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Gesellschaft / Kultur

Manfred J. Foerster

Essays zur politischen Kultur deutscher Vergangenheit und Gegenwart

Zerstörung des Ich-Ideals und die Ungewissheit der Zivilisation

ISBN: 978-3-95935-483-7

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Produktart: Buch
Verlag: disserta Verlag
Erscheinungsdatum: 12.2018
AuflagenNr.: 1
Seiten: 220
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Freud zufolge hat das christlich-jüdische Gottesverständnis dazu beigetragen, entgegen archaischen Sinndeutungen und Begründungen, dass das Soziale sowie die Grundanliegen einer universalistischen Humanitas sich im historischen Kulturprozess über die Jahrhunderte hinweg bis zur Aufklärung entwickeln konnten. Hierauf beruht unser gesellschaftliches Regel- und Normensystem. Bereits der Anthropologe Arnold Gehlen sah darin die institutionell notwendige Verankerung des Menschen als ein Mängelwesen inmitten der ihn umgebenden Natur und Welt. Die Ideen der Aufklärung und der Französischen Revolution haben demzufolge wesentlich zur Vorherrschaft der Vernunft beigetragen und das Recht des Menschen auf Freiheit und Emanzipation eingeleitet. Hinter diese Errungenschaften zurückzufallen, hieße, den Weg in die Barbarei zu ebnen.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel Verschiebungen moralischer Werte oder das Grauen der Wirklichkeit: Hannah Arendt sprach im Zusammenhang mit den ungeheuerlichen Verbrechen des Dritten Reiches vom Verweilen beim Grauen . Dieses Verweilen bezieht sich nicht nur auf die Analyse individueller Gründe und Verbrechen, sondern auch auf die politische Wirklichkeit jener Zeit, die eine beispiellose emotionale und intellektuelle Entmündigung des einzelnen zur Folge hatte. Täter und Mitläufer des Systems ließen sich widerstandslos entmündigen und ihrer eigenen Verantwortung, für das was sie taten, berauben. Eine derartige Entpersönlichung konnte nur infolge eines kollektivpsychischen Klimas geschehen, in der sich alle bisherigen Werte und Normen einer humanen Gesellschaftsordnung für viele als nicht mehr sonderlich tragbar herausgestellt hatten, insbesondere für diejenigen, die nicht mehr am gesellschaftlichen Integrationsprozeß teilhaben konnten. Anstatt ihr persönliches Heil in einen Individualismus zu suchen, der den unterschiedlichen Stärken der einzelnen Rechnung getragen hätten, flüchteten etliche von ihnen in eine amorphe Kollektivhaltung. Jene Gleichförmigkeit der Individuen und psychisch betrachtet der Charaktere, kam vor allem in den gigantomanischen Plastiken des Nazi-Bildhauers Arno Breker ebenso zum Ausdruck, wie durch die konturenlosen Aufmärsche der Massen anläßlich der Nürnberger Reichsparteitage. Dem totalen Herrschaftsapparat des Nazi-Regimes ist es gelungen, die Menschen in ihrer charakterlichen Verschiedenheit und Pluralität so zu organisieren, als ob alle zusammen nur einen einzigen Menschen darstellten , ihnen gewissermaßen ihr unverwechselbares Gesicht zu nehmen, so daß die Reaktionen aller so aussahen, als ob sie nur einer Person zugehörig seien. Im Morden und Quälen der Opfer hoben sich die individuellen Unterschiede der Täter auf. Der einzelne wurde nur noch als unbedeutendes Mitglied der sogenannten Volksgemeinschaft gesehen, innerhalb derer, er von subjektiver Verantwortung freigesprochen wurde, vorausgesetzt sein Verhalten entsprach den Vorgaben des Regimes. Die Gleichmacherei in der Volksgemeinschaft diente nur der systematischen Vorbereitung zur Gleichmacherei der Täter und Opfer, bei der letztere ohne Ansehen der Person umgebracht wurden, gleichsam so, wie man Ungeziefer vernichtet. Die Verwendung dieser Metapher, so problematisch es auch klingen mag und so sehr sie auch gegen gewohnte Sprachregelungen verstößt, in Anbetracht der Tatsache der nationalsozialistischen Massentötungen unter Einsatz des Insektenvernichtungsmittels Zyklon B erscheint sie in ernüchternden Weise angebracht. Das eigentliche Grauen liegt darin, daß die Opfer bereits vorher vom Leben abgeschnitten waren, so als wenn sie nicht mehr existent seien. Ihnen wurde jede Menschlichkeit abgesprochen und ihre Vernichtung nur der logische Schritt am Ende einer systematischen Zerstörung ihrer ursprünglichen Identität war. Ihrer körperlichen Vernichtung ging eine jahrelange soziale Zerstörung ihrer bedeutsamen Lebensgrundlagen voraus. Für die Opfer bedeutete dies die restlose Aberkennung, Teil der menschlichen Gemeinschaft zu sein, für die Täter und Verfolger hingegen die Aufkündigung ihrer eigenen Existenz als sozial verantwortliche Wesen, auf deren Solidarität normalerweise eine Gesellschaft nicht verzichten kann, es sei denn, sie ist bereit, sich selbst zu zerstören. Vorangegangen waren diesem Zerfallsprozeß eine unvorstellbare Verrohung des Humanen durch Wort und Schrift, von dem bereits hier und an anderer Stelle ausführlicher die Rede war. Die Normen des historischen Ich-Ideals verloren zunehmend an Bedeutung für die Lebensgestaltung des einzelnen, stattdessen hielt man Ausschau nach übermächtigen Vaterfiguren und identifizierte sich mit totalitären Institutionen des Terrors, wie die SS oder die SA, die NSDAP oder die Gestapo, an deren Normen und inhaltlichen Vorgaben man seine Handlungen auszurichten hatte. Das sogenannte Führerprinzip kam psychologisch diesem Umstand entgegen, da sich jeder in einem über ihn stehenden Führer wiederfand, bis hin zu Hitler. Vom untersten Blockwart bis über die SS-Führer und dem obligatorischen Reichsführer der SS, Himmler, hatte jeder seinen nationalsozialistischen Führergötzen als moralische Instanz, der ihm das Handeln vorschrieb. Die gesellschaftlichen Machtverhältnisse bestanden, insoweit es sich um Herrschaft, Befehl und Unterordnung handelte, aus Führerschaft und Gefolgschaft. Die einen befohlen und ordneten an und die anderen gehorchten, führten widerspruchslos die Befehle aus, in der Gewißheit das Richtige zu tun da es von oben angeordnet wurde. So wie im damaligen Kaiserreich die Gesellschaftsordnung in Obrigkeit und Untertan zerfiel, deren oberster Repräsentant der Kaiser höchstpersönlich war und sich jeder Bürger einem schwächeren gegenüber auch ein bißchen als Herrscherchen fühlen durfte, zerfiel die nationalsozialistische Gesellschaft in Führertum und Gefolgschaft. Auf die erstere, wilhelminische Beziehungsstruktur konnten die Nazis aufbauen, da deren zugrundeliegenden Mentalitäten im gesellschaftlichen Klima introjiziert waren und mit zum Aufstieg des Hitlerismus und zu der Bereitschaft beigetragen haben, sich verbrecherischen Befehlen zu unterwerfen. Zum anderen erleichterte die generationenlange Unterwürfigkeit den Opportunismus, den moralischen Referenzrahmen im Sinne der Autoritäten zu verschieben. Innerhalb dieses Referenzrahmens agierten die Täter mit einer gleichbleibenden Identität von Reaktionen, so daß sie untereinander austauschbar wurden. In dem Maße wie die eigene Verantwortung auf das Über-Ich-Objekt in Gestalt der nationalsozialistischen Herrschaft delegiert wurde, der einzelne sich also mit den Ideologien identifizierte und sie zu seinen eigenen machte, konnte man die begangenen Verbrechen, die man im Auftrag dieser Instanz verübt, von seinem Gewissen abspalten. Der Psychoanalytiker Otto F. Kernberg hat das psychische Ergebnis dieses Introjektionsvorganges im Hinblick auf die Gewissensbildung als pathologisches Über-Ich benannt, das sich an die Stelle eines normalen und den moralischen Imperativen verpflichtetes Über-Ich setzt. Das pathologische Über-Ich errichtet seine eigenen Normvorstellungen, die den politischen und persönlichen Obsessionen und Absichten die Legitimation zu unmoralischen Handlungen liefert und sie als systemkonform und somit als Normalfall erscheinen läßt. Da hierdurch verwerfliches Handeln zur Normalität wird, weil es sich in dem vorgegebenen moralischen Referenzrahmen bewegt, entstehen keine Schuld- und Schamgefühle, was mit dazu beitrug, daß das Töten so relativ leicht und skrupellos von der Hand der Täter ging. Die Täter durften sich unter dem Schutz dieses ideologisch vorgegebenen Referenzrahmens als Herren über Leben und Tod fühlen. Wenngleich die Täter keine Psychopathen im eigentlichen Sinne waren, so orientierten sie sich an einem pathologischen Über-Ich, was sie zu ihrem eigenen gemacht hatten. So wie das Gefühl eigener Minderwertigkeit auf den allmächtigen Führer projiziert wird, so werden auch die Schuld- und Schamgefühle auf das Feindbild verschoben und die bösartigen Ich-Ideale des Führerobjektes und dessen Wahnideen und Weltanschauungen an die Stelle des eigenen Gewissens gesetzt sowie alle Taten in völliger Verleugnung von Schuld begangen. Die Führergestalt und die mit ihr verbundenen Normvorstellungen – verknüpft mit einem absoluten Totalitätsanspruch von Herrschaft und Gewalt –, werden in der Rolle einer nicht mehr zu hinterfragenden Über-Ich Instanz überhöht und schalten das eigene Gewissen aus. Die Tatsache, daß zahlreiche Täter der NS-Zeit diese Spaltungen in ihrer sozialen und moralischen Wahrnehmung vornahmen und infolgedessen nicht an ihren grauenvollen Verbrechen psychisch zerbrachen, dürfte ihre Ursache nicht zuletzt darin haben, daß die Verdrängung der damit verbundenen Skrupel als besondere Charakterstärke in das Konzept der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie integriert wurde und auf fruchtbaren Boden fiel. Die Täter wußten daher zu unterscheiden, zwischen ihrem eigenen moralischen Vermögen und der von ihnen geforderten mörderischen Tätigkeiten. Ihr moralisches Selbstverständnis bestand ausschließlich darin, sich einem partikularistischen Referenzrahmen zu unterwerfen, dessen Verhaltenskodex durch die Ideologie und Propaganda vorgegeben wurde. Die Verschiebung des Referenzrahmens wurde vorab, bevor es zu konkreten Taten kam, durch die nationalsozialistische Propaganda eingeleitet, welche unentwegt Feindbilder und Volksschädlinge produzierte. In dieser restlosen Verwirrung moralischer Kategorien liegt Joachim Fest zufolge in ideologischer Hinsicht das Wesen totalitärer Herrschaft. Begleitet von der Verkündigung einer neuen Moral verdankt sie ihre Anhängerschaft weniger der Aufkündigung von zivilisatorischer Triebbeherrschung, als vielmehr darin, daß sie alle zivilisatorischen Begriffe verkehrt und pervertiert und somit einem unbewußten Drang nach Triebanarchie Vorschub leistet. Also genau zum Gegenteil dessen aufruft, was unter zivilisatorischen Umständen das Über-Ich verbietet. Dem Handeln der Täter kam dieses partikularistische Moralkonzept der Nationalsozialisten entgegen, da hieraus die Ungleichheit von Menschen abgeleitet wurde und das Töten als eine Maßnahme darstellte, die das Wohlergehen des Volkes ermöglichte und zugleich diesen anarchistischen Drang, Herr über Leben und Tod zu sein, auf eine rechenschaftslose und straffreie Weise befriedigte. Ein solcher pervertierter Moralbegriff, welcher einen minderwertigen und vernichtungswürdigen Feind im Inneren der Gesellschaft postuliert, legitimierte daher jede Mordaktion als angemessenen Beitrag zur Sicherung der sogenannten Volksgemeinschaft. Damit wurde die Vernichtung anderer zum Normalfall, der den einzelnen Täter dazu verpflichtete, Juden zu töten. Darüber hinaus errichtete eine solche Legitimation zum Töten eine Distanz zwischen dem Vernichtungsakt und etwaigen triebbestimmten Motiven der einzelnen Täter, da er gewissermaßen in Auftrag einer übergeordneten, rational begründeten Situation zur Durchführung kam. Das historische Mißverhältnis zwischen den, von Religionsstiftern, Philosophen und Staatsmännern postulierten Idealen, welche über Erziehung und Sozialisation generationenlang vermittelt wurden und die den Schutz und die Integrität des menschlichen Lebens über alles stellten, und der diesen Idealen wenig entsprechenden Realität wurde durch die Nationalsozialisten in aller Deutlichkeit aufgedeckt. Ausdeutungsfähige Begriffe wie Rasse, Volksgemeinschaft erweckten die latente Bereitschaft, sich einem vermeintlich höheren Gesetz unterzuordnen. Dem Anruf der Machthaber nach bedingungsloser Gefolgschaft um einen, von der Propaganda vorgetäuschten geschichtlichen Auftrag zu erfüllen, haben sich zahlreiche normale und gewissenhafte Deutsche nicht versagt. Auf der Grundlage der nationalsozialistischen Weltanschauung und Rassenideologie verwandelte der Nationalsozialismus das ursprüngliche biblische Tötungsverbot in ein Tötungsgebot gegenüber bestimmten Menschen und Angehörigen fremder Völker und Rassen. Deren Vernichtung entsprach einem sozialdarwinistischen Ausleseprinzip, was als Maßstab der von Himmler verkündeten Rassenanthropologie galt und aus angeblichen Überlebensgründen der arischen Rassen durchgesetzt werden mußte. Dies versicherte den Tätern ein außerordentliches Maß an subjektiver Entlastung. Das Morden sah man als notwendige Angelegenheit zum Wohlergehen der deutschen, arischen Bevölkerung an, um deren Überleben sicher zu stellen. Neben der als selbstverständlich erscheinenden Pflichterfüllung des staatlich angeordneten Tötens trat durch die Verschiebung des moralischen Referenzrahmens noch eine weitere auffällige, pervertierte Schattierung pseudomoralischen Handelns zutage, welche das Töten unter einer besonderen Form von Selbstdisziplin stellte, um es als einen korrekten und distanzierten Vorgang erscheinen zu lassen, der von jeder egoistischen Motivation freigehalten werden sollte. Die nationalsozialistische Tötungsmentalität legitimierte vor dem Hintergrund ihres partikularistischen Moralbegriffes zwar den Massenmord, hingegen nicht die persönliche Bereicherung der einzelnen Täter an ihren Opfern. In seiner berüchtigten Posener Rede lieferte Himmler selber die Begründung zu dieser ungeheuerlichen Sinnverkehrung ethischer Normvorstellungen, indem er versicherte, daß es als Zeichen einer intakten Moral anzusehen sei, während des Mordens anständig geblieben zu sein und keinen Schaden an der Seele und an seinem Charakter genommen zu haben. Wir hatten das moralische Recht, wir hatten die Pflicht gegenüber unserem Volk, dieses Volk, das uns umbringen wollte, umzubringen. Wir haben aber nicht das Recht, uns auch nur mit einem Pelz, einer Uhr, mit einer Mark oder mit einer Zigarette oder mit sonst etwas zu bereichern . Hierbei unterlag Himmler nicht nur seiner pedantischen Sittenstrenge, mit der er sein unmittelbares Umfeld überzog, sondern seine Bemerkungen kennzeichneten das durchgängige Prinzip eines versachlichten Terrors, mit dem das Regime tradierte ethische und moralische Standards beiseiteschob. Hierin lag die hauptsächliche Begründung, mit der sich unter der nationalsozialistischen Herrschaftspraxis der moralische Referenzrahmen verschoben hatte, so daß die historisch anerkannte Definition von Recht und Unrecht keine Gültigkeit mehr besaß und infolgedessen das Töten als rechtens, demgegenüber aber die im moralischen Sinn mindere Bereicherung an materiellen Gütern als großes Unrecht qualifiziert und mit drastischen Strafen geahndet wurde. Dem Recht auf Töten wurde die Bereicherung in Form einer Zigarette gegenübergestellt und als Unrecht gebrandmarkt.

Über den Autor

Dr. phil. Manfred J. Foerster studierte Soziologie, Psychologie, Philosophie und Erziehungswissenschaften in Aachen und an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz und promovierte bei Micha Brumlik in Heidelberg über die Analytische Psychologie und Archetypenlehre C.G. Jungs. Außerdem machte er eine Gesangsausbildung als Operntenor in Aachen, Wiesbaden und Mainz. Er leitete über 20 Jahre die Beratungs- und Fortbildungsstelle für haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter/innen des Hessischen Strafvollzuges und war als Lehrbeauftragter an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz im Fachbereich Erziehungswissenschaft, an der Hessischen Justizvollzugsakademie Wiesbaden sowie an der Thüringischen Justizvollzugsschule Suhl-Goldlauter tätig mit den Schwerpunkten: Frühkindliche Bindungserfahrungen und Sozialisation, Ursachen und Auswirkungen von Persönlichkeitsstörungen sowie Persönlichkeitsprofile serieller Sexual- und Gewaltdelikter.

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