Suche

» erweiterte Suche » Sitemap

Geschichte

Christian Gruber

Wiener Zaubertradition. Theatrale Aspekte der Zauberkunst im 19. Jahrhundert

ISBN: 978-3-95934-951-2

Die Lieferung erfolgt nach 5 bis 8 Werktagen.

EUR 39,99Kostenloser Versand innerhalb Deutschlands


» Bild vergrößern
» weitere Bücher zum Thema


» Buch empfehlen
» Buch bewerten
Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 06.2016
AuflagenNr.: 1
Seiten: 92
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

In der Szene der Zauberklubs und -vereine gilt: Die Zauberkunst existiert mindestens seit der Zeit, da es des Schreibens fähige Menschen gibt. Dafür spricht ein Dokument, der ‚Westcar Papyrus’, das von einem Zauberkünstler namens Dedi berichtet, der im 3. Jahrtausend v.Chr. das berüchtigte Köpfen und die Wiederherstellung einer Gans vollzog. Das vorliegende Buch setzt sich mit theaterwissenschaftlichen Aspekten der Zauberkunst auseinander, richtet das Hauptaugenmerk dabei auf das vorletzte Jahrhundert und auf Wien. Erst mit dem 19. Jahrhundert ist die Zauberkunst nämlich als moderne und eigenständige Unterhaltungsform, wie wir sie heute kennen und verstehen, entstanden. Wien ist als lukrativer und nahrhafter Boden für diese sich entwickelnde Kunst mit insbesondere drei Magiern bekannt - Leopold Ludwig Döbler, Johann Nepomuk Hofzinser und Anton Kratky-Baschik. Das Buch beschäftigt sich zum einen mit der Frage, warum sich die Zauberkunst zu jener Zeit gerade in Wien zu einer viel gerühmten und geschätzten Vergnügungsform entwickelte und in wie weit diese Form der Unterhaltung Ähnlichkeiten mit anderen Vergnügungen des 19.Jahrhunderts in Wien aufweist. Ein weiteres Ziel des Buches ist es, die Frage zu beantworten, was unter Zauberkunst in Bezug auf Theater eigentlich zu verstehen ist, welche theatralen Aspekte diese artistische Kunstsparte also bietet.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel II.6: REVOLUTIONÄR DER BÜHNENZAUBERKUNST: Der Zauberkünstler Döbler, der es immer verstand, aus seiner Kunst Profit zu machen, sich geschickt mit dem Wiener Charme in die Herzen seines Publikums zu zaubern, der auch ein großzügiges Verhalten mit Benefizveranstaltungen an den Tag legte z.B. schon 1831 bei der Choleraepidemie als er in Berlin gastierte und ‚festsaß‘ hat sich als Star in der internationalen Zauberszene des 19.Jahrhunderts gleich einem Feuerwerkskörper hinaufgeschossen und als Fixstern etabliert. Mit seinen bahnbrechenden Erfindungen und Darstellungs-methoden als Zauberer der natürlichen Magie, als Professor der Physik oder Mechanik, der unterhaltsame Vorträge mit Zaubervorführungen gekonnt kombinierte, ist er Revolutionär der modernen Bühnenzauberkunst geworden. Er gilt auch als Pionier des Kinos, als erster Kinounternehmer der Geschichte mit seiner Produktion im Josefstädter Theater am 16. Jänner 1847. Es ist ein Phänomen des 19.Jahrhunderts, dass sich der Beruf eines Physikus kaum von dem eines Eskamoteurs unterscheidet. [...] die kunst der gelehrten ärzte und naturkundigen wurde gleichfalls als zauberkunst angesehen, setzte sich aber als natürliche zauberkunst allmählich durch. in den händen von zauberkünstlern wie Faust bildete sie sich jedoch zum blendwerk, dem aber oft physikalische kenntnisse zu grunde lagen, um, und fristet noch heute [Mitte des 19.Jhd.] als gaukelei, taschenspieler auf schauplätzen ihr dasein. Die curiöse sucht des 17. und 18. jahrh. benannt manche technische erfindung der physikalischen und chemischen wissenschaften (vgl. zauberlaterne) als zauberkunst, und einige auffällige geräthschaften tragen noch heute das kennwort zauber-. Die verwandtschaftliche Nähe der Zauberkunst mit den Naturwissenschaften wird mit dem Bildungsdrang des aufstrebenden Bürgertums manifest. Das Bürgertum glaubte nun nicht mehr an die übernatürliche Magie, sondern vielmehr an die Unterhaltungsform eines Prestidigitateurs. Der Tausend-künstler versteht es, sich geschickt zu verkaufen, zu präsentieren und darzustellen mit dem Nimbus der Wissenschaftlichkeit und Aufklärung von Naturphänomenen im Sinne der Produktion des Effekts der Verwunderung, Bewunderung und Anerkennung der dargebrachten Unterhaltungskunststücke des domestizierten, ‚natürlichen‘, weißen oder aufgeklärten, Magiers. Es ist daher auch nicht verwunderlich, daß sich viele Zauberkünstler im Zuge des allgemeinen Fortschrittes und der Aufklärung im 19.Jahrhundert als Professoren der Physik, Mechanik etc. betitelten, auch wenn sie es nicht waren. Die Aufklärung und der Bildungsdrang sind ein möglicher Grund, warum Döbler so ungeheuer beliebt war. Wie originell und unnachahmlich Döbler sowie seine Kunst waren, zeigt das Unterfangen, ihn zu kopieren oder seinem Erfolg gleichzutun. Das Konkurrenzunternehmen zu Pokornys Josefstädter Theater war Carls Theater an der Wien. Direktor Carl war schon früher als Figur Staberl erfolgreich und konnte dem berühmten Zauberkünstler Bosco aus Turin, der in Wien gastierte, bald Paroli bieten, indem er ihn parodierte und das erfolgreich. Bosco sah sich und sein Geschäft geschädigt und wollte Direktor Carl mit Hilfe der Zensur solch eine konkurrierende Unternehmung verbieten lassen. Die Zensurbehörden aber zeigten sich nicht sehr gewillt, dies zu tun: 13. November 1828. Taschenspieler Bosco beschwert sich über Direktor Carl wegen Aufführungen des Stücks Staberl als Physiker . Carl habe ihn in Sprache, Kleidung, Gang und Bewegung genau kopiert und seine Experimente lächerlich gemacht. Carl, hierüber vernommen, erklärt (15.November), dass er diesen Gelegenheitsschwank in vier Stunden geschrieben und keineswegs beabsichtigt habe, Bosco lächerlich zu machen er habe in der Maske des Staberl jene Beweglichkeit entwickelt, die diesem Charakter in allen Stücken eigen sei und bleiben müsse, daher Bosco nicht kopiert. In dem Gelegenheitsschwank befinde sich nicht eine Stelle, die Boscos Anklage bestätige auch sei er nicht der erste, der solch einen Schwank geschrieben. [...] Künstlerinnen wie Catalani, Borgondio, Künstler wie David, Rozin und Paganini seien mit allen Eigentümlichkeiten parodiert worden, ohne dass sie sich hierdurch beleidigt oder in ihrem Broterwerb verkürzt gesehen hätten. Und am 17. November 1828 hält die Polizeioberdirektion fest: Es könne nicht behauptet werden, dass Boscos Ehre und Broterwerb durch diese Parodie leide, denn er hat sich bei seinen Vorstellungen nicht viel Ehre erworben, sondern ist vielmehr in der öffentlichen Meinung sehr gesunken. Niemand war durch seine Experimente vollkommen befriedigt, weil man wenig Neues gesehen hatte, und es steht schwer zu bezweifeln, ob seine ferneren Darstellungen sich eines zahlreichen Besuches erfreut hätten, besonders da die gleichzeitigen Produktionen seines Rivalen L. Döbler den Beweis lieferten, dass Bosco keineswegs, wie er glauben machen wollte, das Non plus ultra in seiner Kunst leiste. Die Behauptung, dass Entrüstung oder Unwille im Publikum über die Aufführung dieses Stückes ausspreche, ist übertrieben, durch den zahlreichen Besuch widerlegt, und da es bereits wiederholt mit der Anwesenheit der allerhöchsten Familie beehrt wurde und eben heute wieder auf allerhöchsten Befehl gegeben wird, so dürfte die Einstellung desselben in keiner Hinsicht nötig sein . Was sich hieraus ergibt, ist, dass Döbler nicht nur erfolgreicher als Bosco war, sondern dass auch er durch den geschäftstüchtigen Carl und seiner Staberliaden Konkurrenz bekommen konnte. 11 Jahre später: Schnell lässt sich Carl von dem Hofschauspieler und Dramendichter Wenzel Lembert 1780-1839 ein Stück mit dem Titel Staberls scherzhafte Produktion im Gebiete der natürlichen Zauberei schreiben. Damit möchte Carl Döblers Zauberkünste imitieren und persiflieren. Absichtlich sollte bei diesen Zaubervorstellungen auch Ungeschick dabei sein, denn Staberl ist ja bekanntlich ein Dilettant. Am 29. Dezember 1839 präsentiert Carl in seinem Theater an der Wien erstmals seine eigene Zaubervorstellung und entfesselt in einigen Wiederholungen einen ähnlichen Zustrom wie Döbler. Doch sein Erfolg sollte von kurzer Dauer sein: Das Wiener Publikum, das den echten Döbler geradezu vergöttert, lässt sich eine solche Parodie auf seinen Liebling nicht gefallen. Es provoziert in Carls Theater mehrere Skandale und bewirft den als Döbler erscheinenden Direktor mit geselchten Würstchen, faulen Äpfeln, Eiern und Orangenschalen. Tobendes Zischen und Pfeifen, aber auch der einstimmige Ruf Abbitten ist der Lohn für Carls vermeintliche Heldentat. Carl muss sich entschuldigen. Döbler und Pokorny siegen auf der ganzen Linie. Carl hatte schon vor dem Stück von Wenzel Lembert versucht Döbler zu parodieren in der Rolle eines Zauberers von Nestroys Der konfuse Zauberer oder Treue und Flatterhaftigkeit. Neidisch über den Zulauf, den das Josefstädter Theater unter Franz Pokorny bei den Vorstellungen des Zauberkünstlers Döbler verzeichnet, versucht Carl in der Hauptrolle der Posse Der konfuse Zauberer sich über den billigen Erfolg des Konkurrenten mit Taschenspielertricks lustig zu machen. Was das Publikum nicht goutiert. Carl und das Stück werden vom Publikum, das Pokorny und Döbler verehrte, verhöhnt. Auch hier bekam Carl ein paar Frankfurter Würstchen zum Spott. Robert Kaldy-Karo erwähnt in seiner Döblerbiographie, dass es sogar ein Stück gab, das über Döbler und mit ihm in einer Rolle hätte gespielt werden sollen. (Theater in der Josefstadt) Vorgestern am 12. d.M. zum ersten Male, zum Vorteile der Local Sängerin Mad. Thomé: Philadelphia oder: Die unterbrochene Vorstellung aus dem Gebiete der scheinbaren Zauberei. Ganz einfach Local Posse, vom Verfasser des Zauberspieles: Noch ein Kobold . Die Erinnerung an einen Künstler, der Beifall und Herzen mit seinem einfachen: Eins – Zwei – drei! oder: Hier ein Sträußchen, und hier ein Sträußchen, und hier ein Sträußchen, usw. zu erobern vermochte, knüpft sich auch an die heutige Vorstellung als Motiv an, worin sich die Wirkungskraft auf die Handlung, und die Zugkraft auf das Publikum vereinen, und so ein zartsinniges Souvenir an den liebenswürdigen Magier bilden sollte. Dies scheint der ursprüngliche Plan gewesen zu sein der Zauberer hätte selbst im Stücke eine Rolle übernommen, [...]. Der ursprünglich gelernte Graveur Döbler und seine unterhaltsamen Experimente, wie die Zauberkunst generell, werden so gerühmt, dass es wie die Musikpflege in Gesellschaft auch dazugehört, sich in Zauberkunststücken zu versuchen oder zu ‚dilettieren‘ Fürst Metternich, dessen Frau Fürstin Pauline Metternich einen Salon der ersten Gesellschaft, also für Aristokraten, führte, war also interessierter Laie der Zauberkunst und gilt als Beispiel für diese Argumentation.

Über den Autor

Der austro-amerikanische Autor Christian Gruber lebt seit 1971 in Wien. Er selbst tritt bereits seit den 80er Jahren als Zauberkünstler bei privaten Gigs auf. Seine langjährige Mitgliedschaft beim MKW (Magischen Klub Wien) sowie sein Studium der Anglistik und Amerikanistik mit dem Diplom-Hauptfach Theater-, Film- und Medienwissenschaft veranlassten den Autor eine Arbeit über die Zauberkunst zu verfassen. Nach sieben Jahren als Angestellter im Hundertwassermuseum folgten über acht Jahre als Editor und Assistent der TU Wien. Auch dort hat er als Zauberkünstler an zumindest einem Symposium Spuren hinterlassen. Als freier Autor und EFL Trainer und Coach arbeitet Christian Gruber heute in diversen Projekten und In-Company-Trainingssettings.

weitere Bücher zum Thema

Bewerten und kommentieren

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichenten Felder aus.


script>