten von der Bundesregierung, ‘sich in der Frage der Olympischen Spiele nicht zum Handlanger der Carterschen Außenpolitik machen zu lassen’. Eine gewisse Unruhe ob der Ungewissheit bezüglich ihrer Olympiateilnahme sei bei einigen bundesdeutschen Sportlern zu verspüren, so die Frankfurter Rundschau am 8. April. Einige US-amerikanische Athleten hätten ihre Vorbereitung auf die Olympischen Spiele bereits unterbrochen, meldete das Neue Deutschland am 22. Februar. Sie hätten damit auf die ‘definitive Entscheidung’ Carters reagiert, die Entsendung US-amerikanischer Sportler nicht zu unterstützen, da ein Rückzug der sowjetischen Truppen aus Afghanistan ‘nicht in Sicht’ sei. Obwohl Carter den Präsidenten des NOKs, Robert Kane, darüber in Kenntnis setzte, verkündete dieser, dass das NOK vor seiner Vollversammlung im April keine Entscheidung bezüglich einer Teilnahme an den Spielen in Moskau treffen werde. Kane halte ‘einen amerikanischen Boykott der Olympischen Sommerspiele von Moskau nicht als unwiderruflich’. Die Vorbereitungen zur Auswahl einer Mannschaft würden fortgesetzt werden. Wie der bundesdeutsche NOK-Präsident Daume sah auch die Frankfurter Rundschau Konsequenzen eines möglichen US-amerikanischen Boykotts der Olympiade in Moskau für die Sommerspiele 1984 in Los Angeles. ‘Weder das IOC noch viele NOKs in aller Welt würden zusehen, wenn nun von Washington aus die olympische Idee auf breiter Front angegriffen werden sollte. Während der letzten Tage ist offen diskutiert worden, ob die 1984er-Spiele dann in Los Angeles verbleiben könnten. Mit Sicherheit wird diese Frage sehr massiv gestellt werden, wenn im Weißen Haus nicht bald das unernste Gerede von so genannten ‚Gegenspielen’ gestoppt wird. Selten hat es im internationalen Sport eine törichtere Idee gegeben, die schon an den internationalen Fachverbänden scheitern muß, also vollkommen unrealistisch ist und nur weitere Ärgernisse einbringt. Wer wohl den Präsidenten beraten mag?’, fragte Daume. Die Maßnahme eines Olympiaboykotts hielt Daume ‘insgesamt für falsch’. ‘Sie bringt nichts ein und ist nur dazu da, die Russen strafen zu wollen.’ Daume befürchte eine Verletzung des russischen Nationalstolzes und eine Solidarisierung der sowjetischen Bevölkerung mit der Politik des Kremls. Nach einem Treffen zwischen Bundeskanzler Schmidt und US-Präsident Carter erklärten sie gemeinsam, dass eine Olympiateilnahme beider Staaten ‘unangebracht’ sei, solange die ‘sowjetische Besetzung Afghanistans’ andauere. In der Frankfurter Rundschau erklärte Schmidt einige Tage später jedoch, dass er ‘ungünstige Auswirkungen auf Gespräche zwischen beiden Blöcken über eine Wiederherstellung des militärischen Gleichgewichts in der Welt’ durch einen Olympiaboykott westlicher Staaten befürchte. Das bundesdeutsche NOK wolle nicht mehr eine Teilnahme westdeutscher Sportler in Moskau um jeden Preis und verkündete daher, dass es seine Entscheidung über eine Teilnahme an der Olympiade in Moskau nicht gegen den Willen der Bundesregierung treffen werde. Präsident Daume betonte zudem, dass eine bundesdeutsche Mannschaft nicht an einer möglichen ‘Gegen-Olympiade’ teilnehmen würde. ‘Unverständlich und auf völlig falschen Interpretationen beruhend’ nannte er die Aussagen von Vertretern des NOKs der DDR, die ‘negative Folgen für die Entwicklung der Beziehungen zwischen den Sportlern beider Staaten’ prophezeiten, sollte sich das bundesdeutsche NOK gegen eine Olympiateilnahme aussprechen.

Über den Autor

Christian Wiedemeier wurde 1984 in Braunschweig geboren. Er studierte Rechtswissenschaften, Englisch, Geschichte und Pädagogik an der Universität Göttingen und der Technischen Universität Braunschweig. Sein sportliches und sein politisches Interesse wurden nicht erst während des Studiums geweckt und fanden ihre Verknüpfung im aktuellen Werk. Neben der Sportpolitik hat sich Wiedemeier vor allem mit regionalgeschichtlichen Themen seiner Braunschweiger Heimat und der Geschichte der Arbeiterbewegung beschäftigt. Wiedemeier arbeitet heute als Realschullehrer in Peine.

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