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Geschichte


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 07.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 80
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Politisch heikel, und letztlich unvollendet - ‘Franziska Linkerhand’, der letzte Roman der DDR-Schriftstellerin Brigitte Reimann kann ohne weiteres - auch wenn er 1974 posthum nur als Fragment erschien - als wichtigstes Werk der Autorin bezeichnet werden. Nicht nur, weil sie sich darin intensiv und äußerst kritisch mit der Gesellschaft, in der sie lebte, auseinandersetzt. ‘Franziska Linkerhand’ ist auch ein sehr intimes Werk, das tief in das Seelenleben Brigitte Reimanns blicken lässt. Diese Untersuchung will dies ergründen und zeigt, wo sich die Lebenswege, -ideale und -vorstellungen der Protagonistin und ihrer literarischen Schöpferin in dieser überkreuzen und entsprechen.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel II: 1, Identität und Rollendefinition: Bei der Frage nach Selbsterkenntnis und Identitätsfindung mag sich, gerade vor dem Hintergrund der veröffentlichten Tagebücher Brigitte Reimanns, leicht die vermeintlich einfache Lösung aufdrängen, eben diese persönlichen Aufzeichnungen auch als ausschließliche Grundlage für eine umfassende Selbstbetrachtung der Autorin heranzuziehen. Insbesondere am Beispiel Brigitte Reimanns aber muss davon Abstand genommen werden. Denn: ‘[...] daß Reimann sich trotz größerer Selbsterkenntnis bis zuletzt dagegen wehrte, das Tagebuch als Mittel der Selbstanalyse und der Erkundung der tieferen Schichten ihres Selbst zu benutzen, zeigt [...], daß sie die Darstellung der ganzen Komplexität ihres Selbst, besonders der tieferen Schichten ihres Seins, als Aufgabe der Literatur betrachtete.’ Um aber zu klären, wo für Brigitte Reimann diese Aufgabe ansetzte, und wie es überhaupt möglich sein kann, mit Hilfe der Literatur zu einer eigenen Identität zu finden, muss nachfolgend zuerst Identität als Begriff genauer betrachtet und anschließend geklärt werden, mittels welcher Faktoren sie sich überhaupt beschreiben und in literarischer Form verarbeiten lässt. 1.1, Identität – eine Begriffsklärung: Der Blick in den Spiegel, so intensiv er auch sein mag, ist nicht gleichbedeutend mit dem Anblick der eigenen Identität. Während ein Spiegelbild durchaus eine Stimmung oder auch Gefühle wiedergeben kann, die eine Persönlichkeit gerade einmal oberflächlich erahnen lassen, liegt die Identität viel tiefer im menschlichen Inneren verborgen und ist selbst ihrem Besitzer nicht ohne weiteres zugänglich. Allgemein wird Identität leicht mit Begriffen wie Nationalbewusstsein oder einer bestimmten Klassenzugehörigkeit verbunden, doch Identität orientiert sich darüber hinaus vor allem eng an ihrem persönlichen Träger, an seinem Leben, seinen Vorlieben und vielen zusätzlichen Faktoren. Nach Erik H. Erikson sind Identität und Lebenszyklus nahezu untrennbar miteinander verbunden. Dabei tragen sowohl biographische und genetische, als auch sozialpsychologische Faktoren zur Bildung einer Ich-Identität bei, die somit, vereinfacht ausgedrückt, durch Auseinandersetzungen mit typischen Leitbildern, Identifikationen und gesellschaftlichen Erwartungen gekennzeichnet und in Abhängigkeit von bestimmten Lebensabschnitten durchaus wandelbar ist. Hier wird auch klar, dass ein Mensch unterschiedliche soziale, also im Zuge der sozialen Interaktion zutage tretende, Identitäten in sich vereint. Im Zuge seiner sozialen Identitätsfindung, ob bewusst oder unbewusst, wird der Mensch für sich selbst zum Objekt und sieht sich zeitweise sogar durch die Augen, mit ihm in Interaktion tretender Dritter. Im Laufe der Zeit entwickelt er dabei eine persönliche Identität, die ihn von anderen abhebt, die ihm selber allerdings häufig nicht unbedingt bewusst sein muss. Die persönliche Identität wird also vornehmlich kommunikativ vermittelt, ist gesellschaftlich, also auch durch bestimmte Rollenschemata und Normen bedingt und entwickelt sich durch die individuelle Reaktion des Menschen auf diese Normen und Rollen, wobei nicht zuletzt der individuelle Lebenslauf zu großen Teilen mit einfließt. 1.2, Identität und Rollenverständnis: Um Brigitte Reimanns literarischen Umgang mit den Rollen und Bildern ihrer Zeit und ihre ‘Suche nach Identität’, die eng mit ihrer zum Teil außergewöhnlichen Reaktion auf die damaligen Normen zusammenhängt, beleuchten zu können, sollen nachfolgend zwei, für diese Betrachtung wichtige Leitbilder und Rollenvorstellungen der DDR genannt und in Ansätzen beschrieben werden. Da sich in ihrem Leben stets Privates, und dort vor allem ihre weibliche Seite, die sie oftmals kompromisslos auslebte, und der Beruf als Schriftstellerin, ohne den sie nicht existieren konnte, überschnitten, behinderten oder, wiederum an anderer Stelle, gegenseitig bedingten, beziehe ich mich bei meinen nachfolgenden Ausführungen auf die Rolle und das Bild der Frau und der des Schriftstellers in der DDR und versuche, diese durch die besondere Funktion, die den Schriftstellerinnen der siebziger Jahre zukam, zu verbinden. 1.2.1, Die Rolle der Frau in der DDR: Seit der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik 1949 war die Gleichberechtigung der Geschlechter im Grundgesetz verankert. ‘Mann und Frau sind gleichberechtigt und haben die gleiche Rechtsstellung in allen Bereichen des gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Lebens. Die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifizierung ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe.’ (Verfassung der DDR, Artikel 20, Absatz 2). Die Integration in die Erwerbstätigkeit, die nach der marxistischen Theorie den Grundstein für die Frauenbefreiung legen soll, stellte also den Kern der Frauenpolitik in der DDR dar. Ab den sechziger Jahren wurde dabei der Fokus von der einfachen Berufstätigkeit auf die Qualifizierung und den Aufstieg im Beruf, vor allem im technischen Bereich, gelegt. Da es im Zuge dieser berufsorientierten Integrationspolitik zu einer Abnahme der Geburten kam, wurden insbesondere nach dem 8. Parteitag der SED im Jahre 1971 sozialpolitische Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Mutterschaft und Beruf eingeführt, darunter das bezahlte Babyjahr, staatliche Kinderkrippen und -gärten und die finanzielle Geburtsbeihilfe. Eine ‘weibliche Identität’ in der DDR wurde demnach als Zusammenspiel von Familie, Beruf und sozialistischen Aktivitäten verstanden. Diese Maßnahmen, die im übrigen auf den Beschluss von Männern zurückzuführen sind, waren allerdings in erster Linie ökonomischer Natur und bezogen sich weniger auf die Arbeitserleichterung im Familien- und Privatalltag, in dem das traditionelle Bild der Kleinfamilie größtenteils beibehalten wurde, in der die Frauen die ebenfalls traditionelle Rolle der Kinderversorgung und der Haushaltsführung zu übernehmen hatten. Die Folge: Frauen hatten außer dem Berufsalltag und sozialistischen Verpflichtungen auch noch Haus und Familie zu bewältigen und somit wenig Zeit, sich auf sich selbst zu besinnen oder eigene Interessen zu verwirklichen. Von einer wirklichen Gleichstellung kann also im Grunde genommen nicht die Rede sein. Ein steigendes Selbstbewusstsein und Emanzipationsbedürfnis der Frauen und ein Wandel im ostdeutschen Literaturverständnis führte zu Beginn der Siebziger dazu, dass sich die Autorinnen auf die Suche nach ihrer Identität abseits der vordefinierten weiblichen Rollenschemata begaben. 1.2.2, Die Rolle der Literatur und des Schriftstellers in der DDR: Zur ‘geistigen Formung der neuen sozialistischen Menschen bei[zu]tragen’ – das war die maßgebliche Aufgabe der Literatur und des Schriftstellers in der DDR. Aus diesem Anspruch an die Autoren erwuchs auch ihre Rolle als Personen des öffentlichen Lebens, die als Bindeglied zwischen Kultur, Politik und Bevölkerung gesehen wurden, da die Literatur selbst, im Gegensatz zur Literatur in der Bundesrepublik, fest in die Staatspolitik eingebunden war . Als 1974 ‘Franziska Linkerhand’ veröffentlicht wurde, hatte die DDR-Literatur bereits vier grundlegende Phasen durchlaufen: 1945 bis 1949 die sozialistische Literatur des Antifaschismus und die Vorbereitung auf DDR-Nationalliteratur, 1945 bis Anfang der sechziger Jahre die Herausbildung und von der ersten Hälfte der sechziger bis siebziger Jahre die Entfaltung derselben und zu Beginn der Siebziger die neuen und freieren Entwicklungstendenzen in der Nationalliteratur der Deutschen Demokratischen Republik . Das Besondere in der neueren DDR-Prosa, zu der auch ‘Franziska Linkerhand’ gehört, war die Tatsache, dass hier immer die ‘intensive Beschäftigung mit dem Individuum’ Individuum mit seiner Subjektivität und Einzigartigkeit in den Vordergrund rückte. Diese Tendenz löste die vorherige ‘Behandlung des Individuums als Repräsentant gesellschaftlich-historischer Triebkräfte in der früheren Literatur der DDR ab. Diese stützt sich auf das Lukàcs’sche Begriffspaar der ‘Totalität’, die im Hinblick auf Thema und Figuration den Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit freigibt und des ‘Typischen’, das hier noch in engem Zusammenhang mit dem ‘sozialistischen Realismus’ gebraucht und durch das sogenannte ‘Harmoniemodell’ erweitert wird, welches ‘davon ausgeht, dass im Sozialismus die Interessen des Einzelnen mit den Interessen der Gesamtgesellschaft prinzipiell im Einklang sind’ .

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