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Geisteswissenschaften

Cornelia Scherpe, M.A.

Väterliche Autoritäten im Werk Thomas Bernhards und Franz Kafkas

ISBN: 978-3-95549-156-7

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Produktart: Buch
Verlag: Bachelor + Master Publishing
Erscheinungsdatum: 03.2013
AuflagenNr.: 1
Seiten: 52
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Diese Studie betrachtet Das Urteil von Franz Kafka und Der Keller von Thomas Bernhard unter dem Gesichtspunkt der Verarbeitung individueller Erlebnisse durch die Literatur. Es wird die These aufgestellt, dass beide Autoren Literatur produziert haben, um über ihre väterlichen Bezugspersonen und ihr persönliches Verhältnis zu ihnen zu reflektieren. Bei der Untersuchung der Darstellung väterlicher Autorität in literarischen Werken werden drei Kriterien in den Fokus gerückt. Zunächst wird untersucht, wie die erlebte Autorität dargestellt wird. Danach wird sich der Frage zugewandt, wie das Erlebte verarbeitet wird, insbesondere inwiefern eine Zuweisung von Schuld an die Autoritäten erfolgt und ob diese Schuldzuweisungen berechtigt sind. Als letzter Punkt wird die Frage nach der Existenz von Nestwärme im autoritären System stehen und ob ihr Vorhandensein beziehungsweise ihre Abwesenheit einen signifikanten Einfluss auf den Emanzipationsprozess der Kinder hatte. Bevor diese Fragen beantwortet werden, wird in einem theoretischen Teil geklärt, warum die Werke sich für eine autobiographische Deutung eignen und ihnen, unter Bezugnahme auf Lejeune, Authentizität zugesprochen werden darf.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 2., Das Spiel mit den Gattungen. Theoretische Betrachtung: 2.1, Allgemeines: Einen Schriftsteller in den Fokus einer psychologischen Betrachtung seiner Kindheit und Adoleszenz zu rücken, ist ein ergiebiges Untersuchungsfeld. Schwierig – aber umso faszinierender – wird es, wenn man diesen Schriftsteller nur aufgrund eines ausgewählten Werkes, das er verfasste, dieser psychologischen Betrachtung unterzieht. Diese Herangehensweise bietet sich bei Autobiographien an, da dort ‘der Autor die Chronik des eigenen Lebens schreibt, d.h. Subjekt und Objekt der Darstellung zugleich ist’. Hier findet sich die von Lejeune gegebene Minimaldefinition von Autobiographie wieder, die als Voraussetzung der Gattungszuordnung vorsieht, dass eine ‘Identität zwischen dem Autor, dem Erzähler und dem Protagonisten’ bestehen muss. Ich werde mich als Erstes der Frage zuwenden, warum Der Keller, obwohl er Teil von Bernhards autobiographischem Zyklus ist, nicht ohne Weiteres als Autobiographie bezeichnet werden kann und weshalb die Textstellen, die ich im Verlauf der Arbeit untersuchen werde, nicht als ‘schlichte Wahrheit’, das heißt nicht ohne Betrachtung von biographischer Sekundärliteratur gelesen werden dürfen. Wenn ich diese Frage beantwortet haben werde, wird es die zweite Aufgabe dieses Kapitels sein zu beweisen, dass im Umkehrschluss die Erzählung Das Urteil für biographische Rückschlüsse auf Kafka genutzt werden kann. Ziel ist es, am Ende des Kapitels die Oszillation der Werke gezeigt zu haben: Das Urteil als Erzählung, die doch autobiographisch ist, und Der Keller, der als Autobiographie in eine stark fiktiven Charakter hat und dennoch autobiographisch betrachtet werden muss. 2.2, Thomas Bernhard: Der Keller: Thomas Bernhards autobiographisches Werk gilt als umstritten. An manchen Stellen ist Bernhards Hang zur Selbstinszenierung so stark, dass das Werk sehr viel stärker fiktional denn autobiographisch wirkt. Zieht man Biographien sowie Berichte von Zeitzeugen und Freunden zu unserer Betrachtung hinzu, lässt sich diese These sehr leicht erhärten. Da ich mich mit dem Verhältnis Kafkas und Bernhards zu ihren väterlichen Autoritäten beschäftige und Bernhards Großvater, Johannes Freumbichler, diese Rolle im Leben Bernhards inne hatte, gilt es für diese Arbeit diesen Inszenierungshang Bernhards bezüglich seines Großvaters zu erkennen und zu werten. Alexandra Ludewig hat in ihrer Auseinandersetzung mit Thomas Bernhard anschaulich erarbeitet, weshalb man zwischen der realen Person des Großvaters Johannes Freumbichler und seiner Darstellung in Bernhards Autobiographie sehr bewusst differenzieren muss. Beispielsweise hat Freumbichler ‘niemals ein Priesterseminar besucht’, auch wenn dies im ersten Band des autobiographischen Zyklus Die Ursache. Eine Andeutung von Bernhard behauptet wird. Ebenso ist der vom Erzähler betonte Atheismus des literarischen Großvaters [ist] beim realen Großvater anhand seiner gottesfürchtigen Schriften zu revidieren, das heißt, die österreichisch-katholische Tradition, in welcher Freumbichler stand, hätte Bernhard gern negiert gesehen. An dieser Stelle wird besonders gut deutlich, dass Thomas Bernhard die Niederschrift seiner Autobiographie nutzt, um ganz gezielt und wohl kalkuliert sein Leben, das Leben seines Großvaters und die Beziehung beider Männer zueinander in das Licht zu rücken, in dem der Leser die drei Aspekte sehen soll. Von Wahrheit kann hier keine Rede mehr sein. Betrachtet man dies alles, steht man vor einem vernichtenden Urteil. Muss man aus diesem Grunde Bernhards Der Keller den Anspruch auf die Bezeichnung ‘Autobiographie’ entziehen? An dieser Stelle komme ich auf Lejeune zu sprechen. Dieser hält fest: Name des Protagonisten = Name des Autors. Allein diese Tatsache schließt die Möglichkeit einer Fiktion aus. Selbst wenn die Erzählung historisch gesehen völlig falsch ist, gehört sie dem Bereich der Lüge an (einer ‘autobiographischen’ Kategorie), und nicht dem der Fiktion. Bernhard spielt hier sehr bewusst mit der Gattungsdefinition, denn er weiß: Auf dieser Definition basierend, kann man ihn der Lüge bezichtigen, doch man kann dem Werk unmöglich den Anspruch auf die Gattungszuordnung entziehen, denn der Name des Protagonisten in Der Keller ist der Name des Autors es ist Thomas Bernhard. Er baut dieses Wissen sogar explizit in das Werk ein, indem er an einer Stelle die Reflexion auf sein Leben unterbricht und einschiebt: ‘Wir wollen die Wahrheit sagen, aber wir sagen nicht die Wahrheit. Ich habe zeitlebens immer die Wahrheit sagen wollen, auch wenn ich jetzt weiß, es war gelogen’ (Der Keller. S. 39). Indem Der Keller der Gattung ‘Autobiographie’ zuordnet wird, tritt auch der sogenannte autobiographische Pakt in Kraft und Bernard kann getrost über sich und sein Werk sagen, er habe gelogen. Nach Lejeune verbürgt sich der Autor für die berühmt gewordene Gleichung: Autor = Erzähler = Protagonist und der Leser erklärt sich beim Beginn der Lektüre einverstanden, dass diese ‘Namensidentität’ zwischen den dreien besteht. Nach Lejeune enthalten Autobiographien neben dem autobiographischen Pakt auch einen referentiellen Pakt, nämlich dadurch, dass sie auf eine ‘außerhalb des Textes liegende ,Realität'‘ verweisen. Es ist nachprüfbar, inwiefern das literarische Abbild der Realität gut oder schlecht gezeichnet ist. Bernhards Beschreibungen, die nun nicht der Realität entsprechen, entschuldigt der referentielle Pakt, denn für die Autobiographie ist es [nur] unerläßlich, daß der Referenzpakt geschlossen und eingehalten wird: Aber das Resultat muß nicht unbedingt eine strenge Ähnlichkeit aufweisen. Der Referenzpakt kann nach den Maßstäben des Lesers schlecht eingehalten werden, ohne daß der referentielle Wert des Textes verschwindet. Die Unwahrheiten, die Bernhards autobiographischen Schriften enthalten, werden ihm somit nicht nur nicht zum Verhängnis, sondern erfüllen vielmehr gerade die Existenzbedingung einer Autobiographie. Er verführt den Leser, wie Mephisto einst Faustus, mit ihm diesen Pakt einzugehen. Jetzt kann der Leser nur noch ‘die Ähnlichkeit bekritteln, aber niemals die Identität’. Bernhard nutzt diese Grundlage für seine Schreibstrategie. Der Keller beschreibt kaum biographische Ereignisse, sondern ist eine einzige große Reflexion Bernhards auf sein Leben und Denken. Der Leser läuft Gefahr, Bernhards Meinung zu übernehmen, je länger er sich im Text und somit innerhalb Bernhards Wahrnehmungsperspektive bewegt. Natürlich ist sich Bernhard auch dessen vollkommen bewusst. Er spielt mit dem Rezipienten, um sowohl seine eigene Geschichte als auch die Person seines Großvaters umzuschreiben. Hat man die Unterschiede zwischen Fiktion und Wirklichkeit herausgefunden, kann man auf der Basis dieses Wissens dennoch werkimmanent arbeiten. Interessant ist für meine Arbeit, wie die erlebte Autorität im Werk verarbeitet wird, dabei können Diskrepanzen zwischen biographischen Fakten und Bernhards Darstellung gerade interessant sein. Es wirft folgende Fragen auf: An welchen Stellen schrieb Bernhard die Familiengeschichte um und was sagt dies über ihn beziehungsweise das Verhältnis zur väterlichen Autorität aus? An welcher Stelle er sie umschrieb, das kann ich bereits jetzt vor wegnehmend sagen: Wann immer ein Verhalten des Großvaters beschrieben wird, aufgrund dessen man ihn Erziehungsfehler unterstellen würde. Wenn ich also auf die Schuldfrage zu sprechen komme, werde ich differenzieren müssen, zwischen der tatsächlich existierenden Person Johannes Freumbichler und seiner Darstellung in Bernhards Autobiographie.

Über den Autor

Cornelia Scherpe wurde 1987 in Sachsen geboren und arbeitete nach ihrem Abitur 2005 im Rahmen eines freiwilligen sozialen Jahres an einer Integrationskindertagesstätte. Dann verließ sie ihre Geburtsstadt, um in Düsseldorf an der Heinrich-Heine-Universität das Studium der Germanistik und der Soziologie aufzunehmen. Sie absolvierte 2009 den Bachelor und studierte direkt im Anschluss weiter im Masterstudiengang Germanistik. Im September 2011 bekam sie den zweiten akademischen Grad Master of Arts mit der Durchschnittsnote sehr gut verliehen. Noch zu Zeiten ihres Bachelor-Studiums ging sie als Jungunternehmerin im Bereich der Online-Medien an den Markt. Nach ihrem Master-Abschluss wurde sie Online-Texterin in Vollzeit.

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