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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 02.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 140
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

In dem vorliegenden Buch geht es um den Einfluss familienpolitischer Leitbilder auf real praktizierte Familienmodelle. Dazu werden die familienpolitischen Konzepte Deutschlands, Schwedens und Frankreichs miteinander verglichen. Als theoretischer Überbau für diesen Vergleich dient dabei der Neo-Institutionalismus. Mit Blick auf diese komparative Perspektive ist zunächst festzustellen, dass die empirisch gelebten Familienmodelle oftmals von den propagierten Leitbildern der einzelnen Länder abweichen oder zumindest Unterschiede zwischen Theorie und Praxis erkennbar sind. Die in diesem Buch vorgenommene Untersuchung zielt darauf ab, herauszufinden, welche Parameter und Variablen für diese Abweichungen verantwortlich sind. Ein besonderer Fokus liegt hierbei auf den gesellschaftlichen bzw. geschlechtlichen Rollenvorstellungen und deren Einfluss auf die Annahme bestimmter familienpolitischer Maßnahmen. Im Zentrum der Betrachtungen steht dabei die deutsche Familienpolitik, dessen Weiterentwicklung im Vergleich zum egalitären Doppelversorgermodell Schwedens sowie zur französischen Wahlfreiheit als familienpolitischen Leitbild, analysiert wird.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 6, Das egalitäre Doppelversorgermodell Schwedens: In Schweden wurde das Konzept des ‚Gender Mainstreaming‘ bereits vor der offiziellen Ratifikation innerhalb der EU durch den Vertrag von Amsterdam 1999 verwirklicht. Schon die schwedische Verfassung, welche Anfang der 1970er Jahre in Kraft getreten ist, misst Werten wie Individualisierung und Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen große Bedeutung bei. So geht Artikel 2 dieser Verfassung explizit auf das Geschlechterverhältnis ein: ‘Public power shall be exercised with respect for the equal rights to men and women and protect private and family lives of private citizens’(zit. Nach Hort 2008: 528.). Dies ist auch in zahlreichen anderen Regierungsdokumenten erkennbar, die nahezu eine ‘feministische Sprache’ (Seemann 2009: 35.) sprechen. In einer schwedischen Regierungserklärung aus dem Jahr 2000 wird eine für Frauen nachteilige Gesellschaftsstruktur kritisiert, die es ‘zu durchbrechen’ gilt (Seemann 2009: 35.). Mit Blick auf die Familienpolitik Schwedens wurde diese Gesellschaftsstruktur bereits zu Beginn der 1960er Jahre mit der gezielten Integration von Frauen in den Arbeitsmarkt und der Durchsetzung von Gleichberechtigung als einem zentralen Wert schwedischer Politik transformiert. Im folgenden Kapitel wird dieses Leitbild aus neo-institutionalistischer Sicht differenziert betrachtet. Danach wird ein kurzer historischer Abriss der schwedischen Familienpolitik zur Entstehung dieses Leitbildes getätigt. Im Anschluss daran werden die staatlichen Anreize, die dieses familienpolitische Leitbild in der Gesellschaft verankern sollen, aufgelistet und auf ihre tatsächliche Annahme und Verwirklichung innerhalb der schwedischen Bevölkerung überprüft. Der letzte Abschnitt dieses Kapitels befasst sich mit dem Gelingen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf als einem zentralen Indikator für den Erfolg schwedischer Familienpolitik in der gesellschaftlichen Praxis. 6.1, Leitbild und staatliche Anreize: Das Leitbild der schwedischen Familienpolitik ist das so genannte ‘Doppelversorgermodell’, nach dem beide Elternteile in gleichem Maße erwerbstätig sind. Dieses Modell basiert auf zwei ideellen Leitlinien: dem Grundsatz der Kinderwohlfahrt und dem Grundsatz der Geschlechtergleichheit. Um diese beiden Leitideen zu verwirklichen basieren die familienpolitischen Maßnahmen auf drei Säulen, bestehend aus dem Steuermodell, der Elternversicherung bzw. dem Elterngeld und dem öffentlichen Kinderbetreuungssystem (vgl. Dörfler 2007: 38.). Ziel der schwedischen Politik dabei ist es, insbesondere Frauen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu ermöglichen und Vorurteile gegenüber weiblicher Berufstätigkeit sowohl auf Seiten der Arbeitgeber als auch innerhalb der Bevölkerung abzubauen. So soll die geschlechterneutrale Elternversicherung (vgl. Kapitel 6.1.3.) dazu beitragen, dass Frauen von Arbeitgebern nicht länger als Einstellungsrisiko aufgrund eines potentiellen Ausfalls durch die Geburt eines Kindes betrachtet werden. Darüber hinaus verfolgte die schwedische Familienpolitik, im Gegensatz zu der Deutschen oder der Französischen, keine eindimensionale Politik, die nur auf die Erhöhung der Geburtenrate ausgerichtet war. Oberste Priorität hat und hatte die Angleichung der Geschlechterrollen im Sinne der Geschlechtergleichheit. Allerdings werden Geschlechterrollen in den Familien sowohl durch das kulturelle Umfeld als auch durch die politischen Leitbilder und den daraus entwickelten politischen Strukturen entwickelt und verändert (vgl. Lück 2009: 41.). Das bedeutet, dass auch die institutionalisierte Geschlechtergerechtigkeit in Schweden in Abhängigkeit zum eigenen ‘geschlechterkulturellen System’ (Pfau-Effinger 2000: 85.) steht. Dieses System ist das Ergebnis verschiedener Konflikte und Machtbeziehungen zwischen unterschiedlichsten Akteuren. Dabei können ein oder mehrere geschlechterkulturelle Systeme in einer Gesellschaft bestehen und als Bezugspunkt für die wohlfahrtsstaatliche Politik dienen. Birgit Pfau-Effinger, Soziologin an der Universität Hamburg mit Forschungsschwerpunkt Familien- und Genderpolitik in Europa, verweist in diesem Kontext auf die Bedeutung ‘kultureller Differenzen’ (Pfau-Effinger 2000: 88.) für die Erklärung der unterschiedlichen Entwicklung von Geschlechtermodellen in Europa. Gemäß den von ihr durchgeführten empirischen Studien ließen sich die Unterschiede in den Gender-Arrangements insbesondere durch die lange Dauer kulturell geförderter Leitideen erklären (vgl. Pfau-Effinger 2000: 85-91.). In Schweden überwiegt jedoch das Doppelversorgermodell mit staatlicher Kinderbetreuung, wobei auch dieses Modell, so wie die von Esping-Andersen aufgelisteten anderen Modelle, ständigen Anpassungs- und Wandlungsprozessen unterliegen. So üben nicht nur die drei wohlfahrtsstaatlichen Säulen von Staat, Markt und Politik gegenseitigen Einfluss aufeinander aus, auch veränderte Interessenlagen sozialer Gruppen und kollektiver Akteure können einen sozialen Wandel der Geschlechterrollen auslösen (vgl. Esping-Andersen 2009: 79 Pfau-Effinger 2000: 89-92.). Aus neo-institutionalistischer Sicht betrachtet gerade der Rational-Choice Institutionalismus institutionellen Wandel als ein Ergebnis veränderter Präferenzen einzelner Akteure. Sowohl der Historische als auch der Soziologische Institutionalismus begreifen vor allem kollektive Akteure, wie z.B. die Frauenbewegung, als Antriebsmotor für institutionelle Veränderungen (vgl. Schulze 1997: 8-21.). 6.1.1, Geschichte der schwedischen Familienpolitik: Betrachtet man die historische Entwicklung des schwedischen Wohlfahrtsstaates aus neo-institutionalistischer Sicht, so ist zunächst einmal festzustellen, dass die Relevanz bestimmter geschlechtsspezifischer Diskurse auch in Schweden weniger von objektiven Tatsachen als vielmehr von ‘politischen Opportunitätsstrukturen’ (Kulawik 1999: 310-311.) abhängig war. Aus Perspektive des Rational Choice Institutionalismus bedeutet dies, dass begrenzt rationale Akteure Institutionen so gestalten, dass ihre Präferenzen eingebracht und der individuelle Nutzen der Akteure maximiert wird. Ein Beispiel hierfür ist die Debatte um die Arbeits-schutzgesetzte. Während diese Gesetze in Schweden, anders als in Deutschland, in den 1880er Jahren zunächst geschlechtsunspezifisch entwickelt wurden, setzte die schwedische Geschlechterdebatte erst zu Beginn der Jahrhundertwende ein. Mit Hilfe erweiterter Arbeitsschutzmaßnahmen für Frauen sollten diese vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden. Allerdings waren die Bestimmungen in Schweden nie so stark ausgeprägt wie in Deutschland. Ursache hierfür war zum Einen der beginnende Einfluss der Frauenbewegung auf die politischen Strukturen. Aufgrund einer geringeren Entwicklung familienpolitischer Strukturen im schwedischen Wohlfahrtsstaat konnte die Frauenbewegung einen größeren Einfluss auf sozialpolitische Regulierungen wie z.B. den Mutterschutz ausüben. Diese geringere Ausprägung sozialpolitischer Strukturen in Schweden gilt aus der Perspektive des Historischen Institutionalismus als eine wegleitende Pfadabhängigkeit, welche die institutionelle Entwicklung des Doppelversorgermodells begünstigte. Zum Anderen verhielt sich das schwedische Bürgertum mit Blick auf die ‘Frauenfrage’, d.h. bei der Gewährung des Zugangs zu Bildung und Arbeit von Frauen, bereits Mitte der 1870er Jahre liberaler als in Deutschland, wo die Erwerbstätigkeit von Frauen äußerst kritisch beäugt und mit Hilfe gut ausgebauter Mutterschutzregelungen zu verhindern versucht wurde, da die Männer einen Mangel an Arbeitsplätzen als Folge der Berufstätigkeit von Frauen befürchteten (vgl. Kulawik 1999: 307-314.). An dieser Stelle kommt der Rational Choice Institutionalismus zur Anwendung: einzelne Akteure wie hier das Patriarchat, vertraten eigene auf individuellem Nutzen basierende Interessen, welche als Antrieb für die Bildung familienpolitischer Institutionen fungierten. Während das Bürgertum in Deutschland beispielsweise die Institution der Mutterschutzpolitik so gestaltete, dass Frauen der Zutritt zu Bildung und Arbeitsmarkt weitestgehend verwehrt wurde, um Männern damit die Arbeitsplätze zu sichern, verfolgte das schwedische Bürgertum als kollektiver Akteur eine liberalere Politik der Institutionengestaltung. Bereits im 19. Jahrhundert unterschieden sich Deutschland und Schweden also in der Ausgestaltung ihres jeweiligen ‚geschlechterkulturellen Systems‘. Aus Sicht des Soziologischen Institutionalismus waren insbesondere die Frauenverbände wichtige, kollektive und normgeleitete Akteure, welche die Ausgestaltung schwedischer Wohlfahrtsstaatspolitik um die Jahrhundertwende prägten. Aus der Perspektive des Historischen Institutionalismus standen die institutionellen Anreizstrukturen für die Frauenerwerbstätigkeit also in einem ambivalenten Verhältnis zu den Interessen der gesamtgesellschaftlichen Akteure. So war die Gesellschaftsstruktur von unterschiedlichen Akteuren mit unterschiedlichen Interessen geprägt, da die Interessen der Frauenbewegung zunächst den Interessen des Bürgertums entgegen standen. Darüber hinaus sorgte die frühzeitige Abkehr von der römisch-katholischen Kirche durch die Entwicklung eines ‘protestantischen Staatskirchentums’ (Gerlach 2004: 305.) im Rahmen einer starken Monarchie für eine weniger traditionelle Auffassung von Ehe und Familie in Schweden. Aus Sicht des akteurszentrierten Institutionalismus trug die geringe Ausprägung sozialstaatlicher Strukturen in Schweden frühzeitig dazu bei, dass sich unter dem Einfluss intentional handelnder Akteure eine geschlechtergerechte Familienpolitik entwickeln konnte. Die grundlegende Konzeption des schwedischen Wohlfahrtsstaates in seiner heutigen Ausgestaltung erfolgte im Jahre 1932 mit den durch die Sozialdemokraten veranlassten Sozialreformen. Ein wichtiger Anstoß für diese Reformen waren die niedrigen Geburtenraten. Allerdings wurde das Ziel der Steigerung der Geburtenraten gleichzeitig mit dem Prinzip der Wahlfreiheit für Frauen kombiniert. Erwerbstätige Mütter sollten als eine ‘soziale Tatsache’ (Sommerstad o.J.) anerkannt werden. Die Verknüpfung von geburtenfreundlicher Politik und feministischer Debatte erfolgte maßgeblich durch zwei sozialdemokratische Politiker: Gunnar und Alva Myrdal. Ihre Fähigkeit, eine geburtenfreundliche Politik mit feministischen Grundsätzen zu verknüpfen verhalf der schwedischen Gleichstellungspolitik zu ihrem Erfolg. Bereits in den 1960er Jahren wurde das Zwei-Verdiener-Modell, verwirklicht durch Individualbesteuerung, Elternversicherung und staatlichem Kinderbetreuungssystem, zur gesellschaftlichen Norm. Allerdings führte diese gesellschaftliche Neuformierung auch zu einer geschlechtsspezifischen ‘Segregation der Arbeitsmärkte’ (Bender/Graßl 2004: 121.), bei der Frauen vornehmlich im staatlichen und sozialen Dienstleistungssektor und Männer weiterhin überwiegend im privatwirtschaftlichen Sektor tätig sind. Als eine diese Entwicklung bedingende Pfadabhängigkeit im Sinne des Historischen Institutionalismus ist der gestiegene Lebensstandard zu Beginn der 1960er Jahre anzuführen, da dieser den Ausbau des Dienstleistungssektors und somit die Schaffung neuer Arbeitsplätze insbesondere für Frauen zur Folge hatte (vgl. Bender/Graßl 2004: 121-122 Kolbe 2002: 206ff.).

Über den Autor

Yvonne Rötter wurde 1987 in Hamburg geboren und ist Politikwissenschaftlerin (M.A.) sowie Offizier der Bundeswehr. Von 2008 bis 2012 studierte sie an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg Politik mit den Schwerpunkten Politische Systeme und Politische Theorie sowie den Nebenfächern Organisationssoziologie und Recht der politischen Systeme.

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