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Geschichte


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 03.2015
AuflagenNr.: 1
Seiten: 120
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Dieser Arbeit liegt die Fragestellung zu Grunde, wie Mythen sich in ihrem Entstehungsprozess, der sogenannten Metamorphose, verändern, dadurch politisch nutzbar werden und Identitäten schaffen. In den einzelnen Themenbereichen werden dazu die Faktoren, die bei kontrafaktischen Narrationen auf das Geschichtsbewusstsein wirken, herangezogen, um sowohl in der heutigen Gegenwart als auch in der Zeit um und nach dem Ersten Weltkrieg herauszukristallisieren zu können, welches Potential diese Mythen bieten und wie wir als mündige Bürger mit ihnen umgehen müssen bzw. wie die Bevölkerung und das Schulsystem in den Anfängen des 20. Jahrhunderts darauf ansprachen und sie umsetzten. Neben maßgeblichen Autoren wie Johann Jacob Bodmer, Friedrich Heinrich v. d. Hagen, Heinrich Heine, Friedrich Hebbel, Felix Dahn, Karl Lachmann, Emanuel Geibel, Georg Herwegh, Wilhelm Jordan, Franz v. Liszt u.a. wird speziell ein Schwerpunkt auf Richard Wagners Nibelungen Adaption gelegt. Wie trug der Mythos zur Kriegsbegeisterung bei bzw. wie konnte er davon ablenken, dass das einzelne Individuum längst nicht mehr zählte und nun die Maschinen herrschten? Warum sollten wir als Lehrkräfte, Eltern gemäß des Beutelsbacher Konsens auf den fruchtbaren und objektiven Umgang mit solch tradierten aber auch aktuellen Mythen hinweisen?

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 5a, Täuschung oder Aufklärung? Die Ästhetik des Mythos und die Angst vor dem Fremden: Herfried Münkler erkennt eine Systematik in der Nibelungenrezeption: Es sind die Krisen des Reiches, der Wille zur Nation, die fehlenden Alternativen für einen positiven, eigenen Ursprungsmythos und die Kriege. Etwas Undenkbares war geschehen, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation war zerfallen, Franzosen hatten Teile des Landes besetzt, wurden wieder vertrieben und hinterließen eine politisch, kulturell wie demographisch sich neuordnende Nation. Die Ängste des ‘Fremden’ der neuen Epoche zwangen die Menschen entweder in eine Flucht nach vorne, in einen naiven Fortschritts- und Zukunftsglauben oder ließen ihre Blicke zurückwandern in die archaische, scheinbar wohlgeordnete Zeit ihrer Vorfahren. Das Nibelungenlied wirkte dabei einigend gegen jedwedes Fremde, es bot eine Handlungsanleitung, Tugenden und schillernde Charaktere. Rathäuser, Schulen und sonstige öffentliche Gebäude erhielten Nibelungenfresken, Politiker ließen sich Denkmäler mit Verweisen auf die mythischen Archetypen errichten, aus dem Verteidigungsgebaren wurde erstmals ein Versuch des Ausbrechens aus den europäischen Zwängen (1905) und die ‘Nibelungentreue’ zum Schlachtruf bzw. zur deutsch-österreichischen Staatsdoktrin (1909). Der Nibelungenstoff war durch Wagner und seine Zeitgenossen in der Gesellschaft angekommen, Wilhelm Jordan hatte die Anfänge einer Blut-, Zucht- und Rasselehre mit in die Erzählung integriert. Hunderte von Bearbeitungen hatten den Stoff in Motivpartikel unterteilt, die beinahe zu jedem Zweck neu zusammengesetzt und gedeutet werden konnten. Speziell jedoch die letzte Phase des Liedes begann das Geschichtsbewusstsein und die Geschichtskultur der Deutschen zu beeinflussen: Der Untergang der Burgunden an Etzels Hof wurde beispielsweise illustriert durch Zeichnungen und Skulpturen von Ernst Barlach. Düster wurde die Zukunft gezeichnet, selbstzerstörerisch war der Ausbruch aus allen Zwängen, doch schien er unvermeidlich. Dazu brauchte man neue Tugenden - neue Tugenden, die man jedoch in den uralten, archaischen der Vorfahren gefunden zu haben dachte. Die moderne Zeit stellte neue Anforderungen an den jahrhundertealten Mythos, die Ambivalenz des Epos musste durch geschickte Anpassungen aktuell bleiben. Bismarck, der neue Siegfried, hatte begonnen das Reich zu schmieden und nach seinem Tod sehnte man sich nicht selten wieder nach dem Mitbegründer des Deutschen Reiches. Der Nibelungenmythos lieferte nun den nötigen Optimismus, um nicht nur wehmütig zurückblicken zu müssen und vielleicht auch, um die Augen zu verschließen vor den diplomatischen Fehlern, die die Schlinge um Deutschland und seine wenigen Verbündeten zuzogen. Ist von Mythen in der Politik die Rede, erweckt dies sogleich die Assoziation konservativer, reaktionärer Politik. Zielsetzungen, die einer kritischen Reflexion nicht standhalten würden, eine Verschleierung, Einkleidung benötigen, werden deshalb mit dem Mythenbegriff in Verbindung gebracht. Ein Mythos wird kaum reflektiert, er wird im breiten Volk geglaubt. Oftmals werden die Tendenzen der Aufklärung deshalb mit der der Mythenbildung kontrastiert. Die Frage, die uns hierbei beschäftigen sollte ist jedoch: Greift ein Mythos nicht auch klärend in das Welt- und Geschichtsbild der Menschen ein? Münkler spricht von ‘alten und neuen Unübersichtlichkeiten’, die es gelte zu klären, einen Einblick zu erlangen in ‘unüberschaubare Zusammenhänge’. Eine essentielle Frage, die wir in der Schuldidaktik nicht unkommentiert lassen sollten, ist deshalb: Ist ein Mythos durch seine Vereinfachung, Stilisierung, Reduktion von Komplexität als aufklärerisch oder als täuschend zu werten? Die Antwort ist nicht pauschal zu geben, sie ist eine Frage der politischen Einstellung. Jede Ausrichtung hat ihre eigenen Mythen bzw. Weltanschauungen, beteuert den Wahrheitsanspruch der eigenen und bezichtigt die Opposition der Täuschung. Das Bewusstsein eines politisch Rechten zielt auf die Findung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden, die die Identität der eigenen Nation nach ‘innen’ und ‘außen’ festigen. Das Weltbild eines Politikers der internationalen Linken hingegen setzt völlig andere Maßstäbe an über Ländergrenzen hinweg ist die Idee einer vereinten ‘Arbeiterklasse’ das Credo, nationale Gemeinsamkeiten und Unterschiede wurden dem untergeordnet. Es stehen sich also die Reduktionsmodelle der politisch Rechten (‘Kampf der Völker’) und der Linken (‘Klassenkampf’) gegenüber. Beide Seiten betreiben sowohl Interessenpolitik (um sich schnell wechselnden Situationen anzupassen) als auch Mythenpolitik (um einen Bezugskern zu garantieren). Wie anschlussfähig Mythen sein können, haben wir an dem Beispiel von Wagners Nibelungen bereits knapp erfahren. Hierdurch wird ein weiteres Problem bewusst: Viele dieser Erzählungen sind sowohl anschlussfähig an eine rechte als auch eine linke Auslegung. Auch sind glorreiche Taten der Aufklärung oftmals nichts anderes als Mythen. Münkler findet hierfür ein Beispiel, zwar kein auf die Deutschen bezogenes, jedoch ein anschauliches und bekanntes – der Sturm auf die Bastille. Sowohl Kommunisten als auch Gaullisten verbindet dieses historische Ereignis. Heldenhaft ist seine Darstellung, immerhin sollen die Tugenden ‘Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit’ und ‘Kampf den Mächtigen’ abgebildet werden. Betrachten wir jedoch die realen historischen Abläufe, so würde sich dieses Ereignis deutlich weniger als Gründungsmythos eignen. Immerhin wurde ein fast leeres, von einer Handvoll schlecht bewaffneter Verteidiger besetztes Stadtgefängnis erstürmt, in dem keine politischen Gefangenen inhaftiert waren. Anschließend wurden mehrere Soldaten und Offiziere vom aufgebrachten Mob massakriert. Der Mob war wohl weniger auf die Befreiung Gleichgesinnter aus gewesen, sondern vielmehr auf die Erbeutung von Schießpulver. Vorbildlich konnte diese Tat lediglich durch mythische Verklärung werden - nun zählte nur noch ihr symbolischer Gehalt. Die Grenzen zwischen vernunftgeleiteter Aufklärung und stigmatisierter Mythenbildung sind ergo überaus fließend. Der Nibelungenmythos als Ursprungsidee der Deutschen ist ähnlich ambivalent zu sehen. Seine Narration wurde über die Jahrhunderte mit historischen Ereignissen und Personen verflochten, diese konnten jedoch jederzeit aus ihrem jeweiligen Kontext gelöst und neu belegt werden. Die Figuren wurden zu selbstständigen Motiven und Symbolen, zu Manifestationen bestimmter Eigenschaften wie Treue, Mut, Verrat und Tücke. So konnten beispielsweise die Widersacher im Epos Siegfried und Hagen, ohne Probleme für das Deutsche Reich und seinen Kanzler stehen: Bismarck als treuer Hagen und Berater des Kaisers und gleichzeitig als Siegfried, der das Schwert/ Reich neu zusammenschmiedet. Die Politik des Kanzlers wurde durch diese Mythisierung jedweden Zweifels enthoben. Bismarck war ein nibelungisches Symbol der neu gewonnen Reichseinheit geworden, das durch ‘kleinliche’ Diskussionen nicht belästigt werden durfte, wollte man diese nicht gefährden. Der Kaiser erfüllte ähnlichen Symbolwert, einem solchen Führer war zu folgen. Interessant hierbei ist die scheinbare Leugnung der eigentlichen Narration: Siegfried und Hagen zu folgen, hätte eigentlich einem aufmerksamen Leser zu denken geben müssen: In den Tod zu gehen. Der Enthusiasmus der Mythendeutung und die dem narrativen Kontext enthobenen Charaktere jedoch, erwecken den Eindruck einer strahlenden Vergangenheit, einer hoffnungsvollen Gegenwart und Zukunft. Was bei den Franzosen die Epoche der Revolution war, übernahm bei den Deutschen das Mittelalter, als eine Zeit der deutschen Tugenden. Das Nibelungenlied fasste nahezu alle diese epochentypischen Eigenschaften mit ein, es war eine Bibel des Mittelalters. Dass Friedrich von der Hagen jene Schrift deshalb als deutsches Nationalepos erhob, ist nachvollziehbar. Diese mittelalterliche Verwurzeltheit der Zeitgenossen des 19. und beginnenden 20. Jahrhundert ist beispielsweise in militärisch enthusiastischen Vergleichen von Karl Simrock deutlich zu erkennen: ‘Das ist Feld- und Zeltpoesie, damit kann man Armeen aus dem Boden stampfen, wenn es den Verwüstern des Reiches, den gallischen Mordbrennern, der römischen Anmaßung zu wehren gilt.’ Niemand in heutiger Zeit, würde aktuell zutreffende in- und ausländische Probleme mit Hilfe mittelalterlicher Volksbezeichnungen und Vergleiche charakterisieren. Jedoch gehörten sie zur politischen wie wissenschaftlichen Landschaft des Deutschen Reiches bis zu seinem Ende. Die mittelalterlich anmutende Sprachwahl, derer sich auch Simrock bediente, eignete sich zum kreieren martialischer, den Kampf Mann gegen Mann verherrlichender Imaginationen, die wiederrum durch die Propaganda genutzt wurden. Diese Bilder hatten eine stimulierende Funktion, sie präsentierten beispielhafte Vorbilder, deren Handeln, heroisch verklärt, eine gewisse Ästhetik ausdrückte. Durch diese Ästhetik, Münkler spricht von ‘unbestimmter Schönheit’, schafft es der enthusiastische Rezipient, die Schattenseiten des Kampfes und des Leidens zu ignorieren, die eigentlich mit den kriegerischen Darstellungen einhergehen müssten. Die Ästhetik, das Deutungspotential des Mythos ist jedoch kein einfaches Instrument. Die große Zahl der existierenden Mythendeutungen lassen die Erzählung zu einem Werkzeug werden, dass bei falschem Gebrauch durchaus ein ‘subversives Potential’ entfalten kann. Somit ist es nicht der Mythos selbst, der in konservative, reaktionäre oder revolutionäre Richtung weist, sondern alles hängt von der ‘Arbeit am Mythos’ ab. Die Verarbeitung bzw. Ausdeutung von politischen Mythen, soll den Ursprung einer Bewegung bzw. eines ganzen Volkes aus einer vorher unbestimmten Vergangenheit herausarbeiten - einen Zeitpunkt finden, an dem die gemeinsame Geschichte beginnt. Die Identitätsbildung, die damit einhergeht, verläuft nach der Maxime Integration durch Abgrenzung. Wir erkennen dies beispielsweise in der Romulus Sage, dort werden verstreut liegende Dörfer zu einer Stadt zusammengefasst, um sie gegen Feinde zu schützen. Aber auch in der Nibelungenerzählung kommt es zur kulturellen Abgrenzung, nämlich an den Stellen, an denen die Burgunden mit anderen Völkern in Kontakt geraten, wie zum Beispiel am Hof des Hunnenkönigs Etzel. Eine Ausnahme jedoch bildet das Nibelungenlied gegenüber anderen Ursprungsmythen wie der Romulus Sage oder dem Sturm auf die Bastille: Der konkrete historisch identifizierbare Kern fehlt. Die Deutschen konnten zwar Entsprechungen in der Geschichte finden, doch wurden diese meist nachträglich interpretiert bzw. die in der Narration beschriebenen Ereignisse konnten zeitlich wohl kaum chronologisch korrekt derart abgelaufen sein. Des Weiteren ist es aus heutiger Sicht erstaunlich, dass die Erzählung im 19. bis 20. Jahrhundert überhaupt als ein Ursprungsmythos anerkannt wurde, denn immerhin handelt der Text nicht etwa von der Entstehung einer Ethnie, sondern von deren Untergang!

Über den Autor

Tobias H. Kehm wurde 1988 in Lich (Hessen) geboren. Nach der gymnasialen Schulbildung und dem Zivildienst studierte er in Gießen an der Justus-Liebig-Universität Lehramt auf gymnasialer Ebene (L3). Neben den Grundwissenschaften Politologie, Sozialwissenschaften, Erziehungswissenschaften und Psychologie waren seine Fächer Germanistik und Geschichte. Interesse am Thema kam ihm durch die in seiner schulischen und akademischen Laufbahn nur selten angesprochene Wichtigkeit von volkstümlichen, propagandistisch aufgeladenen Erzählungen, die jedoch unbestreitbar über Jahrhunderte im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung verankert waren und die Mentalität prägten. Mythen und Legenden sind in einer modernen Gesellschaft nicht tot, im Gegenteil. Noch heute prägen sie unsere Wahrnehmung und das Geschichtsbewusstsein. Damit werden sie sogar zum aktiven, zukunftsgerichteten, politischen Werkzeug. Hieraus entsteht, laut Kehm, eine Aufforderung an die Eltern, Lehrkräfte, Medien etc. nach dem Beutelsbacher Konsens zu handeln und die Heranwachsenden mit einer Vielzahl von Geschichts- und Gegenwartseindrücken vertraut zu machen und sich nicht von den einfachen, in ihrer Komplexität und Objektivität reduzierten Lösungen der modernen Mythenerzähler blenden zu lassen.

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