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Psychologie


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 07.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 112
Abb.: 53
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Obwohl Wolters schon 1907 die erste Übersichtsarbeit zur Trichotillomanie in Deutschland veröffentlichte, wurde dieses Störungsbild in den Folgejahren kaum beachtet. Arbeiten aus den 50er bis 70er Jahren stammen vornehmlich aus dem Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Die Erklärungsansätze waren und sind teilweise sehr unterschiedlich und reichen von psychoanalytischer Ursachenbegründung über zwanghaftes Handeln, schlechter Angewohnheit, narzisstischer Regulation und neurobiologischer Ursachenforschung. Nachfolgende Arbeiten der 90er Jahre beschäftigten sich überwiegend mit der Ätiologie, Phänomenologie und Komorbidität der Trichotillomanie. Besonderen Bezug scheint das Krankheitsbild zu den Zwangsstörungen aufzuweisen. Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede zwischen beiden Störungen bzgl. Epidemiologie, Neurobiologie und Pharmakologie wurden untersucht. Heutige Diskussionen um das Störungsbild der Trichotillomanie stehen in Zusammenhang mit der Neuklassifizierung verschiedener psychiatrischer Störungen in das Modell der Zwangsspektrumsstörungen (Obsessive-Compulsive-Spectrum Disorders). Möglicherweise handelte es sich dann eher um eine ‘Zwangsspektrumsstörung mit erhöhten impulsiven Anteilen’. Vorliegende Studie möchte einen Beitrag zur Klärung leisten.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 2.1.6, Störungsbeginn- und Verlauf: Trichotillomanie beginnt meist mit der Pubertät, d.h. um das 11.-15. Lebensjahr (Schlosser et al., 1994 Christenson, 1995 Cohen et al., 1995). Studien über einen Zusammenhang von hormoneller Umstellung des Körpers und Beginn der Störung sind allerdings bekannt. Keuthen, O‘Sullivan, Hayday, Peets & Jenike (1997) berichten von einem Anstieg des Reißreizes in der Woche vor Menstruationsbeginn. Christenson, Mackenzie & Mitchell et al. (1994b) fanden eine übereinstimmende Phänomenologie zwischen Männern und Frauen. Sie gehen von einer Gleichverteilung der Auftretenshäufigkeit von TTM aus. Den ausgesprochen hohen Frauenanteil von bis zu 93% (Christenson, 1995 Cohen et al., 1995) erklären die Autoren damit, dass Frauen eher gewillt sind, professionelle Hilfe aufzusuchen. Bei Männern sei Haarausfall zudem gesellschaftlich akzeptiert, so dass die Betroffenen ihre Symptome leichter vertuschen können. Christenson & Mansueto (1999) geben eine Zusammenstellung möglicher äußerer Auslöse- bzw. Stressfaktoren, wie Tod oder Krankheit eines Familienmitglieds, Wohnortwechsel, Distanzierung oder Entfremdung von Freunden, Schwierigkeiten oder Druck in der Schule, Eintritt der Menarche, Trennung oder Scheidung der Eltern, Geschwisterrivalitäten, Aufgeben des Rauchens, Sexueller Missbrauch u.a. an. Christenson & Mackenzie (1994a) schätzen in ihrer Untersuchung zu automatisiertem- und fokussiertem Haareausreißen, dass ca. dreiviertel der Betroffenen überwiegend unbewusst, d.h. gewohnheitsmäßig Haare ausreißen. Bei einem Drittel ihrer Probanden waren die Handlungen des Haareausreißens sogar mit lustvollen As-pekten verbunden, die dabei halfen ein Gefühl von Lethargie und Langeweile zu lindern. Nur ein Viertel der Befragten assoziierte in dieser Untersuchung das Haareausreißen mit innerem Drang, erhöhter Anspannung oder Zwangsgedanken. Nach Neudecker & Hand (1999) gibt es selten reißfreie Phasen die länger als ein paar Tage andauern. Die meisten Patienten haben bestimmte ‘Lieblingsstellen’, an denen sie reißen. Scheinen diese Orte erschöpft, d.h. ist entweder deutlich die Kopfhaut zu sehen oder sind z.B. alle Augenbrauen ausgerissen, wird vorübergehend auf andere Orte ausgewichen. Bei starker, über Jahre andauernder Trichotillomanie, muss langfristig mit Kahlheit gerechnet werden. Vereinzelt berichtete Erfolge über längere reißfreie Zeiten von Monaten und Jahren scheinen durch einen phasenweisen Verlauf des Störungsbildes bestimmt zu sein (Christenson, 1995). Die Dauer der Haarausreißepisoden schwankt zwischen wenigen Minuten bis zu einigen Stunden täglich (Swedo & Rapoport, 1991a Winchel, 1992). 2.1.7, Soziale Beeinträchtigung: Das am häufigsten beobachtete sekundäre Problem der TTM- Betroffenen ist die zunehmende soziale Isolation. Einerseits werden für das stundenlange Beschäftigen mit dem Haar soziale Kontakte geopfert, andererseits entsteht diese Isolation aber aus dem Gefühl von Scham und Peinlichkeit (Swedo & Rappoport, 1991a). Viele der Betroffenen benutzen Perücken, spezielles Haardesign, Kopftücher, Make-Ups, Hüte, künstliche Wimpern u.a. (Schlosser et al., 1994 Diefenbach, Reitman & Williamson, 2000). Aus Furcht vor Entdeckung werden Freizeitbeschäftigungen wie Schwimmen, Tanzen, Sport und andere Situationen, in denen der Haarverlust entdeckt werden könnte, vermieden. Neben der geminderten Lebensqualität der Betroffenen führt diese ängstliche Vermeidung von Sozialkontakten auch dazu, dass es den TTM-Patienten nicht gelingt, ärztlich-psychologische Hilfe aufzusuchen (O’Sullivan et al., 1996). Dieses vermeidende Verhalten führt wiederum dazu, dass viele Betroffene glauben, die Einzigen mit diesem Problem zu sein (Diefenbach et al., 2000). 2.1.8, Prävalenz: In der ersten Studie zur Prävalenz der TTM wurden 2579 College-Studenten befragt (Christenson, Pyle & Mitchell, 1991b). Die Resultate zeigten bei 1,5% der Männer und 3,4% der Frauen pathologischen Haarverlust, wenn man das Kriterium C des ‘unmittelbaren Spannungsanstiegs vor der Handlung’ vernachlässigte. Bei Erfüllung aller Diagnosekriterien wurde eine Lifetime-Prävalenz über beide Geschlechter von 0,6% ermittelt. In einer anderen Studie an College-Studenten wurden Prävalenzraten zwischen 10% und 13% angegeben, wobei aber nur bei 1% der Studenten klinisch auffälliger Haarverlust festzustellen war (Rothbaum, Shaw, Morris & Ninan, 1993). 2.1.9, Komorbidität: Trichotillomanie scheint in den wenigsten Fällen losgelöst von anderen Störungsbildern aufzutreten. Häufig sind Komorbiditäten zu anderen Achse-I Störungen nach DSM-IV (Klinische Störungen und andere klinisch relevante Probleme, d.h. Zustandsstörungen, schwere mentale Fehlstörung und Lernunfähigkeiten) zu beobachten. Christenson et al. (1991a) fanden innerhalb der TTM-Patientengruppe (N= 60) Komorbiditäten von 55% Major Depression, 57% Angststörungen, 20% Essstörungen und 22% Alkohol-Abhängigkeit. In der Untersuchung von Swedo & Leonard (1992) wurden Raten von 39% unipolarer Depression, 32% generalisierter Angststörung, 16% Zwangstörung und 15% Substanzabhängigkeit bei der TTM- Gruppe festgestellt. Christenson (1995) lieferte die mit 186 TTM-Patienten umfangreichste Studie zu Achse-I Störungen mit 59% Affektiven Störungen (davon 51,6% Major Depression), 82,9% Angststörungen (davon 27% generalisierte Angststörung, 18,8% einfache Phobie, 13,4% Zwangsstörungen u.a.), 21% Essstörungen, 35,5% Substanzmissbrauch oder Abhängigkeit und 3,2% chronisch-motorischen Tics. Christenson, Chernoff- Clementz & Clementz (1992) untersuchten an 48 TTM-Patienten auch die Komorbidität zu Achse-II- Persönlichkeitsstörungen nach DSM-IV (Persönlichkeitsstörungen). 42% der untersuchten Patienten wiesen entsprechende Komorbiditäten auf (Histrionische PS, 14,6% Vermeidende PS, 10,4% Zwanghafte- und Abhängige PS je 8,3% u.a.). Da es zur parallelisierten Kontrollgruppe (N= 48) keine signifikanten Unterschiede gab, schlossen die Autoren auf keine charakteristischen Persönlichkeitsstörungen bei TTM-Patienten. Swedo (1993) stellte bei 38% ihrer TTM-Patienten Achse-II-Persönlichkeitsstörungen fest. Bei Schlosser et al. (1994) finden sich 55% Achse-II-Persönlichkeitsstörungen (PS) in der TTM- Gruppe (N= 22). Dabei nehmen die Schizoide PS 14%, die Borderline PS 14%, die Vermeidende- PS 14%, die Passiv- aggressive PS 14% und die Obsessive- Compulsive PS 27% ein (bei Mehrfachnennung). Auch wenn die TTM-Betroffenen eine im Vergleich zur Normalbevölkerung höhere Prävalenz zu Persönlichkeitsstörungen aufzuweisen, sind diese Störungen nicht häufiger anzutreffen als bei anderen psychischen Erkrankungen (Christenson et al. 1992).

Über den Autor

Klaus Amadeus Böhm arbeitet als Psychologischer Psychotherapeut (TP) in einer Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie in privater Praxis.

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