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Gesellschaft / Kultur


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Produktart: Buch
Verlag: disserta Verlag
Erscheinungsdatum: 10.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 184
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Protagonisten popliterarischer Texte zeichnen sich dadurch aus, dass ihr jugendliches Verhalten mit ihrem Erwachsenenstatus kollidiert. Sie sind Post-Adoleszente, auf der Suche nach Bindungen, Orientierung und nicht zuletzt der eigenen Identität. Durch ihr frühes ‘Erwachsensein’ holen sie sich im Alter zwischen 20 und 35 Jahren das zurück, was ihnen in der Pubertät verwehrt blieb. Die Reife, die zum Erwachsensein nötig ist - durch Initiationsmomente wie Tod, Desillusionierung oder das Ende einer Liebesbeziehung - erlangen sie teilweise erst zehn bis zwanzig Jahre später. Ihre neu gewonnene ‘Reife’ zeigt sich u.a. in verändertem Verhalten oder einer neuen Lebenseinstellung, etwa im Wunsch nach Familie - oder nach Selbstmord. Die Ausgangsfrage des Buches ist diejenige, ob der deutschsprachige Pop-Roman der Jahrtausendwende als ein solcher Initiationstext verstanden werden kann oder ob die Protagonisten unveränderbare, unbeirrbare und unbelehrbare Einzelgänger bleiben. Christian Krachts ‘Faserland’, ‘Soloalbum’ von Benjamin von Stuckrad-Barre und Selim Özdogans ‘Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist’ wurden dafür untersucht.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel III, Die ausgewählten Pop-Romane: 1, Christian Kracht: Faserland: 1.1, Autor und autobiografischer Gehalt des Textes: ‘Verstehen wir Sie richtig? Über Inhalte reden muss allein deshalb schiefgehen, weil schon so oft darüber geredet worden ist’? ‘Ja absolut. Das Sprechen über Inhalte ist zum Scheitern verurteilt’. Diese Antwort von Christian Kracht, mit der er den Redakteuren des Tagesspiegels eloquent, aber rigoros eigenes Desinteresse an der Interview-Situation vermittelt und so jeglichen produktiven Kommunikationsversuch im Keim erstickt, hätte auch von seinem namenlosen Protagonisten aus Faserland stammen können. Wie dieser auch scheint er gesellschaftliche Normen, Werte und Verhaltensregeln nicht teilen zu wollen und setzt sich bewusst von dem von ihm erwarteten Benehmen ab. Autor wie auch Protagonist entsprechen dem Bild des individualisierten Helden des modernen Adoleszenzromans – dadurch, dass beide in ihrer komplexen Identität bzw. Identitätskrise aufgehen. Außerdem ist das Hauptthema im Leben beider der Erwerb von Identität und die Übernahme sozialer Verantwortung – Ersterem rennen sie, oft alkoholisiert und unter Drogeneinfluss, entgegen, indem sie vor Letzterem fliehen: Kracht nach Thailand, sein namenloser Protagonist in den Tod. Es ist das Problem der Ähnlichkeit zwischen Autor und Erzähler, das nicht nur Kritiker verwirrte, sondern das auch den Leser immer wieder schwanken lässt, ob es sich bei Krachts Erstlingswerk um reine Fiktion oder autobiografische Vergangenheits- und Gegenwartsbewältigung handelt. Die Ich-Perspektive und die auffälligen Parallelen im Leben von Autor und Erzähler verführen den Leser dazu, den Autoren, entgegen jeder Tradition einer hermeneutischen Lesart, mit seiner Kunstfigur gleichzusetzen. Dieser Gefahr erlagen, trotz des Statements zu Beginn des Buches, in dem Kracht versichert, dass ‘alle hier beschriebenen Personen und alle Begebenheiten […]frei erfunden […und] jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen […] völlig unbeabsichtigt’ ist, sowohl Feuilletonisten als auch Buchautor Thomas Ernst und Schriftsteller-Kollege Matthias Politycki: ‘Der Wohlstandsbubi reist von Sylt nach Zürich […], zugleich kommentiert er zynisch die Menschen und Moden durch die Brille eines ehemaligen Mitarbeiters des Lifestyle-Magazins Tempo’. ‘Ein Bürschlein, offensichtlich Luxusalkoholiker, bereist Deutschland […]. Das Bürschlein heißt Christian Kracht […]’. Im Gegensatz dazu vertritt der Germanist Moritz Baßler die Meinung, ‘autobiographische Aussagen des Autors [im Text] zu entdecken wäre doch wohl irrig. […] – es handelt sich schlicht um Rollenprosa’ . Für diese Annahme spricht vor allem ein Unterschied zwischen Protagonist und Autor: Im Gegensatz zu seiner literarischen namen- und alterslosen Kunstfigur, dem ‘moderne[n] Flaneur, der nichts Besonderes zu tun hat und sich bloß ein bisschen treiben lässt’ , weiß Christian Kracht durchaus, was Arbeit und kreatives Schaffen bedeutet. Als Journalist arbeitete er u.a. für das Lifestyle-Magazin Tempo, die Welt am Sonntag und als Indien-Korrespondent für den Spiegel. Nach seinem Debütroman Faserland (1995), für den er sich von Rezensenten als ‘Spießer’ , ‘Schnösel’ , ‘schnoddriger Maulheld’ oder ‘superaufgeklärter Bescheidwisser’ betiteln lassen musste, fasste er seine Tempo-Reportagen in Ferien für immer. Die angenehmsten Orte der Welt (1998) und seine Spiegel-Reiseberichte aus Asien in dem Erzählband Der gelbe Bleistift (2000) zusammen. Kracht persönlich steht dem Begriff `Popliteratur´ distanziert gegenüber, und tatsächlich erscheint es schwierig, seine Werke, die auf Faserland folgten, dieser Gattung zuzuordnen. Vor allem 1979 und Mesopotamia unterscheiden sich in Bezug auf Inhalt und Stil stark von Faserland dennoch wird sein Erstlingswerk auch weiterhin Aushängeschild und Hauptbezugspunkt in Krachts Biografie bleiben. Trotz oder gerade wegen der ‘unverdichteten Sprache, Repräsentation von Gegenwartskultur, Nonchalance im Umgang mit der deutschen Vergangenheit, dem Bekenntnis des Autors und seines Protagonisten zur Oberschicht (‘Ich bin ja sehr reich’ ) und Verstößen gegen die Regeln der Political Correctness’ avancierte Faserland zum ‘Kultbuch’ und wurde nicht nur als ‘Gründungsdokument einer literarischen Bewegung’ sondern sogar als ‘Wasserscheide in der zeitgenössischen Literatur’ bezeichnet. 1.2, Inhaltsangabe: ‘Also, es fängt damit an, dass ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke’. So beginnt die Geschichte des namenlosen, ca. Mitte bis Ende 20-jährigen Protagonisten und Ich-Erzählers, der, durch das Vermögen seines Vaters finanzielle Unabhängigkeit genießt und somit ‘einer Beschäftigung nach[geht], die es heute eigentlich gar nicht mehr gibt: dem Müßiggang.’ Der Roman, in dem der Held innerhalb von acht Kapiteln durch die Republik gelangt, entspricht durch seine pikareske Struktur dem Modell des amerikanischen Initiationsromans: Auf seiner scheinbar ziellosen Reise durch sein ‘Fatherland’ gelangt er von Sylt über Hamburg, Frankfurt, Heidelberg, München, Meersburg am Bodensee sowie Zürich und trifft auf diversen Partys immer auf dieselben Leute, ‘vor denen fliehen zu müssen ihn anfallshaft überkommt und die ihm doch so beängstigend ähnlich sind.’ Kommunikationsversuche jeglicher Art scheitern nicht nur an den häufigen gedanklichen Ausflügen des Ich-Erzählers, sondern vor allem aufgrund seiner Angst vor zu großer Nähe. Die Distanz, die er als Schutz vor Zurückweisung aufbaut, drückt sich in Form elitärer Bemerkungen und politisch inkorrekter Beschimpfungen gegenüber seinen Mitmenschen aus (‘SPD-Schwein’, S.49). Die Atmosphäre des Romans ist geprägt durch Sinnlosigkeit und Einsamkeit, die der Protagonist durch den intensiven Konsum diverser Rauschmittel wie Zigaretten, Alkohol und Drogen zu verdrängen versucht. Die Ich-Erzählperspektive, die Techniken des inneren Monologs (‘[…]ich denke, Moment mal, was kommt denn jetzt’, S.11) und der erlebten Rede (‘Während mir das alles wieder mal durch den Kopf geht, hebt das Flugzeug ab, und die alte Frau neben mir schließt die Augen […]’, S.53.) sowie die zusätzlich eingeschobenen Kindheitserinnerungen unterstreichen die Einsamkeit und das Isolationsgefühl des Protagonisten: seine Monologe werden nur selten zu Dialogen und er teilt weder die aktuellen noch vergangenen Geschehnisse seinen Mitmenschen oder Freunden mit. Die detaillierte Beobachtungsgabe, die ihn als Erzähler auszeichnet, wird auch gerade durch diese Außenposition erst möglich: Indem er passiv bleibt und sich nicht in Geschehnisse jeglicher Art involvieren lässt oder Andere an seinem Leben teilhaben und dieses somit beeinflussen lässt, behält er diese Position inne. Sein Einsamkeitsgefühl erreicht am Ende des Romans seinen Höhepunkt, als er sich nach dem Selbstmord seines Freundes Rollo nach Zürich begibt, um Thomas Manns Grab aufzusuchen, und sich schließlich im Dunkeln auf den Bodensee hinausrudern lässt. ‘Bald sind wir in der Mitte des Sees. Schon bald.’ (S.154). Mit diesem Satz, der als Hinweis auf den Suizid des Helden interpretiert werden kann, endet die Reise des Protagonisten. Im Roman, wie Stefan Beuse treffend zusammenfasst, ‘hangeln wir uns mit dem Ich-Erzähler an den Dingen entlang, folgen seinem Gedankenstrom, der (teilweise höchst unterhaltsame) Belanglosigkeiten transportiert, und merken nicht, daß gerade damit ein Zeitzünder aktiviert wird – für einen Sprengsatz, der exakt nach dem letzten Satz implodiert. Dann nämlich wird die enorme Poesie dieses Buches offenbar, seine schwebende Traurigkeit. Erst dann verwandelt sich die scheinbare Leichtigkeit des Fabulierens in Melancholie, wird die Reise durch Party-Deutschland zu einer Chronik des Verfalls’. 1.3, Orientierungslosigkeit: der Protagonist als `Suchender´: Der Fokus von Faserland liegt auf dem Ich-Erzähler und dessen Wahrnehmung. Er ist Beobachter seiner Lebenswelt und führt den Leser durch seine subjektiv erfahrene Wirklichkeit. In seiner Welterfahrung ist er einsam und von seinem Wesen her erfüllt er die Grundbedingung, die laut Lukács alle Roman-Protagonisten gemeinsam haben: Er ist ein ‘Suchender’. Während seiner Suche ist der Ich-Erzähler kein ausnahmslos distanzierter Beobachter des Handlungsgeschehens, sondern ist – sowohl aktiv als auch passiv – in dieses verwoben. Er ist Bestandteil des Handlungsverlaufs und somit Teil des Phänomens, das er beobachtet. Egloff geht in seiner Untersuchung davon aus, dass der Beobachter sich aus seiner Beziehung zur Gesellschaft heraus konstatiert, d.h., dass dieser immer im Spannungsverhältnis zu eben jener Gesellschaft steht, in der er sich befindet. Er ist gewissermaßen auf sie angewiesen, so schwierig seine Auseinandersetzung mit dieser auch ist. Das Interessante an der Figur des Ich-Erzählers in Faserland ist, dass der Umgang mit seiner Umgebung ihm eigentlich keine Schwierigkeiten bereiten müsste. Er ist ein ‘etablierter Außenseiter’, d.h. jemand, der seinem Umfeld perfekt angepasst ist, und verkörpert durch seine Internationalität, Arroganz und finanzielle Unabhängigkeit das Stereotyp des sorgenfreien Lebemannes: ‘[…] ich lege die blöde Kreditkarte auf den Schalter, und zwar so wie in der Visa-Werbung […] und dann sage ich, daß ich die nächste Maschine nach Frankfurt möchte’. Der Erzähler ist mit seiner momentanen Lebenssituation dennoch unzufrieden, was der Tatsache geschuldet ist, dass seine Innenwelt mit dem äußeren Bild, das er von sich entwirft, kollidiert. An seiner Umwelt kritisiert er jene Oberflächlichkeit und Indifferenz, die er an sich selbst wieder findet. Da Sein und Schein keine Einheit bei ihm bilden, befindet er sich in einem inneren Zwiespalt, der wiederum die Voraussetzung für seine gleichgültige melancholische Grundstimmung ist und die Motivation für seine Reise darstellt. Die in der Popliteratur wiederholt auftauchende Chiffre der Bahn-, Flug- oder Autofahrt ist kennzeichnend für die randständige Position des Protagonisten: er befindet sich bindungs- und heimatlos zwischen zwei Orten. Obwohl diese Reise, auf der er sich – ohne es zu wissen - schon zu Beginn des Romans befindet, zu Anfang kein direktes Ziel hat, also ungeplant ist, ist sie dennoch erwünscht und das Ergebnis seines inneren Drangs zur Veränderung. Sie wirkt unterstützend bei seiner Sinnsuche und verdeutlicht zudem seinen Zustand des Unbehaustseins. Sein Status als Suchender gibt ihm die Möglichkeit Erfahrungen zu machen, diese zu reflektieren und durch Erkenntnis zu Reife zu gelangen. Die Grundvoraussetzung für eine Initiation ist somit gegeben.

Über den Autor

Nicole Gast, geboren 1981, studierte Germanistik und Anglistik/Amerikanistik an der Universität Potsdam und ist Absolventin der Berliner Journalistenschule. Die Themen Kindheit, Pubertät und Erwachsenwerden sind ihr Lieblingsmotiv in Literatur und Film, seitdem sie das erste Mal ‘Stand by me’ - die Verfilmung von Stephen Kings Kurzgeschichte ‘Die Leiche’ - sah. Seitdem geht sie in Gedichten, Artikeln und anderen eigenen Texten der Frage nach, ob und wann Figuren (fiktiv oder real) ihre Einstellung, ihr Leben und sogar ihre Persönlichkeit ändern - und welche Ereignisse diese psychologischen Umbruchphasen auslösen bzw. einleiten können.

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