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  • Wirtschaftsethik in ausgewählten Branchen. Wirtschaftsethische Analysen anhand von ausgewählten Case Studies der Branchen Finanzen, Wirtschaftsprüfung, Lebensmittel, Marketing, Medizin und Logistik

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Produktart: Buch
Verlag:
disserta Verlag
Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH
Hermannstal 119 k, D-22119 Hamburg
E-Mail: info@diplomica.de
Erscheinungsdatum: 07.2026
AuflagenNr.: 1
Seiten: 320
Sprache: Deutsch
Einband: gebunden

Inhalt

Dieser Sammelband untersucht branchenspezifischen Ursachen für ethische Fehlentwicklungen in ausgewählten Branchen. Die Analysen zur Wirtschaftsethik in den Branchen Finanzen, Wirtschaftsprüfung, Lebensmittel, Marketing, Medizin und Logistik zeigen übereinstimmend, dass moralische Konflikte vor allem dort entstehen, wo ökonomische Anreizsysteme, institutionelle Rahmenbedingungen und Machtasymmetrien ethische Überlegungen systematisch verdrängen. Es zeigt sich branchenübergreifend ein konsistentes Muster: Wirtschaftsethische Probleme sind weniger auf individuelles Versagen als auf strukturelle Anreizsysteme und institutionelle Defizite zurückzuführen. Nachhaltige Lösungen erfordern daher verbindliche Regulierung, internationale Kooperation, transparente Strukturen und Unternehmenskulturen, die moralisches Verhalten nicht nur fordern, sondern mit Anreizen und Sanktionen systematisch fördern.

Leseprobe

Textprobe: Ethik in der Finanzbranche: Cum-Ex und Goldman Sachs Michelle Drumm und Lea Grünnagel In der vorliegenden Arbeit werden ethische Herausforderungen in der Finanzbranche untersucht. Auf Basis klassischer und moderner ethischer Bewertungskriterien werden zwei Fallstudien analysiert: die Rolle von Goldman Sachs in ausgewählten Finanzskandalen sowie der Cum-Ex-Skandal als Beispiel fehlender ethischer Standards in der Finanzbranche. Die Analyse zeigt, dass keine der herangezogenen Ethikperspektiven eine Rechtfertigung des Handelns liefert. Vielmehr wird deutlich, dass strukturell verankerte Fehlanreize und politische Verflechtungen dazu beitragen, Verantwortung zu verschieben und ethische Bedenken auszublenden. Als Ergebnis leitet die Arbeit Präventionsmaßnahmen ab, die auf eine stärkere ethische Ausrichtung von Governance und Vergütungssystemen abzielen, damit sich ethisches Verhalten langfristig lohnt und unmoralisches Verhalten nicht folgenlos bleibt. This paper examines ethical challenges in the financial sector. Two case studies are analyzed based on classical and modern ethical evaluation criteria: the role of Goldman Sachs in selected financial scandals and the Cum-Ex scandal as an example of a lack of ethical standards in the financial sector. The analysis shows that none of the ethical perspectives used provide justification for the actions taken. Instead, it becomes evident that built-in incentives and political dependencies lead to shifting responsibility and overlooking ethical issues. As a result, the paper proposes preventive measures to reinforce the ethical direction of governance and compensation systems, ensuring that ethical behavior is re-warded over time and unethical actions face consequences. Einleitung In kaum einem anderen Wirtschaftssektor herrscht ein derartiger Gegensatz zwischen wirtschaftlicher Effizienz und gesellschaftlicher Verantwortung wie in der Finanzbranche. Banken, Investmentgesellschaften andere Akteure dieser Branche haben eine zentrale Rolle in der globalen Wirtschaft. Sie steuern Kapitalflüsse, ermöglichen Investitionen, verwalten Finanzmittel und tragen zur wirtschaftlichen Entwicklung bei. Gleichzeitig wurde in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder deutlich, dass die Finanzbranche durch Skandale und fragwürdige Praktiken immer wieder in den Fokus der öffentlichen Kritik geriet. Die Griechenland-Manipulation oder die Cum-Ex-Geschäfte sind Beispiele für eine tiefgreifende Problematik, die hier genauer beleuchtet werden. Diese zeigt sich daran, dass ethische Maßstäbe häufig außer Acht gelassen werden. Der Fokus liegt in weiten Teilen auf kurzfristiger Gewinnmaximierung. Dabei steht das Verhalten einzelner Akteure in der Finanzindustrie nicht frei von den Strukturen und Kulturen der gesamten Branche. Entscheidungen mit weitreichenden gesellschaftlichen Auswirkungen werden häufig in einem Umfeld getroffen, das von intensiver Konkurrenz und Anreizsystemen geprägt ist. Diese Strukturen führen dazu, dass wirtschaftlicher Erfolg oftmals höher bewertet, wird als gesellschaftliche Verantwortung. Infolgedessen wird unmoralisches Verhalten nicht als individuelles Fehlverhalten verstanden, sondern als Anzeichen eines systemischen Versagens der Branche. Die Aufgabe der Wirtschaftsethik besteht darin, sicherzustellen, dass das Wirtschaften zum Vorteil anderer erfolgt. Daraus folgt, dass Ethik in der Finanzbranche mehr bedeutet als die bloße Einhaltung von Gesetzen. Es geht um Gerechtigkeit und Gemeinwohl in einer global vernetzten Wirtschaft. Mit Blick auf die hohe gesellschaftliche Bedeutung des Finanzsektors stellt sich die Frage, wie sich ethische und moralische Werte in einer von Zahlen, Renditen und komplexen Marktmechanismen dominierten Welt wirksam einbringen lassen. In der Arbeit wird untersucht, wie institutionelle Strukturen und Anreizsysteme das Handeln der Akteure beeinflussen. Auf dieser Grundlage wird folgende Forschungsfrage untersucht: Welche strukturellen Bedingungen in der Finanzbranche begünstigen moralisches Fehlverhalten und mit welchen Reformen kann diesem entgegengewirkt werden? Vor diesem Hintergrund beleuchtet die vorliegende Arbeit ethische Herausforderungen innerhalb der Finanzbranche. Nach der Einführung allgemeiner Bewertungskriterien der Wirtschaftsethik werden zwei zentrale Case Studies analysiert. Einerseits wird die Unternehmenskultur und die Verflechtungen der Investmentbank Goldman Sachs untersucht und andererseits der Cum-Ex-Skandal analysiert. Allgemeine Bewertungskriterien der Ethik Zunächst werden moderne und klassische ethische Bewertungsansätze vorgestellt. Diese werden im Verlauf der Arbeit zur ethischen Bewertung der Case Studies wieder aufgegriffen. Zu den klassischen Ansätzen zählen die Gesinnungsethik, die Pflichtenethik, die Folgenethik und der Utilitarismus. Die Moralökonomie ist ein Ansatz der modernen Wirtschaftsethik. Das Gerechtigkeitskriterium wird gesondert betrachtet. Die Gesinnungsethik ist auf Immanuel Kant zurückzuführen. Demnach sind für ethisches Handeln der gute Wille” und die Tauglichkeit zur Erreichung eines Zweckes entscheidend. Der kategorische Imperativ fordert, nur nach persönlichen Grundsätzen, sogenannten Maximen, zu handeln. Dabei soll geprüft werden, ob ein Verhalten für die Gesellschaft tragbar wäre, wenn es jeder ausüben würde, und ob man selbst bereit wäre, die Folgen dieses Handelns zu ertragen. Der praktische Imperativ von Kant beinhaltet die Forderung, jeden Menschen, sich selbst eingeschlossen, stets als Zweck und niemals bloß als Mittel zu behandeln. Handlungen sollen also nicht nur auf ein Ziel gerichtet sein. Sie sollen auch die Auswirkungen auf andere respektvoll mitbedenken. Moralisches Verhalten bedeutet, niemandem zu schaden und die Würde jedes Menschen, auch die eigene, zu achten. Bei der Pflichtenethik wird moralisches Handeln durch feste Pflichten und Regeln bestimmt. Im Mittelpunkt steht, was aus ethischer Sicht getan werden sollte, unabhängig von persönlichen Vorlieben oder Konsequenzen. Pflichten sind gesellschaftlich vorgegebene Normen, die das Verhalten leiten. Werte hingegen werden freiwillig angenommen. Es ist entscheidend, dass moralisches Handeln nicht nur aus Gehorsam geschieht, sondern aus einer inneren moralischen Haltung. Die Folgenethik beurteilt Handlungen danach, welche Konsequenzen sie voraussichtlich haben werden und ob sie dazu dienen, einen guten Zweck zu erreichen. Da sich Folgen oft nur schwer abschätzen lassen, ist dieser Ansatz anspruchsvoll, er bleibt jedoch zentral für ethische Entscheidungen in Gesellschaft, Recht und Technik. Der von Jeremy Bentham entwickelte Utilitarismus bewertet Handlungen nur nach ihren Folgen, nämlich danach, wie viel Glück sie insgesamt erzeugen. Eine Handlung ist moralisch richtig, wenn sie das größte Netto-Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen hervorbringt. Freude und Leid werden dabei miteinander verrechnet. Gemäß der Moralökonomik setzt sich moralisches Verhalten nur dann durch, wenn Anreize so gestaltet sind, dass es sich für den Einzelnen auch lohnt. Karl Homanns Anreizethik fordert daher eine Rahmenordnung, die individuelles Streben nach Nutzen automatisch in moralisch erwünschte Richtungen lenkt. Die moralische Verantwortung liegt dabei weniger beim Einzelnen als beim Staat. Dieser muss faire und funktionierende Regeln schaffen, damit das Eigeninteresse der Menschen gesellschaftlich produktiv wirkt. Der letzte Bewertungsansatz betrachtet die Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist ein ethischer Maßstab dafür, wie Güter und Chancen fair verteilt werden sollten. Nach Aristoteles bedeutet Verteilungsgerechtigkeit, dass Gleiches gleich und Ungleiches ungleich behandelt wird. Ausgleichende Gerechtigkeit sorgt ergänzend dafür, unrechtmäßige oder verzerrte Ergebnisse, etwa durch Betrug, wieder zu korrigieren. Zur besseren Übersichtlichkeit sind die vorgestellten Bewertungskriterien abschließend in Tabelle 1 zusammengefasst. Tabelle 1.1: Ethische Bewertungskriterien Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Conrad, 2020. Case Study: Goldman Sachs Diese Case Study betrachtet das Handeln von Goldman Sachs im Zusammenhang zentraler Finanzskandale mit Fokus auf Handlungsweisen, Motivstrukturen und ethische Wertorientierungen der beteiligten Akteure. Dabei wird nicht die vollständige Rekonstruktion der Ereignisketten, sondern die normative Bewertung des Verhaltens in den Mittelpunkt gestellt. Anhand verschiedener Bewertungsethiken wird geprüft, inwieweit Entscheidungen und Praktiken von Goldman Sachs moralisch tragfähig sind oder systematisch normativer Verantwortung entzogen werden. Profit als Prinzip: Das Geschäftsmodell und die Kultur hinter der Macht von Goldman Sachs Goldman Sachs ( The Goldman Sachs Group, Inc. ), gegründet 1869 in New York, gilt als eines der einflussreichsten Investmenthäuser weltweit. Sie erwirtschafteten 2024 einen Nettoumsatz von über 56 Mrd. USD. Die Bank operiert in einem breit diversifizierten Geschäftsmodell, das Investmentbanking, Wertpapierhandel, Vermögensverwaltung, Kreditvergabe und Beratung kombiniert. Diese Struktur ermöglicht es Goldman Sachs, sowohl als Vermittler von Kapital als auch als eigenständiger Marktakteur aufzutreten und Gewinne aus eigenen Positionierungen zu generieren. Das Geschäftsmodell ist damit nicht allein auf Dienstleistungen ausgerichtet, sondern auf aktive Gewinnabschöpfung entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Finanzsystems. Ein kulturell verankertes Leistungs- und Profitethos ist von zentraler Bedeutung für das Selbstverständnis von Goldman Sachs. Historisch lässt sich dies in der unternehmensintern etablierten Maxime long-term greedy fassen, die besagt, dass konsequente Ergebnisorientierung und Renditen über langfristige Kundenbindungen maximiert werden. Sie zeigt, dass Gewinn nicht nur das Resultat, sondern auch ein legitimes Ziel und Bewegungsgrund für das Handeln ist. Ein entscheidender Wendepunkt in der Unternehmensgeschichte stellte der Börsengang der Bank im Jahr 1999 dar. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Partner persönlich haftbar und agierten daher risikoavers. Mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft wurden die Gewinne potenziert, während die Risiken auf die Aktionärsebene externalisiert wurden. Diese Veränderung führte zu einer Verschiebung des internen Fokus der Bank, der sich von einem langfristigen Vertrauensmanagement hin zu aggressiveren Strategien der kurzfristigen Gewinnrealisierung entwickelte. Diese Strategien wurden zunehmend durch den Druck externer Kapitalgeber und die Interessen der Aktionäre geprägt. Diese Transformation zeigt sich auch in der internen Personalpolitik. Sie machen einen unusual effort to identify and recruit the very best person for the job und etablieren eine stark kompetitive Leistungsstruktur. Mitarbeitende werden systematisch selektiert, evaluiert und unter ständigen Erfolgsdruck gestellt. Auch wenn der Begriff up-or-out im Wortlaut nicht erscheint, wird er faktisch gelebt. Loyalität wird durch Leistung substituiert, Kollegen werden zu Konkurrenten, und die Zugehörigkeit zur Organisation ist konditional an ergebnisorientierte Wertschöpfung. Die Vergütungssysteme verstärken dies, indem variable Bonuskomponenten überproportional an kurzfristige Ertragsbeiträge gekoppelt sind und damit riskante Positionierungen begünstigen, ein klassisches moral-hazard-Szenario. Diese Kultur führt in der Praxis zu erheblichen Belastungen der Mitarbeitenden. Berichte weisen auf systematischen Leistungsdruck, gezielte Einschüchterung und Arbeitswochen von über 100 Stunden hin. Dies offenbart eine Arbeitskultur, in der persönliches Wohlbefinden systematisch dem untergeordnet wird, was ökonomisch verwertbar ist. Das Profitprinzip manifestiert sich zudem im operativen Verhalten der Bank. In der Praxis wurden Kunden nicht ausschließlich als entschädigungspflichtige Mandanten betrachtet, sondern zunehmend als Gegenparteien eigener Handelsstrategien. Diese faktische Re-Interpretation der Kundenrolle ermöglichte es Goldman Sachs, aus Informationsasymmetrien zusätzlichen Profit zu generieren. Eine detaillierte Betrachtung einzelner Fallkonstellationen erfolgt in Kapitel 3.3. Bemerkenswert ist dabei der Kontrast zwischen öffentlichem Selbstbild und gelebter Praxis. Nach außen kommuniziert das Unternehmen Werte wie Integrität und gesellschaftlichen Beitrag. Gleichzeitig wurde intern ein Verständnis gefördert, das wirtschaftlichen Erfolg als moralisch legitimierte Dominanz deutet. Diese Haltung findet Ausdruck in der Äußerung des ehemaligen CEOs Lloyd Blankfein, der erklärte, die Banker verrichteten Gottes Werk . Diese Aussage verweist auf ein Selbstverständnis der Bank als primär gewinnorientierter Marktakteur, für den Regulierung und Gemeinwohlorientierung nachrangig erscheinen, eine Haltung, die öffentlich als Ausdruck institutioneller Selbstüberhöhung interpretiert wurde. Zusammenfassend zeigt sich, dass Geschäftsmodell und Unternehmenskultur von Goldman Sachs strikt auf Profitmaximierung ausgerichtet sind. Gewinn ist dabei nicht Ergebnis, sondern Voraussetzung der institutionellen Macht von Goldman Sachs im globalen Finanzsystem.

Über den Autor

Nach Auslandsaufenthalten in den USA und Brüssel beendete er seine Doktorarbeit über die europäische Stahlpolitik als Assistent am Lehrstuhl für Wirtschaftspolitik der Universität Tübingen. Danach arbeitete er im internationalen Unternehmenskundengeschäft einer der fünftgrößten deutschen Banken, wodurch er ständig Kontakt zur Geschäftsführung zahlreicher Unternehmen hatte. Unter Einbeziehung dieser Feldforschung schrieb er zahlreiche Bücher und Aufsätze zu den Themen Wirtschaftsethik, Märkte, Wettbewerb und insbesondere Finanzmärkte. Als einer der wenigen warnte er auch Ende der 90er Jahre vor der Börsenbubble vor ihrem Zusammenbruch und im Jahr 2000 vor einer gigantischen Finanzmarktkrise, die nur noch unter massiven Belastungen der Steuerzahler aufgefangen werden kann. Derzeit ist er Professor für Volkswirtschaftslehre und Leiter des Master-Seminars Angewandte Wirtschaftsethik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (htw saar) in Saarbrücken.

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