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Geschichte


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 10.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 124
Abb.: 13
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Warum ist Stricken zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder angesagt? Dieser Fragestellung geht die Kulturwissenschaftlerin Maren Bredereck in dem vorliegenden Fachbuch nach. Damit sie diese beantworten kann, hat sich die Verfasserin mit der Kulturgeschichte des Strickens beschäftigt. Dazu hat sie eine Online-Umfrage durchgeführt und ausgewertet. Des Weiteren hat die Autorin Strickerinnen verschiedener Altersgruppen zu ihrem Hobby befragt und dazu, warum sie sich mit anderen Strickbegeisterten treffen, um dieser Tätigkeit innerhalb einer Gruppe nachzugehen: Die sogenannten problemzentrierten Interviews sind unter der Hypothese ausgewertet worden, dass das gemeinsame Stricken von einer gegenläufigen Tendenz zur Individualisierung zeugt und/oder dem Individuum als Social Support dient. Im Anhang des Buches befinden sich Abbildungen zur Kulturgeschichte des Strickens, Fakten zur Online-Befragung sowie die Interviewtranskriptionen.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 1.5, Stricken als Freizeitaktivität: Wird der Begriff ‘Freizeit’ als erwerbsfreie Zeit verstanden, die mit sinnvoller Beschäftigung gefüllt wird, so kann der Beginn ‘der Handarbeiten als Freizeitbeschäftigung (…) auf die mittelalterlichen Frauenklöster’ zurückgeführt werden. Die eigentliche Aufgabe der Nonnen war der Chordienst die Ausführung von Handarbeiten diente dem Ausfüllen der Zeit zwischen den täglichen Chorgebeten. Später gaben sie ihr Wissen, wie oben bereits genannt, an Töchter aus adligen Kreisen weiter. Somit wurde auch das Stricken als Freizeitbeschäftigung zunächst durch Frauen des Adels und des Bürgertums ausgeübt: ‘Um die Mitte des 18. Jahrhunderts wurde das Stricken zum bürgerlichen Zeitvertreib und zur Beschäftigung der Damenwelt. Der maschinengestrickte Strumpf hatte zwar längst seinen Siegeszug angetreten, aber die Handstrickkunst erfreute sich nach wie vor großer Bedeutung.’ Für Familienmitglieder wurden wärmende Stricksachen aus Wolle angefertigt, wie Mützen, Handschuhe, Muffs, Schals und Schultertücher. ‘Modezeitschriften spiegelten die unterschiedliche Wertschätzung des Strickens deutlich wider. Einerseits wurde es in manchen Gegenden hoch gelobt, andererseits manchmal verächtlich behandelt.’ Stradal und Brommer zitieren aus dem ‘Journal des Luxus und der Moden’ aus dem Jahr 1799: ‘Die Engländerinnen pflegen nicht zu stricken. Nur der Fächer ersetzt die Beschäftigung der Bewegung. Aber jeder wird mir doch zugeben, daß so lange das Strumpftragen noch nicht durchgängig für unnütz gehalten wird, es weit nützlicher ist, wenn 600 Frauenzimmer in einer Stadt nur im Jahre 600 Strümpfe für sich, für die ihrigen oder arme hilflose Menschen durch eine leichte Bewegung hervorbringen, als wenn sie vermittels einer Million Fächerwehungen die Luft in schnellen Umkreis gebracht hätten.‘ ‘Privat wurde zumeist mit ‘Wolle oder, wenn man geübt war, mit Seide’ gestrickt. Zwischen 1770 und 1780 kam das so genannte Weißstricken auf: Diese feine Spitzenstrickerei wurde mit sehr dünnen Drahtnadeln und feiner Baumwolle oder Leinenfäden ausgeführt. Großer Beliebtheit erfreute sich das Weißstricken in ‘Ländern, die keine eigene, traditionelle Spitzenherstellung besaßen (…). Dazu zählten Skandinavien, England und einige deutschsprachige Gebiete.’ Zur gleichen Zeit kam die Perlstrickerei auf, die ihren Höhepunkt um 1850 erreichte. Sie ‘war so recht geeignet für die Biedermeierzeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Man lebte in häuslicher Zurückgezogenheit, so dass fast alle Frauen und Mädchen ausreichend Zeit und Muße hatten, sich mit Handarbeiten zu beschäftigen (…).’ Das eigene Zuhause wurde mit ‘einer Fülle selbstgearbeiteten Beiwerks ausgeschmückt. Die Kunst des Strickens, die meistens weniger beliebt als das Sticken war, wurde durch diese Häuslichkeit beträchtlich aufgewertet’ . Ein Zitat aus der ‘Allgemeinen Musterzeitung’ von 1853 beweist, dass schon damals Trends (öffentlich) gemacht wurden: ‘Wir teilen hier unseren Leserinnen eine neue Art von Arbeit mit, die da, wo sie bis jetzt bekannt geworden ist, ungemein gefällt. Es werden Armbänder mit gewöhnlicher sächsischer Wolle gestrickt sowie mit Perlen aus schwarzem Schmelz oder aus geschliffenem Kristall von einer Farbe, die zu jeder Wolle paßt, verziert. (…) Auch einen Wäschebeutel strickt die Frau des Hauses, in welchen man die getragenen Ärmel, Kragen und Morgenhauben steckt, welche vermöge der Spitze oder Stickereien, aus denen sie bestehen, vor der Wäsche der Ausbesserung bedürfen.’ Mit der Wende zum 19. Jahrhundert wurden die ersten Strickbücher publiziert, wie zum Beispiel die ‘Miniaturbändchen’ von Johann Friedrich Netto (1756-1810) aus Leipzig, ‘die so klein waren, dass die Dame sie in ihrem ,Ridikül‘ (einem kleinen Handtäschchen) mittragen konnte’ . Dass sich Bücher zum Thema Stricken an Frauen richteten, wird zum Beispiel an diesem Zitat aus einem Vorwort, erschienen 1800, deutlich: ‘Die gewöhnliche Beschäftigung der Damen der Gesellschaft, das Stricken, kann zugleich eine angenehme für sie werden, wenn sie etwas mehr als das Alltägliche von dieser Kunst verstehen und gute Muster zum Nachahmen vor sich haben. Allein nur wenige Damen haben das Glück, bei ihrem Unterricht mehr als das Gewöhnliche zu erlernen, und zwar aus dem natürlichen Grunde, weil die Lehrerinnen sollten etwas mehr verstehen. (…) Die Leserinnen sehen also, daß ich mich nicht unberufener Weise zum Lehrer in einer Kunst aufgeworfen habe, die gewöhnlich nur von ihrem Geschlecht ausgeübt wird und dem unserigen in der Regel unbekannt bleibt. – Um diesem Werk einen noch höheren Wert von Brauchbarkeit zu geben, vereinigte sich Herr Lehmann (der die Strumpfwirkerei versteht und sein Fach künstlermäßig betreibt) mit mir, welcher die Muster in den ersten 11 Kapiteln entworfen und gestochen hat.’ Um die Mitte des 19. Jahrhunderts waren Mode- und Frauenzeitschriften nicht mehr wegzudenken. Sie waren vordergründig für ‘die wohlhabende Bürgerin, die Zeit und Muße für die angeblich schönen Seiten des Lebens hatte’ gedacht, denn ‘Frauen, deren Tage mit harter Arbeit ausgefüllt waren, konnten sich müßige Tändeleien nicht leisten’. Darin waren auch Strickanleitungen für Dinge zu finden, die aus heutiger Sicht unnütz(er) erscheinen, wie für Eier- und Kaffeewärmer, Kaffeefilter, Flaschenhüllen, Lampenfüße und -schirme, Hosenträger, Pferdedecken und -zügel, Sesselschoner, Puppensachen und Bälle. Aber nicht nur Frauen des Adels und des Bürgertums strickten, sondern auch Frauen bäuerlicher Herkunft, wie zum Beispiel im Alpenraum, wo die gezüchteten Schafe gleich die notwendige Wolle lieferten, die nach dem Spinnen verstrickt werden konnte. Hergestellt wurden vor allem Gelenkschützer für Hände und Waden. Beeinflusst durch den Biedermeier kamen zweifarbige Ringelstrümpfe in Mode. In Kriegs- und Notzeiten wurde das Stricken für die weibliche Bevölkerung zu einer Pflicht in Großbritannien wurde es während des Ersten Weltkrieges sogar als ‘national mania’ angesehen: ‘Nicht nur bei der Strickkunst, sondern auch bei der Handarbeit allgemein wechselten zu bestimmten Zeiten bezahlte Arbeit und Liebhaberei. Besonders deutlich wird dies bei der Herstellung von Hauben und Mützen in allen erdenklichen Formen: Die Nachthauben des 19. Jahrhunderts strickte man mit wahrer Begeisterung, die Schneehauben dagegen, die während des Ersten Weltkriegs 1914-1918 von Schulkindern für die Soldaten an der Front gestrickt werden mußten, wurden (…) weder für Geld noch aus Freude an der Arbeit hergestellt.’ Einerseits strickten Frauen in Zeiten des Krieges, um ihren Gatten und Söhnen wärmende Kleidung anzufertigen, andererseits brachten sie ihnen gegenüber auf diese Weise Zuneigung und Verbundenheit zum Ausdruck. Durch Vereine und Kommunen wurden Strick- und Nähstuben eingerichtet auch in kirchlichen Stricktreffs wurde für Frontsoldaten gearbeitet. Spezialgeschäfte für Handarbeiten entstanden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts ‘aufgrund der großen Nachfrage’. Diese Entwicklung wurde durch die beiden Weltkriege unterbrochen. ‘Erst Ende der 1950er Jahre erlebte das Handarbeiten als Freizeitbeschäftigung wieder einen Aufschwung. Dies lässt sich auch an der Zahl der Handarbeitgeschäfte ablesen.’ Diese Anzahl verringerte sich in den sechziger Jahren – Handarbeiten haftete der ‘Ruf des Hausbackenen’ an – und stieg ‘erst, als die Strickwelle das Image der Handarbeiten verbesserte’. Diese setzte etwa zwanzig Jahre später ein: ‘Von Handarbeitstechniken, die im Trend liegen, lässt Frau oder Mann sich gern anstecken. Da gab es Anfang der achtziger Jahre einen wahren Strick-Boom, der die Handarbeitsbranche unglaublich beeinflusste: die Woll-Läden schossen wie Pilze aus dem Boden. Allein in Hannover und Umgebung gab es ca. 500 Geschäfte, die Handstrickgarne verkauften.’ Stradal und Brommer beschreiben diese Situation auf Gesamtdeutschland bezogen im Jahr 1990 so: ‘In den letzten Jahren widmet sich besonders die Jugend dem Stricken. Unzählige selbstgefertigte Bekleidungsstücke sind das Ergebnis derartiger Bemühungen. Auch kann man feststellen, dass die Fähigkeit zu stricken nicht nur auf fleißige weibliche Hände beschränkt bleibt. Ein Blick in gesellige Runden im Freundeskreis oder die Hörsäle der bundesdeutschen Universitäten bestätigt, daß auch männliche Wesen recht gut mit Stricknadeln umgehen können – und daß sie sogar Spaß daran zu haben scheinen. Ihren Vätern und Urgroßvätern wäre dies früher bestimmt nicht eingefallen – höchstens nur in Notzeiten. Im Zuge der Rückbesinnung auf natürliche Lebensweisen wächst auch das Bestreben, Kunstfertigkeiten der Vergangenheit wieder zu erlernen und auf die Gegenwart zu übertragen. Neben zahlreichen praktischen Strickarbeiten finden sich daher heute auch wieder Arbeiten, die dem Zeitgeist vergangener Jahrhunderte mit viel Geduld und Liebe nachempfunden sind.’ In den neunziger Jahren wurden erneut zahlreiche Handarbeitsgeschäfte und Wollläden geschlossen auch die Auflagen entsprechender Zeitschriften sanken oder deren Produktion wurde gänzlich eingestellt. Mit Beginn der Wende zum 21. Jahrhundert zeichnet sich erneut ein anderes Bild.

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