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Gesellschaft / Kultur

Alena Wessling

Adaptionsprozesse bei TV-Serien: Von „Hatufim“ zu „Homeland“

ISBN: 978-3-95935-338-0

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Produktart: Buch
Verlag: disserta Verlag
Erscheinungsdatum: 11.2016
AuflagenNr.: 1
Seiten: 164
Abb.: 28
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Der blühende internationale Formathandel ist von zahlreichen Fernsehserienadaptionen geprägt. Welche Voraussetzungen muss eine Serie aufweisen, damit sie für eine Adaption in Frage kommt? Welche Strategien werden bei Serienadaptionen angewendet und welche Gründe stecken dahinter? In dieser Untersuchung wird die israelische Originalserie Hatufim mit ihrer Adaption, der US-amerikanischen Serie Homeland, verglichen. Wie haben die Amerikaner die Ursprungsserie aus Israel verändert? Welche Rolle spielen Kultur, Politik und ‚nationale‘ Traumata? Der Vergleich dieser beiden Serien zeigt exemplarisch auf, welche Strategien in Adaptionsprozessen von Fernsehserien gewählt werden. Für die kontextuelle Einordnung wird ein Überblick über aktuelle Trends in Serienformaten gegeben. Als theoretische Grundlage liegen der Untersuchung Erläuterungen des Format- und Adaptionsbegriffes zu Grunde. Kulturwissenschaftliche Sekundärliteratur und Stellungnahmen der Produzenten zeigen auf, dass die Adaptionsstrategien aufgrund der Produktionsbedingungen und einem Kulturtransfer gewählt wurden.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 7. Analyse der seriellen narrativen Strategien in Hatufim: Die folgende Analyse widmet sich der Vorlage Hatufim. Nach einer Einführung auf der Inhaltsebene (Kap. 7.1) und einer Betrachtung des Vorspanns (Kap. 7.2) wird die narratologische Kategorie der Zeit in der israelischen Serie untersucht (Kap. 7.3), da diese elementarer Bestandteil der Formatkonzeption ist. Darauf folgend wird die Darstellung der figuralen Wahrnehmung analysiert (Kap. 7.4). Dabei sind die beiden Kapitel eng miteinander verknüpft, da die Introspektionen der Figuren überwiegend Erinnerungen an die Vergangenheit – und somit Analepsen – sind. Hier ist eine Verwobenheit der Analysekategorien festzustellen. Darauf folgend wird auf die Figurenkonzeption (Kap. 7.5) und auf Formen der Spannung (Kap. 7.6) eingegangen, um als Zwischenfazit auf diesen Ergebnissen basierend eine Genrezuschreibung zu tätigen (Kap. 7.7). Dieser Aufbau wurde gewählt, da eine Analyse dieser Aspekte in beiden Analysegegenständen besondern gewinnbringend ist. Gleichzeitig handelt es sich bei den Kapiteln um narrative Strategien aktueller TV-Serien, die Allrath, Gymnich und Surkamp identifiziert haben (2005). 7.1 Einführung: Die Handlungsstränge: Die israelische fiktionale Prime-Time-Serie Hatufim erzählt die Geschichte von drei Israel Defense Forces-Reservisten, von denen zwei nach 17 Jahren der Gefangenschaft bei der Hisbollah im Libanon und in Syrien nach Israel zurückkehren. Der dritte Soldat Amiel Ben Chorin (Assi Cohen) gilt bis zum Ende der ersten Staffel als tot. Die Serie beginnt als Teaser in der ersten Episode mit der Szene der erfolgreichen Verhandlung, die zu der Freilassung führt. Über die zehn Folgen der ersten Staffel hinweg werden die Schwierigkeiten der Re-Integration von Nimrod Klein (Yoram Toledano) und Uri Zach (Ishai Golan) in ihre Familien thematisiert. In jeder Folge wird gezeigt, dass sie unter brutalen Erinnerungen oder Albträumen leiden, und mit Veränderungen in ihren Familien und in der Gesellschaft zurechtkommen müssen (vgl. Zanger 2005:5). Gleichermaßen werden die Probleme aus Sicht der Angehörigen gezeigt. Die horizontale Handlung, die an Amiels Schwester Yael Ben Chorin (Adi Ezroni) gebunden ist, stellt dar, wie sie mit dem vermeintlichen Tod ihres Bruders umgeht. Über die Staffel hinweg werden ihre verschiedenen Trauerphasen gezeigt. Außerdem halluziniert sie lange, dass ihr Bruder bei ihr sei. Nimrods Frau Talia Klein (Yael Abëcassis) wird nach der langen Wartezeit mit ihrem ehemals vertrauten Ehemann konfrontiert, der ihr nun fremd geworden und hochgradig traumatisiert ist. Auch eine klassische Dreiecksbeziehung findet sich in der israelischen Serie (vgl. Vossen 32011:435): Nurit Halevi-Zach (Mili Avital), Uris ehemalige Verlobte, hat während dessen Abwesenheit Uris Bruder geheiratet. Sie wird von Talia verachtet und nimmt die Rolle des ‚nationalen’ Sündenbocks ein, weil sie nicht auf Uris Rückkehr gewartet hat (vgl. Zanger 2015:8). Diesen melodramatischen Elementen der familiären und ehelichen Konflikte wird in Hatufim viel Erzählzeit beigemessen (Vossen 32011:437). Ein Zettel, der Nimrod bei seiner Freilassung von seinem Peiniger Jamal (Salim Dau) zugesteckt wurde, fungiert als MacGuffin der Haupthandlung in Staffel 1. Stutterheim definiert das von Alfred Hitchcock geprägte dramaturgische Mittel MacGuffin als ein handlungsauslösendes Element, das eine lang anhaltende Spannung entfacht (Stutterheim 2015:367). In Hatufim wird darüber zunächst die Frage eröffnet, ob die Telefonnummer auf dem Zettel bedeuten könnte, dass Nimrod als Schläfer für Jamal agiert. Allerdings wird schnell aufgeklärt, dass Nimrod und Uri selbst gemeinsam auf der Suche nach Antworten in Bezug auf die Gefangenschaft sind. Die Ermittlerfigur des Militärpsychologen Haim Cohen (Gal Zaid) nimmt dabei eine beobachtende und skeptische Perspektive auf die Rückkehrer ein und setzt die Militär-Agentin Iris (Sendi Bar) auf Uri an. Über das breite Figurenensemble und die zahlreichen Handlungsstränge wird in Hatufim also die Extremsituation der Kriegsgefangenschaft und der Re-Integration multiperspektivisch dargestellt (Stutterheim 2015:367). Der Finalcliff der ersten Staffel in Folge 10 löst auf, dass Amiel gar nicht tot ist, sondern in Syrien bei seinem ehemaligen Peiniger Jamal lebt und zum Islam konvertiert ist. Der Fokus der zweiten Staffel von Hatufim stellt mit vermehrten spannungssteigernden Elementen die Frage nach Amiels Identität: The second season is in effect a reverse shot of the first, focusing on Amiel (Zanger 2015:5). Nach dem Tod Jamals erzieht Amiel – der im syrischen Umfeld nun Jussuf genannt wird – mit seiner Frau Leila (Hadar Rat-zon-Rotem) den Sohn des Verstorbenen und soll zusammen mit Abdullah bin Rashid (Yousef Sweid) die Terrororganisation Kinder des Dschihad führen. Seine Loyalität wird von seinem Schwiegervater Scheich Kasab (Makram Koury) und Abdullah immer wieder auf die Probe gestellt. Die Figuren korrumpieren ihn und werfen eine misstrauische Perspektive auf Amiel. Parallel dazu wird in Israel im Auftrag des israelischen Geheimdienstes eine geheime Ein-Mann-Operation des Elitesoldaten Ynon (Yonatan Uziel) geplant und vorbereitet, der Amiel nach Israel zurückbringen soll. Die geheime Rückführungsaktion als Hauptstaffelhandlung wird also aus zwei Perspektiven gezeigt: aus der Sicht Amiels in Syrien und aus der Sicht der jüdischen Figuren in Israel. Auch Nimrod und Uri sind mit Hilfe von Iris und Haim in der zweiten Staffel auf der Suche nach Amiel. Überdies wird erzählt, wie Talia und Nimrod eine Beziehungspause einlegen und Talia in eine Depression verfällt, bis das Ehepaar in der letzten Episode doch einen gemeinsamen Neuanfang wagt. Nurit zieht in der ersten Folge der Staffel mit Uri zusammen, in der letzten Episode dann trennt sich Uri von Nurit, da er sie nicht mit seiner Krebserkrankung belasten will, von der er erfährt. Das Staffelfinale ist die spannungsgeladende Rückführungsaktion, die als Wettlauf mit der Zeit konzipiert ist – dabei handelt es sich um ein klassisches Motiv des Thrillers (Wulff 32011:707). Am Schluss der letzten Folge hinterfragt der Militärpsychologe Haim, ob die Rückführung zu einfach verlaufen sei. Als Bestätigung dessen wird gezeigt, dass Amiel/Jussuf eine Identitätskrise hat. Der Cliffhanger am Ende der zweiten Staffel ruft somit die Frage hervor, ob Amiel nun in Israel eine Gefahr darstellen könnte. Auch bei dieser Fragestellung handelt es sich um ein Element des Thrillers (ebd.). Die Episoden der ersten und zweiten Staffel von Hatufim zeichnen sich im Durchschnitt dabei durch sechs bis sieben parallele, an die Figuren gebundene Handlungsstränge aus, die allesamt einem horizontalen Staffelbogen folgen. Die zahlreichen Handlungsstränge der Staffel werden miteinander verwoben, indem die Figuren bei besonderen Ereignissen aufeinandertreffen: Sei es die Heimkehr der ehemaligen Gefangenen, die Trauerfeier für Amiel oder die Bar Mizwa von Nurits Sohn. Dabei erzählen die Plotlines allesamt eine Figuren- und Handlungsentwicklung, sie sind nicht austauschbar. Somit handelt es sich bei Hatufim um eine Figurenensembleserie mit horizontaler Dramaturgie. 7.2 Der Vorspann: In dem Vorspann von Hatufim wird das Thema der Kriegsgefangenschaft über eine symbolische Verdichtung mit zahlreichen räumlichen Grenzmetaphern, die Rahmungen im Bildkader erzeugen, ästhetisch verdichtet dargestellt (Wagner 2014:59). Insgesamt ist die Opening Sequenz geprägt von melancholischer, spannungsaufbauender Musik, die die Atmosphäre der Montagesequenz unterstützt. Die einzelnen Bilder sind verbunden durch dynamische Bildübergänge, die schnelle Kameraschwenks imitieren. Dabei wird mit der Logik des Raumes gebrochen. Dennoch nimmt der Adressat die fragmentarischen Bilder[, die die reale Raumkonzeptionen sprengen,] als Elemente einer einheitlichen, kontinuierlichen Erzählung wahr (Mikos 32015:207). Gezeigt werden ein Lichtschacht, umgeben von Dunkelheit, ein Stuhl als Metapher für einen Vernehmungsraum, und eine sich öffnende, laut knarrende Tür als Grenzsymbol. Die dramatische Lichtführung mit ihrer expressiven Verwendung eines hellen Lichtkegels im Kontrast zur Dunkelheit visualisiert dabei ebenfalls den Grenzcharakter (Beil/Kühnel/Neuhaus 2012:39). Darauf folgend ist die Silhouette eines Mannes in gebückter Körperhaltung zu sehen, der unter einer Lampe sitzt. Gezeigt wird dies durch ein milchiges Fenster (Grenzsymbol), begleitet von Störgeräuschen. Nach einem dynamischen Bildübergang wird der Schatten eines männlichen Gesichtes zwischen zwei Lichtstrahlen gezeigt. Der Fokus wird dann auf eine Uhr gerichtet, auf die wie durch eine Jalousie gebrochenes Licht scheint. Das Ticken der Uhr ist auf der Tonebene laut zu hören, aber der Sekundenzeiger kommt nicht voran – ein Bild für die Zeit, die in der Gefangenschaft still zu stehen scheint. Dann sind eine Treppe mit einem orientalischen Teppich und eine graue Wand mit Nägeln, die Assoziationen zur Folter hervorrufen, zu sehen. Auch die Mauer fungiert dabei als Element der Abgrenzung (Wagner 2014:60). Folgend ist ein Flur zu sehen, an dessen Ende eine Tür geöffnet ist, hinter der ein gelblicher Lichtschein durchbricht. Dies symbolisiert die Hoffnung auf Freilassung, denn der Korridor als Verbindung zweier Räume markiert die Möglichkeit, eine Grenze zu überwinden (Wagner 2014:66). Am rechten Bildrand erscheint die Silhouette einer Frau, die die Figuren der Angehörigen symbolisiert. Am Ende werden auf einer Wand die Schatten von Vögeln gezeigt, von denen einer wegfliegt, und der andere auf dem Ast sitzen bleibt. Dies symbolisiert ebenfalls die Hoffnung auf Freiheit, und diese auch zu ergreifen. Folgend wird der Titel Hatufim in hebräischer Schrift gezeigt. Die Buchstaben sind dreidimensional, der zweite Buchstabe drückt sich in die Wand, Gestein bröckelt herab. Ein Lichtschein erhellt den Titel, der Bildrand ist schwarz.

Über den Autor

Die Autorin hat ihr medien- und literaturwissenschaftliches Studium an der Universität Hamburg mit dem akademischen Grad Master of Arts im Jahr 2016 erfolgreich abgeschlossen. Ihre Studienschwerpunkte waren Seriendramaturgie, unzuverlässiges Erzählen sowie inter- und transmediale Adaptionen. Ergänzend dazu sammelte die Autorin praktische Erfahrung in der Drehbuchentwicklung von TV-Serien bei Produktionsfirmen und Sendern. Diese Tätigkeiten, gepaart mit der großen impliziten Forschungsfrage nach ‚nationalen‘ Erzählarten motivierten die Autorin dazu, sich der Thematik des vorliegenden Buches zu widmen.

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