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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 05.2017
AuflagenNr.: 1
Seiten: 152
Abb.: 36
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Die Untersuchung widmet sich der Fragestellung, weshalb die Öffentlichkeit heutzutage anzunehmen scheint, dass es mehr Verschwörungstheoretiker als früher gäbe. Als historischer Wendepunkt von ‚früher‘ zu ‚heute‘ zur Klärung dieser ‚neuen Omnipräsenz‘ wird das Konzept sozialer Medien mit seinen theoretischen Möglichkeiten des Informationsaustauschs herangezogen. Ferner werden verschwörungstheoretische Meinungen im Sinne eines alternativen Glaubenssystems definiert und anschließend mithilfe qualitativer Fallbeispiele aus dem Netz auf ihre Verbreitungsmethoden hin untersucht. Eine zusätzliche quantitative Erhebung zeigt zudem messbare Einflüsse auf, die die abgehandelte Thematik weiter empirisch unterfüttern. So sollen weitere Grundlagen geschaffen und die bisher dominante Auffassung von Verschwörungstheoretikern als vereinzelte, psychisch instabile Paranoiker entkräftet werden.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 3.2 Sphären eines verschwörungstheoretischen Glaubenssystems: Aus dem Mangel der bisherigen Definition und der Ableitung einer Auffassung von Verschwörungstheorien, die ein Glaubenssystem beschreibt, ergibt sich die Notwendigkeit einer weiteren Ausdifferenzierung. Da sich aufgrund der bisherigen Beobachtungen zahlreiche Analogien zu klassischen Religionen ergeben, stellt es sich als vielversprechender Ansatz dar, bestimmte Sphären ausführlicher zuzuordnen. Eventuell könnte es an dieser Stelle sonderbar erscheinen, Verschwörungsdenken mit Religion gleichzusetzen, aber einerseits liegt das erneut an der Bewertung der Begriffe – von denen der erste per vorherrschender öffentlicher Meinung eher negativ, der zweite tendenziell positiv behaftet ist. Andererseits wird der Religionsbegriff häufig fälschlich angewendet. Er bezieht sich nicht zwangsläufig auf organisierte Gemeinden. Das heißt, dass beispielsweise die 'Katholische Kirche' selbst keine Religion ist, sondern lediglich eine Institution, die die eigentliche Religion als eine Auslegung der Realität, den Glauben an das 'katholische Christentum', zu vermitteln versucht. Religion beschreibt dabei eine Überzeugung, die auf einer Zusammenführung persönlicher Erfahrungen und Sozialisation, zum Beispiel durch 'die Kirche', beruht und als Resultat sowohl eine individuelle als auch eine gemeinschaftliche Wertorientierung erzeugt (Pickel 2011: 44). Der übergeordnete Begriff ist dabei die Weltanschauung (ebd.: 47). Wie diese im System eines verschwörungstheoretisch zentrierten Religionskonstrukts zustande kommt, wird sich in den folgenden Unterpunkten zeigen. 3.2.1 Die Spiritualität des Politischen – Rahmen eines Bekenntnisses: Eine der zentralen Voraussetzungen, sozialwissenschaftliche Forschungen zu betreiben, ist es, gesellschaftliche Mechanismen zu beobachten, sie zu beschreiben und damit auch potenziell vorhersehbar zu machen. Jedes Standard-Lehrwerk der Soziologie setzt dabei Interaktionsprozesse voraus, die sich zunächst auf eine einfache, verständigungsprozessuale Abfolge konzentrieren: Aktion – Reaktion – Gegenreaktion (Abels und Stenger 2013: 108). Dieses Grundverständnis ist dabei auch zur Erklärung religiöser Interaktionsprozesse notwendig, die ihrerseits erst dafür sorgen, dass aus einer individuellen Deutung ein Massenphänomen wird (Pickel 2011: 39f.). Der induzierte Umkehrschluss lautet daher: Alle Gläubigen einer Religion verfügen über einen gemeinsame Weltanschauung, die durch Interaktionen untereinander – und mit der Außenwelt(!) - zustande kommt. Denn auch religiöse Glaubenssysteme sind keine geschlossenen Gruppen. Sie benötigen eine Referenz, auf die sie sich beziehen können und von der sie sich abzuheben versuchen, um folglich überhaupt erst fähig zu sein, ihre eigene Realität deuten. Im traditionellen Verständnis existieren dabei zweierlei Sphären: Die geistliche und die weltliche. Sie werden häufig als Gegenpole angesehen und im Alltagsgebrauch durch die Zuordnung von Begriffspaaren wie 'privat' und 'öffentlich', 'spirituell' und 'sinnlich' oder 'sakral' und 'profan' voneinander getrennt. Dabei sind sie enger miteinander verwoben, als der Säkularitätsgedanke vieler moderner – vor allem westlich geprägter – Gesellschaften suggeriert. Zur Erklärung: Ursprünglich bezog sich der Begriff der Säkularisation auf die Überführung institutioneller Kirchen-Güter in privaten Besitz. Mittlerweile bezeichnet er aber auch primär den Bedeutungsrückgang von Religion in der Gesellschaft (Pollack 2013: 213) – also eine Verhältnisgleichung in quantitativer Auffassung. Zwar mag es sein, dass der institutionalisierte Glaube in säkulären Gesellschaften rückläufig ist, aber was die Religiosität an sich angeht, ist anderes zu vermuten (Pickel 2011: 228ff.). Hierbei erscheint es wichtig, den Religionsbegriff aus dem vorangegangenen Abschnitt zu erinnern und in die Verhältnisgleichung einzusetzen: Säkularisierung bezeichnet die Trennung von Staat und Kirche, aber keinesfalls eine Trennung von Politischem und Glauben. Beide stellen lediglich unterschiedliche Blickwinkel auf ein und dasselbe Konzept dar: Die Ideologie einer Gesellschaft – das gemeinsame Wertesystem (Arzheimer 2009: 86), das dadurch zustande kommt, wenn beide Sphären konsequent aufeinander reagieren. Das heißt, die Steuerung einer Gesellschaft – beispielsweise in Form eines Staates – ist erst dann möglich, wenn die politische Führung Impulse aus den Glaubens- beziehungsweise Meinungssystemen derselben wahrnimmt und diese selbst vertritt. Die Stabilität einer Regierung ist stets auch bedingt durch den Grad der Interessenvertretung ihrer Bürger – oder genauer gesagt: des dominanten Glaubenssystems, der vorherrschenden öffentlichen Meinung (Zimmer und Speth 2009: 270). Dabei wirkt die Politik gleichermaßen als verstärkendes Element: Die größte Gemeinschaft einer 'Teil-Realität' erzeugt den größten sozialen Druck und durch die politische Umsetzung derer Interessen wird sie weiter legitimiert – eine Feedbackschleife, die unter anderem auch politisches Vertrauen (Donner 2007: 60f.) generiert. Im Umkehrschluss zieht das aber auch zwei Konsequenzen mit sich: (1) Vertritt das herrschaftliche System nicht die Interessen der öffentlichen Meinung, verliert es Vertrauen und gefährdet in der Folge seine eigene sowie die gesellschaftliche Stabilität. (2) Personen, die an ein anderes als das dominante Realitätsverständnis glauben, werden sich nie gänzlich vertreten fühlen können und deshalb von vornherein weniger Vertrauen aufweisen (Münch 2006: 465). In beiden Fällen bewerten aber sämtliche existierenden Glaubenssysteme das politische Geschehen und orientieren ihre eigenen Wertevorstellungen an ihm. Von zentraler Bedeutung ist dabei das Prinzip einer Rechtfertigungsordnung (Tietze 2013: 48). Das heißt, solange es für jedes Individuum – und in der Folge für jede durch Milieubildung generierte Meinungs-Gruppe – eine politisch erkennbare Grundlage – in Form von Konventionen wie beispielsweise Normen oder Gesetzen – zur Orientierung gibt, weshalb die eigene Meinung nicht vertreten wird, so lange findet auch eine wechselseitige Vermittlung statt (ebd.). Interessant wird das an dem Punkt, an dem die politische Ordnung einem Glaubenskomplex zuwider handelt und dies nicht 'glaubhaft' begründet: Der Glaube selbst wird auf Basis des Vertrauensverlusts zum Politikum und sorgt dafür, dass dem Gläubigen, subjektiv gesehen, ein Nachteil entsteht, dessen Verantwortlichkeit in der Nicht-Nachvollziehbarkeit übergeordneter Steuerungsmächte liegt: Die eigene Teilhabe – und damit auch eine Kontrolle des politischen Prozesses – wird den Gläubigen gefühlt verwehrt (Van Prooijen und Acker 2015: 759). Die klassische Deutung einer Verschwörungstheorie, die dabei zum zentralen Bestandteil der eigenen Weltanschauung werden kann. Unter diesen Umständen wird ein neues Glaubenssystem erzeugt, welches das Verhältnis zwischen sich selbst und der Führungsebene zum integralen Phänomen macht: es entsteht eine Verschwörungsreligion. Zur Verdeutlichung: Schlussfolgerungen von Individuen resultieren immer aus der Verknüpfung neuer Informationen mit bestehendem Wissen auf Basis von Präferenzen (Kap. 2.2.2). Wird der zugehörige Prozess einer politischen Handlung dabei nicht jeder Präferenz entsprechend – aus jeder möglichen Sichtweise – erklärt beziehungsweise 'gerechtfertigt' – vor allem medial auch durch Gatekeeping – kommt es beinahe zwangsläufig zum Gettier-Problem: Der 'nicht angesprochene' Teil aller Beobachter wird eine alternative Erklärung des Prozesses finden. Dabei gilt die einfache Faustregel: Je größer ein politisches Konstrukt, desto größer ist auch die Zahl derer, vor denen – aus pragmatisch nachvollziehbaren Gründen – keine Rechtfertigung stattfinden kann. Aus dieser Perspektive lässt sich das Zustandekommen von Verschwörungstheorien nicht verhindern – jeder politischen Handlung wohnt das Potenzial, konspirativ zu wirken, von vornherein inne (Bale 2007: 59). Als zentraler Auslöser dient der offensichtlichste und hauptsächlich wahrgenommene Effekt eines jeden politischen Ereignisses: Das 'Nicht-Angesprochen-Werden' – ein persönlicher Nachteil oder auch 'das Böse'. Verschwörungs-denken ist folglich in jedem Menschen latent vorhanden, manifestiert sich aber erst durch Nicht-Beachtung durch Entscheidungsträger, die über einen selbst eine gewisse Macht verfügen. Ein passender Begriff, um diesen Vorgang verkürzt zu beschreiben, wäre in erneuter Anlehnung an Theodor W. Adorno (1995) die Rezipienz einer Minoritätenfeindlichkeit (105) als maßgebliches Schlüsselereignis oder auch als spirituelle Grundlage. Der Begriff des 'Politischen' muss sich dabei nicht zwangsläufig auf eine Staatsordnung, ein Regime, stützen. Das Politische ist lediglich ein gesellschaftliches Bewegungsprinzip (Böhnisch 2006: 7). Es bezieht sich auf sämtliche Sphären, in denen eine Kontrolle oder eine Macht ausgeübt wird und in der sich ein Individuum in einem Abhängigkeitsverhältnis befindet, das in beliebiger Ausgestaltung eine Rechtfertigungsordnung voraussetzt. Die Latenz eines Verschwörungsdenkens kann sich sowohl in großen Dimensionen wie auch im 'kleinen Rahmen' zeigen – beispielsweise schon dann, wenn in einer klassischen Liebesbeziehung ein (Ehe)Partner tagelang unbegründet unterwegs ist und der verbliebene Partner eine Affäre schlussfolgert. Das eigentliche Bekenntnis – die Äußerung der Vermutung eines Hintergangenwerdens – stellt zusammengefasst folglich immer die Beobachtung eines Sachverhalts dar, der dem Beobachtenden in seiner gefühlten (politischen) Abhängigkeit nicht glaubhaft erklärt werden kann.

Über den Autor

Dominique Messal, Jahrgang 1985, absolvierte zunächst ein Studium der Medienwirtschaft in Berlin, bevor er sich anschließend einem Studium der Soziologie in Chemnitz widmete. Hier spezialisierte er sich unter anderem auf den Zweig der Internet- und Techniksoziologie. Im Nebenfach wandte er sich zudem den Politikwissenschaften zu. Geprägt durch Arbeitserfahrungen bei lokalen Fernsehsendern und öffentlichen Behörden ist es für ihn selbstverständlich, jedes noch so spezielle Themengebiet aus einem möglichst interdisziplinären, ausdifferenzierten Blickwinkel zu betrachten, um es auch der Allgemeinheit zugänglich erscheinen zu lassen. Unterschiedliche Meinungen aus allen Bereichen der Gesellschaft, insbesondere der Wissenschaft, aufzufangen und objektiv gegenüberzustellen, ist dabei auch zentraler Grundsatz seiner Untersuchungen zu öffentlich stark gewerteten Personengruppen.

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