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Gesellschaft / Kultur

Jürgen Schlieckau

Kompendium der Freizeit- und Erlebnispädagogik in der Postakutbehandlung

ISBN: 978-3-95935-367-0

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Produktart: Buch
Verlag: disserta Verlag
Erscheinungsdatum: 05.2017
AuflagenNr.: 1
Seiten: 160
Abb.: 19
Sprache: Deutsch
Einband: gebunden

Inhalt

Der Autor beschreibt in diesem Kompendium Ansätze der Freizeit- und Erlebnispädagogik im Handlungsfeld der medizinischen Rehabilitation Abhängigkeitserkrankungen und will damit zum besseren Verständnis der Freizeit- und Erlebnispädagogik beitragen. Er informiert den Leser über den Forschungsstand zur Freizeit- und Erlebnispädagogik und zur Evidenz dieser Ansätze, Vorgaben der Sozialversicherungsträger für die Rehabilitation sowie das freizeit- und erlebnispädagogische Teilkonzept der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik in Großenkneten-Ahlhorn (Niedersachsen). Bindungs- und Beziehungsstörungen, Mängel an gemeinschaftlichen Erfahrungen und an Wissen über Freizeitmöglichkeiten führen bei abhängigkeitskranken Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu erheblichen Einschränkungen in ihrer sozialen Teilhabe. Freizeit- und Erlebnispädagogik gibt darauf eine plausible Antwort und ist seit den 1980er Jahren ein eigenständiges anerkanntes Angebot der Basistherapie in der medizinischen Rehabilitation Abhängigkeitserkrankungen. Charakterisiert ist dieses Bildungs- und Therapieangebot durch ein offenes Setting und einen hohen Grad an Selbstbestimmung und Partizipation für den Rehabilitanden.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 5: Freizeit- und Erlebnispädagogik in der Postakutbehandlung: 5.1. Neurophysiologische Aspekte der Freizeit- und Erlebnispädagogik: Neuronale Plastizität ist erfahrungs- und aktivitätsabhängig. In der Kindheit ist die neuronale Plastizität am größten und wird in besonderer Weise von Bewegung beeinflusst. Kindliche Bewegungsaktivität ist eine natürliche Ressource und Basis einer gesunden Entwicklung. Die aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt, also Aktivität und Erfahrung fördert die Neuro- und Synaptogenese, die körperliche Fitness, die kognitive, emotionale, soziale und intellektuelle Entwicklung und die Resilienz. Bereiche des Gehirns, die im freizeit- und erlebnispädagogischen Setting besonders trainiert werden und exekutive Funktionen betreffen, sind: das frontale Augenfeld. Der sensomotorische Bereich. Die Sehrinde. Der Bereich der visuellen Assoziierung. Der Bereich der akustischen Assoziation. Das Hörzentrum. Brocas Bereich. In diesen Hirnarealen werden Aufmerksamkeitsprozesse, Inhibition und kognitive Flexibilität gesteuert und entwickelt. Der Neurobiologe Gerald Hüther sagt: Je komplexer und verzweigter die ‚Straßennetze‘ im Gehirn, desto reichhaltiger und vielseitiger das Spektrum der Reaktionen, die zur Lösung von Problemen eingesetzt werden können . Jugendliche mit hohen SSS-Werten im Sensation-seeking-Test haben hohe Dopamin-Werte und geringe Serotonin-Werte. Sie sind schlecht vor Gefahren geschützt und haben eine geringe Toleranz für Langeweile, Wiederholungen und Gleichförmigkeit. Daher korrelieren hohe Sensation-seeking-Werte u.a. stark mit Alkohol- und Drogenkonsum, pathologischem Glücksspiel und Online-Mediensuchtverhalten. Die medizinische Rehabilitation bietet Jugendlichen, die psychisch belastet sind Möglichkeiten, über Erfahrungen im Freizeitbereich zentralnervöse Anpassungsprozesse zu leisten. Wenn wir aber dem Educanden bei der Lösung aller Aufgaben helfen und fertige Lösungen anbieten, berauben wir ihn dessen, was für seine geistige Entwicklung das Wichtigste ist: das Experiment. Das wäre ein Erziehungsfehler. Körper und Gehirn können nicht wachsen, wenn Educanden nicht vor Aufgaben gestellt werden, an denen sie wachsen können. 5.2. Mangel an gemeinschaftlichen Erfahrungen: In der stationären Einrichtung leben Jugendliche im Klinikmilieu und in eigenen Subkulturen. Daher ist es für das Behandlerteam wichtig, jugendkulturelle Milieus und Werte zu verstehen, insbesondere dann, wenn es sich um kulturell fremde Bezüge wie z.B. bei Educanden mit Migrationshintergrund handelt. Zu Beginn der Behandlung werden die Educanden dort abgeholt , wo sie hinsichtlich ihrer Fähigkeiten stehen . Der Educand ist auf der Suche nach Selbstbestätigung, Liebe, Zuwendung, Geborgenheit, Trost, Sinn und einer eigenen stabilen Identität. Im Verlauf der stationären Behandlung wird er mit neuen Werten konfrontiert, die symbolisch auch durch das Milieu der stationären Einrichtung repräsentiert werden. Neue Verhaltensmodi treten an die Stelle früherer Überlebensstrategien, die sich z. B. in Werten der Knastszene oder Drogenszene symbolisieren: keine Blöße zeigen gewalttätig sein hilft zum Überleben , Dealen ist das notwendige Übel, um die Sucht zu finanzieren und zu überleben , Skater kiffen nun mal… , usw. Vielfältige Mangelerfahrungen randständiger Jugendlicher, die ihre Entwicklungsaufgaben im Jugendalter nur unzureichend oder überhaupt nicht lösen konnten und daher unzureichende Überlebensstrategien entwickelt haben, lassen sich als Teufelskreis darstellen: Mängel an: Akzeptanz und menschlicher Wärme. Vertrauen und Selbstvertrauen. Freizeitinteressen. Arbeit. Humanen Freizeit- und Bildungsangeboten. Beziehungs-. Kontakt- und Bindungsstörungen. Usw. Stören besonders die Entwicklung im Jugendalter und verhindern den Aufbau der Selbstwirksamkeitserwartung und Handlungsergebniserwartung des Jugendlichen. Diese Störungen hemmen damit wesentlich seine Entwicklung und verunmöglichen eine adäquate Lösung von Entwicklungsaufgaben in der Adoleszenz, falls die Störungen bestehen bleiben. Freizeit- und Erlebnispädagogik soll diesem Teufelskreis entgegenwirken und Chancen zunehmender Selbstbestimmung und gesellschaftlicher Mitbestimmung über Lernangebote zum Durchbruch verhelfen. Freizeit- und Erlebnispädagogik zielt auf: lebenspraktische Fähigkeiten. Soziale Verhaltensfähigkeiten über die Vermittlung sozialer Erfahrungen. Fähigkeiten zur Sinnbestimmung des eigenen Verhaltens (auch politisch-gesellschaftliche Reflexion) statt Trägheit, Bequemlichkeit, mangelnder Eigeninitiative und Phantasie. Siegbert Warwitz postuliert: Der Mensch braucht das Spiel als elementare Form der Sinn-Findung . Der Göttinger Pädagoge Dietrich Hoffmann stellte in den 90er Jahren des 20. Jahrhunderts unter Bezugnahme auf Emile Durkheim und Gerhard Schulze fest: Im Zuge des Hedonismus steigt der Egoismus bzw. sinkt der Altruismus, die fehlenden äußeren Kontrollen werden nicht durch innere ersetzt, weil genau das fehlt, was Adorno die Erfahrungen nannte, die es erlauben, sich frei und autonom und doch zugleich verantwortlich und solidarisch zu verhalten: Bildung . Viele sog. Helikopter-Eltern überbehüten ihre Kinder. Überbehütete und durch Erwachsene verplante Kindheit reduziert ebenfalls Entwicklungschancen. Mit einer Vollkasko-Mentalität , die immer nach dem Staat ruft, wird zudem eigene Risikobereitschaft negiert. Auch der Gesetzgeber nimmt vielen straffällig gewordenen Kindern und Jugendlichen heute fast alle Verantwortungskonsequenzen ab, z.B. bei Einbrüchen oder Verkehrsdelikten. Heute mangelt es vielen Jugendlichen an unmittelbaren gemeinschaftlichen Erfahrungen. Viele Jugendliche sind z. B. heute nicht mehr in der Lage, auf einen Baum zu klettern oder analoge, handwerkliche Tätigkeiten auszuüben, die einen differenzierten Gebrauch der Hände erfordern, oder mit Freunden in der Natur zu wandern. Stattdessen verfügen sie über Kompetenzen im Umgang mit digitalen Medien. Das hat Konsequenzen für die Gehirnentwicklung. Der Psychiater Manfred Spitzer formte den Begriff der digitalen Demenz . In der Gesellschaft leben heute zwei Gruppen von Menschen: Digital Immigrants sind Personen, die nicht mit digitalen Technologien aufgewachsen sind und den Gebrauch dieser Technologien erst im Erwachsenenalter lernten, während Digital Natives Personen sind, die schon als Kinder mit digitalen Technologien aufgewachsen sind und vielleicht als Vorläufer künftiger massenhafter Mensch-Maschine-Systeme gelten können. Abhängigkeitskranke Jugendliche mit einer sog. Doppeldiagnose stoffgebundene Abhängigkeitserkrankung und Medienabhängigkeit (letztere wurde noch nicht als Störung in das Klassifikationssystem ICD-10 der WHO übernommen, Anm. d. Verf.) geraten über die exzessive Beschäftigung mit digitalen Medien in soziale und geistige Isolation. Sie haben durch die zunehmende Vernachlässigung leistungsorientierter Arbeit schulischen und beruflichen Misserfolg, eine geringe Selbstwirksamkeitserwartung und außerhalb des Spiels elende Langeweile. Sie bauen sich z. B. über das Medium des Avatars in Online-Rollenspielen ersatzweise eine virtuelle Identität auf, die vor allem einen Verlust an echten Objektbeziehungen symbolisiert. Sie entwickeln im Jugendalter oft ein Cluster folgender Störungen: Alkoholabhängigkeit, Cannabisabhängigkeit, Pathologisches Glücksspiel, Medienabhängigkeit (codiert als Impulskontrollstörung) und häufig noch eine depressive Störung oder Angststörung. Aufgrund des Mangels an eigener Erfahrung zeigt der junge Abhängigkeitskranke im Realraum der Klinik zunächst häufig eine Ich-will-alles-hier-und-jetzt-Haltung . So fordert der Jugendliche z.B. bei Erscheinen des Sporttherapeuten zum Dienst: Ich will heute mein Spiel, das brauche ich heute einfach! Für diesen Jugendlichen gibt es in der Behandlung Glücksmomente, wenn er sich z. B. in bestimmte analoge Freizeitsituationen verlieren kann es ist für ihn jedoch oft noch ein weiter Weg, um echtes Glück zu finden. Im Verlauf der Rehabilitation werden neu erlernte Verhaltensweisen zunehmend in das Erleben integriert. Wolfgang Nahrstedt verweist auf den Prozesscharakter von Freizeitbildung: In der Freizeit kann der Mensch glücklich ‚sein’. Oft muss er aber erst lernen, es zu ‚werden’ .

Über den Autor

Jürgen Schlieckau ist Diplom-Pädagoge (Erwachsenenbildung). In seiner 22-jährigen Tätigkeit als Pädagogischer Leiter und psychoanalytisch-interaktionell orientierter Sozialtherapeut in der Dietrich-Bonhoeffer-Klinik beschäftigte er sich u.a. intensiv mit konzeptionellen Fragen der Freizeit- und Erlebnispädagogik und der pädagogischen und therapeutischen Praxis im Handlungsfeld der medizinischen Rehabilitation. Neben seiner beruflichen Tätigkeit engagiert er sich als Autor und Co-Autor einer Reihe von Fachbeiträgen zu den Sachthemen Alkoholpolitik, Erziehung und Kommunikation und pädagogische Behandlungsansätze bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Abhängigkeitserkrankungen.

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