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Geschichte


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 05.2017
AuflagenNr.: 1
Seiten: 80
Abb.: 7
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Der Autor schildert die Geschichte seines Großvaters, der drei Jahre nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten denunziert und unter dem Vorwurf des Hochverrats verhaftet wurde. Über fünf Monate hielt man ihn fest. Mit der Verhaftung durch die Gestapo hörten die Gehaltszahlungen auf, war die materielle Existenz der Familie bedroht. Trotz eines Freispruchs wegen erwiesener Unschuld konnte er seinen Dienst als Schulleiter nicht wieder antreten. In diesem Buch setzt sich der Autor gleichzeitig kritisch mit seinem Großvater auseinander, der sich vom nationalsozialistischen Gedankengut mitreißen ließ, ohne sich später kritisch davon zu distanzieren. So blieb er dem Autor und seiner Familie eine Antwort auch in seinen 1970 abgeschlossenen Lebenserinnerungen schuldig.

Leseprobe

Textprobe: Im Sommer 1936 erfolgte auf Anordnung von Heinrich Himmler die Umbenennung in Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, das der Gestapo unterstellt war. Während des Novemberpogroms 1938 sammelten sie hier einen Großteil der Juden, die in das KZ Sachsenhausen transportiert wurden. Später durchliefen auch ca. 400 Swing-Jugendliche das Polizeigefängnis. Im 'Kolafu' herrschte große Fluktuation, weil die Häftlinge in der Regel nach einiger Zeit in andere Lager verlegt wurden. Inhaftiert wurden Hamburger Kommunisten, Sozialdemokraten, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und Juden. Insgesamt kamen über 450 Frauen und Männer in Fuhlsbüttel ums Leben. Zu den bekanntesten Häftlingen gehörte der Hamburger Schriftsteller Willi Bredel (1901-1964), der 1933 nach der Machtübernahme der NSDAP ins KZ Fuhlsbüttel gebracht wurde. Nach dreizehnmonatiger Haft gelang ihm die Flucht aus Deutschland in die Tschechoslowakei. Dort schreib er 1934 den dokumentarischen Roman Die Prüfung , in dem er seine Erlebnisse in Hamburg-Fuhlsbüttel verarbeitete. Sowohl für die Häftlinge als auch für die Bewachung bedeutete die Umbenennung des KZ Fuhlsbüttel in 'Polizeigefängnis' keine Änderung der Verhältnisse. Tatsächlich blieb das Polizeigefängnis unter der Leitung der Hamburger Gestapo bis Kriegsende in den Räumen der Strafanstalten Fuhlsbüttel bestehen. Die Geschichte des KZ Fuhlsbüttel endete 1936 mit der Umbenennung ein konkretes Datum kann nicht benannt werden. Unter anderer Bezeichnung, als Polizeigefängnis, blieb diese 1933 geschaffene Einrichtung nahezu unverändert bis Kriegsende bestehen. Trotz der angeordneten Umbenennung blieb Jahre lang, selbst im behördlichen Schriftverkehr, 'Konzentrationslager' die verbreitete Bezeichnung für das Polizeigefängnis Fuhlsbüttel, das mit den Konzentrationslagern wie Sachsenhausen, Dachau, Buchenwald oder Ravensbrück in kaum eine Hinsicht noch etwas gemein hatte . Doch zurück zu meinem Großvater. Auch er benutzt wiederholt den Begriff Konzentrationslager . Wie später noch zu beobachten sein wird, wurde meinem Großvater in der Haft eine bevorzugte Behandlung zuteil. Durch seine privilegierte Stellung kam er in den Genuss von Vergünstigungen, die anderen Häftlingen nicht vergönnt waren, so dass sich hier allein schon in Hinblick auf die Art der Haft der Begriff Konzentrationslager verbietet. Es wäre respektlos und eine Beleidigung von Millionen Holocaust-Opfern, wollte man die Haftbedingungen meines Großvaters mit denen in den Vernichtungslagern gleichsetzen. Hier im Gefängnis musste er sich immer wieder mit anderen Gefangenen in einer Reihe aufstellen mit dem Blick zur Wand. Das blieb überhaupt die Grundstellung im 'KZ', solange ich dort war. Wenn man lange warten muss, und die Zeit darf einem Gefangenen nicht viel bedeuten, dann ist das blöde Stieren auf eine gekalkte Wand geradezu eine Qual und man hat Mühe, das Unwürdige einer solchen Situation unterzukriegen . Mein Großvater wird mit lautschallender Stimme beschimpft er sei ja ein schöner Professor, und so was wolle Jugenderzieher sein. Überhaupt die Lehrer, die Schweinehunde! Überall und immer wären sie dabei, wenn es darum ginge, etwas gegen den Staat Adolf Hitlers zu unternehmen. Aber man werde schon..! Von allen Gefangenen, vierzehn an der Zahl, erfuhr ich allein die Ehre einer solchen Ansprache. Aber seltsam, ich hatte sofort das untrügliche Gefühl, dass der Schimpfende, der sich als Lagerkommandant Kriminalkommissar Rode erwies, ein anständiger Mensch war, dass er anscheinend wohl bürgerlich angesehenere Gefangene mit einer solchen Lage zur Begrüßung bedachte. Wie sich später herausstellte, hatte mich mein erster Eindruck nicht getrogen . Mein Großvater bekam eine Einzelzelle zugewiesen. Ein SS-Wachtmeister leitete mich mit schrillem Kommando hin, ein Kalfaktor war dabei, der mich von der Seite her kameradschaftlich anlächelte. Wie in einem schlechten Kriminalroman fiel dann die Tür dröhnend hinter mir ins Schloss. Von oben kam durch ein vergittertes Fenster das strahlende Sonnenlicht, bald begannen die Glocken einer nahen Kirche den Sonnabendabend einzuläuten, eine Amsel setzte sich in einer Linde vor der Zelle auf einen Ast und sang, und über den Hof hinweg dröhnte ein dreimotoriges Verkehrsflugzeug […] zum nahen Fuhlsbüttler Flughafen. Dieses Flugzeug habe ich dann noch viele Wochen über mich hinwegdröhnen hören. Da es Sonnabend war, wo die Kammer [Kleiderkammer] und die anderen Dienststellen bereits geschlossen waren, bekam ich keine Bettwäsche mehr. Der Kalfaktor brachte mir ohne Auftrag ein einigermaßen sauberes Handtuch. Ich setzte mich neben den kleinen Tisch auf den Schemel an der Wand und überdachte meine Lage. Gegenüber dem langen Tag war die jetzt auf einmal eingetretene Stille und Einsamkeit eine Erquickung. Immerhin kostete es einiges, innerlich in Form zu bleiben . Mein Großvater überdenkt seine Lage und gelobt, eisern hart gegen sich zu sein und irgendwelchen Gefühlseinbrüchen keinen Raum zu geben, obwohl es ihm schwer fiel, beim Denken an die Familie und die unzähligen Dinge, die das Leben ausmachen, diese Form zu wahren. An der Mauer kroch das Sonnenlicht ständig weiter. Ich untersuchte die Wand und fand an mehreren Stellen kleine Striche eingeritzt, die in Gruppen von je vier durch einen Querstrich zusammengehalten wurden. Das war die Zahl der Tage, die meine jeweiligen Vorgänger in der Zelle zugebracht hatten. In einer Gruppe zählte ich 73 Striche, eine unausdenkbar lange Zeit, die ich als für mich mit Sicherheit nicht in Betracht kommend weit von mir wies. Es sollte sich aber erweisen, dass ich mich getäuscht hatte . In der Tür befand sich eine Klappe, die nur von außen geöffnet werden konnte über der Klappe ein kleines rundes Loch, das durch eine kleine ebenfalls von außen verschiebbare Scheibe verschlossen wurde. Ich bemerkte mehrmals, dass jemand leise von außen an die Tür schlich und die Scheibe beiseiteschob. Als ich bei einer solchen Gelegenheit einmal schnell auf die Tür losschritt und scharf in die kleine Öffnung hineinblickte, verschwand das Auge, das davor stand. Es war alles ebenso unheimlich wie grotesk-komisch. Man war nun also ein richtiger Gefangener, ein irgendwie gefährlicher Mensch, dem man von Amts wegen nichts als Misstrauen entgegenbringen darf […] . Die Zelle war sauber, kaum ein Fleckchen Staub, die Wände sauber gestrichen, in der Ecke ein verschließbares Wasserklosett, dessen Geruchlosigkeit von der Sorgfalt und Sauberkeit des Zelleninhabers abhing. Ferner befand sich in der Zelle ein Waschbecken, ein Waschnapf sowie ein Blechteller mit Besteck. An der Tür eines kleinen Wandschranks hing ein winziger Spiegel, aus dem mir ein sehr unrasiertes Gesicht entgegenblickte. Bald nachdem ich die Ersterkundung meines neuen Aufenthaltes zu Ende gebracht hatte, wurde die Tür rasselnd aufgeschlossen, der SS-Wachtmeister erschien mit dem Kalfaktor, und ich empfing ein Stück trockenes Brot und etwas Kaffee, der aber wesentlich besser war als der im Stadthaus. Während dieser ganzen Zeit scholl das Klappern und Werfen von Eimern und Töpfen zu mir herüber, das die ganze Zeit hindurch die rohe Begleitmusik am Morgen und Nachmittag blieb. In dem einen Flügel an unserem Hof war nämlich die Küche untergebracht, in der das Essen nicht nur für das 'KZ', sondern auch für das danebenliegende Gefängnis und das anschließende Zuchthaus zubereitet wurde. Ein Beamter sagte mir einmal, dass dort für etwa 3000 Personen gekocht würde. Als ich die erste, appetitlose Zeit, durch die jeder neue Häftling hindurchgehen muss, hinter mir hatte, habe ich immer mit gutem Appetit gegessen . Um 19 Uhr wurde geläutet. Das ist das Zeichen, dass der Tag des Gefangenen zu Ende ist und die Nacht beginnt. Er musste sich dann zu Bett legen und durfte sich ohne Erlaubnis nicht mehr außerhalb der Lagerstätte aufhalten. Ich musste mit Decken ohne Wäsche vorlieb nehmen. Da ich aber von dem überlangen Tag und den seelischen Strapazen total erschöpft war, schlief ich bald ein und hatte die Nacht hindurch einen guten Schlaf. Abwehrmittel gegen Stimmungseinbrüche: Du bist hier hereingekommen, du wirst auch wieder herauskommen, so oder so! Da du ein gutes Gewissen hast, so muss dir Gerechtigkeit widerfahren, und es kann dir nichts passieren . Am nächsten Morgen, den 21. Juni, wurde um 6 Uhr geweckt. Vom ersten Tag an habe ich konsequent zuerst eine ganze systematische Körperschule [Gymnastik] durchgearbeitet und mich dann von Kopf bis Fuß gründlich gewaschen und abgerieben. Ich glaube bestimmt, dass diese Maßnahmen wesentlich geholfen haben, dass ich die ganze Zeit hindurch frisch und seelisch elastisch geblieben bin . Um 7 Uhr brachte der Kalfaktor den Kaffee Mittagessen gab es um 11.30 Uhr, und schließlich wurde um 17 Uhr zum Abendbrot geläutet. Der Tag für die Gefangenen endete wiederum um 19 Uhr. Tagsüber war es verboten, sich auf das Bett zu legen oder zu setzen . Es war ein sehr eintöniger Tagesablauf für meinen Großvater: Ich hatte nichts als meine Gedanken, womit ich mich beschäftigen konnte, nicht eine einzige gedruckte Zeile oder die Möglichkeit, irgendetwas zu tun. Dann und wann stand man auf, um durch den sechs Schritt langen Raum zu gehen, manchmal fünfzig Mal. Dann setzte man den Schemel an die andere Seite des Tisches, um so den anderen Arm aufstützen zu können . Draußen leuchtet die unbarmherzig schöne Sonne. Es war eine strahlende Pracht. Allerdings erblickte ich nur einen kleinen Ausschnitt von dieser Pracht. Alle zwei Stunden trabte eine Postenablösung vorbei, um zwölf, zwei, vier Uhr und so fort. Das war die Zeitangabe, die ich dadurch ergänzte, dass ich schätzungsweise jede volle Stunde an der Wand den vorrückenden Sonnenschein mit einem Strich kennzeichnete. Als der Abend angebrochen war, empfand ich das Zubettgehen als eine Erlösung, so konnte ich mich doch wenigstens hinlegen, denn das schauderhafte Nichtstun, der gänzliche Mangel an Bewegung hatte zur Folge, dass ich mich vollkommen zerschlagen fühlte .

Über den Autor

Detert Zylmann wurde 1944 in Hamburg geboren. Nach dem Studium der Vor- und Frühgeschichte promovierte er 1980 in Mainz und übernahm 1983 die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters bei der dortigen Archäologischen Denkmalpflege. Seit dem Eintritt in den Ruhestand 2009 beschäftigt sich der Autor intensiv mit dem umfangreichen Schriftennachlass seines Großvaters. Der Autor lebt in Mainz, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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