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Geschichte

Elke Beilfuß

Kunststoff als Design-Material: Wohnkultur im Stil der 1968er

ISBN: 978-3-95850-668-8

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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 11.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 116
Abb.: 86
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

In der westlichen Welt gilt das Jahr '68 als das Revolutionsjahr der Studenten: Die Flower-Power-Bewegung des Woodstock-Festivals, Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg und Auflehnung gegen eine vermeintliche Idylle prägen das Bild dieses Jahrzehnts. Auch im Bereich des Möbeldesigns sind die 1960er Jahre außergewöhnlich - einzelne Objekte aus dieser Zeit sind heute Klassiker und versinnbildlichen das Lebensgefühl dieser Zeit. Dieses Buch untersucht Wohnkultur im Stil der 1968er und beleuchtet die Wiederkehr dieses Stils zur Jahrtausendwende im Hinblick auf Zeitgeist und Lebensart der 1960er Jahre. Es beleuchtet die Sehnsucht nach einer Zeitreise in das bunte Jahrzehnt anhand des beliebtesten Design-Materials dieser Zeit - dem Kunststoff.

Leseprobe

Kapitel, Einleitung: Zeitreisen: »Die Retro-Masche. Mit Vollgas zurück« titelte die Zeitschrift Design Report im Juni 1999. Nicht nur das Automobildesign von New Beetle über Chrysler PT Cruiser bis Jaguar S-Typ erinnert an Vorbilder aus vergangenen Zeiten dieselben Kühlschränke, wie sie bereits in den Fünfzigern den Sound einer zuklappenden Autotür der Ami-Schlitten nachahmten, sind wieder gefragt und designed. Zur Jahrtausendwende ist aus jeder Phase des 20. Jahrhunderts etwas dabei. Die Sixties und Seventies sind in, aber ebenso Design aus Bauhaus und Ulm. Entweder werden die Produkte mit der Anmutung einer vergangenen Zeit gestaltet oder getreu nach den Originalentwürfen neu aufgelegt. Auch die Achtziger rücken wieder näher und versetzen uns zurück in alte Erinnerungen. Im Jahr 2000 trat Stefan Raab beim Grand Prix d'Eurovision« mit seiner Gruppe noch als Abba-Verschnitt aus den Siebzigern auf und ein Jahr später kann man schon wieder in der Popper-Disco tanzen. Als Gründe für den Retro-Look und das Retro-Design führt Kai-Uwe Scholz (1999, 19) in der Zeitschrift Design Report den Verlust von Identitäts- und Heimatgefühlen beim Käufer an sowie dessen Wunsch nach guten alten Bekannten und Vertrauten in Zeiten fortschreitender Veränderung von Technologie und Nutzungsmöglichkeiten: »Nicht technisch, aber ästhetisch scheint der Fortschrittszwang des Projekts Moderne abgeschafft und selbst der Postmoderne [ist] längst die Puste ausgegangen. Zugleich kommen die technologischen Innovationsschübe immer schneller. Da geraten sogar Wirtschaftsmagazine über sozialpsychologische Zusammenhänge ins Grübeln. Die globale Fusionswelle tilge selbst so bekannte Namen wie Daimler- Benz, die Kunden und Arbeitnehmer über Jahrzehnte Identitäts- und Heimatgefühle gegeben hätten. « Eine Zeitreise ist natürlich nicht möglich. All jene, deren Zeit es war, können sich zwar bruchstückhaft oder auch ganz persönlich und emotional erinnern, aber der Gedanke, eine Epoche zu rekonstruieren, ist absurd. Vielmehr scheint, wie Susanne Holschbach (1995, 163) es beschreibt, das Alte neue Aussagen bereitzuhalten, es wird neu bewertet: »[Die Mode] kann aber auch für die Neubewertung abgelegter Dinge und Stile sorgen - die Revival-Bewegungen legen hierfür Zeugnis ab (in der Wiederholung im Revival ändern die jeweiligen Phänomene dabei jedoch ihre ursprüngliche Bedeutung).« In gewisser Hinsicht bezieht sich das auch auf diese Arbeit, die ihre heutige Perspektive nicht verleugnen will. Die zeitgenössischen Tendenzen und Blickwinkel haben mich zum einen bewogen, über Möbelentwürfe und Wohngestaltung mit dem Material Kunststoff um 1968 zu schreiben. Zudem ist es auch die Zeit, in die ich selbst 1965 hinein geboren wurde und die mich unbewußt und bewußt in meiner Kindheit geprägt hat: Mit dem Material Plastik, mit poppigen Farben und Mustern und mit den Tendenzen der sechziger und siebziger Jahre bin ich wie selbstverständlich aufgewachsen. Die einzelnen Designobjekte, die heute Klassiker sind und als herausragend für die Zeit um 1968 angesehen werden, können zwar etwas über den Zeitgeist der Sechziger aussagen. Diese Objekte wieder zu entdecken, sie auszustellen, sie zu sammeln, sie erneut zu produzieren und die eigene Inneneinrichtung mit ihnen zu bereichern, entspringt jedoch dem Zeitgeist und der Kultur der Neunziger. Ein Blick ins Internet, auf die Seiten des Online-Auktionshauses eBay unter www.ebay.de zeigt die Trends. Mit den Suchbegriffen Design und Kunststoff lassen sich vor allem Kunststoffobjekte und Möbel finden, die vermutlich in den 1960er und 1970er Jahren entworfen wurden. Für die Suche nach Objekten aus dieser Zeit eignet sich auch der Name des Designers Panton hervorragend, wenngleich die meisten der gefundenen Artikel nicht von Verner Panton entworfen sind. In den Überschriften heißt es beispielsweise »quietschgelber Panton-Art Kinderstuhl« oder »Designer Stuhl, der PANTON-CHAIR«, obwohl im Text nachzulesen ist, daß der Designer Ernst Moeckl den angebotenen Stuhl gestaltete. Hier zeigt sich, daß Panton mittlerweile zum Inbegriff eines Designstils wurde, den man sich heute gerne aneignen möchte. Dieser Trend könnte, entsprechend der Recherchen bei eBay, auch mit space-age-design bezeichnet werden. Der Begriff space age wurde in vielen der gefundenen Anzeigen benutzt und deutet die Wünsche nach dem Einrichtungsstil heute an. Einen »Panton Plastik Space Age 70er ... Hocker !! ! « bot ein Verkäufer namens tinid zum Startpreis von 1,- DM an. Spezialist auf dem Gebiet des Space-Design scheint der Verkäufer mit dem schönen Namen angel.s zu sein, er schrieb »don't forget: space age macht sexy!«. Zu einem angebotenen Stuhl des Designers Helmut Starke textet er »enjoy your bid and have a lucky space age day!« Auf der Space-Age- Welle schwimmt auch der kommerzielle Anbieter von Designklassikern. Zahlreiche Ausstellungen der letzten Jahre präsentierten herausragendes Design aus den sechziger Jahren. Erinnern wir uns an die Objekte und Einrichtungsgegenstände, die uns selbst damals umgaben, so sind von diesen Designklassikern möglicherweise nur wenige oder überhaupt keine dabei. Ein Gegenstand, eine Trockenhaube der Firma Braun, hat mich in den Siebzigern besonders fasziniert. Entgegen herkömmlicher Trockenhauben, die an einem Ständer hängen und mit glühenden Drähten beheizt werden, wird die Super-LuftkissenTrockenhaube HLH 1 mit warmer Luft aufgeblasen. Die Haube wird direkt auf die Haare oder die Lockenwickler gesetzt, seitlich und hinten ist der Kopf von einer Plastikfolie umgeben, die sich durch die warme Luft kissenartig aufbläst. Mit diesem Objekt verbinde ich Wärme und Weichheit. An die heute viel zitierten Designklassiker, die in meiner Kindheit neu auf den Markt kamen, erinnere ich mich aber kaum, vielleicht noch an das ein oder andere Küchengerät von Braun. Das läßt sich leicht erklären: Meine Eltern waren zwar, entsprechend der damaligen Zeit, mit farbigen Mustertapeten und Polstermöbeln mit Schaumstoffkern eingerichtet, aber nicht nach Anregungen der Zeitschrift Schöner Wohnen . An teuren Designartikeln waren meine Eltern nicht interessiert. Das lag daran, daß sie sich nach ihrer Heirat Mitte der Sechziger Jahre zwar zeitgemäß, aber eher praktisch eingerichtet hatten. Die Möbel sollten vor allem robust, bequem und lange haltbar sein. Mein Vater betrachtete fast alles, auch das Mobiliar, aus der Sicht des Ingenieurs. Er legte daher in erster Linie auf Funktion und Technik Wert, weniger auf Modisches. Häufiger Tapetenwechsel, durch mehrere Umzüge, brachte allerdings doch die Moden und den Stil der Siebziger in unser Zuhause. Bunte, poppige, klein oder groß gemusterte Tapeten waren besonders bei meiner Schwester und mir sehr beliebt. Ein anderes Beispiel von Wohnkultur oder auch Anti-Design-Kultur aus den sechziger Jahren liefert Volker Albus. Er berichtet unter dem Titel »Auf Matratzenhöhe. Oder: Warum das 68er-Design eine Erfindung der 90er Jahre ist« (Kat.-Ausst. Berg. UniversitätiCH Wuppertal o.J ., 176-179, Albus) über seine persönlichen Erfahrungen in einer Szene, die um 1968 mehr nach den Meinungen und Haltungen der Einzelnen fragt und diese zum Unterscheidungskriterium erhebt, gestylte Äußerlichkeiten jedoch eher ablehnt. Für Volker Albus (Jahrgang 194 9) veranschaulichen die selbstgebauten Matratzenlager in den Wohnungen von Freunden und Altersgenossen jene Haltung dieser Zeit: »Die Matratze war mehr als nur die einfachste Möglichkeit, die Bedürfnisse nach einer Sitz- und Liegegelegenheit auf billigste Art und Weise zu erfüllen. Sie war eine Art Chiffre für einen ganz bestimmten Lebensstil. Sie war sozusagen die Couchgarnitur der Jugend dieser Jahre.« (ibid., 178). Auch über die mit Freunden eröffnete Kneipe, das Null, sagt Volker Albus, daß diese ebenso wie die privaten Wohnräume, quasi nicht designed wurde: »Die Wände wurden irgendwie dunkel angestrichen, ich glaube braun und rot, das war aber auch schon alles. Genau genommen blieb alles beim Alten. Ungestaltet. Ein Irgendwie von Tischen, Bänken, Stühlen und Flippern.« (ibid., 179). Um 1968 - Zeit und Ort: Das Jahr '68 gilt als das Revolutionsjahr der Studenten in der westlichen Welt: Die Flower-Power-Bewegung des Woodstock-Festivals und die Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg prägten das Bild in Amerika in der Bundesrepublik begannen die Studenten, sich gegen eine vermeintliche Idylle4, der ein allgemeines Verdrängen des Unheils von Krieg und Naziherrschaft zugrunde lag, aufzulehnen. Was bedeutet Um 1968 ? Definiert man, wie historisch für das zwanzigste Jahrhundert in Deutschland allgemein gebräuchlich (vgl.Ruetz 1997, 10, Sachsse), die Dezennien von der Mitte des einen bis zur Hälfte des nächsten Jahrzehnts, dann bildet das Jahr 1968 das Zentrum der sechziger Jahre. Im Bildband » 1968. Ein Zeitalter wird besichtigt« dokumentiert Michael Ruetz die Zeit des Umbruchs in Deutschland mit Fotografien aus den Jahren 1964 bis 197 4 Diese Zeitspanne ist in der vorliegenden Arbeit mit um 1968 ebenso gemeint.

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