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  • Die „Aktivierende Stadtdiagnose“ als eine besondere Form der Organisationsdiagnose: Ein umwelt- und gemeindepsychologischer Beitrag für eine nachhaltige Stadt- und Gemeindeentwicklung

Gesellschaft / Kultur


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Produktart: Buch
Verlag: disserta Verlag
Erscheinungsdatum: 04.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 232
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Die Methode ‚Aktivierende Stadtdiagnose‘ entstand, weil entsprechende Verfahren fehlten, mit denen Städte ganzheitlich diagnostiziert werden konnten. Die Diagnose dient dazu, in Städten eine nachhaltige Entwicklung im Sinne der Agenda 21 vorzubereiten und zu planen. Eine Besonderheit der qualitativen ausgerichteten Methode ist das Aktivieren von jenen Bewohnerinnen und Bewohnern, die an Stadtentwicklungsprozessen üblicherweise nicht teilhaben. Als ein zentrales Ergebnis wird das Kommunegramm vorgestellt, welches bildhaft das soziale Gefüge einer diagnostizierten kommunalen Einheit zeigt und die Basis für nachfolgende und dauerhaft nachhaltige Veränderungsprozesse darstellt. Während des letzten Jahrzehnts wurde das Verfahren der ‚Aktivierenden Stadtdiagnose‘ von der Autorin praktisch angewandt, theoretisch fundiert und kontinuierlich weiterentwickelt.

Leseprobe

Kapitel 4.1.1, Die Wechselwirkung zwischen Psychologie und Umwelt vor Lewin: 1879 gilt als das Entstehungsjahr der wissenschaftlichen Psychologie. Der Mediziner Wilhelm Wundt (1832–1920) gründete in Leipzig das erste psychologische Labor und erzeugte damit viel Aufmerksamkeit in Europa. Er begann das individuelle Erleben und Verhalten mittels experimenteller Methoden zu erforschen. Die sogenannte Laborpsychologie nahm hier ihren Anfang. Wundt selbst nannte diesen Teil seiner Arbeit, der stark naturwissenschaftlich ausgerichtet war, die physiologische Psychologie. Als Gegenstück dazu konzipierte er die Völkerpsychologie. In der Völkerpsychologie stellte er den Bezug zum Raum her, indem er soziale und kulturell bedingte Verhaltens-Phänomene außerhalb des Labors systematisch beobachtete. Die Umwelt des Menschen war damit zu einem Forschungsgebiet der Psychologie geworden, ohne als solches explizit benannt zu werden. Diese Leistung kam seinem Schüler Willy Hellpach zu (Lück, 2009 Hellbrück & Fischer 1999 Asanger & Weninger, 1999 Lück & Miller, 1993). Der Mediziner und Wundt-Schüler Willy Hellpach (1877–1955), war einer der ersten Wissenschaftler in Deutschland, der sich in Studien über die Einflüsse der Großstadt auf die Psyche des Menschen widmete. Er machte Eindrücke und Einflüsse, welche Wetter und Klima, Boden und Landschaft auf die Menschenseele haben, erstmals zum Forschungsgegenstand (Hellbrück & Fischer, 1999). Hellpach unterscheidet in die natürliche Umwelt (Luft, Licht, Klima), die soziale Umwelt (soziales Zusammenleben, Bevölkerungsdichte) und die kulturelle Umwelt (kulturelle Normen und Regeln, gebaute Umwelt). Hellpach sah in der Wechselwirkung zwischen Psyche und Umwelt den zentralen Untersuchungsgegenstand der Psychologie. Im Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden (1924) wählte er als Titel seines Beitrags, der die Klärung ökologischer Fragestellungen zum Inhalt hatte, die Formulierung ‘Psychologie der Umwelt’. Seitdem gilt er im deutschen Sprachraum als der Begründer der Umweltpsychologie (Lück, 2009 Lück & Miller, 1993). Mit seiner Studie über die Großstadt könnte er auch als Vorläufer der Stadtpsychologie bezeichnet werden. Zur Zeit Wundts lehrte der Philosoph und Theologe Franz Clemens Brentano (1838–1917) Philosophie in Würzburg und Wien. Rückblickend gesehen muss er ein hervorragender Lehrer gewesen sein, denn aus seinen Schülern (u.a. Husserl, Ehrenfels, Freud) wurden berühmte Philosophen und Psychologen, Gründer neuer Schulen und Denkrichtungen, und sie haben allesamt zur Entwicklung der Psychologie und der Erkenntnistheorie beigetragen. Besonders sein Einfluss auf die Entstehung der Gestaltpsychologie sei an dieser Stelle hervorgehoben. Brentanos Schüler Carl Stumpf war später Lehrer von Kurt Lewin und inspirierte die Berliner Schule für Gestaltpsychologie (Wertheimer, Koffka, Köhler) maßgeblich. Ein anderer Schüler Brentanos, Christian von Ehrenfels, führte den Gestalt-Begriff in die wissenschaftliche Psychologie ein. Mit seiner 1890 veröffentlichten Arbeit ‘Über Gestaltqualitäten’ wurde er zum der Vordenker der Gestaltpsychologie (Lück, 2009). Der Beginn der Gestaltpsychologie wird mit 1912 angesehen, zurückgehend auf Wertheimers experimentelle Studien über das Sehen von Bewegung (Selhofer, 1989). Der Raum als Außenwelt wird in der Gestaltpsychologie über die subjektive, ganzheitliche Wahrnehmung erschlossen. Mit der Leistung des Wahrnehmungssystems können Menschen Dinge ganzheitlich erkennen. Die Gestaltpsychologie nennt dies die ‘Tendenz zur guten Gestalt’. Ohne diese Tendenz würden Gegenstände, beispielsweise ein Tisch, nicht als solche wahrgenommen werden. Zusätzlich gibt es noch eine ‘Dingkonstanz’, auch ‘Prägnanztendenz’ genannt, die uns erlaubt, den besagten Tisch auch unter veränderten Wahrnehmungsbedingungen wie etwa Dunkelheit oder in einer veränderten Umgebung, als denselben erkennen können (Walter 1985, 1994, 1996). Wesentlich ist, dass die Wahrnehmung der äußeren Welt nicht nur von physischen Bedingungen abhängt, sondern auch von internen Ordnungsprozessen begleitet wird. Die Umwelt wird damit zu einer subjektbezogenen Umwelt. Koffka bezeichnete die subjektbezogene Umweltwelt ‘Verhaltensumwelt’, weil diese von Individuum wahrgenommene Umwelt auch sein Verhalten prägt. Die ‘geografische Umwelt’ ist die mit der Verhaltensumwelt korrespondierende Außenwelt. (vgl. Hellbrück und Fischer, 1999, S. 77). Erkenntnistheoretisch entspricht die Gestaltpsychologie dem Kritischen Realismus, der besagt, dass die gesamte vorgefundene Welt – einschließlich der als objektiv erscheinenden Gegenstände und Personen – zur erlebten (phänomenalen) Wirklichkeit gehört, die von der erlebnisjenseitigen (transphänomenalen) Wirklichkeit streng zu unterscheiden ist. Die ethische Weltanschauung der Gestaltpsychologie gründet auf dem Begriff der ‘schöpferischen Freiheit’ nach Metzger (1962). Unter schöpferischer Freiheit versteht die Gestaltpsychologie nicht die willkürliche Entscheidungsfreiheit, dies oder etwas beliebig anderes zu tun, sondern die Bereitschaft, ohne inneren oder äußeren Zwang das zu tun, was zu tun ist (vgl. Tholey, 1999, S. 253). Kapitel 4.1.2, Kurt Lewin‘s ganzheitliche Betrachtung menschlichen Verhaltens: Kurt Lewin (1890–1947) war sowohl interdisziplinär arbeitender und denkender Theoretiker als auch Forscher und Praktiker. Nicht umsonst wird ihm, allerdings fälschlicherweise, die Urheberschaft für den Satz ‘Es gibt nichts, was so praktisch wäre wie eine gute Theorie’ (Lück, 1996, S. 58) zugeschrieben. Kurt Lewin war ein außergewöhnlich produktiver und engagierter Psychologe. Möglicherweise steht dies auch im Zusammenhang mit seinem persönlichen Schicksal: der gewaltsame Tod seiner Mutter im Konzentrationslager Sobibor war für ihn besonders erschütternd. Er hatte zuvor vergeblich versucht, sie zur Emigration zu bewegen. Ihr tragischer Tod hat es ihm zu einem persönlichen Anliegen gemacht, Gruppenprozesse zu untersuchen, um soziale Probleme künftig besser verstehen und im besten Fall lösen zu können. Er selbst leugnete seine jüdische Identität nie und überlegte nach Palästina auszuwandern, um dort die Schwierigkeiten der Integration zu beforschen (Heuer, 2009 Marrow, 2002). Lewin beeinflusste verschiedenste Richtungen und Strömungen der Psychologie maßgeblich, sowohl auf theoretischer als auch auf methodischer Ebene. Neben der Feldtheorie entwickelte er die in der Kritik zur experimentellen Sozialpsychologie stehende Aktionsforschung. Er war prägend für die Gruppendynamik und etablierte 1945 am MIT (Massachusetts Institute of Technology) das erste Institut für Gruppendynamik. Er gründete auch verschiedene Gruppen, um einen intensiven und interdisziplinären wissenschaftlichen Diskurs zu pflegen. An dieser Stelle sei jene topologische Gruppe erwähnt, die sich zwischen 1933 bis 1965 regelmäßig zu einem wissenschaftlichen Austausch getroffen hat. Diese Gruppe war ein lockerer Zusammenschluss meist junger Wissenschaftler und mitentscheidend für die Verbreitung seiner Theorien und Gedanken. Der Gruppe gehörten u.a. Fritz Heider, Kurt Koffka, Erik Erikson, sein ehemaliger Schüler Roger Barker und Edward C. Tolman an. Über seinen Schüler Roger Barker hat Lewin wichtige Impulse zur Ökologischen Psychologie gegeben und Edward C. Tolman inspirierte er zum Konzept der kognitiven Karte, das über die Geographie Eingang in die Stadtplanung gefunden hat (Lück & Miller, 1993 Lück, 1996 Lück & Miller, 1993 Marrow, 2002). […]

Über den Autor

Cornelia Ehmayer, Mag. Dr. phil., ist freiberufliche Stadtpsychologin und Sozialforscherin, ausgebildete Umwelt- und Gesundheitspsychologin sowie gewerbliche Organisationsberaterin in Wien. Als Expertin für zukunftsfähige Organisationentwicklung für den urbanen Raum hat sie zahlreiche Projekte umgesetzt und viele kleinere und größere Städte in Österreich beraten. Sie hat sich auf partizipative Stadtentwicklungsprozesse in Kombination mit qualitativer Sozialforschung spezialisiert.

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