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Gesellschaft / Kultur


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Produktart: Buch
Verlag: disserta Verlag
Erscheinungsdatum: 03.2019
AuflagenNr.: 1
Seiten: 236
Abb.: 10
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Die 1:1-Situation in der physiotherapeutischen Einzelbehandlung ist eine beachtenswerte Besonderheit im physiotherapeutischen Alltag. Die Physiotherapeutin/der Physiotherapeut behandelt ca. 20-30 Minuten eine zumeist fremde Person, häufig mit Körperkontakt. Patient/in und Physiotherapeut/in befinden sich in der Intimzone. Ein zu langes Verbleiben innerhalb der Intimzone kann sowohl für die Patientin/den Patienten, als auch für die Physiotherapeutin/ den Physiotherapeuten einen erheblichen Stressfaktor darstellen, der zu einer psychischen Belastung führen kann. Diese Situation erfährt eine physiotherapeutische Vollzeitkraft durchschnittlich 20-mal täglich (ca. 20 Patient/innen täglich). Trotzdem zeigt die Berufsgruppe der Physiotherapeut/innen innerhalb der medizinischen Berufe den drittniedrigsten Krankenstand. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob es trotz der möglichen beruflichen Belastungen Faktoren gibt, die zu dem niedrigen Krankenstand beitragen. Ein Faktor könnte das Kohärenzgefühl nach Antonovsky (1979) als eine grundlegende Bewältigungsressource sein. Mit der vorliegenden Arbeit soll eruiert werden, ob das Kohärenzgefühl einen Bezug zu dem Nähe- und Distanzverhältnis und einer möglichen psychischen Belastung in der physiotherapeutischen Einzelbehandlung hat.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 4: Das Verhältnis von Nähe und Distanz in der physiotherapeutischen Einzelbehandlung: Nähe und Distanz sind im zwischenmenschlichen Bereich allgegenwärtig, privat wie beruflich. Überall wo Menschen interagieren, besteht ein individuelles Bedürfnis nach einem der Situation entsprechend adäquatem Verhältnis von Nähe und Distanz (Pötz, 2008). Auch die Philosophie beschäftigt die Bipolarität von Nähe und Distanz (Marzano, 2013). Schon Johann Wolfgang von Goethe beschrieb seine Gedanken im übertragenden Sinne hierzu in folgendem Gedicht: Im Atemholen sind zweierlei Gnaden: Die Luft einziehen, sich ihrer entladen Jenes bedrängt, dieses erfrischt So wunderbar ist das Leben gemischt. Du danke Gott, wenn er dich presst, und dank ihm, wenn er dich wieder entlässt (Goethe, 1814). In den sozialen Berufen ist die eigene Persönlichkeit das wichtigste Instrument (Bauer, 2006). Zudem bekommt in den sozialen, pädagogischen, medizinisch-therapeutischen und pflegenden Berufen das Verhältnis von Nähe und Distanz eine ausgeprägte Gewichtung, da neben dem zwischenmenschlichen Prozess auch die besonderen Rollenverteilungen hinzukommen (Pötz, 2009). Für Tätige in sozialen Berufen wird von staatlicher Seite eine Haltung der distanzierten Anteilnahme empfohlen (Bundesministerium für Familie-1, 2015). In der Pädagogik wird die Angst vor zu großer Nähe und dem damit vermeintlich verbunden Verlust der Kontrolle über die berufliche Situation, als mögliche Ursache für einem überproportionalen Aufbau von Distanz gesehen. Zudem kann zu viel Nähe im Beruf zu Auswirkungen auf die persönlich-private Ebene haben (Cloos & Thole, 2006). Für Angehörige der Pflegeberufe wird betont, dass das passende Verhältnis zwischen Nähe und Distanz für jede Patientin/jeden Patienten neu erarbeitet werden muss. Dies erfordert ein hohes Maß an situativem Einfühlungsvermögen (Pötz, 2009). In den medizinisch-therapeutischen Berufsfeldern wird empfohlen frühzeitige und eindeutige Grenzen aufzuzeigen, sowie aus einem professionellen Mitgefühl nicht persönliches Mitleiden entstehen zu lassen. Zudem sollte eine regelmäßige Supervison angeboten werden (Pötz, 2008). Auch die Fähigkeit Beziehungen zu ermöglichen, zu halten aber auch zu beenden, muss bewusst eingesetzt werden um ein professionelles Verhältnis zu Nähe und Distanz zu zulassen (Esch, 2015). Für Ärztinnen/Ärzte scheint die Kombination aus hoher beruflicher Verantwortung, Arbeitsverdichtung und einem Defizit zwischen Nähe und Distanz eine besonders belastende Situation zu sein. Suchtprobleme und Suizide liegen bei dieser Berufsgruppe statistisch höher als bei anderen Berufsgruppen (Esch, 2015). Im speziellen für das Berufsbild der Physiotherapie wurde mittels eines Fragenbogens eine Studie im Zeitraum von 2003–2005 mit 495 beteiligten physiotherapeutischen Berufsfachschüler/innen durchgeführt. U.a. wurden die sozial-kommunikativen Kompetenzen ermittelt. Hierbei zeigten sich erhebliche Defizite, besonderes im Umgang mit schwierigen Situationen (Meriaux-Kratochvila, 2006). Patientinnen und Patienten wünschen sich eine ausgeprägte sozial-kommunikative Kompetenz, die unmittelbare Auswirkungen auf das Verhältnis von Nähe und Distanz hat. Dies belegte eine Studie über die Bedürfnisse und Wünsche der Patientinnen/Patienten in der Physiotherapie. Hierzu wurden 377 Teilnehmer/innen befragt. Das Ergebnis zeigte, dass nicht nur eine entsprechend fachliche Kompetenz erwartet wurde sondern dass auch ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Therapeut/innen und Patient/innen bestehen soll. Es zeigte sich zudem von Seiten der Patient/innen eine höhere Wahrnehmung der therapeutisch-kompetenten psychosozialen Kommunikation gegenüber der fachlichen Kompetenz (Dehn-Hindenburg, 2010). Kapitel 4.1: Definitionen von Nähe und Distanz: Da wie oben erwähnt die Begriffe von Nähe und Distanz in den verschiedensten Berufs- und Lebensbereichen vorkommen gibt es entsprechend unterschiedliche Sichtweisen bezüglich der Definitionen von Nähe und Distanz. Im zwischenmenschlichen Kontext kann die Nähe als das Bedürfnis nach Geborgenheit, Mitgefühl, Harmonie, Bestätigung und sozialer Interessen verstanden werden. Dem Gegenüber die Distanz als das Bedürfnis nach Autonomie, Unabhängigkeit und dem Wunsch nach Abgrenzung gegenüber anderen Menschen (Tohmann & Schulz von Thun, 2006). Autorinnen der Sozialpädagogik sehen das Verhältnis von Nähe und Distanz als ein Charakteristikum ihrer Disziplin, eine Balance halten zu können zwischen dem Ermöglichen adäquater Nähe, als Ausdruck von Empathie einerseits und andererseits der Fähigkeit eine entsprechende Distanz bewusst einhalten zu können (Dörr & Müller, 2012). In der Psychologie wird das Verhältnis von Nähe und Distanz ja nach Fachbereich und Therapieschwerpunkt u.a. als Basis für die empathische Kompetenz definiert. Diese besteht aus der Fähigkeit zwischen Identifizierung und Distanzierung zu oszillieren (Kutter, 1989). Eine andere psychologische Definition versteht das Verhältnis von Nähe und Distanz als grundsätzliches Thema zwischen Therapeut/in und Patient/in, im Sinne die Patientin/den Patienten zu verstehen, sich aber nicht persönlich und oder thematisch besetzen lassen. Die Erhaltung des intermediären Raumes ist entscheidend für eine adäquates Nähe- und Distanzverhältnis (Sachsse, et al., 2006). Für die medizinisch-therapeutischen Berufe, wie Medizin, Pflege, Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie wird das Verhältnis von Nähe und Distanz als stimmige Nähe sowie nötige Distanz definiert (Pötz, 2009). Es wird als wichtige Lern- und Entwicklungsaufgabe für die Therapeut/innen gesehen, da es berufsbedingt häufig zur Grenzüberschreitung der intimen Distanzzone kommt. Aufgrund der fehlenden körperlichen Distanz ist es notwendig eine angemessene emotionale Distanz zu entwickeln (Pötz, 2009). Kapitel 4.2: Das Verhältnis von Nähe und Distanz in der physiotherapeutischen Einzelbehandlung: Jede Patientin und jeder Patient möchte als Individuum von der Physiotherapeutin oder dem Physiotherapeuten wahrgenommen und behandelt werden. Dies erfordert im Durchschnitt 20-mal täglich einen professionellen Umgang mit dem Verhältnis von Nähe und Distanz. Die passende Balance zwischen Nähe und Distanz ist dann gegeben, wenn die Physiotherapeutin/der Physiotherapeut, der Patientin oder dem Patienten ein adäquates Einfühlungsvermögen entgegenbringen kann (Pötz, 2009). Zur Nähe und Distanz gehören auch die Gefühle der Sympathie und Antipathie. Insbesondere bei einer Dominanz der Antipathie vonseiten der Physiotherapeutin/des Physiotherapeuten ist gegenüber der Patientin/dem Patienten die Gefahr einer Reduzierung der Arbeitsfreude gegeben (Bremer, 2006). Wie die im Unterkapitel 2.2 dargestellten Lehrpläne gezeigt haben, ist der Umgang mit Nähe und Distanz zwischen Therapeut/innen und Patient/innen kein curricular festgelegter Lehrinhalt des Berufsbildes. Dieser Umstand wird von Vertreter/innen des Berufstandes kritisiert, da der professionelle und erlernte Umgang mit dem Verhältnis von Distanz und Nähe als grundlegend notwendig für die Berufsausübung gesehen wird (Völker, 2010). Ein ausgeprägtes emotionales und kognitives Bewusstsein, als Voraussetzung zum bewussten Verhältnis von Distanz und Nähe, wird Physiotherapeut/innen attestiert. Jedoch fehlen ihnen größtenteils die erlernten Handlungskompetenzen (Bierstedt, 2008). Auch die verstärkte Berücksichtigung der psychischen Aspekte im Therapeut/in–Patient/in Verhältnis wird für die tägliche Berufsausübung zunehmend gefordert: Die in zwischenmenschlicher Berührung und persönlichen emotionalen Aspekten existierende Intimität verdeutlicht, dass es höchste Zeit ist, sich von der Körper-Maschine-Sichtweise zu distanzieren, um sich mit ganzer Kraft der Erforschung der psychologischen Fakten widmen zu können (Nathan, 2001) Zudem werden die geringen Forschungen zu diesem Thema bemängelt, da es für wissenschaftliche Erkenntnisse, speziell für die physiotherapeutische Einzelbehandlung, einen großen Bedarf bei Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten an Hilfestellung zum professionellen Umgang mit dem Verhältnis von Nähe und Distanz gibt (Hüter-Becker, et al., 2015). Kapitel 4.2.1: Professionelle Nähe: Die professionelle Nähe bedeutet die beruflich emotionale Zuwendung und beinhaltet die äußere Nähe und den inneren Kontakt (Abbildung 1). Speziell die äußere Nähe befindet sich häufig in der Intimzone der Interakteure, da die meisten physiotherapeutischen Behandlungen direkt am Körper der Patientin/des Patienten durchgeführt werden, trotz manchmal widriger Umstände wie Ekel, Wut, Ärger, Antipathie oder Aggression (Pötz, 2009). Der innere Kontakt, als Synonym für die professionelle Empathie, beschreibt die Bereitschaft sich für die Dauer der Therapie in die Patientin/den Patienten hinein zu versetzten, bzw. einzufühlen. Es bedeutet den bewusst temporär zugelassenen Perspektivenwechsel. Hierbei darf es nicht zu Identifikation mit den Problemen der Patientin/des Patienten kommen. Eine Identifikation würde bedeuteten, dass die Therapeutin/der Therapeut annimmt selber die Gefühle der Patientin/des Patienten zu durchleben. Diese Entwicklung gefährdet den Therapieprozess und ist unprofessionell, da es die Individualität eines jeden Menschen missachtet (Pötz, 2009). Dabei bedeutet individuell, dass es je nach Situation auch eine Tendenz zu vermehrter oder verminderter äußerer Nähe geben kann. Vermindert z.B. bei aggressivem Patientenverhalten, vermehrt z.B. bei hochgradiger Pflegebedürftigkeit. Für den inneren Kontakt gilt dies ebenso. Dieser kann aufgrund einer realen eigenen Erfahrung distanzierter gehalten werden. Z.B bei gleicher Verletzung aufgrund eines Unfalles. Einen näheren inneren Kontakt kann z.B. bewusst bei einer hohen Sympathie oder gleichen Interessen zugelassen werden. Die Grenzen sind hierbei sind in beiden Fällen fließend. Auf der Basis einer individuell austarierten äußeren Nähe und dem inneren Kontakt kann die Patientin/der Patient eine professionelle Zuwendung entgegengebracht werden (Pötz, 2009).

Über den Autor

Wolfgang Schäberle absolvierte zunächst die Fachausbildung zum Physiotherapeuten. Es folgten ein Studium der Gesundheitswissenschaften (B.Sc.) und das Studium Master of Education (MEd.) sowie eine Promotion in dem Fachbereich Gesundheitswissenschaften. Nach einer Tätigkeit als Vertretungsprofessor an der SRH Hochschule Heidelberg, folgte er dem Ruf der IB Hochschule Berlin zum ordentlichen Professor für Gesundheitswissenschaften. Während seiner klinischen Tätigkeit interessierte er sich insbesondere für die psychische Belastung von Therapeut/innen durch die Nähe- und Distanz-Thematik während der Einzelbehandlung. Ein weiterer Forschungsschwerpunkt ist die tiergestützte Begleittherapie.

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