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Gesellschaft / Kultur


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Produktart: Buch
Verlag: disserta Verlag
Erscheinungsdatum: 01.2018
AuflagenNr.: 1
Seiten: 168
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Was ist dran am Kapitalismus des 21. Jahrhunderts? Was alles beeinflusst die Globalisierung der digitalen Welt? Ist der Weg des Westens mit seiner kapitalistischen freien Marktwirtschaft der gesellschaftlichen Zerrüttung preisgegeben? Natürlich dürfen dabei die Notwendigkeiten und Herausforderungen an eine gestaltende Politik, die Verantwortung ökonomisch und politisch wirkender Konzerne und die mächtigen transnationalen Institutionen mit ihren Akteuren, die Wege des Kapitals und die neuen sozialen Bewegungen in der Diskussion ebenso wenig fehlen wie der Trend, Bürger in wesentliche politische Entscheidungen mit Nachhaltigkeit einzubeziehen. Aus diesen beschlagworteten Szenarien ist schon zu erkennen, dass das kapitalistische System einer (freien) Marktwirtschaft und das hohe Gut Freiheit in der Demokratie eine kritische Gemengelage in der Gesellschaft bedeutet. Das Phänomen Kapitalismus wird in seiner Entwicklung als auch seiner Gegenwärtigkeit in den Blick genommen um weiter seiner komplexen Deutung und Ausdifferenzierung nachzugehen. Neben dem skizzierten Leitdiskurs wird die Kapitalismusmacht der neuen Herrschaftseliten, sowie die Auswirkungen auf die Gesellschaft und den Staat aufgegriffen. Dabei sind auch der Wohlfahrtskapitalismus in der EU, als auch Ursachen und Bedeutungen des zunehmenden linken und rechten Populismus weitere Denkformate in diesem Buch.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 11 Perpetuierung der Kapitalismusmacht: Globalisierung Die Globalisierung hat es mit sich gebracht, dass die westliche kapitalistische Wirtschaft in der Lage ist, dem sich selbst auferlegten Dauerdruck der Profitmaximierung ständig und leicht nachzukommen. Eine der von allen Unternehmen vorgeschobenen Prioritäten ist die des erforderlichen Wachstums, um Investitionen zu leisten. Den Maximen Profitmaximierung und Dauerwachstum unterliegen insbesondere die international agierenden Großfirmen und Konzerne, deren Mitbesitzer, Holdings, Aktionäre, die Vergütung an ihre Manager (Geschäftsführer, Vorstände) an den Gewinn des Unternehmens sowie dessen Aktienwert gekoppelt haben. Daraus leitet sich natürlich für die Unternehmensführer das primäre Interesse zur Steigerung des Unternehmenswertes ab, zumal es international gängige Praxis ist, dass die Manager auch Stockoptions erhalten, weswegen deren Einkommenssteigerungen ins Groteske ausufern. Vor ein paar Dezennien zurück lagen deren Einkommen bei etwa dem 20-fachen eines mittleren Angestellten und beträgt heute bis zum 350-fachen. Das fatale an dieser westlichen Motorik ist, dass auch die Verfolgung kurzfristiger Gewinne weder ein moralisches noch ethisches Manko in Bezug auf die Firmenpolitiken darstellt und zur Gewinnmaximierung alle Mittel zur Kosteneinsparung ausgeschöpft werden. Im Zusammenhang stehend Der Mitbewerb macht es ja auch! bedeutet, dass die Produktionen in (noch) Billiglohnländer über Kontinente hinweg verlagert werden, wo es weder gesetzliche Normen für Betriebs- oder Arbeitsschutz gibt noch ausreichend soziale staatliche Leistungen erbracht werden. Subsumiert gesagt: Die Globalisierung begünstigt das Entstehen transnationaler (Welt-)Konzerne mit weltweit verzerrten Sozialsystemen, woraus neue Wirtschaftssystematiken folgen. Daraus ergeben sich hinsichtlich der Einkommensstrukturen national wie international Ungleichgewichte. Es kommt zu einer Verkettung hochkapitalistischer Züge – frei nach Milton Friedmann: ungezügelte Freiheit im Tun, keine Störung der Marktwirtschaft durch staatlichen Eingriffe (Kapitel 7 / Monetarismus). Die langsam aber stetig voranschreitende Erodierung der Arbeitsstrukturen in den Industriestaaten muss politisch mit großer Ernsthaftigkeit und Weitblick durch geeignete Maßnahmen zum Erhalt des sozialen Friedens verfolgt werden. Ganz besonders in Hinblick auf die bevorstehenden Auswirkungen des begonnenen digitalen Umbruchs resultierend aus den Zielverfolgungen von Industrie 4.0 als Prozess der Robotik und Ausweitung von virtuellen Unternehmensformen, aber auch in Bezug auf die Konsumtion, da sich ein im Umfang noch nicht absehbares Marktgeschehen durch die rasch wachsenden Online-Einkäufe entwickelt. Trotz der Globalisierungsmaschinerie und deren Triebkraft bezogen auf die raschen Veränderungen befinden sich die westlichen Demokratien in einer Zeitphase anhaltender politischer Schlichtheit. Unabhängig davon wird stets von Herausforderungen gesprochen anstatt das negativ besetzte Wort Probleme in den Mund zu nehmen und die Bevölkerung der Wahrheit entsprechend von den zu bewältigenden Miseren zu informieren. Die zu beobachtende Regel lautet nämlich, die Politikentscheidungen in steigendem Maße auf die supranationale Ebene zu verlagern, nicht zuletzt durch das Geflecht von staatenähnlichen Organisationen, wie: EU, Wirtschafts- und Währungsunion, Europarat, WTO und Weltbankgruppe sowie der Relevanz der UN mit ihren diversen spezialisierten Unterorganisationen (Internationaler Gerichtshof, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte), OSZE u.a. Eine konkrete Erklärung dafür mag sein, zumal die Globalisierung ein Prozess ist, durch den die Märkte und Produktion in verschiedenen Ländern immer mehr voneinander abhängig werden – dank der Dynamik des Handels mit Gütern und Dienstleistungen und durch die Bewegungen von Kapital und Technologie (Plate 1999: 32). Als generelle Charakteristika dazu sind die räumliche Erweiterung ökonomischer, ökologischer, kultureller und die näheren politischen Beziehungen zu orten nebst der bereits erwähnten Dauerpriorität Profitmaximierung (es gilt: per fas et nefas), was sich durch die Verflechtungen der Akteure, deren Handlungsfeldern und ggf. gemeinsamen Problemlagen manifestiert, d.s. etwaige Handelshemmnisse oder auch räumliche und zeitliche Verkoppelungen von Nationalitäten bzw. auch bisher geschlossenen Gesellschaften. Gibt es Gründe für ein Misstrauen gegen die Globalisierung? Verschiedene Untersuchungen deuten darauf hin, dass am Höhepunkt der Finanzkrise in 2009 über 3500 Maßnahmen zur Abwehr ausländischer Konkurrenten durch die G-20-Staaten erfolgten. Und 2015/2016 kam es darüber hinaus zu einem Anstieg, der die höchste Anzahl an protektionistischen Maßnahmen seit 2011 zeigte, was einen Rekord seit Beginn der WTO-Erhebungen im Jahr 2009 darstellt. Somit ist nicht von der Hand zu weisen, dass ein zunehmender Geist gegen den Freihandel vorherrscht. Ein trügerisches Bild vermittelt deshalb der ungestörte positive Austausch von Gütern und Dienstleistungen, da über das reale Bild und dessen Ursachen von den Akteuren nur in homöopathischen Dosen öffentlich gesprochen wird: Ein großer Teil der Bevölkerung leidet nämlich an unterdurchschnittlich steigenden Löhnen, ebenso verloren bzw. verlieren viele ihren Job, die Angebote an Vollzeitjobs werden immer weniger. Und wer seinen Arbeitsplatz verliert, kann schwer bis gar nicht (Altershandicap!) eine andere ordentlich bezahlte Stelle finden. Die Betroffenen ordnen diese negativen Entwicklungen den Freihandelsabkommen zu und kritisieren die Politik, deren fehlende Weitsicht sowie ungenügend richtige Maßnahmensetzung, um den Verlierern der Globalisierung adäquat Hilfe zu leisten. Die Verkettung der Umstände bildet den Nährboden der wachsenden Ungleichheit und Misstrauen gegen die Globalisierung, zumal die Gewinne der Unternehmen, aber auch jene aus Kapitalerträgen weiterhin deutlich steigen, allerdings im groben Missverhältnis zu den Löhnen. Die Anschläge vom 11.9.2001 taten ihr Übriges, da es der internationalen Politik seither nicht gelang, die Märkte weiter zu öffnen, wie das Ergebnis der letzten eineinhalb Jahrzehnte der Doha-Runde zeigte. Die großen Wirtschaftsnationen setzten deswegen vermehrt auf regionale Handelsabkommen als Alternative zu globalen Vereinbarungen. Gegenbewegungen zur Globalisierung waren die letzten zwanzig Jahre stets festzustellen, neu ist jedoch, dass gerade die USA seit dem Amtsantritt von Donald Trump gegen den Freihandel ganz besonders polemisieren und sogar bestehende Abkommen in Frage stellen bzw. Kündigungsabsichten (z.B. Nafta, aber auch andere) in den Raum stellen und die Verhängung von Strafzöllen gegen die Einfuhr einiger Länder verhängen. Als weiteres Beispiel sind die Briten zu nennen, die durch den Brexit einem ungezügelten Handel sowie Öffnung aller Grenzen eine Absage erteilten. Schöne Worte: Marktunabhängigkeit großzügige Einkommensumverteilung Vorweg: Es gibt sie ganz einfach nicht, die nationale Solidargemeinschaft, denn die Vernetzung der Volkswirtschaften lässt eine Marktunabhängigkeit nebst großzügiger Einkommensumverteilung nicht zu. Die Globalisierung ließ eine transnationale Abhängigkeit entstehen, die dem dynamischen Wandel des Wettbewerbs insofern Vorschub leistet, dass weder eine gerechte noch großzügige Umverteilung (Ergebnisgerechtigkeit) in den Industrienationen stattfinden kann. D.h., die seitens der Bevölkerung staatlicherseits gefühlte Solidarität wird nicht mehr als sozial wahrgenommen, da für den Einzelnen eine ungerechte Umverteilung objektiv wahrzunehmen ist, die sich negativ auf bisherige System-Begünstigungen auswirkt. Darüber hinaus wird von Staatsbürgern der nationalen Solidargemeinschaft und kollektiv Beschäftigten in Bezug auf Einkommen und Lebenschancen moniert, dass gegenüber Angehörigen anderer Nationalitäten nahezu gleiche Begünstigungen bestehen. All das zeigt, dass durch die nicht aufhaltbare Ökonomisierung der Sozialpolitik eine Entsolidarisierung einher geht, was sich aus der Liberalisierung des Welthandels erklärt, da die Wirtschaft - im Gegensatz zur aufgezeigten politischen Entwicklung - auf größtmögliche Inklusivität setzt und deshalb im Sinne eines immer breiter werdenden Marktzugangs und Wettbewerbs handelt. Der internationale Diskurs versteht sich somit als Prozess des Abbaus nationaler Privilegien im Kontext zubilligender Chancengleichheit, was freilich nicht heißt, dass der Wandel der globalen Marktgesellschaft hinsichtlich Entwicklungsrichtung sowohl ökonomisch als auch sozial (ganz) ohne Politik gestaltbar wäre.

Über den Autor

Dr. Friedrich Geber, MA (geb. 1947, Wien) ist Politologe und Zeithistoriker. Er setzt sich speziell mit gesellschafts- sowie sozialpolitischen Themen der Gegenwart auseinander, die von ihm zeitkritisch dargelegt werden. Schwerpunkte seiner Untersuchungen sind dabei politische Entwicklungen, die asymmetrisch in der Gesellschaft wirken. Seine Analysen basieren auf Denkmustern moderner Demokratien, die zu Diskursen in Bezug auf Verbesserungen beitragen und herkömmliche Strukturen zeitadäquat zu verändern versuchen. Ergebnisse seiner Arbeiten präsentiert er auch in Fachvorträgen für politische Bildung.

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