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Gesellschaft / Kultur


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Produktart: Buch
Verlag: disserta Verlag
Erscheinungsdatum: 05.2015
AuflagenNr.: 1
Seiten: 204
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Adler (1870-1937) stellt uns mit der Individualpsychologie (IP), einem vor allem aus der Therapiepraxis entstandenen psychologischen System, ein erstes Gesamtpsychotherapiemodell vor, das sowohl die normale Psyche als auch Neurosen, Psychosen, Psychopathien, Prävention und Rehabilitation umfasst. Aufgrund der Ergebnisse der Psychotherapieforschung ist die Suche nach einem umfassenden Psychotherapiemodell auch ein wichtiges Thema der Klinischen Psychologie heute. Die Arbeit soll einen Beitrag zur Beantwortung der Frage leisten, ob die IP als eine der ältesten Psychotherapie-Schulen im theoretischen Diskurs und in der psychotherapeutischen Praxis dennoch mit dem Erkenntnisstand der Akademischen Psychologie Schritt halten und in welchem Maß sie auch in unserer heutigen Gesellschaft in Deutschland Anteil an der Lösung oder Linderung psychischer Störungen und Krankheiten haben kann. Ihre Leistungsfähigkeit wird dadurch bewiesen, dass mit ihr auch die psychologischen und sozialen Phänomene einer späteren Epoche erklärt und verstanden werden können. Es geht also um das der IP immanente Entwicklungspotential, um seine konkrete Nutzung in der Gegenwart und um mögliche Entwicklungsbehinderungen. Schwerpunkt der Analyse ist die Entwicklung nach dem 2.Weltkrieg, besonders die Diskussionen, die in IP-Kreisen ab 1976 geführt wurden, dem Jahr, in dem der 1. Internationale Nachkriegskongress in Deutschland (München) stattfand. Auf diesem Kongress wurde die Frage nach der Identität der IP klar gestellt und äußerst kontrovers diskutiert.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 2.2, Auseinandersetzung mit der Organisationsstruktur der Individualpsychologie: Ausgehend von einer kurzen Betrachtung der Organisationsstruktur der IP zu Adlers Lebzeiten, untersuche ich anschließend deren Entwicklung in Deutschland nach dem 2.Weltkrieg und ende mit der Darstellung gegenwärtiger organisatorischer Probleme der IVIP. Ein Grund für die unterschiedliche Organisationsstruktur der Freudschen und der Adlerschen Schule in ihren Anfängen hängt sicher eng mit der Persönlichkeit ihrer Gründer und auch der sozialen Herkunft ihrer Patienten zusammen. Freuds Gesellschaft war nach strengen Regeln organisiert. Als er 1910 die Internationale Vereinigung der Psychoanalyse (IPV) gründen wollte, argumentierte Adler dagegen, da er Zensur und Einschränkung der wissenschaftlichen Freiheit befürchtete. Zeitlich fällt die Auseinandersetzung zwischen Freud und Adler, die zum Bruch führte, mit dem Beginn der Institutionalisierung der Psychoanalyse zusammen. Mit ihrem Bekanntheitsgrad und mit der Zunahme der Kritik von außen wurde auch innerhalb der Bewegung intoleranter mit abweichenden Meinungen umgegangen. Nach seiner Trennung von Freud bzw. der Exkommunizierung durch diesen traf Adler sich mit seinen Schülern häufig in Wiener Cafés, während Freud zunächst seine Wohnung und später das Haus einer medizinischen Gesellschaft für seine Sitzungen vorzog. Insgesamt war die IP zu Lebzeiten Adlers wesentlich lockerer organisiert als die Psychoanalyse. Dennoch gibt es Parallelen auch in ihrer Institutionalisierung, die typisch für alle Lehren sind, die sich nach außen hin verteidigen müssen. Auch in wissenschaftlichen Institutionen wie Universitäten kann es dazu kommen! Im roten Wien bot sich Adler die Möglichkeit, seine Lehre praktisch umzusetzen, und er begann in den 20er Jahren mit der Entwicklung eigener Institutionen. Parallel dazu stieg die Publikationsrate individualpsychologischer Schriften und Adlers Vortragstätigkeit im In- und Ausland. Dennoch verstand die IP sich eher als Teil der Reformbewegung als als wissenschaftlicher Verein. Die psychoanalytische Bewegung hatte zu dieser Zeit bereits einige Kongresse abgehalten, Ortsgruppen gegründet und verfügte über mehrere Fachzeitschriften. Dagegen war die IZI die einzige Fachzeitschrift im deutschen Sprachraum, und trotz einiger europäischer und außereuropäischer individualpsychologischer Gruppen gab es noch keine internationale Organisation. 1923 nahm Adler am 7.Internationalen Kongress für Psychologie in Oxford teil. Ansonsten ist über die Vertretung der IP auf psychologischen Kongressen wenig bekannt. Höhepunkte der Geschichte der Individualpsychologie in der Zwischenkriegszeit stellten die fünf Internationalen Kongresse dar, deren letzter vor dem 2.Weltkrieg 1930 in Berlin mit mehreren 1000 Teilnehmern stattfand. Bei der Organisierung ärztlicher Psychotherapeuten mit dem Ziel der kassenärztlichen Anerkennung war die Individualpsychologie neben der Psychoanalyse ebenfalls vertreten. Um sich in diesem Kreis zu bewähren , war auch die Notwendigkeit der bis dahin vernachlässigten formalisierten Ausbildung gegeben. Zwar gab es in den 20er Jahren viele Weiterbildungsangebote in Form von Vorträgen und Kursen, die Frage der formalisierten Ausbildung hatte jedoch keine so zentrale Stellung wie in der Geschichte der Psychoanalyse. Durch die Ausbreitung der IP ergaben sich auch verschiedene Ausrichtungen dieser Lehre (die biologistische, marxistische, religiöse und philosophische), durch die zunächst noch keine Fraktionierungen entstanden. Dies änderte sich allerdings Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre, z.B. mit der Spaltung der Berliner Gruppe. Cremerius (1992, S.37) weist darauf hin, dass das Elend der psychoanalytischen Institutionen, deren Präsident außerordentliche Vollmachten hat, dessen Ansprüche unwiderlegbar und dessen Autorität unverletzbar ist, mit dem totalen Verzicht auf eine wissenschaftliche Vereinigung beginnt. An ihre Stelle trete eine Glaubensgemeinschaft. Durch die Entwicklung von Hypothesen, die der reinen Lehre widersprechen, kommt es zu machtpolitischen Spannungen und immer wieder zu Dissidenten, die sich von der Ursprungsgruppe trennen und neue Institute gründen. Handlbauer (1990, S.172 f) stellt fest, dass mehrere Merkmale psychoanalytischer Dissidenz sich auch direkt auf die IP (zu Lebzeiten Adlers) anwenden lassen. Wenn wir uns nun der Gegenwart nähern und untersuchen, wie sich die Institutionalisierung der IP nach dem 2.Weltkrieg in Deutschland gestaltete, wird deutlich, dass die Tatsache einer fehlenden internationalen Organisation sich sehr hemmend auf einen Neubeginn der wenigen im Land gebliebenen Individualpsycholgen auswirkte. Die nach Amerika emigrierten Individualpsychologen hatten in Konkurrenz mit der Psychoanalyse Probleme, ihre Schulenidentität offenzulegen und arbeiteten häufig als Kryptoadlerianer . Selbst als 1954 die IVIP gegründet wurde, vergingen mehrere Jahre, ehe der organisatorische und institutionelle Aufbau der IP in Deutschland wieder in Angriff genommen wurde. In den 50er und 60er Jahren erschienen zwar einige Bücher von Individualpsychologen, der eigentliche Aufschwung kam aber erst durch die aktive Unterstützung der emigrierten Individualpsychologen. Nach der Gründung der AAG 1962 versammelten sich durch die Aktivitäten von Metzger und Seeger 1966 im Rahmen des 10. Internationalen Kongresses in Salzburg alte und neue Mitglieder zu einer ersten richtigen Mitgliederversammlung, Weiterbildungskurse wurden geplant und ab 1967 auch mit Hilfe der Emigranten durchgeführt. Die Mitgliederzahlen stiegen, aber Uneinigkeiten über die Abschlüsse der Ausbildungsgänge für Teilnehmer unterschiedlicher Grundberufe und über finanzielle Abrechnungsmodi führten zu erbitterten Auseinandersetzungen in den Mitgliederversammlungen, zu verschiedenen Satzungsänderungen und schließlich zum Rücktritt Metzgers, Seegers und anderer Vorstandsmitglieder. 1970 wurde ein neues Gremium mit Blumenthal als 1.Vorsitzenden zusammengestellt. Die AAG hieß nun DGIP, Weiterbildungskurse wurden in regionalen Arbeitskreisen dezentral angeboten. Für die öffentliche Anerkennung der Weiterbildung erfolgte die Gründung von Instituten mit bestimmten personellen und organisatorischen Gegebenheiten. Die Einrichtung eines Zentralinstituts, für dessen öffentliche Unterstützung Metzger bereits 1969 ein Gutachten bei Ansbacher eingeholt hatte, wurde auf jeder Delegiertenversammlung zum Zankapfel und kam nie zustande. Ungeachtet dessen stiegen die Mitgliederzahlen weiter erfreulich an, und das Vermögen der DGIP erhöhte sich zwischen 1969 und 1979 von ca. 2000 DM auf 120000 DM. Schmidt (1987a), Arzt und 1.Vorsitzender der DGIP von 1974-1987, weist noch auf die Verdienste des Ehepaars Ansbacher, auf Dreikurs, Ackerknecht, Rom und Sperber hin, ohne deren Hilfe die deutschsprachige IP sich nicht erholt hätte. Er beschreibt dann den Prozess der Polarisierung einer sich tiefenpsychologisch verstehenden IP und einer (eher amerikanischen ) IP, die sich als Bewusstseinspsychologie versteht, die 1976 auf dem 13. Internationalen Kongress in München unübersehbar wurde. Er selbst rechnet sich der ersteren zu, wobei er sie als die emanzipatorische darstellt: Die Schüler Adlers wurden erwachsen und begannen seinen Ansatz einer ganzheitlichen Beziehungsanalyse zu vertiefen (S.253). Gleichzeitig weist er entschieden die Kritik zurück, es handle sich bei der neuen Entwicklung in der IP um opportunistische Erscheinungen, die mit dem Verteilungsproblem auf einem umkämpften Psychomarkt zu tun hätten. Die Gefahr, in elitäre Elfenbeintürme aus überholter psychoanalytischer Zeit (zu) flüchten (S.256), sieht er an den eigenen Instituten allerdings auch und fordert von daher die gleichwertige Zusammenarbeit aller an Therapie und Beratung beteiligten Berufsgruppen, ohne allerdings Aussagen über die Konkretisierung zu machen. Wenige Jahre später klingt der Ton noch selbstbewusster, aber auch aggressiver. Lehmkuhl & Lehmkuhl (1990, S.7ff) sprechen von der Vereinfachung und Vernachlässigung wichtiger tiefenpsychologischer Ergebnisse Adlers durch die individualpsychologischen Emigranten in Amerika aufgrund der bewusste(n) Abgrenzung von Psychoanalytikern . Sie nennen die Nichtanerkennung der damals emigrierten Adlerianer in Kliniken und Institutionen Kriegskosten , denen sie die eigene seit 1979 erreichte Anerkennung zur Weiterbildung durch die zuständigen Bundesärztekammern und die Kassenärztliche Bundesvereinigung in Deutschland stolz gegenüberstellen. Obwohl es zweifelsfrei den Aktivitäten der Emigranten zu verdanken ist, dass die Individualpsychologie in den späten 60er Jahren wieder einer größeren Zahl von Menschen nahegebracht wurde, heben Lehmkuhl & Lehmkuhl nur äußerst pauschal deren am späten Adler orientierte Bewusstseinspsychologie hervor und zitieren als Zeugin eine Individualpsychologin, die den Autoren berichtete, wie sie tief deprimiert und entsetzt (S.8) nach einem Seminar von Dreikurs gewesen sei.

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