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Geschichte


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 12.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 136
Abb.: 196
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Die vorliegende und seit 1996 mehrfach aktualisierte Biographie beschreibt das Leben und Wirken von Karl August Lingner (1861-1916). Sie zeichnet seinen Weg vom Handlungsgehilfen zum Großindustriellen nach, der mit Odol einen Prototypen der Markenartikelindustrie schuf und in der Werbung neue Maßstäbe setzte. Er erkannte die hygienischen und sozialen Probleme der Industrialisierung in Deutschland, aber auch die sich weltweit verändernden wirtschaftspolitischen Verhältnisse. Er wurde zum Mitbegründer der hygienischen Volksbelehrung und veranstaltete 1911 mit der I. Internationalen Hygiene-Ausstellung eine Weltausstellung, aus der das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden hervorging. Lingner setzte sich erfolgreich für die Verringerung der Säuglingssterblichkeit sowie die Volksbildung ein und begründete als einer der reichsten Männer im Kaiserreich eine Reihe gemeinnütziger Einrichtungen. Visionär waren seine Forderungen nach einem vereinten Europa, um im weltweiten Wettbewerb bestehen zu können. Darüber hinaus wurde er zum Förderer von Kunst und Kultur. Die Biographie versteht sich nicht als feuilletonistische Lebensbeschreibung, sondern vorrangig als Sachbuch und bietet umfangreiche Quellenangaben mit direktem Textbezug sowie vielfältiges Bildmaterial.

Leseprobe

Textprobe: In einer Veröffentlichung von 1894 stellte Seifert Kriterien und Methoden zur Untersuchung von Mundwässern auf. Einleitend begründete er die Notwendigkeit einer Mundpflege durch die ‘epochemachenden Arbeiten Millers über die Mikroorganismen der Mundhöhle’. Dann ging er auf die Anforderungen an ein modernes Mundwasser ein: Dieses sollte ungiftig, neutral, nicht ätzend, desodorierend, erfrischend, frei von eklem Geschmack und antiseptisch sein. Auf die Anforderung antiseptisch legte Seifert besonderen Wert und verwies erneut auf Miller, der forderte, dass ein Mundwasser innerhalb kürzester Zeit die Bakterien der Mundhöhle abtöten müsste. In der Folge beschreibt Seifert die ‘Methode zur Prüfung von Mundwässern auf ihren antiseptischen Werth’ ausführlich. Als Modell der Mundschleimhaut verwendete er Schabefleisch, welches mit dem zu überprüfenden Mundwasser begossen wurde. Anschließend wurden die Schabefleischproben auf die Entstehung von Gärung und Fäulnis in Abhängigkeit von der Zeit untersucht. Diese Versuchsanordnung verwendete Seifert, um sieben bekannte Mundwässer zu überprüfen. Als Ergebnis stellte er fest: ‘Aus diesen mehrmals mit dem gleichen Resultate wiederholten Versuchen folgt, dass man durch Ausspülen mit dem milden und unschädlichen Odol die Fäulnissprocesse im Munde längere Zeit verhindert, als selbst mit der giftigen, schädlichen Sublimat-Benzoesäure-Lösung [nach Miller], welche bisher als das stärkste antiseptische Mundwasser galt’ [164]. Diese Veröffentlichung Seiferts zeigt, dass das Mundwasser Odol nach wissenschaftlichen Kriterien entwickelt wurde und gegenüber den ‘Mitbewerbern’ scheinbar konkurrenzlos war. Andere Forscher, z.B. Karl Roese, kommen zum gleichen Ergebnis. Von daher war der Ausspruch ‘Bestes Mundwasser’ nicht ganz aus der Luft gegriffen. Neben dem Odol entwickelte Seifert die Phenolkarbonate Guayakolund Kresolkarbonat, die günstige Wirkungen bei Erkrankungen der Atemwege wie Lungenentzündung und Tuberkulose zeigten. Als 1892 eine schwere Choleraepidemie Hamburg heimsuchte, entwickelte Seifert das Tribromphenolwismut, um die Seuche zu bekämpfen [212]. Durch seine pharmakologische Forschungstätigkeit könnte Seifert den Kaufmann Lingner für medizinische Fragen interessiert und Kontakte zu Ärzten beziehungsweise Naturwissenschaftlern vermittelt haben. Nach Wollf [223] öffnete ein befreundeter Chemiker Lingners dessen ‘tieferes Verständnis’ für die ‘maßgebenden Arbeiten Robert Kochs’. Inwieweit die Arbeit Seiferts bei der Bekämpfung der Choleraepidemie in Hamburg Lingner zusätzlich zur Beschäftigung mit Fragen der Hygiene anregte, bleibt dahingestellt. Seifert beriet Lingner auch nach der Einführung des Odols mündlich und schriftlich. In Vertretung Lingners nahm er die Mischung des Odols selbst vor und besorgte und prüfte die verwendeten Rohmaterialien [226]. Wohnte Seifert 1892 noch in Taubenhein bei Meißen, so verzog er 1895 nach der Schildenstr.79 in Radebeul. 1899 wurde er technischer Direktor der von Heyden AG und verzog 1900 nach der Albertstr.6b (heute Ecke Wichernund Rathenaustraße). Diese Villa war im maurischen Stil ausgestaltet und die Türen und Wände mit auffällig grellen und bunten Blumen bemalt. 1905 beginnt Seifert mit dem Aufbau der Indigoherstellung in Weißig und wird im gleichen Jahr zum Professor ernannt. Bis 1907 wird dann seine neue Wohnadresse das Terrassenufer 29 in Dresden, bevor er eine Villa in den Bergen der Lößnitz in Wahnsdorf erwirbt. Nach Prof.Dr.Dr.h.c.Richard Müller (1903-1999) wurden in der von Heyden AG folgende Gerüchte über Seifert erzählt: ‘Seine Beziehungen zu Lingner seien homosexuell und er schließlich geisteskrank gewesen. Er habe einmal zahlreiche Gäste zu einem Essen nach Wahnsdorf eingeladen. Es habe aber nur ein Essbesteck gegeben, das sei reihum gegangen. Er habe (in der Firma, d.Verf.) ein mit Blumen geschmücktes Podium aufbauen lassen, von dem aus er dann einem Dr. Koch,..., feierlich gekündigt hätte, was natürlich ungültig war. Er sei überzeugt gewesen, dass man schon zu Zeiten des Alten Testamentes Salicylsäure gekannt habe. Nach seinem Tod habe Seifert einen Kasten mit vielen Notizen hinterlassen, was man alles noch erfinden könne. Im Übrigen hatte ich nicht den Eindruck, dass man ihm wegen seiner menschlichen Eigenschaften besonders nachtrauerte. Man war offenbar froh, dass die Angelegenheit glimpflich abgelaufen war, und man wollte nicht darauf angesprochen werden. Wer weiß, was da noch vorgekommen ist.’ [233]. Lingner gewährte seinem Freund Seifert für dessen Grundstück in Wahnsdorf um 1915 eine Hypothek von 30.000 Mark [41]. Zur gleichen Zeit erwarb Lingner von ihm das Wohnhaus Terrassenufer Nr. 29, das Seifert seit 1907 besaß [146] auch bedachte Lingner seinen Freund testamentarisch mit fünfzig Lingner-Aktien im Wert von 50.000 Mark [31]. Der von seinem Lehrer, Prof. R. Schmitt, als ‘Chemiker von Gottes Gnaden’ bezeichnete Seifert verstarb am 25. Juni 1919 und wurde am 28. Juni 1919 auf dem Alten Annenfriedhof in Dresden beigesetzt. Leider ist die Grabstelle des Mannes, der Lingner die Grundlagen für dessen Geschäftserfolg legte und der die Heyden AG (heute Arzneimittelwerk Dresden GmbH) ‘groß und bedeutend’ machte, verfallen [Grabstelle M10.15a/b]. Die Urheberschaft des Namens Odol (gr./lat. odous = Zahn / oleum = Öl) für das wohl bekannteste deutsche Mundwasser wird Lingner zugeschrieben. Die Inhaltsstoffe des Odols waren nach A. Neisser 1898: Salol 3,5 Prozent Alkohol 90,0 Prozent Aqua dest. 4,0 Prozent Saccharin. 0,2 Prozent und Ol. menth. piper. -anisi -foenciculi -caryophyllor. -cinnamom [154]. Auch soll die eigenwillige Form der Odolflasche (Gebrauchsmusterschutz Nr. 89 258) Lingners Erfindung sein [223]. Andere Quellen berichten, dass die Odolflasche ‘vom ersten Bildhauer dieser Zeit’ entworfen wurde. Auch eine weniger spektakuläre Entstehungsgeschichte scheint möglich. Allen Chemikern sind Rundkolben mit gebogenem Kolbenhals bekannt. Verkürzt man den Hals des Kolbens und verändert den kugelförmigen Kolbenbauch in Richtung einer flachen Flasche, so entsteht ebenfalls eine Odolflasche. Unbestritten ist jedoch, dass die charakteristische und einmalige Flaschenform wesentlich zum Erfolg von Odol beigetragen hat. Sie wurde in der Folgezeit in mindestens 110 Fällen von Konkurrenten nachgeahmt [226,S.17]. Auch die auf den Odolflaschen verwendeten patentierten Etiketten behielten über Jahrzehnte ihr charakteristisches Aussehen durch den quergestellten Schriftzug ‘Odol’ auf hellblauen Grund bei. Lediglich die Zusatzinformationen wurden mehrfach verändert. Die ersten Odolflaschen sind an einer Fabrikmarke erkennbar. Diese stellt in der rechten oberen Ecke den Planeten Saturn mit dem Buchstaben L auf der Kugel dar [226,S.26]. Die Odolflaschen wurden anfangs in der Glashütte von Münzel & Palme in Röhrsdorf, ab 1895 in der Glashütte Trassel in Ober-Warmensteinach und in Schönthal (Böhmen) sowie ab 1906 in Immenreuth hergestellt. Seit nunmehr einhundert Jahren wird die Odolflasche in nahezu unveränderter Form angeboten. Der Odol-Flaschenverschluss bestand anfangs aus einer kleinen Zinnkapsel, die mit erwärmter Guttapercha aufgekittet wurde. Lingners Werksmeister Kirschen entwickelte später einen Verschluss aus Metall ohne jede Dichtung, der den Druck von einer Atmosphäre aushielt und aus drei Teilen reinem Nickelblechs bestand. Da Nickel sehr teuer war, mußte das Unterteil des Verschlusses durch Aluminium ersetzt und die Flasche zum Schutz vor Korrosion mit einem aufgeklebten Pergamentplättchen versehen werden. Die Herstellung des Odolverschlusses erfolgte zuerst durch die Firma Gäbler in Radebeul und später in einer eigenen Verschlussabteilung der Lingner-Werke [226]. Die Odolproduktion begann Lingner mit ca. 20 Mitarbeitern, das Odolantiseptikum bezog er durch die Chemische Fabrik von Heyden A.G. Radebeul. Hier war bis 1898 Dr.Gentsch und bis 1902 Dr. Osborne für die Herstellung des Odolantisepticums verantwortlich. Im Dresdner Chemischen Laboratorium Lingner erfolgte die Mischung des Antiseptikums mit Spiritus und ätherischen Ölen. Zu diesem Zweck lagerte die Firma bereits 1892 ca. 200 Liter Spiritus in den Räumen am Freiberger Platz 8 [93]. Die zur Odolherstellung verwendeten Materialien untersuchte der Nahrungsmittel-Chemiker Dr. Hefelmann († 1903) in seinem Untersuchungslaboratorium Schreibergasse 6, später im Hause der Marien-Apotheke an der Kreuzkirche. Dr. Hefelmann beriet Lingner auch zu wissenschaftlichen Fragen und veröffentlichte grundlegende Arbeiten über die antiseptische Wirkungsweise von Odol. So 1894 ‘Über die Einwirkung der gebräuchlichsten Mundwässer auf die Zahnsubstanz’ und 1899 ‘Über die Wirkung des Odols im Munde’[226, S.15]. Die Massenproduktion des Odols zwang schon 1894 zu einer Verlegung der Fabrikation in das Gebäude Freiberger Platz Nr. 17, wo auch Lingner seine Privatwohnung bezog [175]. 1896 verlegte Lingner seinen Wohnsitz in die Barbarossastraße 9. Noch im gleichen Jahr mietete er die Villa Leubnitzer Straße 30, die er im darauffolgenden Jahr von der in Paris lebenden Bankiers Ehefrau Elise-Carolina Adler kaufte und somit seinen ersten Immobilienbesitz in Dresden erwarb [136]. Diese Villa wurde 1880 von Max Gutmann erbaut und um 1900 nach den Vorstellungen Lingners von Prof. Wilhelm Kreis (1873-1955) umgestaltet. Besonderen Wert legte er auf die Innenarchitektur des großen Saales. Lingners geschäftliche Erfolge spiegelten sich, für alle sichtbar, in der Repräsentanz dieser Villa wider. Noch heute hat die Villa etwas von ihrem einstigen Glanz erhalten. In einer Anzeige an das Gewerbeamt Dresden vom 26. Oktober 1897 teilte Lingner die Verlegung der Produktion vom Freiberger Platz Nr. 17 nach der Nossener Str. 2/4 (vormals Klavierfabrik ‘Apollo-Ascherberg’) mit [94]. Dieser Standort ermöglichte Lingner, die Fabrikation und Verwaltung nach neuesten Erkenntnissen einzurichten und die Produktion unter anderem mit Hilfe einer 100 PS starken Dampfmaschine erheblich zu erweitern [180]. Lingner beschäftigte nun 40 Arbeiterinnen und 20 Arbeiter zur Herstellung des Odols [94]. Die Lagerhaltung von Spiritus musste nun von bisher 200 auf 1.000 Liter erweitert werden. Im Erdgeschoss der neuen Fabrikationsstelle befand sich eine mechanische Werkstatt und ein großer heller Raum für einen mechanisch angetriebenen Mischkessel, in dem das Odol hergestellt wurde. In Nebenräumen richtete man Lager für Rohmaterialien ein. Im ersten Stock des Gebäudes Nossener Straße 2/4 befand sich seit 1897 das Chemische Laboratorium und die Verschlussfabrikation. Im zweiten Stock wurde die Propaganda-Abteilung und das Privat-Kontor Lingners untergebracht. Das Obergeschoß diente der Fertigstellung der einzelnen Artikel. In einem großen Holzschuppen an der Zwickauer Straße befand sich die Packerei- und Versandabteilung sowie Lager- und Spülräume für die Flaschen. Im ersten Stock war die Personalgaderobe und ein schönes Atelier für Zeichner und Maler untergebracht [226,S.31]. Anhand dieser Beschreibung lässt sich eine Anekdote, aufgezeichnet von Ludwig Renn, nicht bestätigen. Er schreibt: ‘Eines Tages besuchte ein Fremder Lingners Fabrik. Man ging durch die Räume und besah sich dann das stattliche Haus, in dem die rührige Propagandaabteilung arbeitete. Man schritt durch die Hallen, in denen das fertige Produkt verpackt wurde. Und was ist in diesem Schuppen da ?, fragte der Gast, Ach dort ?, antwortete Lingner geringschätzig, da wird das Odol selbst hergestellt.’ [229].Unabhängig von dieser Anekdote sollte Ludwig Renn als Quelle in Bezug auf Lingner nur mit äußerster Zurückhaltung betrachtet werden, denn auch seine Berichte über ein Schloss Lingners in Bayern sind falsch.

Über den Autor

Dr. Ulf-Norbert Funke wurde 1962 in Dohna geboren. Nach dem Studium der Medizin an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena schloss er die Weiterbildung zum Facharzt für Neurologie an der TU Dresden an. Seit 1990 verfolgt er die Spuren des Odol-Fabrikanten Karl August Lingner (1861-1916) und verteidigte 1993 seine Dissertation über das Leben und das Werk Lingners. Darauf aufbauend veröffentlichte der Autor 1996 die erste umfangreiche Biographie über Karl August Lingner, der mehrere Auflagen folgten. Als Ehrenmitglied im Förderverein Lingnerschloss e.V. engagiert er sich für den Wiederaufbau des Lingnerschlosses, Lingners letzter Wohnstätte in Dresden.

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