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- Formen diktatorischer Führung im Bildungswesen der DDR. Struktur und Effektivität staatlicher Kontrolle durch das SED-Regime in der pädagogischen und akademischen Praxis
Geschichte
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Verlag:
Diplomica Verlag
Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH
Hermannstal 119 k, D-22119 Hamburg
E-Mail: info@diplomica.de
Erscheinungsdatum: 08.2026
AuflagenNr.: 1
Seiten: 60
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback
Ein Kennzeichen totalitärer Systeme ist das Bestreben, das staatliche Bildungssystem sowohl in administrativer als auch personeller Hinsicht zu durchdringen und ideologisch gleichzuschalten, um maßgeblichen Einfluss auf Erziehung und Sozialisation der nachwachsenden Generationen zu nehmen. So setzten bereits im Spätsommer bzw. Herbst 1945 erste Reformbestrebungen seitens der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) ein, die nach der Gründung der DDR im Oktober 1949 von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) aufgegriffen und systematisch entfaltet wurden, um sowohl den schulisch-pädagogischen Bereich als auch das Hochschulwesen umfassender politischer Kontrolle im Sinne der sozialistischen Weltanschauung zu unterwerfen. Die vorliegende Arbeit zeichnet anhand des Aufbaus des staatlichen Schulsystems sowie anhand der Hochschulreformen in der sowjetischen Besatzungszone bzw. der frühen DDR die Strukturen und Verfahren diktatorischer Kontrolle nach, arbeitet aber auch jene Inkonsistenzen und Limitierungen heraus, die vor dem Hintergrund des umfassenden planerischen Primatsanspruchs der SMAD bzw. der SED die Grenzen der DDR-Diktatur als sog. monokratisches Herrschaftssystem markieren.
Textprobe: Einleitung – Problemaufriss und Forschungsstand Problemaufriss Die in der Diktaturforschung verbreiteten Totalitarismustheorien verweisen in breitem Konsens auf die Spannungsverhältnisse, die sich einerseits zwischen dem Anspruch, alle gesellschaftlichen Schichten und Organisationen ideologisch durchdringen zu wollen, sowie andererseits der tatsächlichen Umsetzung dieser Ansprüche im dynamischen und vielgestaltigen Komplex der Gesellschaft ergeben – in der Regel vermag ein totalitär ausgerichtetes Regime trotz der Behauptung umfassender planerischer Voraussicht nicht immer, alle gesellschaftlichen Gruppen gänzlich nach eigenen Kriterien zu prägen. Ein wesentlicher Aspekt, der dabei neben der sozialistischen Planung des Wirtschaftslebens als Gegenstand planerischen Tuns begegnet, ist derjenige der Bildung und Erziehung bzw. der Sozialisation im system- und ideologiekonformen Sinne. Typischerweise ist, wie die Forschung vielfach betont, gerade ein totalitär organisierter Staatsapparat besonders daran interessiert, auch künftige Generationen bezüglich ihrer Einstellungen und ihres Weltbildes zu formen, mithin, umfassende Indoktrinationen zu betreiben, die dem Ziel geschuldet sind, auch künftig auf regime- und ideologietreue Anhänger zurückgreifen und dementsprechend den Herrschaftsapparat personell und doktrinär langfristig absichern zu können. Entsprechend der Wichtigkeit dieses Themenbereichs in der politischen Gestaltung des Bildungswesens der DDR sowie angesichts der vielfältigen Sozialisationsmechanismen, die die SED-Führung seinerzeit implementiert hat (schulische Selektionsmechanismen, universitäre Planungen, Hochschulpolitik), ist die Forschung in diesem Bereich vielfältig und kontrovers, und so wird man wohl die Frage zu stellen haben, wie effektiv die schulischen und universitären Formen der Sozialisation und Nivellierung gewesen sind, d. h., auf welche Weise eine Anpassung künftiger Generationen generell funktionierte. Angewandt und praktisch ausgestaltet werden diese Maßnahmen in verschiedenen Formen und organisatorischen Ausprägungen, wobei es vornehmliches Ziel der vorliegenden Untersuchung sein soll, die schulische und universitäre Politik der SED zu analysieren und im Hinblick auf ihre Effektivität im Rahmen totalitärer Planungs- und Kontrollansprüche zu hinterfragen. Eingeordnet ist diese Facette der SED-Herrschaft aber sicher auch in die noch breiter angelegte Diskussion der Totalitarismusforschung um die Frage, inwieweit es sich beim DDR-Regime um eine Monokratie handelt, die tatsächlich alle Bereiche der Gesellschaft zu durchdringen vermochte – insofern soll diese Arbeit auch einen, wenngleich bescheidenen, Impuls im Rahmen dieser großen Forschungskontroverse liefern, indem das Bildungswesen als integraler Bestandteil der vollständigen Planung gesellschaftlicher Strukturen für die Konsolidierung der Diktatur verstanden wird. Angesichts dieses durchaus weit gefassten Fragekomplexes ergibt sich für die Gestaltung der Arbeit ein methodischer Kompromiss. Zum einen ist nämlich in einem diachronen Vergleich der Versuch zu machen, die Formen und vor allen Dingen die konkrete Umsetzung, also die tatsächliche Effektivität, politischer Einflussnahmen auf das Bildungswesen herauszuarbeiten, zum anderen kann ein solcher Versuch aufgrund der technischen Probleme immenser Quellenfülle aber nur anhand einiger exemplarischer Zugriffe geschehen. Dementsprechend sollen im Folgenden auch vornehmlich schulische Institutionen sowie die Hochschulen als Objekte diktatorischen Führungsanspruches in den Blick genommen und dabei insbesondere die Frühphase der Entstehung der Bildungs-Infrastruktur im diachronen Zugriff betrachtet werden, was den Zeitraum von 1945-1965 schwerpunktmäßig betrifft (Kapitel 3). Indessen, eine Untersuchung etwa vormilitärischer Erziehungsmaßnahmen, außerschulischer Maßnahmen (FDJ u. a.) oder des konspirativen Einflussnehmens des MfS auf das Bildungswesen kann hierfür nicht primär von Belang sein und aus praktischen Gründen auch nicht durchgeführt werden. Der Vergleichsmaßstab, anhand dessen sich die Effektivität der zu erhebenden Befunde messen lassen muss, ist im Zuge der eben formulierten Fragestellungen klar: Die durch die politischen Obrigkeiten des DDR-Regimes gesetzten Ziele und Vorgaben, sowohl der SMAD als auch der SED, die mitunter in rhetorischen, juridischen, aber auch theoretischen Schriften in großer Fülle formuliert worden sind, bilden die Referenz für den Erfolg der vermeintlich vorausschauenden Einflussnahme der Diktatur auf das Bildungswesen. So lautet demnach auch die Kernfrage für die Einordnung der Diskussionen der SED-Bildungspolitik in die Kontroversen um den monolithischen Machtapparat der DDR: Inwieweit vermochten die Strukturen der SMAD und SED tatsächlich die konkreten Formen schulischer und universitärer Erziehung und Bildung zu lenken, und zwar in dem Maße, wie es zuvor explizit formuliert worden ist? (Kapitel 4/5) Die Fülle des theoretischen, rednerischen und auch administrativen Schrifttums der SED-Spitze, das sich mit dem Thema Bildung befasst, verweist schon einmal auf die Brisanz und die Wichtigkeit des Komplexes in der DDR-Diktatur. Insofern kann anhand einiger Ausschnitte in unterschiedlichen Phasen der Ausgestaltung von staatlichen Strukturen zur Kontrolle des Bildungssystems auf einen reichen Textfundus rekurriert werden (Kapitel 2). Quellen und Forschungen zum DDR-Bildungswesen Die Differenzen zwischen dem westdeutschen und dem ostdeutschen Bildungssystem, wie z. B. die Abschaffung der Dreigliedrigkeit, die Egalisierung sozialer Differenzen oder die schulische Indoktrination, haben bereits frühzeitig das Interesse der Forschung provoziert. In den 1960er Jahren entfaltete sich so auch eine komparativ ausgerichtete Diskussion um die Institutionen der Erziehung in der DDR, die bis in die 1980er Jahre hinein zusätzlich osteuropäische Einrichtungen in den Blick nahm. Zu nennen wären in diesem Rahmen beispielsweise die Arbeiten von Bernhard Dilger oder Oskar Anweiler, die insofern maßgebliche Impulse zur älteren Forschung beigetragen haben, als sie die bestehenden Differenzen zwischen beiden Systemen in vergleichendem Ansatz herausarbeiteten und damit den bis 1990 in der Bildungsforschung dominierenden methodischen Zugriff praktizierten. Der Untergang des DDR-Regimes und die Wende eröffneten der historischen Wissenschaft sodann völlig neue Perspektiven, integrale Elemente des SED-Regimes auch anhand zuvor nicht zugänglichen Quellenmaterials zu erforschen – das gilt für die Analyse vieler Bereiche staatlicher Funktionsweisen und Strukturen (etwa die Innenpolitik oder das MfS) sowie in besonderem Maße für die Maßnahmen in der Bildungspolitik. So treffen wir hinsichtlich der Quellenlage auch auf große Unterschiede des verfügbaren Materials für die Zeit vor 1990 und die Zeit danach. Die Quellenfülle ist in diesem Bereich allerdings immens und umfasst zahlreiche Gattungen und Formen dass nach der Wende nun auch Aktenmaterial, etwa über das Bundesarchiv Potsdam oder das Deutsche Institut für Internationale Pädagogische Forschung aufbereitet und zugänglich gemacht wird, stellt angesichts dessen zwar eine große Chance, aber ebenso auch eine methodische Herausforderung dar, die dadurch anfallenden heuristischen Probleme zu lösen. Die aktuelle Forschung hat aber bereits einige erfolgreiche Anläufe unternommen, die neu gewonnen Quellenressourcen zu erschließen und wissenschaftlich aufzubereiten. Zu nennen wären hier etwa die Editionen der Reihe Geschichte, Struktur und Funktionsweise der DDR-Volksbildung , die im Rahmen einer Initiative des Bildungsministeriums Brandenburg entstanden und eine Vielzahl von zuvor unedierten Archivalien vor allem administrativer Natur zusammentragen. Überdies haben die nach 1990 erwachsenen Probleme der Integration der west- und ostdeutschen Bildungssysteme dazu motiviert, die Entwicklung und Ausprägung der Bildungsstrukturen in primär empirischem Zugriff zu analysieren und die Wechselwirkungen von Schule, Universität und Massenorganisationen im Rahmen der Umprägung der SED als ‚Partei neuen Typs’ herauszuarbeiten. Insbesondere die Arbeit Geißlers ‚Pädagogik und Herrschaft in der DDR‘, die durch einen großen Detailreichtum besticht und dennoch nur in Ausschnitten archivalische Quellen zur Genese des Bildungswesens präsentiert, ist hier hervorzuheben. Auch die Hochschulpolitik der SED ist bereits vor der Wende Gegenstand reger wissenschaftlicher Auseinandersetzungen gewesen, vor allem im Hinblick auf den nach 1947 einsetzenden Transformationsprozess an den Universitäten, der 1952 und 1968 durch die staatlichen Hochschulreformen sanktioniert wurde. Die neu erschlossenen Quellenressourcen bewirkten allerdings in diesem Diskussionsbereich weniger neue Impulse als in der Forschung über die Schulpolitik, wenngleich durch die Erschließung ehemals geheimer Akten und Schriften zur Hochschulpolitik auch wertvolles Quellenmaterial erschlossen worden ist, das die Wissenschaft nach und nach zur Kenntnis nimmt. So wird man in diesem Bereich auch auf ältere Arbeiten aus den 1980er Jahren zurückgreifen müssen, wobei die Qualität dieser Arbeiten durchaus nicht als gering einzuschätzen ist. Zwar interessieren in der vorliegenden Arbeit primär solche administrativ und schul- bzw. hochschulpolitisch ausgerichteten Zugänge wie diejenigen Geißlers oder Bleeks, aber es soll gleichwohl nicht unerwähnt bleiben, dass sich nach 1990 eine Vielzahl von historischen Spezialergebnissen und -kontroversen z. B. über die Schulung und Selektion von Neulehrern in der SBZ oder zur ‚Entpolitisierung‘ der Jugend in den 1980er Jahren entfaltet haben, die leider nur sporadisch berücksichtigt werden können. Obgleich die bereits vor 1990 öffentlich zugänglichen Quellen etwa in Form von Gesetzen, Tagungsbänden (etwa des Kulturbundes), theoretischen Fundierungen eines marxistisch-leninistischen Bildungsverständnisses oder auch Referaten und Vorträgen hoher Parteifunktionäre zum Bildungswesen in allen Phasen der DDR-Herrschaft in großer Zahl zur Verfügung stehen und obgleich diese Quellengattungen sprachlich und inhaltlich durch ideologischen Aufputz gekennzeichnet sind, sollte indessen ihr Wert für die historisch-analytische Erfassung des Bildungswesens nicht unterschätzt werden. Schließlich können diese Dokumente nämlich als Fundus von Aussagen politischer Planungen und Intentionen der SMAD und der SED herangezogen werden, die, wie einleitend bemerkt, die Seiten des politisch-administrativen Bezugsrahmens, anhand dessen sich die konkreten Befunde zum Bildungswesen im diachronen Durchgang messen lassen müssen, ausmachen. Dementsprechend sind die nach der Wende neu erschlossenen und teilweise auch noch der Edition harrenden Archivalien und Texte, auf die etwa Geißler zurückgreift, durch ältere und bereits bekannte Quellen, aber auch durch bereits vorliegende einschlägige Befunde der Forschung zu ergänzen, denn vor allem eine Synopsis dieser Quellen und Texte erscheint angesichts des anzustrebenden Vergleichs zwischen Absicht und Realität der SMAD-/SED-Bildungspolitik vielversprechend. So gewinnt die vorliegende Arbeit die Grundlagen der historischen Analyse also nicht ausschließlich aus den vielfältigen Quellen, sondern auch aus aktueller und älterer wissenschaftlicher sowie pseudowissenschaftlicher Literatur, die mitunter durchaus Quellenwert haben kann. Am Schluss dieses Abschnittes sei nochmals auf die vornehmlich in der Totalitarismusforschung und der Komparatistik beheimatete Kontroverse um das SED-Regime als monokratische Diktatur hingewiesen. Freilich ist dieses mittlerweile zum Paradigma der Diktaturforschung verfestigte Verdikt aus dem Sonderfall des Vergleichs zwischen dem NS- und dem SED-Regime anhand der Analyse ihre Strukturen und Funktionsweisen erwachsen, betrifft also auf den ersten Blick nicht unmittelbar den Bereich der Bildungspolitik, sondern siedelt auf einer allgemeineren, abstrakteren Ebene. Dennoch vermag m. E. die Untersuchung des Bildungswesens als Facette dieser größeren Diskussion aber durchaus Potentiale der Erkenntnis über Formen und Funktionen monokratischer Machtausübung freizusetzen. Bereits Löwenthal hat, wie gesagt, bereits 1966 darauf hingewiesen, dass die totale Formbarkeit des Menschen in einer totalitär aufgefassten Diktatur nicht erreichbar sei. Dennoch versuchten sowohl die NS- als auch die SED-Diktatur dieses Ziel durch die Umgestaltung von Bildung und Erziehung zu erreichen, allein, die Intensität der Planung und die Ausprägung der Strukturen scheint in der Tat zunächst auf erhebliche Unterscheide zwischen beiden Regimen zu verweisen, so betrieb die SED etwa immensen Aufwand, staatliche und behördliche Instanzen zu zentralisieren, nicht-konforme Eliten im administrativen und akademischen Bereich soweit als möglich zu beseitigen und elitäre Kader zu bilden, wobei diese Maßnahmen sicher dem Umstand geschuldet sind, dass die SED nicht in gleicher Weise wie die NSDAP die Massen zu mobilisieren vermochte. Besonderes Interesse bei diesen durchaus auf monokratische Verhältnisse hinweisenden Prozessen verdienen aber gerade die Genese und die sukzessive Ausprägung der Institutionen in der DDR unter der ständigen Prüfung, wie effektiv diese arbeiteten und inwieweit sie von der SED-Führung in konkreten Sachfragen abhingen. So fügt sich schließlich die vorliegende Untersuchung methodisch auch in das Bild der typischerweise im Rahmen der Totalitarismusfischung vorgetragenen Konzepte ein: Trotz der sicher legitimen Einwände Thamers, dass sich die verbreiteten Paradigmen der Totalitarismusforschung von Carl Joachim Friedrich und Jürgen Kocka gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, soll doch die hier intendierte Analyse eher ‚dynamisiert‘ sein und sich weniger am systemhaften Totalitarismusmodell Friedrichs als vielmehr dem prozessorientierten Zugriff Kockas orientieren. Gerade deshalb ist der zu wählende Ansatz auch diachron, um die sukzessive, eben prozesshafte Genese pädagogischer und akademischer Institutionen im Hinblick auf planerische Vorprägung durch die SMAD und später durch die SED zu untersuchen.
Christian Igelbrink studierte die Fächer Geschichte, Germanistik, Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Nach dem Abschluss des Staatsexamens wurde er ebendort mit einer Arbeit über die athenische Kolonisation zum Dr. phil. im Fach Alte Geschichte promoviert. Es folgte eine zweite Promotion zum Dr. paed. im Fach Erziehungswissenschaft mit einer Arbeit über Philosophie und Didaktik politisch-moralischer Urteilsbildung. Zuletzt war er als Dozent am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Münster im Arbeitsbereich Schulpädagogik tätig.
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