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Geisteswissenschaften

Thorsten Gawollek

Geliehene Biografien: Formen der Erinnerung bei Jonathan Littell und W.G. Sebald

ISBN: 978-3-95549-096-6

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Produktart: Buch
Verlag: Bachelor + Master Publishing
Erscheinungsdatum: 03.2013
AuflagenNr.: 1
Seiten: 76
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Zwei Autoren, die den Holocaust selbst nicht erlebt haben, schildern diese Zeit und die Nachwirkungen auf die Betroffenen in einer Genauigkeit, als ob sie selbst dabei waren. Beide Autoren bedienen sich nicht ihren eigenen Erinnerungen, sondern leihen sich Erinnerungen, um daraus ihre Werke zu konstruieren. Durch die literarische Aufarbeitung werden Erinnerungen, die individuell fragmentarisch gespeichert und wiedergegeben werden, in einen neuen Kontext gesetzt. Littell schreibt die komplette Biographie eines Menschens, den es so nie gegeben haben kann. W.G. Sebald konstruiert aus Fotos und Gegenständen Lebensläufe von Personen, die man nicht mehr vergisst. In diesem Buch wird die Arbeitsweise der beiden Autoren beschrieben und es wird der Frage nachgegangen, wie sie eine Vergangenheit literarisch aufarbeiten, die sie selbst nicht erlebt haben. Als Textgrundlage für die Untersuchung dient zum einen der Roman Die Wohlgesinnten von Jonathan Littell und zum anderen die Werke Die Ausgewanderten und Austerlitz von W.G. Sebald.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 3.2., Die Ausgewanderten: Der Klappentext von Die Ausgewanderten lautet: 'W.G. Sebald schildert die Lebens- und Leidensgeschichte von vier aus der europäischen Heimat vertriebenen Juden, die im Alter an ihrer Untröstlichkeit zerbrechen.' Das stimmt nur teilweise. Ambros Adelwarth ist weder Jude noch vertrieben worden und Paul Bereyter ist Dreiviertelarier und hat Europa nie verlassen. In Die Ausgewanderten ist die Erzählstruktur aller vier Erzählungen gleich angelegt. Ein Erzähler kommt auf verschiedene Weisen in Kontakt mit der Person, die der Erzählung den Namen gibt. In der ersten Erzählung ist es der Vermieter des Erzählers, in der zweiten der verstorbene ehemalige Volksschullehrer, in der dritten ein Großonkel und in der letzten Erzählung ein Maler, den der Erzähler zufällig kennenlernt. Die Figuren kommen 'in den Erzählungen über ihr Leben, ihre Erinnerung über weite Strecken selbst zu Wort oder aber Menschen bzw. Figuren, die die Protagonisten gekannt haben, erzählen über sie.' Der Duktus, in dem Die Ausgewanderten erzählt wird, ist häufig derjenige der Mündlichkeit[..], zumal dieser Kunstgriff der literarischen Fingierung von Mündlichkeit imstande ist, einen gesteigerten Realismus und den Eindruck der Authentizität zu erzeugen und die Illusion einer 'Sprache der Nähe' zu erzeugen. Dies geschieht vor allem dadurch, dass Sebald die direkte Rede nie kennzeichnet, sondern sie im Textverlauf einfließen lässt. Ebenso lässt Sebald fremdsprachige Passagen im Text unverändert. Dies deutet auf Unverfälschtheit hin. Dadurch, dass der Ich-Erzähler bestimmte Passagen übersetzen müsste, würde die Unterhaltung an Wert verlieren. In den Sommermonaten machten wir Autotouren quer durch Europa. Next to tennis, sagte Dr. Selwyn, motoring was my greatest passion in those days.[...]Aber ich habe es nie fertiggebracht, etwas zu verkaufen, except perhaps, a tone point, my soul. Der Ausdruck 'sagte Dr. Selwyn', oder 'sagte er', vermittelt den Eindruck, dass man die Geschichte persönlich vom Erzähler geschildert bekommt. Da der Eindruck einer persönlichen Beziehung zum Erzähler geweckt werden soll, übersetzt er die englischen Passagen nicht neu, sondern er 'weiß', dass wir es verstehen. 3.2.1, Der Ich-Erzäher: Der Ich-Erzähler trägt starke autobiographische Züge von W.G. Sebald. So beginnt die Erzählung Dr. Henry Selwyn mit den Worten 'Ende September 1970, kurz vor Antritt meiner Stellung in der ost-englischen Stadt Norwich'. Sebald lehrte tatsächlich seit 1970 an der Universität of East Anglia in Norwich. Es kommt vor, dass der Autor die autobiographischen Fakten fast spielerisch einbaut. 'Sagte man also zu Mangold, man sei am 18.Mai 1944 geboren, erwiderte er unverzüglich, das war ein Donnerstag.' Dies ist der Geburtstag Sebalds und es war tatsächlich ein Donnerstag. Der Geburtstag taucht ebenso am Ende von Austerlitz auf. Im Verlies der belgischen Festung Breendonk ritzen die Gefangenen ihren Namen und manchmal auch das Datum ihrer Festnahme in die Kalkwand. Ein Max Stern aus Paris war demnach am 18. Mai 1944 in dem Verlies. Die Geschichte eines französischen Kriegsgefangenen ist ein Teil der Geschichte des Krieges und durch die scheinbar zufällige, aber bewusst inszenierte, Nennung von sieben Zahlen, die in eine Gefängniswand geritzt wurden, wird es zur einer Geschichte, die durch diese Überschneidung, den Autor persönlich betrifft. Der Erzähler nimmt bei Sebald stets eine zentrale Rolle ein, er ist die 'zentrale Ordnungsinstanz für die Darstellung der Geschichte in Sebalds Werk'. Dieser sagt zu der Rolle des Erzählers in einem Interview: 'Ich glaube auch, daß man heute nicht mehr so schreiben kann, als sei der Erzähler eine wertfreie Instanz. Der Erzähler muß die Karten auf den Tisch legen, aber auf eine möglichst diskrete Art.' Die Karten sind dabei die Dokumente, die Sebald im Sinne der Bricolage in den Text einbaut. Die Auswahl der Dokumente gibt Informationen über den Autor, da er einerseits die Dokumente auswählt und andererseits für die Herstellung der Fotografien und der abgebildeten Gegenstände verantwortlich ist. 'Darin gleicht er dem Bastler, der in sein Werk immer etwas von sich hineinlegt.' In der Ambros Adelwarth-Erzählung ist doppelseitig eine Kopie des Tagebuches von Ambros Adelwarth abgebildet und der Ich-Erzähler gibt die Tagebuchaufzeichnungen im Text wieder. Vergleicht man den handschriftlichen Text mit der Übersetzung des Erzählers 'stellt sich jedoch heraus, daß der Erzähler Adelwarths vermeintliche Agenda im Text mit nicht markierten Zufügungen versehen hat.' Ein Ausrufezeichen macht der Erzähler zu einem Punkt und fügt einen Satz hinzu, der nicht in Adelwarths Agenda steht. 'Der Erzähler ist somit mehr als bloßes Medium.' Er fügt dem vermeintlich authentischen Material bewusst etwas hinzu. Von Steinacker nennt den Umgang mit den Dokumenten 'inszenierte Semi-Fiktion' , was dadurch unterstrichen wird, dass er eine auffallende Ähnlichkeit zwischen den Handschriften von Ambos Adelwarth und Sebald erkennt. Anhand dieser Inszenierung kann man davon ausgehen, 'daß keine der im Buch vorgestellten Figuren tatsächlich existiert oder existiert hat und hier statt dessen repräsentative, ja exemplarische Lebensläufe vorgeführt werden.' Demnach balanciert der Ich-Erzähler auf der Grenze zwischen Realität und Fiktion und ordnet die Dokumente so, dass trotz unglaubwürdiger Zufälle die Erzählung real wirkt bzw. zu einer neuen Realität wird. Dass ein realistischer Text mit Wirklichkeit umgeht, ist Teil seiner eigenen Konstruktion. Vom Grad der Einsicht in dieses Dilemma hängt für Sebald ab, ob es dem literarischen Text gelingt, seine Darstellung zu beglaubigen. Aus diesem Grund ist Sebalds eigene Prosa gewissermaßen an der Grenze zwischen Wirklichkeit und Fiktion angesiedelt. Der Ich-Erzähler dient in den Erzählungen dazu, persönliche Katastrophen darzustellen und er weiß, dass dies seine Aufgabe ist. Die Sicht des Erzählers 'markiert die Differenz zwischen historischer Realität und ihrer textlichen Reproduktion.' Diese Differenz begründet 'die «Gemachtheit» des Textes' , die 'ihre eigene «Wahrheit» in der Anordnung des Materials gewinnt.' Sebald gelingt es, trotz dieser offensichtlichen Gemachtheit seiner Erzählungen, Geschichte glaubhaft darzustellen. Er versucht, mit seinen speziellen literarischen Mitteln, Wahrheit durch konkrete Einzelschicksale darzustellen. Eine möglicher Hinweis auf die Frage, warum Sebald diesen Ansatz gewählt hat, findet sich im Kapitel 3.4.

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