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Geschichte

Ina König

Die 'objektiven' Toten

Leichenfotografie als Spiegel des Umgangs mit den Toten

ISBN: 978-3-8366-6435-6

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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 08.2008
AuflagenNr.: 1
Seiten: 148
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Das Leben der Menschen wird durch den Tod begrenzt. Es wird oft darüber gesprochen und geschrieben, welche Konsequenzen dies für das Handeln des Einzelnen hat oder haben sollte. Dieses Wissen um den Tod bleibt für die Menschen meist abstrakt. Wie steht es jedoch um die Konfrontation mit dem konkreten Toten? Auf der Leinwand fließt häufig Blut, das explizit gezeigt wird und nicht selten sterben Protagonisten. In dieser Richtung kann den geübten Zuschauer nur noch wenig schockieren. Doch wie sieht es mit den Bildern von realen Toten aus von toten Menschen, die dem Betrachter im Leben nahe standen? Viele Menschen finden den Gedanken, eine Fotografie von ihren toten Angehörigen zu machen befremdlich, wenn nicht sogar schockierend. Konfrontiert mit der Tatsache, dass es im 19. und frühen 20. Jahrhundert gängige Praxis war, eine letzte Fotografie von einem Toten zu machen und diese zum Beispiel an prominenter Stelle im Haus aufzustellen, lässt viele zuerst danach fragen, wann dieser Brauch ein Ende gefunden habe. Doch das Fotografieren der Toten dauert an. Es ist jedoch von einem sozial akzeptierten, offen praktizierten Brauch der Vielen zu einem persönlichen, fast schon geheim gehaltenen Ritual der Wenigen geworden. Warum ist das so? Die Arbeit Die 'objektiven' Toten beleuchtet Vergangenheit und Vorgeschichte der Leichenfotografie und geht im zweiten Teil näher auf die Umstände ein, die zu einem veränderten Umgang mit dem Tod und den Toten - und damit auch mit der Totenfotografie - geführt haben. Zuletzt wird jedoch ein neues Interesse am Thema Tod in den Medien konstatiert. In diesem Rahmen fallen auch Bilder bekannter Fotografen auf, die von Perspektive und Machart her an die Bilder aus dem 19. Jahrhundert erinnern. Schließt sich hier ein Kreis? Taucht ein lange in den Untergrund verdrängtes Genre wieder an die Oberfläche der Gesellschaft? Die Arbeit versucht im letzten Teil eine Antwort auf diese Frage zu geben. Die 'objektiven' Toten zeichnet sich durch die Beschäftigung mit einem Thema aus, welches so detailliert von noch keinem anderen europäischen Forscher aufgegriffen wurde. Die wenigen Informationen, die es hin und wieder zu dem Thema gibt, wurden von der Autorin gesammelt und zu einem neuen Panorama mit neuen Einblicken in Vergangenheit und Gegenwart der Menschen zusammengestellt.

Leseprobe

Kapitel II.2, Der Wandel der Friedhofskultur: Die Einstellung, dass eine jede Erinnerung nur für die Angehörigen und/oder Anhänger gedacht ist, führt unweigerlich zur Sitte der anonymen Grablegung. Es gab Phasen in der Geschichte, in denen anonyme Massengräber auch außerhalb von Pestzeiten die Regel waren. Ausnahmen gab es nur für wichtige Persönlichkeiten, wie Heilige oder Könige. Dieses Privileg konnte allerdings durch eine Bestechung der Kirchenmänner erkauft werden, so dass sich immer mehr reiche Bürger Einzelgräber mit Erinnerungstafeln leisteten. Das Besondere der anonymen Bestattung lag dann darin, den Ort der Bestattungen zu umschließen und genau zu definieren: Bei den Römern hatte das sepulcrum, der tumulus, das monumentum und später die tumba größere Bedeutung als der Raum, der diese Grabmäler umgab. Man könnte sogar sagen, daß es keinen Friedhof gab, sondern nur mehr oder weniger dicht nebeneinanderliegende Gräber. Für die mittelalterliche Mentalität hat, umgekehrt, der Friedhof mehr Gewicht. Zu Beginn des Mittelalters hat das anonym gewordene Grab kaum mehr Bedeutung. Was zählt, ist der öffentliche und geschlossene Raum, der die Grabstellen in sich birgt. Mit diesem Wissen wird begreifbar, welchen Stellenwert der oben beschriebene Ausschluss aus diesem umfriedeten Raum für die Geächteten der Gesellschaft besaß. Da der physische Tod nicht gleichbedeutend mit dem sozialen Tod war, bedeutete der Ausschluss aus diesen Mauern Schutzlosigkeit und einen Makel bis in alle Ewigkeit. Die anonyme Grablegung konnte sich nie dauerhaft durchsetzen. Es waren immer schon die, die im Leben viel erreicht hatten, die nicht einfach in die Namenlosigkeit eingehen wollten. Das 19. Jahrhundert zeigt gerade auch in diesem Punkt, wie sich die Menschen in dieser Zeit des technischen Fortschritts der Welt zuwandten. Das Leben und darin erreichte Leistungen wurden zunehmend gewürdigt. Die monumentalen Auswirkungen auf die Gestaltung der Grabmale können noch heute auf den Friedhöfen besichtigt werden, die bereits seit dem 19. Jahrhundert bestehen. Zu beobachten ist nun eine neue, vom Klassizismus geprägte, Formensprache, die sich als Gegensatz zu barocken Todesdarstellungen definierte: Mit ihren Obelisken, Urnen und Stelen setzte sie den naturalistischen Darstellungen des Barock ein anderes, sanfteres Bild vom Tod entgegen. Das Skelett und andere als schrecklich empfundene Darstellungen wurden aus dem sepulkralen Repertoire allmählich verbannt. Das neue Bild des Todes zeigte sich in Symbolen wie Fackeln, Mohnkapseln oder Blumen, die den Tod als verlöschendes Leben oder sanftes Entschlummern präsentierten. Tod und Schlaf wurden zu einem Paar. Ariès zeigt, dass bereits die Griechen und die Römer und einige Jahrhunderte lang auch das frühe Christentum den Tod mit dem Schlaf gleich gesetzt hatten. Im 18. Jahrhundert wurde das Zweigespann Tod und Schlaf wieder entdeckt. Auf den Leichenfotografien aus dem 19. Jahrhundert war diese Paarung wieder wie selbstverständlich erschienen. Neben den wieder entdeckten Symbolen der Fackeln und Blumen finden sich auf den Grabsteinen auch Porträts der Verstorbenen, zum Beispiel als Relief, und Lebensläufe mit genauen Angaben über Titel und Beruf, die noch über den Tod hinaus die gesellschaftliche Stellung des Toten bezeugen sollten, waren bei weitem keine Seltenheit. Auch Plastiken schmückten die Gräber. So gab es zum Beispiel die typische Figur der Trauernden: ein Symbol für das typisch Weibliche, welches um den individuellen, einzigartigen Mann, das Oberhaupt der Familie, trauert. Diese Plastiken waren zunächst nur den Wohlhabenden zugänglich und somit Zeichen einer weiteren sozialen Abgrenzung nach unten. Doch die industrielle Herstellung fand hier, wie in der Sargherstellung auch, eine Möglichkeit, bürgerliche Kunden zu gewinnen, die sich, mit geringeren monetären Mitteln, als die Oberschicht ebenfalls nach unten abgrenzen wollten: Ein unter dem Stichwort Galvanoplastik bekanntes Herstellungsverfahren bewirkte, dass sich die Trauernde – wie auch andere Grabfiguren – massenhaft produzieren ließen. Die Galvanoplastik entsteht durch ein elektrochemisches Verfahren zur Nachbildung eines Objektes über die galvanische Abscheidung von dünnen Metallüberzügen. Das einmal gekaufte Modell eines Künstlers konnte seriell immer wieder hergestellt werden. Damit wurde die Trauernde beliebig reproduzierbar. Auf Grund der gesunkenen Kosten waren die Figuren nun nicht mehr nur für die soziale Elite erschwinglich. Die Ähnlichkeit mit wesentlich kostspieligeren Bronzeplastiken sorgte ab 1890 für eine rasche Ausbreitung auf den Friedhöfen. Die technische Reproduzierbarkeit von Kunstwerken trug also auch auf dem Friedhof zu einer Demokratisierung und Ausweitung elitärer Begräbnisriten auf die bürgerlichen Schichten bei. Als Reaktion auf die ausufernden Grabgestaltungen setzte bald darauf der Kampf von einigen Gruppen für schlichtere Grabstellen ein. Die Hygieniker übten große Kritik an den Massengräbern und so wurde auf den im 18. und 19. Jahrhundert vor den Stadttoren neu angelegten, parkähnlichen Friedhöfen, zu denen der Bürger sich sonntags zum Ausflug begab, um damit seine Sehnsucht nach Naturnähe zu befriedigen, die Einzelbeerdigung zur Richtschnur: Jedem Verstorbenen wurde ein eigenes, klar identifizierbares Grab zugewiesen. Idealerweise sollte die Lage des Grabes aus der Reihenfolge des Todes folgen – daher die Bezeichnung ?Reihengrab?. Es gibt für jeden Friedhof eine vorgeschriebene Anzahl von Jahren, die der Leichnam mindestens in der Erde verbleiben muss, bevor ein neuer Sarg in dieses Grab eingelassen werden darf. Die Größe des Grabes entscheidet über seine Kosten. Ein Doppelgrab ist teurer als ein Einzel- oder Urnengrab. Die Angehörigen können nach Ablauf dieser Zeit entscheiden, ob sie das Grab weiterhin unterhalten möchten und weitere Jahre hinzukaufen oder ob sie das Grab räumen. Dieses wird dann an die Familie eines anderen Verstorbenen vergeben. Es ist also keinesfalls so, dass jedem Menschen ohne Weiteres ein Grab für den Rest aller Zeiten zusteht. Auch hier kommt es immer darauf an, ob es Angehörige gibt, denen der Erhalt des Grabes wichtig ist. Die Industrialisierung und die damit einhergehende, fortschreitende Urbanisierung führte den städtischen Friedhöfen einen stetig wachsenden Strom von Beerdigungen zu. Die Ärzte entwickelten ein wachsendes Bewusstsein für Fragen der Hygiene, in der Technik wurden weitere Fortschritte gemacht und säkulare Tendenzen prägten die Gesellschaft. Einige Philosophen, wie zum Beispiel Ludwig Feuerbach (1804-1872), betrachteten den Tod als das tatsächliche und endgültige Ende eines Menschen. Diese Entwicklungen trugen dazu bei, dass die Feuerbestattung sich schließlich als gleichwertige Bestattung neben der Grablegung durchsetzen konnte. Anfangs waren es die aufgeklärten, protestantischen Bildungsbürger, die der Idee der Leichenverbrennung nicht abgeneigt waren, da sie mit dem Blick auf die Antike ein schillerndes Vorbild für diese Art des Umgangs mit den Leichen fanden. Die Leichenverbrennung bot jedoch auch anderen eine berufliche Perspektive: Es waren aber nicht allein idealistische Ziele, sondern auch konkrete berufliche Interessen, die die Feuerbestattungsbewegung prägten. Ärzte profitierten von der notwendigen Leichenschau, Architekten von der neuen Bauaufgabe Krematorium, Ingenieure von der erforderlichen Verbrennungstechnik. Urnengräber sind kleiner und damit Platz sparender als Einzel- oder Doppelgräber. Daneben wussten die Ärzte die hygienischen Vorteile der Kremierung aufzuzählen: Von ausbleibenden Leichengerüchen bis hin zu den nicht mehr vorhandenen Flüssigkeiten und sonstigen Stoffen, die Erdboden und Grundwasser vergiften können, war die Rede. Nölle konstatiert, dass diese Argumente denen ähneln, die hundert Jahre zuvor zur Auslagerung der Friedhöfe vor die Städte geführt hatten. Das einfache Volk war von der Idee der Krematorien zunächst wenig angetan, da es jahrhundertelang in der christlichen Kultur verboten war, eine ordentliche Leiche zu verbrennen. Die Kirchen waren demzufolge zunächst gegen die Verbrennung von Leichen als gewohnheitsmäßige Bestattungsmethode. Die Diskussion um die Krematorien stand immer auch unter dem Stern der generell geführten Diskussion um kirchliche Kompetenzen im Staatswesen. Im Reibungsfeld zwischen Religion und Aufklärung stellte die Frage nach der Bestattungsart die letzte große Entscheidung im Leben eines Menschen dar. Schließlich lenkte die protestantische Kirche früher ein als die katholische: Während jedoch die evangelische Seite, selbst teilweise der Aufklärung verhaftet, die Feuerbestattung relativ schnell akzeptierte, verbot die katholische Kirche sie als unchristlich diese Einschätzung wurde erst 1963 revidiert. Wenn auch heute immer noch tendenziell eher ProtestantInnen als KatholikInnen die Feuerbestattung wählen, so wurde die Auseinandersetzung doch entideologisiert. Im Jahr 1878 wurde in Gotha das erste Krematorium eröffnet, welches einen von den Gebrüdern Siemens hergestellten Heißluftofen in seinem Inneren barg. Heidelberg erhielt 1891 ein Krematorium, Hamburg eines im Jahr darauf. Es stellte sich nun die Aufgabe, eine Form der Architektur zu finden, die eine höchst rationale Aufgabe mit einem höchst emotionalen Ereignis zu verbinden hatte: Ohnehin sorgte der Widerstand kirchlich-konservativer Kreise mit dafür, dass der als materialistisch und pietätlos attackierte technische Kern der Feuerbestattung architektonisch regelrecht verkleidet wurde. Technik und Trauerkultur schienen sich auszuschließen und mussten dennoch in Verbindung gebracht werden. Dieses grundsätzliche Problem der frühen Krematoriumsbauten, das zu schillernden, ja grotesken Ausdrucksformen führte, lässt sich anschaulich am Beispiel des ersten Hamburger Krematoriums aufschlüsseln. [...] Im Kontrast zum feierlichen Ambiente der Trauerhalle stand die zweckgeformte technische Verbrennungsapparatur. Sie war das gravierendste Problem im frühen Krematoriumsbau und wurde im Untergeschoss geradezu versteckt, um die angestrebte feierliche Atmosphäre nicht zu konterkarieren Über einen hydraulischen Aufzug wurde der technische Trakt mit der Trauerhalle verbunden. Die sepulkralen Elemente der Architektur, die die Technik im Inneren vergessen machen sollen, waren also den Stimmen geschuldet, die der Feuerbestattung kein Wohlwollen entgegen bringen konnten. Fünf Jahre nach der Einweihung des Krematoriums in Gotha, welches zu diesem Zeitpunkt das einzige in Deutschland war, hatte die Verwaltung 1883 gerade einmal 46 Einäscherungen zu verzeichnen. Bis 1915 fanden in Deutschland 80.000 Einäscherungen statt, wohingegen es in Großbritannien bis zum selben Jahr erst 15.000 waren. Da in anderen Kulturen die Verbrennung Toter auf öffentlichen Scheiterhaufen zelebriert wird, lässt sich spekulieren, dass das vorgeblich kirchliche Ambiente der Trauerhallen zur gesamtgesellschaftlichen Akzeptanz der Krematorien beigetragen hat.

Über den Autor

Ina König, Jahrgang 1981, Diplom-Kulturwissenschaftlerin, Studium der Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder), Diplom 2008.

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