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Geschichte


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 11.2017
AuflagenNr.: 1
Seiten: 112
Abb.: 58
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Feldpostbriefe und -karten aus dem Nachlass seines Vaters waren für den Autor Detert Zylmann der Anlass, sich mit einem Abschnitt der Geschichte zu beschäftigen, über den man in der Familie kaum sprach und den insbesondere sein Vater weitgehend ausblendete. Da diese Kriegs- und Nachkriegszeit auch Teil seiner frühesten Lebensgeschichte ist, wollte er jedoch mehr darüber erfahren. Ganz besonders interessierte ihn der Zeitraum von der Einberufung seines Vaters zum Wehrdienst bis zu seiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft. Durch den Tod beider Elternteile kann der Autor sich nun ohne das Gefühl, persönliche Grenzen zu überschreiten, mit diesen Schriftstücken auseinandersetzen. Aus den sehr privaten Schriftstücken sind für ihn vielmehr Zeitdokumente geworden, die er der Öffentlichkeit in diesem Buch zugänglich machen möchte.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel: Kriegsgefangenenlager: Bajdajewka: Die erste Station meines Vaters auf dem Weg in die verschiedenen Lager war Stalinsk. Insgesamt gab es im Straflagerbezirk Stalinsk (Lagernummer 7525) 24 Teillager, darunter das Kriegsgefangenenlager mit der Nummer 7525/9. Es lag bei dem Dorf Bajdajewka (Bajdaevka), im Verwaltungsbezirk (Oblast) Kemerow (Kemerowo), etwa 15 km östlich der Stadt Stalinsk (Nowokusnezk). Man kann davon ausgehen, dass nach der Ankunft am 18. Juli 1945 in Stalinsk mein Vater noch am selben Tag in das Lager Bajdajewka überstellt wurde. In einer sog. Heimkehrerbekundung aus dem Jahre 1962 ist der Aufenthalt im Lager 7525/9, Bajdajewka, für das Jahr 1947 belegt daraus folgt, dass mein Vater knapp zwei Jahre in Bajdajewka interniert war. Nach der Öffnung des Staatlichen Russischen Militärarchivs (RGVA) erhielt der DRK-Suchdienst Zugang zu den Datenbeständen, so dass die Internierungsakte (Personalakte Nr. 0693608) meines Vaters ermittelt werden konnte. Nowokusnezk, in den nördlichen Ausläufern des Altai Gebirges, 1618 von Kosaken als Kusnezk gegründet und 1932 zu Ehren Stalins in Stalinsk umbenannt, erhielt erst 1961 den heutigen Namen, nachdem die Stadt bereits schon einmal 1931 Nowokusnezk hieß. Es ist eines der größten Industriezentren Westsibirien und liegt in Kusnezker Kohlebecken, dem sog. Kusbass, einem riesigen Kohlenfeld von rund 25.000 km² Ausdehnung. Die Lager im Bezirk Stalinsk bestanden von Juli 1945 bis Mai 1950. Belegungsstärke etwa 28.000 – 30.000 Gefangene und Zivilisten. Die medizinische Betreuung war völlig unzureichend, es fehlte an Medikamenten und medizinischem Gerät. Die Gefangenen wurden zur Arbeit eingesetzt in Kohlengruben, Sägewerken, Sandgruben, Steinbrüchen, im Straßenbau, Wohnungsbau und in Kolchosen. Von Juli 1946 bis September 1946 starben ca. 40% der Internierten durch Entkräftung, Dystrophie (Mangelernährung), Pneumonie (Lungenentzündung) und Seuchen (Ruhr, Typhus). Nur wenige Angaben konnte ich speziell über das Lager 7525/9 finden. Laut Auskunft eines heimgekehrten Gefangenen soll es in Bajdajewka bereits Steinhäuser gegeben haben. Er gibt weiter an, dass die Gefangenen zum Häuserbau und zu Arbeiten im Steinbruch und in einer Ziegelei eingesetzt wurden, da sich 50m vom Lager entfernt 3 Ziegeleien befanden mit einer Tagesproduktion von 150.000 Stück . Heute ist das Dorf Bajdajewka als selbständige Siedlungseinheit nicht mehr vorhanden. Möglicherweise ist es wüstgefallen und aufgelassen oder aber in die Stadt Nowokusnezk integriert worden. Es fanden sich lediglich zwei Hinweise auf die alte Dorfbezeichnung. Erhalten hat sich die Lagebezeichnung Baidaevka am rechten Ufer des Flusses Tom, östlich des Zentrums. Außerdem findet sich im Straßenbahnnetz (tramwaj) die Haltestelle Bajdajewskaja . […]. Kemerowo: Etwa 2 Jahre vom 18. Juli 1945 bis zum 7. Juni 1947 war mein Vater im Lager 7525/9 Bajdajewka interniert. Am 7. Juni 1947 erfolgte die Verlegung in das Lager 503, Kemerowo, wo 2 Tage später am 9. Juni 1947 die Aufnahme erfolgte. Kemerowo befindet sich etwa 170 km nordöstlich von Nowosibirsk, ebenfalls noch in den nördlichen Ausläufern des Altai Gebirges gelegen. Der Lagerbezirk (Lagernummer 7503) bestand aus etwa 40 Teillagern und einem Gefängnis. In eines dieser Lager (503) wurde mein Vater verbracht. Die Lager im Bezirk Kemerowo waren von April 1945 bis 1951 mit 7.000 bis 10.000 Gefangenen belegt. Die ärztliche Betreuung erfolgte von einem Lagerlazarett bei Stalinsk. Leider wissen wir nicht, ob mein Vater während seiner Zeit in Bajdajewka hier in Kemerowo als Sanitäter zum Einsatz kam, was aber durchaus möglich gewesen sein könnte. […]. Brest-Litowsk: Wiederum 1Tag später am 10. Juni 1947 wurde mein Vater erneut verlegt in das Lager 284, Brest-Litowsk, Luftlinie etwa 4000 km von Kemerowo entfernt. Die Stadt (heute Brest) liegt in Weißrussland und ist ein wichtiger Grenzübergang nach Polen. Die Fahrt mit der Eisenbahn dorthin wird sicherlich mehrere Tage gedauert haben. […]. Frankfurt/Oder: Zwecks Repatriierung und Rückführung in die Heimat, wie es im damaligen Amtsdeutsch hieß, gelangte mein Vater am 30. Juni 1947 in das Lager 69, Frankfurt/Oder. Für die aus dem Osten heimkehrenden Kriegsgefangenen war dies die erste Station, für die in die Sowjetunion deportierten Menschen die letzte Station auf deutschem Boden. Die Stadt Frankfurt (Oder) richtete bei dem Gut Gronenfelde das sogenanntes Heimkehrerlager Gronenfelde ein. Es bestand von Juli 1946 bis Mai 1950. Über dieses Lager kehrten nach einer offiziellen Angabe bei Schließung des Lagers 1.125.688 Heimkehrer über Frankfurt nach Deutschland zurück. Die in Frankfurt angekommenen Heimkehrer wurden entweder in der Hornkaserne oder im Lager Gronenfelde von Mitgliedern der SED begrüßt und auf die neue Situation in Deutschland vorbereitet. Später übernahmen auch andere Parteien diese Funktion. Mit den ersten Transporten aus der Sowjetunion kamen die Männer nicht mehr direkt im Lager Gronenfelde an, sondern wurden im Lager Hornkaserne (Kriegsgefangenenlager 69 Frankfurt Oder) aufgenommen, wo sie entlaust wurden und sich waschen konnten. Das Lager Nr.69 war in drei, untereinander unabhängig verwaltete Bereiche ( Zonen ) unterteilt: In der Zone I wurden die Deutschen gesammelt, die in die Sowjetunion transportiert werden sollten. In der Zone II befanden sich sowjetische Staatsbürger und russische Emigranten, die – häufig zwangsweise – in die Sowjetunion repatriiert wurden, und die Zone III diente [ausschließlich] der Repatriierung der aus der Sowjetunion zurückkehrenden Deutschen. 1947 eröffnete das Hauptpostamt Frankfurt/Oder eine Poststelle im Lager. Damit bestand die Möglichkeit, mit der Familie zu telefonieren oder Telegramme abzuschicken. Hier gab mein Vater am 3. Juli 1947 ein Telegramm auf, in dem er seine baldige Rückkehr und gleichzeitig seine Entlassung aus der Gefangenschaft ankündigte ( Eintreffe in den nächsten Tagen = Geerd Zylmann ). […]. Petersberg b. Erfurt: Dem DRK Suchdienst der DDR liegt eine Meldung vor, wonach mein Vater 3 Tage später am 6. Juli 1947 im Durchgangslager Petersberg bei Erfurt eintraf. Dort gab er den weiteren Weg nach Hamburg-Rahlstedt, Schillerstraße 34 als Ziel an. Insgesamt wurden 2125 Standorte [Lager] ermittelt, an denen sich deutsche Kriegsgefangene aufgehalten haben . Von 1949 bis Anfang 1950 wurden sämtliche nicht verurteilte Kriegsgefangene [gegen die kein Strafverfahren lief] aus der Sowjetunion entlassen. 1955 kamen die letzten 9626 verurteilten Deutschen frei. Das Schicksal meines Vaters war lange Zeit ungewiss. Ende April 1945 notiert Peter Zylmann in seinem Tagebuch: Von Geerd ein Brief, er sei mit seiner Einheit von den Russen eingeschlossen gewesen, sie hätten sich aber unter schweren Verlusten wieder freigekämpft. Jetzt ist er in Olmütz . Am 16. Juni 1945 schreibt Peter Zylmann in einem Brief an seine Schwester Anni: Von Geerd noch keine Nachricht. Aber als Arzt hat er ja sowieso einige Vorteile, auch bei den Russen, wenn er nicht bei den Amerikanern ist, was wir noch nicht wissen. Wir machen uns noch keine Gedanken, Nachrichten können ja noch nicht kommen . Von der Gefangennahme erfuhr die Familie erst im Dezember 1945 (PZ). Eine Zeit des Wartens und Hoffens begann: Heute kam nach 8 Monaten die erste Nachricht von unseren Papi. Vielleicht kommt er in kurzer Zeit wieder zurück zu uns. Ob er wohl Weihnachten schon da ist? Aber der Weg aus Sibirien ist so weit. Was Detert wohl denken mag, wenn er nun seinen Vati wieder hat? schreibt mein Mutter am 13.12.1945. Sie muss sehr optimistisch gewesen sein, denn Heiligabend 1945 vermerkt sie: Das 2. Weihnachtsfest, das Jan Detert erlebte! – Wieder hatte ich für uns ganz allein ein Bäumchen aufgeputzt. Hoffentlich sieht es der Vati noch bevor es alle seine Nadeln abgeworfen hat. (IZ). Auf die Rückkehr des Vaters mussten wir allerdings noch über 18 Monate warten.

Über den Autor

Detert Zylmann wurde 1944 in Hamburg geboren. Nach dem Studium der Vor- und Frühgeschichte promovierte er 1980 in Mainz und übernahm 1983 die Stelle eines wissenschaftlichen Mitarbeiters bei der dortigen Archäologischen Denkmalpflege. Seit dem Eintritt in den Ruhestand 2009 beschäftigt sich der Autor intensiv mit dem umfangreichen Schriftennachlass seiner Familie. Der Autor lebt in Mainz, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

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