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Gesellschaft / Kultur

Frank Alibegovic

Was tun bei gehörlosen Kindern mit Verhaltensstörungen?

ISBN: 978-3-95425-726-3

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Produktart: Buch
Verlag: disserta Verlag
Erscheinungsdatum: 10.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 164
Abb.: 4
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Praktiker und Wissenschaftler der Hörgeschädigtenpädagogik stellen fest, dass gehörlose Kinder und Jugendliche immer häufiger zusätzliche Behinderungen haben – insbesondere Verhaltensstörungen. Durch diese veränderte Klientel werden Lehrer, Erzieher und andere in diesem Bereich Tätige vor große Herausforderungen gestellt. Als Hilfestellung kann sich der Praktiker mit der Hörgeschädigten- und der Verhaltensgestörtenpädagogik beschäftigen. In Kapitel 2 werden die Begriffe Verhaltensauffälligkeit und Gehörlosigkeit erläutert, bevor im 3. Kapitel die Ergebnisse empirischer Studien zur steigenden Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen vorgestellt und diskutiert werden. Außerdem wird gezeigt, ob es bestimmte gehörlosentypische Verhaltensauffälligkeiten gibt. Danach wird in Kapitel 4 analysiert, welche Erklärungen es für die Auffälligkeiten bei gehörlosen Kindern und Jugendlichen gibt – differenziert in die drei Bereiche Kind, Eltern und Fachleute. In Kapitel 5 werden in einer vergleichbaren Struktur Handlungsmöglichkeiten gezeigt. Ziele des Buches sind eine theoretische Einführung in den Themenkomplex Verhaltensstörungen bei Gehörlosen und praktische Hinweise zu den Handlungsmöglichkeiten zu geben.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 3.1.2, Gehörlose mit Verhaltensauffälligkeiten: Zu welchen Daten kommt man demnach, wenn man die Prävalenz von Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen untersucht? Schließlich wird wiederholt konstatiert – um nicht zu sagen, beklagt –, dass ihre Erziehung immer schwieriger wird. In der Einleitung wurde bereits erwähnt, dass Wissenschaftler und vor Allem Praktiker der Hörgeschädigtenpädagogik immer häufiger mit Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern und Jugendlichen konfrontiert werden. So berichtet Wisnet über ihre Erfahrungen als Lehrerin und Leiterin in verschiedenen Schulen für Hörgeschädigte: ,Verhaltensauffällige Kinder und unsoziales Schülerverhalten sind für Lehrkräfte derzeit Belastungsfaktor Nummer eins’ (2003, S. 247). Sie beschreibt dabei zwar keine gesteigerte Häufigkeit, sondern lediglich die zunehmend belastende Wirkung der Verhaltensauffälligkeiten auf die Lehrer in Einrichtungen für Hörgeschädigte. Jedoch kann herausgelesen werden, dass dies früher nicht der Fall war. Und die gesteigerte Belastung ließe sich gut durch ein gesteigertes Auftreten der Verhaltensauffälligkeiten erklären. Wisnet nennt auch keine Zahlen zur Prävalenz. Vielmehr ist diese Aussage lediglich der subjektive Eindruck einer Einzelperson und könnte somit in ihrer Relevanz für eine zutreffende Beschreibung der Realität außer Acht gelassen werden. Es gibt aber vergleichbare Berichte von anderen Personen, die ähnliche Umstände der Arbeit mit Gehörlosen beschreiben: ,Anliegen der Befragung (von Prosch F. A.) war, den Aussagen von Lehrern nach einer Zunahme von Verhaltensstörungen nachzugehen’ (Dietze 1998, S. 148).1 Dietze bezieht sich dabei auf eine Befragung aus dem Jahr 1997. Sowohl dieses Zitat als auch das obige von Wisnet belegen, dass Lehrer mehrfach von einer gesteigerten Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen berichteten bzw. berichten. Es scheint nicht lediglich eine Zunahme von Mehrfachbehinderungen, sondern im Besonderen eine Zunahme von Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen zu geben. Bis dahin zeichnet sich also ein recht einheitliches und widerspruchsfreies Bild ab. Jedoch stellt sich die Frage, welche empirischen Daten es zur Prävalenz gibt. Eine erste größere Arbeit im deutschsprachigen Raum stammt von Schnell aus dem Jahr 1989. Er stellt zunächst sehr übersichtlich den bisherigen Stand der Untersuchungen psychischer Störungen und Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern und Jugendlichen dar. Über 60 verschiedene Studien, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts entstanden, werden von ihm angeführt und zum Teil kritisch kommentiert. Er stellt dabei fest, dass sie keineswegs ein einheitliches Bild der Entwicklung hörgeschädigter Menschen, der Prävalenz von Verhaltensauffälligkeiten sowie ihren möglichen Ursachen zeichnen. Beispielhaft seien hier ein paar Ergebnisse angeführt, um zu verdeutlichen, dass die oben getroffenen Aussagen über eine gesteigerte Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten keineswegs so eindeutig zu belegen und möglicherweise auch gar nicht zutreffend sind. In einer Studie aus dem Jahr 1948 wurden ,50 gehörlose Kinder im Alter von 10 Monaten bis zu sechs Jahren mit der ‚Vineland Maturity Scale‘ untersucht und diesmal schnitten die Gehörlosen, was die sozialen Fähigkeiten anbelangt, sogar besser als die normalhörende Gruppe ab! Ein Ergebnis das konträr zu den bislang gewonnenen Erkenntnissen lag’ (1989, S. 6). Eine Metaanalyse aus dem Jahr 1952 stellt bezüglich der bis zu diesem Zeitpunkt gemachten Untersuchungen fest: ,Die meisten davon genügen nicht der Forderung nach sprachfreien Untersuchungsinstrumenten und lieferten daher auch keine uneingeschränkt verwertbaren Ergebnisse’ (1989, S. 6). 1968 wurden in einer Studie gehörlose Kinder gehörloser Eltern mit denen normalhörender Eltern verglichen: ,Intellektuelle und soziale Fähigkeiten waren bei der Gruppe mit gehörlosen Eltern signifikant besser ausgeprägt als bei der mit normalhörenden Eltern. Die sprachlichen Fähigkeiten unterschieden sich nicht’ (1989, S. 11). In einem Artikel aus dem Jahr 1983 zum Vergleich der Verwendung des von der Artikelautorin selbst erstellten Fragebogens zur Untersuchung von Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen in den USA und in Dänemark wird ein anderer interessanter Aspekt in den Fokus genommen. Trotz ähnlicher Ergebnisse in beiden Ländern wird folgende Feststellung gemacht: ,Leichte Unterschiede in den Beurteilungskriterien von dänischen und amerikanischen Lehrern konnten ausgemacht werden. Der Einfluß von verschiedenen kulturellen Umgebungen auf die Definition von angepaßtem bzw. auffälligem Verhalten wird in diesem Artikel diskutiert’ (1989, S. 11). Auf den Einfluss der Kultur und der Relevanz der zur Beurteilung herangezogenen Normen wird noch in Kap. 4.3.2 eingegangen. Schnell bemerkt zur Untersuchung der vorhandenen Literatur: Es ,kann keine abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse gemacht werden. Zu unterschiedlich, ja oft sogar gegensätzlich sind die Aussagen, die über das typische Wesen und die spezifischen Probleme ‚des Gehörlosen‘ gemacht werden’ (1989, S. 22). Auch die Ergebnisse seiner eigenen Untersuchung reihen sich hier ein, da sie ebenfalls dem typischen Bild (der Entwicklung) gehörloser Kinder und Jugendlicher widerspricht. Deswegen werden diese Ergebnisse nach einer kurzen Schilderung seiner Vorgehensweise ebenfalls angeführt. Er untersuchte psychische Auffälligkeiten gehörloser Schüler an fünf von sechs bayerischen Zentren für Gehörlose im Vergleich mit normalhörenden Schülern.2 Beide Gruppen wurden jeweils an Hand eines von Schnell überarbeiteten Fragebogens von Rutter aus dem Jahr 1967 von den Lehrern beurteilt. Die Population der gehörlosen Kinder im Alter von vier bis 14 Jahren an den fünf Einrichtungen betrug insgesamt 443, für 321 erhielt Schnell auswertbare Fragebögen zurück. Ein Fragebogen enthielt 40 Fragen, die den sechs folgenden Blöcken zugeordnet wurden: »Konzentrationsstörungen«, »Delinquenz«, »Depressivität/Angst«, »Sozialverhalten«, »Psychosomatik«, »Motorik«. Für manche Leser überraschend stellt Schnell fest: ,Zusammenfassend läßt sich sagen, daß durch die Untersuchung über weite Bereiche hinweg ähnliche Auffälligkeitshäufigkeiten bei gehörlosen und normalhörenden Kindern festgestellt wurden. Das deutet darauf hin, daß das gehörlose Kind in kinderpsychiatrischer Sicht nicht völlig anders einzuordnen ist als das normalhörende Kind. […] Als Teilbereich in dem sich besonders deutliche Unterschiede ergeben wurde der Bereich der psychosomatischen Beschwerden gefunden, wobei hier Gehörlose seltener als Normalhörende Schwierigkeiten aufweisen’ (1989, S. 75, Hervorhebung F. A.). Der einzige ermittelte Risikofaktor für die Entstehung psychischer Störungen ist der von ihm ,unvollständige Familie’ genannte Parameter. Damit bezog er sich auf jegliche Kombinationen, bei der nicht beide Elternteile in der Familie vorhanden waren. Dieser Faktor korrelierte in vier von sechs Blöcken mit signifikant höheren ,Auffälligkeitsraten im Vergleich zur Gruppe mit vollständigen Familien’ (1989, S. 76). Seine Studie widerspricht also den oben berichteten Erfahrungen von Wisnet und Dietze. Diese sind jedoch wesentlich neueren Datums als die Studie von Schnell. Deswegen wird im Folgenden noch auf neuere Untersuchungen im deutschsprachigen Raum eingegangen. Es gibt eine neuere, groß angelegte Studie von Große aus dem Jahr 2003, in der das gesamte Bildungswesen für Hörbehinderte in Deutschland untersucht wurde.3 Es ging in dieser Untersuchung allerdings nicht speziell um Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern und Jugendlichen. Es sollte einerseits eine Bestandsaufnahme der realen, momentanen Lage gemacht werden, und andererseits sollten aus ihr Erfordernisse für die zukünftige Arbeit und Ausbildung von Hörgeschädigtenpädagogen und die Bedürfnisse ihrer Klientel abgeleitet werden. Er befragte hierfür 99 Bildungs- und Fördereinrichtungen für Hörbehinderte, 72 davon schickten beantwortete Fragebögen zurück: 54 Schulen bzw. vergleichbare Förder- und Bildungszentren, acht Bildungseinrichtungen für Mehrfachbehinderte mit Hörschäden, fünf berufsbildende Einrichtungen, vier (separate) Beratungsstellen und eine Kindertagesstätte. Die Ergebnisse dieser Untersuchung scheinen den erwähnten Eindruck bezüglich der Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten zu bestätigen. Er befragte Lehrer in Einrichtungen für Hörbehinderte u. A., welche Veränderungen sich ihrer Meinung nach in den letzten Jahren ergaben: ,In erster Linie wird seitens der Vertreter der Bildungs- und Fördereinrichtungen für Hörbehinderte eine ‘Zunahme von Mehrfachbehinderungen mit Hörschäden’, insbesondere ein Anstieg von Verhaltensstörungen, gefolgt von Lernbehinderungen und psychischen Störungen, konstatiert’ (Große 2003, S. 67). Im Anhang stellt er alle Antworten auf seine Fragen in Zahlen dar und ermöglicht dadurch eine weitere Analyse der von ihm erhobenen Daten. Der Anhang A enthält etwa die Angaben zur Veränderung der Klientel im Bildungswesen für Hörbehinderte.4 Die meisten Nennungen wurden im Bereich ,Zunahme von Teilpopulationen’ gemacht, von der die Mehrheit wiederum auf die Zunahme von Mehrfachbehinderten fiel. Bei diesen steht die Zunahme von Verhaltensstörungen mit zehn von 19 Nennungen an erster Stelle, vor Lernbehinderungen mit sieben Nennungen und mit jeweils einer die Zunahme von psychischen Störungen, Körperbehinderungen und Sprachauffälligkeiten. An anderer Stelle beschreibt er jedoch bei der Zunahme von verschiedenen Mehrfachbehinderungen bei hörgeschädigten Kindern eine andere Reihenfolge. Er sagt, dass ,dies in erster Linie Lernbehinderte und Geistigbehinderte mit Hörschäden betrifft, aber auch eine generelle Zunahme der Verhaltensstörungen verzeichnet wird’ (Große 2003, S. 92). Unabhängig davon ob sie nun an erster Stelle steht oder nicht, bleibt festzuhalten, dass Große ihre massive Zunahme festgestellt hat. Es sind aber auch kritische Anmerkungen zu dieser Studie anzubringen. So wird aus der Untersuchung von Große zum Einen nicht ersichtlich, welchen Teil der Klientel die Zunahme von Mehrfachbehinderungen und speziell von Verhaltensstörungen betrifft: alle hörgeschädigten Kinder, nur die schwerhörigen, nur die gehörlosen oder eine andere Konstellation? Dies ist bei dem Umfang und der eher allgemein gehaltenen Fragestellung seiner Arbeit jedoch nicht verwunderlich. Aus diesem Grund können die Ergebnisse seiner Studie aber nicht 1:1 auf die in diesem Buch zu bearbeitende Fragestellung nach Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern übertragen werden. Noch gravierender ist der folgende Kritikpunkt. Für die Ergebnisse der Studie von Große gilt das Gleiche wie für die weiter oben mehrfach angeführten Berichte von Lehrern. Es werden nur die Meinungen der (befragten) Personen wiedergegeben. Auf Grund welcher Kriterien und Normen sie entschieden, ob eine Verhaltensauffälligkeit vorliegt oder nicht, kann nicht nachvollzogen werden. Dabei ist es von gravierender Bedeutung, ob beispielsweise bereits ein mehrfaches Rufen während des Unterrichts und damit die Störung des selbigen schon als Verhaltensauffälligkeit gewertet wird oder nicht. Genau genommen können die Ergebnisse dieser Aussagen und die Studie also nicht als objektiv und somit stichhaltig, repräsentativ und übertragbar bezeichnet werden. In dieser Hinsicht ist die Studie von Schnell aussagekräftiger und objektiver, da hier in den einzelnen Blöcken und Fragen spezielle Items bzw. Verhaltens- und Erscheinungsweisen abgefragt wurden. Allerdings hat sich seit 1989 im Bereich der Gehörlosenpädagogik sehr viel getan. Deswegen sollen weitere neuere Untersuchungen berücksichtigt werden. In diesem Zusammenhang dürfen auf keinen Fall die Arbeiten von Hintermair außer Acht gelassen werden. Wie bereits angeführt, beschäftigte er sich eingehend mit der psychosozialen Entwicklung gehörloser Kinder, dem Belastungserleben der Eltern und was sie als unterstützend und hilfreich bewerten. Sozusagen als Abschluss seiner zehnjährigen Forschungsarbeit auf diesem Gebiet präsentierte er zusammenfassende theoretische und empirische Analysen dieses Themenkomplexes.5 Auf die Ergebnisse dieser Analysen wird im Folgenden eingegangen. Genauso wie Schnell geht auch Hintermair zunächst auf die verfügbare Literatur zur Prävalenz sozial-emotionaler Auffälligkeiten ein, wie er Verhaltensauffälligkeiten auch nennt. Studien aus dem deutschsprachigen Raum gibt es dabei wesentlich seltener als englischsprachige Studien. Ein Großteil der letzteren stammt aus den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts und sprechen von einer Häufigkeit ,zwischen 8 % und mehr als 22 %’ (2005a, S. 36). Eine Untersuchung weist jedoch eine sehr große Varianz auf und stellt eine Häufigkeit von 54 % fest. Außerdem führt Hintermair eine anscheinend sehr seriöse und deswegen auch häufig zitierte Studie von Freeman et al. aus dem Jahr 1975 an: ,Sie kommen in ihrer repräsentativen Studie nahezu aller hörgeschädigter Kinder im Alter zwischen 5 und 15 Jahren in der Region Vancouver (N = 120) zu dem Ergebnis, dass 22,6 % der untersuchten Kinder eine interventionsrelevante Verhaltensauffälligkeit zeigten, wobei 6,1 % der Kinder besonders starke Auffälligkeiten aufwiesen. Diese Studie ist insofern bemerkenswert, als sie neben ihrem repräsentativen Status methodisch sehr anspruchsvoll gestaltet war (Kontrollgruppe, verschiedene Erhebungsquellen, mit Gehörlosigkeit vertraute Untersucher)’ (2005a, S. 36). Auch neuere Studien aus den 90er Jahren und später wurden von Hintermair analysiert.6 Diese teilt er entsprechend ihrer Ergebnisse in zwei Gruppen ein. Die erste Gruppe bestätigt die – nach Hintermair – erhöhte Prävalenz, wie sie in den älteren Studien festgestellt wurde, die zweite widerspricht ihnen. Zu der ersten Gruppe gehört u. A. eine Studie aus dem Jahr 1994 von Hindley et al., für die sogar spezielle psychiatrische Screeningverfahren für gehörlose Kinder und Jugendliche entwickelt und Gebärdensprachdolmetscher eingesetzt wurden. Zumindest zwei Ergebnisse sind dabei interessant. Die festgestellte Prävalenzrate war ungewöhnlich hoch und lag zwischen 43 % und 50,3 % und damit noch weit über den durchschnittlichen Ergebnissen der älteren Studien. Außerdem wurden bei ihr auch ,emotionale Störungen wie Ängste, etc. deutlich’ (2005a, S. 37). Dies wurde auf die Verwendung der Gebärdensprachdolmetscher zurückgeführt, wodurch sich die kommunikative Situation bei der Durchführung der Untersuchung verbessert habe. Hintermair erwähnt eine weitere interessante und repräsentative Studie, die allerdings zu der zweiten Gruppe gehört und somit der erhöhten Prävalenz von Verhaltensauffälligkeiten widerspricht. Sie stammt aus dem Jahr 1994 und wurde von Sinkkonen an finnischen Hörgeschädigtenschulen durchgeführt. Von 445 Schülern konnten 416 untersucht werden und auch hier sind wieder zwei Sachverhalte als besonders erwähnenswert hervorzuheben: ,Zum einen fand sich kein signifikanter Unterschied in der Häufigkeit von psychiatrischen Störungen zwischen den gehörlosen Schülern (18,7 %) und einer hörenden Kontrollgruppe (15,8 %). Sinkkonen stellte zudem fest, dass alle hörenden Mütter und 94 % der Väter zumindest etwas Gebärden(sprach)kompetenz besaßen’ (Hintermair 2005a, S. 37). Das deutet darauf hin, wie wichtig eine effektive und gelingende Möglichkeit der Kommunikation (innerhalb der Familie) für die gesunde psychische Entwicklung des gehörlosen Kindes ist. Dieser Umstand wird auch durch den zweiten Sachverhalt gestützt: ,Es zeigte sich, dass geringe kommunikative Fähigkeiten bei den Kindern assoziiert waren mit erhöhten Werten auf der Hyperaktivitätsskala von Rutter’ (Hintermair 2005a, S. 37–38). Die Untersuchung Hintermairs auch der neueren Literatur zur Prävalenz von Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern stellt also wiederum keineswegs ein einheitliches Bild dar, sondern enthält zum Teil gegensätzliche Daten. Wie sieht es aber mit Studien aus dem deutschsprachigen Raum aus? Eine erste von Schnell aus dem Jahr 1989 wurde bereits weiter oben erwähnt und diskutiert. Dieser konnte keine erhöhte Prävalenz feststellen. Hintermair führt darüber hinaus die Untersuchung Kammerers an, die ein Jahr vorher veröffentlicht wurde. Kammerer sammelte Daten über 274 hörgeschädigte Kinder zwischen zehn und 13 Jahren und befragte dazu Eltern und Lehrer und teilweise die Kinder selbst. Für die Erhebung verwendete er verschiedene Testverfahren und Fragebögen. Die Prävalenz aller psychiatrischen Auffälligkeiten lag bei Befragung der Eltern mit 53,5 % ebenfalls sehr hoch. Dadurch sah Kammerer die oben angeführten Ergebnisse des englischsprachigen Raumes mit einer drei- bis sechsmal höheren Häufigkeit als bestätigt an.7 Da aber die Ergebnisse der Studien von Schnell und Kammerer für den deutschsprachigen Raum widersprüchlich und inzwischen auch über 20 Jahre alt sind, ist die Untersuchung Hintermairs aus dem Jahr 2005 von großer Bedeutung. Sie könnte ein aktuelles Bild über die Prävalenz von Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen zeichnen, und somit aufzeigen, ob die genannten Erfahrungsberichte zur vermehrten Häufigkeit zutreffend und repräsentativ sind. Zu welchen Ergebnissen kommt er in seiner Untersuchung? Es wird zunächst auf die Vorgehensweise bei seiner Untersuchung eingegangen.8 Befragt wurden die Eltern aller an bayerischen Hörgeschädigteneinrichtungen betreuten Kinder im Alter von vier bis 13 Jahren. Von jeweils 832 Fragebögen an Vater und Mutter wurden nur 35,5 % beantwortet und zurückgeschickt, was eine geringe Rücklaufquote darstellt. Statt der knapp 300 erhaltenen Fragebogenpakete wurden nur jeweils 213 Fragebögen von Vater und Mutter in die Untersuchung einbezogen, damit für jedes Kind die Angaben beider Elternteile vorliegen. Schon allein aus diesem Grund ist seine Studie keinesfalls als repräsentativ zu bezeichnen, was Hintermair auch selbst anspricht.9 Das von ihm verwendete Untersuchungsinstrument ist die deutsche Version des Strenghts and Difficulties Questionnaire (SDQ-D), bei dem 25 Items in fünf Bereichen abgefragt werden: »Hyperaktivität« (und Aufmerksamkeit), »Emotionale Probleme«, »Probleme mit Gleichaltrigen« und »Verhaltensauffälligkeiten«, welche zum »Gesamtproblemwert« zusammengefasst werden und die fünfte, positiv gepolte Skala »Prosoziales Verhalten«. Im Vergleich mit einer Repräsentativuntersuchung bei hörenden, deutschen Kindern, die als Norm herangezogen wurde, stellte Hintermair eine signifikant höhere Häufigkeit von Auffälligkeiten der sozial-emotionalen Entwicklung bei hörgeschädigten Kindern fest. Es ,zeigt sich beim Vergleich des Gesamtproblemwertes (15 % versus 38 %) eine 2.5fach erhöhte Prävalenzrate, wenn man die auffälligen und grenzwertigen Fälle zusammengefasst einbezieht’ (Hintermair 2005a, S. 135).10 Zwei Anmerkungen zur Gültigkeit dieser Aussage sind allerdings noch zu treffen. So schreibt Hintermair selbst, dass der von ihm verwendete Fragebogen keine eindeutige Feststellung einer Verhaltensauffälligkeit ermöglicht: Es ,sollen mit dem SDQ-D auf der Basis von Werten einer nicht repräsentativen Zufallsstichprobe eine vorsichtige und vorläufige Schätzung der Prävalenzrate sozial-emotionaler Probleme von hörgeschädigten Kindern in Deutschland vorgenommen’ werden (Hintermair 2006, S. 52, Hervorhebung F. A.). Und an anderer Stelle schreibt Hintermair über die potentielle Zielsetzung dieses Fragebogens: ,Mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen lassen sich dann Kinder, die einer genaueren diagnostischen Abklärung und möglicherweise pädagogisch-therapeutischer Hilfe bedürfen, schneller und effektiver auffinden’ (Hintermair 2005a, S. 132). Die Wichtigkeit dieses Ziels ist nicht zu unterschätzen und die Nutzung des SDQ-D zu seiner Erreichung deswegen absolut legitim. Eine exakte Diagnosestellung scheint damit allerdings nicht möglich zu sein. Unter Berücksichtigung der beiden genannten Aspekte ist es durchaus angebracht, den Bereich der »grenzwertigen Fälle« aus der Angabe zur Prävalenz herauszunehmen und nur die Häufigkeit der »auffälligen Fälle« mit der Normstichprobe zu vergleichen. Dann kommt man statt auf 38 % lediglich auf eine Prävalenz von 23 % bei gehörlosen Kindern im Vergleich zu 15 % bei hörenden Kindern.11 Die Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern gegenüber hörenden Kindern ist also vermutlich nicht so stark signifikant erhöht wie von Hintermair berichtet.12 Aber auch eine andere Autorin hat für das Thema Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen sehr viel geleistet. Leven, Tochter gehörloser Eltern, ist approbierte Psychologische Psychotherapeutin, arbeitete mehrere Jahre als niedergelassene Psychotherapeutin speziell mit gehörlosen, schwerhörigen, ertaubten und mehrfachbehinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und ist seit 1998 Professorin für das Fachgebiet ‚Gebärdensprachdolmetschen‘ im Fachbereich Sozial- und Gesundheitswesen der Hochschule Magdeburg-Stendal. Sie beschäftigte sich in ihrer Dissertation aus dem Jahr 1997 mit psychischen Störungen ambulanter gehörloser und schwerhöriger Psychotherapiepatienten.13 Sie suchte dazu, so wie Schnell und Hintermair, zunächst in der vorhandenen Literatur nach empirischen Studien der letzten Jahrzehnte zu ihrer Häufigkeit und führte deren Ergebnisse, sowie teilweise auch die in den Studien genannten Ursachen an. Wo es notwendig war, äußerte sie eine kurze Kritik. Eine Zusammenfassung der von ihr zusammengetragenen Ergebnisse fällt allerdings, wie auch bei den weiter oben angeführten Literaturrecherchen, relativ schwer, da die Studien im Gegensatz zu den zu Beginn des Kapitels berichteten Erfahrungen von Lehrern keineswegs ein einheitliches Bild ergeben. Außerdem wurde in diesem Kapitel bereits mehrfach die Zusammentragung bisheriger Untersuchungen durchgeführt, z. B. an Hand einiger ausgewählter Studien, die auch Leven erwähnte und diskutierte. Auch auf ihre eigene empirische Studie wird in diesem Kapitel nicht eingegangen, da sie nicht die Prävalenz von Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen und schwerhörigen Personen untersuchte, sondern sich mit der Diagnose(-häufigkeit) psychischer Störungen und ihrem Zusammenhang mit soziodemographischen Daten und behinderungsspezifischen Merkmalen beschäftigte. Davon abgesehen setzte sich die Gesamtpopulation ihrer Studie nicht aus einer Zufallsstichprobe von Schülern aus Einrichtungen für Hörgeschädigte zusammen, sondern ergab sich aus allen hörgeschädigten Patienten, die von Oktober 1990 bis März 1996 ihre verhaltenstherapeutische Praxis aufsuchten. Für die Studie schränkte sie diese Gesamtpopulation auf die 84 erwachsenen Patienten ein, die gehörlos bzw. mittel- oder hochgradig schwerhörig waren und nicht nur die von ihr angebotene Sprechstunde aufsuchten, sondern bei ihr eine verhaltenstherapeutische Behandlung durchführten. Aussagen, die auf Grundlage dieser Teilpopulation von Leven getroffen wurden, können natürlich nicht herangezogen werden, um Auskunft über die Prävalenz von Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Personen zu erteilen. Die eingeschränkte Verwertbarkeit der Ergebnisse ihrer Studie spricht sie selbst mit folgenden Worten an: ,So beziehen sich die im Folgenden dargelegten beschreibenden Statistiken ausschließlich auf die von mir behandelte Klientel als Untersuchungsmenge, und nicht auf eine für Gehörlose und Schwerhörige repräsentative Gruppe. Es wurden keine Kontrollgruppen gebildet und aufgrund der kleinen Zahlen auch keine Signifikanzdaten errechnet. Da die hier untersuchte Population keine Stichprobe im Sinne der empirischen Sozialforschung darstellt, kann aus den vorliegenden Ergebnissen ohne Verifizierung durch weitere Forschung keine Verallgemeinerungsfähigkeit für psychische Störungen bei Hörgeschädigten abgeleitet werden’ (2003, S. 108). Ihre Untersuchung ist jedoch in ihrer Bedeutung für die Frage nach Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen keineswegs zu verachten. Dies wird besonders in den Kapiteln 3.2 und 4 deutlich, wenn auf einzelne Arten von Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen und auf verschiedene Erklärungsansätze eingegangen wird. Zuvor werden jedoch in Anlehnung an das obige Zitat von Leven Kritikpunkte zu den bisherigen Studien zur Prävalenz angeführt und trotz aller Schwierigkeiten der Versuch einer Zusammenfassung dieses Bereichs gemacht. Es bleibt festzuhalten, dass es zwar einige Untersuchungen zur Prävalenz von Verhaltensauffälligkeiten bei Gehörlosen gibt – vor Allem aus dem englischsprachigen Raum – von denen ein Großteil eine erhöhte Häufigkeit feststellen. Allerdings ist anzumerken, dass beinahe alle (neueren) Untersuchungen aus dem englischsprachigen und auch aus dem deutschsprachigen Sprachraum lediglich an nicht repräsentativen Stichproben durchgeführt wurden. Zugleich beziehen sich fast alle auf das Urteil von Lehrern und/oder Eltern, die kein diagnostisches Fachpersonal sind. Auch Hintermair zählt einige methodische Kritikpunkte auf: ,… gravierende Probleme bei der Testinstruktion, -durchführung und -auswertung, fehlende Repräsentativität der Hörgeschädigtenstichproben, nicht ausreichende Berücksichtigung der Erfahrungswelt Hörgeschädigter in den verwendeten Testverfahren, allesamt Faktoren, die die Objektivität, Reliabilität und Validität der Befunde deutlich in Frage stellen…’ (2005a, S. 32). Ihre Ergebnisse sind somit zumindest mit Vorsicht zu genießen und die Aussagen über eine immer stärker zunehmende Häufigkeit von Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern und Jugendlichen dürfen keineswegs als absolut gültig und zutreffend betrachtet werden. Die Frage, ob Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern und Jugendlichen häufiger auftreten, kann also weder mit einem eindeutigen ,Ja’ oder ,Nein’ beantwortet werden. Aber da die bisher genannten Prävalenzraten im Großen und Ganzen gegenüber der von Ihle, Esser angegebenen durchschnittlichen Häufigkeit mit knapp 20 % bei hörenden Kindern nicht signifikant erhöht sind, scheint die Tendenz der Antwort, bei zusätzlicher Berücksichtigung interkultureller Begründungsmuster, eher in Richtung ,Nein’ zu gehen.14 Dennoch stellt sich die Frage nach der Art von Verhaltensauffälligkeiten bei gehörlosen Kindern und Jugendlichen. Gibt es eine bestimmte Art oder, ähnlich wie auch bei hörenden Kindern, die ganze Bandbreite an Verhaltensauffälligkeiten?

Über den Autor

Frank Alibegovic studierte Pädagogik, Soziologie, Psychologie und Sonderpädagogik und schloss sein universitäres Studium 2008 mit dem akademischen Grad als Diplom-Pädagoge ab. Seit 2000 beschäftigt er sich mit Gehörlosigkeit und Gebärdensprachkultur und lernte die Deutsche Gebärdensprache (DGS). Er wirkte in verschiedenen Projekten für und mit Gehörlosen mit und setzte sich wissenschaftlich mit der Gehörlosenpädagogik und der Verhaltensgestörtenpädagogik auseinander. Seit mehreren Jahren ist er zudem als Fachberatung für Kindertageseinrichtungen tätig.

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