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Gesellschaft / Kultur


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Produktart: Buch
Verlag: disserta Verlag
Erscheinungsdatum: 02.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 212
Abb.: 14
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Was bedeuten die Bilder des Parzivalprologs und worum ging es im Literaturstreit zwischen Gottfried und Wolfram? Auf beide Fragen gibt der Autor eine klare und völlig neue Auskunft. Der Schlüssel zum neuen Textverständnis liegt in der Doppeldeutigkeit von Wörtern, die Wolfram benutzte, um den Prolog als literarisches Rätsel zu konzipieren. Dieser Stil wurde durch Gottfried von Straßburg mit dem bickelwort-Vorwurf heftig kritisiert. Glücklicherweise konnten die bis heute nicht mehr bekannten historischen Knochenwürfel (bickel) wiedergefunden und aufgrund ihrer Form und Funktion entsprechende Glücksspielregeln rekonstruiert werden. Mit ihrer Hilfe gelang es, sowohl den Sinn der Literaturkritik Gottfrieds als auch den rätselhaften Text Wolframs von Eschenbach zu entschlüsseln.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 3.3, Sind dichterische Bilder nur ‘anschaulich’?: Zum Kontext von Schrift und Sprache gehören die dichterischen Bilder mit einer gleichberechtigen bildnerischen Logik. Sie kommen in der Regel nicht durch bloßes Lesen ans Licht. Gelegentlich verbergen sie sich sogar unter der Hülle eines unscheinbaren Begriffes, wie z.B. im Parzivalprolog. Ihr Sinn wird, so paradox es klingt, manchmal erst dann ‘anschaulich’, wenn man einen Text akustisch realisiert. Nimmt man also die ‘Anschaulichkeit’ der dichterischen Bilder hörend wahr? Wenn es hieße, der Eingangsvers ‘enthält’ ein dichterisches Bild, so provoziert dies leicht die Vorstellung, dann hätte es doch eigentlich jedermann schon sehen müssen. Nun handelt es sich in diesem Fall um ein abstraktes, mystisches Bild. Weil es sozusagen mit ‘weißer Tinte’ als Geheimbild aufgezeichnet wurde, muss der Text erst einmal ‘entwickelt’ werden. Die Botschaft kann nicht ‘jedermann im Vorbeigehen’ und ohne eigene Anstrengung erkennen. Man muss sich also auf den Text und das, was er an Wirkungen (in mir) hervorruft, in einem freien Spiel der Kräfte, auf das Abenteuer der Dechiffrierung einlassen. In dieser Begegnung verändert sich sowohl der Sinn des Textes als auch das Verstehen selbst im Sinne einer Verwandlung des begrifflichen in bildhaftes ‘Erkennen’. Ob das, was in dieser Metamorphose als mögliches Sinn-Bild herauskommt, etwas mit dem zu tun hat, was der Dichter sich eventuell ‘dabei gedacht haben könnte’ oder was ihm als Konzept vorgeschwebt habe, ist eine Frage, die gar nicht beantwortet werden kann. Das Ergebnis eines solchen Gestaltwandels ist gleichermaßen das kreative Produkt subjektiver Phantasie, als auch mögliche Deutung eines dichterischen Textes. Eine Methodenlehre, wie man dabei mit dem Text und sich selbst umzugehen hat, gibt es nicht. Weil ein Dichter, wie Gadamer sagt, in der Regel ein schlechter Interpret der eigenen Kunst ist, wird hier die Dichtung selbst zu einer von ihm abgelösten Instanz, und die Interpretation eine eigenverantwortliche Hervorbringung des Subjekts, das zu verstehen sucht. Wenn der Dichter immer im Grunde ‘mehr’ zu sagen hat, als ihm selbst bewusst war, wie Schleiermacher meint, so könnte - theoretisch gesehen - eine heutige Sicht des Textes dem Dichter des 12. Jahrhunderts selbst als neu erscheinen. Insofern ist also auch die Möglichkeit gegeben, in den Text im Nachhinein etwas ‘hineinzudeuten’. Es ist die ästhetische Struktur der Dichtung selbst, die sowohl dem ‘einfältigen’ Gemüt als auch einem ‘raffinierten’ Verstehen den Zugang erschließen kann. Was hier als Möglichkeit subjektiven Verstehens gemeint ist, findet eine gewisse Stütze in der Wolframforschung selbst, die eine Art ‘objektiver Teilhabestruktur’ im Prolog identifiziert hat. Über die Hauptfigur der Dichtung sagt W. J. Schröder: ‘Er gehorcht nicht dem Wort (der Dichtung), er hat vielmehr teil an ihm. In solcher Teilhabe vollzieht er, wie es der Prolog aussagt, mit mannes muot den von Gott vorbedachten Schicksalsgang, der ihn durch Schuld zum Heil führt, wand an im sint beidiu teil, des himmels und der helle [...]. Wolfram, der seinen Helden unmittelbar unter das göttliche Wort stellt, in dem Raum und Zeit des Geschehens bereits substantiell enthalten sind, muss seinen Hörern na-hebringen, dass dieses Wort Wirklichkeit erzeugend ist. Daher denn die Gestalt des Parzival Wesenszüge trägt, die dieser Wirklichkeit angemessen sind: Das ‘Wort’ wird Fleisch’ (W. J. Schröder, 1959, S. 325). Dieses wirklichkeitserzeugende Moment einer Art ‘Inkarnation ‘ ist nun gerade im ersten und wichtigsten Doppelvers des Prologs zu erkennen. In der Tat wird in dem von W. J. Schröder angedeuteten Sinne in den Worten des Eingangsverses, die man nur ‘oberflächlich’ relativ gut kennt, unter der hörbaren ‘Oberfläche des Textes’ jene Wirklichkeit ‘leibhaftig’ erschaffen, auf die es Wolfram zum Zwecke des sinnfälligen, bildhaften ‘Erkennens’ ankommt. Es ist faszinierend, wie der ‘zwîvel’, als abstrakte philosophische und theologische Denkfigur, unter der Hand des Dichters - im Zusammenspiel mit den anderen Worten des ersten Doppelverses - in einer Metamorphose der Worte und ihrer Bedeutungen - zu einer leibhaftigen Gestalt wird: Zum Innbegriff des Helden, dem ‘herzen’ Parzivals. Es wird zur Sinnmitte des Eingangsverses. Dieser Vorgang kann durchaus als ‘imitatio’ eines heilsgeschichtlich bedeutenden Vorgangs von ‘Inkarnation’ verstanden werden: auf sprach- und bildlogischer Ebene der Dichtung als die Ankündigung der ‘christlichen Existenz’ des Romanhelden schon im ersten programmatischen Vers des Romans. Auf diese Weise entsteht schon im Einleitungsvers, der vordergründig abstrakten Bedeutung unterlegt, ein ‘surrealistisches’, mystisches Bild menschlicher Existenz von Leben und tödlicher Bedrohung. Wie in den Worten W. J. Schröders (1959, S. 325) anklingt und sich nicht von der Hand weisen lässt, reflektiert Wolfram mit seinem Prolog auf den anderen ‘vorbildhaften’ Prolog, in dem vom Herabsteigen eines ‘Wortes’, des Logos, in die Niedrigkeit des ‘Fleisches’ die Rede ist. Ist nicht der ‘Eingang’, d.h. der erste progammatische Doppelvers des Prologs vielleicht eine bildhafte Spiegelung des Johannesprologs als dichterische ‘Analogie’ auf heilsgeschichtlichem Hintergrund? Nach den Berichten der Genesis ereignete sich die erste Menschwerdung, als der Schöpfer- bzw. ‘Töpfergott’ Adam, ‘dem Mann aus Erde’ seinen Odem einhauchte, ihm also eigenes göttliches Leben schenkte. Aus dieser ersten Inkarnation erklärt sich die große Wertschätzung der Leiblichkeit bei Wolfram. Sie beeinflusst entscheidend auch seine Vorstellung von den ‘heiden’ und von der Auserwähltheit aufgrund des ‘Geblüts’ gemeint ist damit die erste ‘Menschwerdung’ göttlichen Geistes im Medium der Leiblichkeit. In Wolframs Parzivalroman wird dieser Schöpfungsvorgang zu einer jungfräulichen Geburt: Eine erste jungfräuliche Geburt der ‘materia’, der Mutter Erde in Analogie und im Unterschied zur Geburt Jesu Christi aus der Jungfrau Maria. Parzival erfährt dies in seinem Gespräch bei Trevrizent. In diesen beiden Fällen ist zwar von Inkarnation in einem ganz bestimmten, nämlich ausschließlich heilsgeschichtlichen Sinne die Rede. Warum aber sollte die ‘Erschaffung’ einer exemplarischen christlichen Existenz, wie die des Romanhelden Parzival - auf geschichtlich-dichterischer Ebene - nicht eine der Genesis oder dem Johannesprolog analoge Struktur haben? Die Zeichen des Eingangsverses weisen jedenfalls schon auf den Helden und seine Erschaffung im Medium eines dichterischen Wortes hin. In diesem Sinne, der auch die Meinung Hempels wiedergibt, geht es schon ‘im Vorspruch [...] vorblickend (um) die Summe von Parzivals ganzer Existenz’ (Hempel, 1951/52, S. 162). An diesem Punkt der Überlegungen angelangt, stellt sich die Frage: In welcher Form hat der Dichter das, was hier angedeutet wird, in seiner Dichtung verwirklicht? Wie sieht das erste dichterische Bild des Parzivalromans aus? Es geht im Grunde nur darum herauszufinden, was am ersten ‘abstrakten’ Verspaar des Prologs als die ‘ganz andere Form seines Sinnes’, nämlich als ein dichterisches Bild ‘inkarniert’, und in welcher Weise diese poetische Vereinigung von Text und Bild eine Sinnerweiterung für das ‘Ganze’ ist. Die zahlreich vorliegenden, eher begrifflichen Übersetzungen, werden damit nicht etwa kritisiert oder eliminiert, also keineswegs als überflüssig empfunden. Sie sollen eher aus einer künstlerischen Perspektive ‘ergänzt’ werden.

Über den Autor

Heinrich Hüning, geboren 1929, war von 1953 bis 1958 Lehrer im Volksschuldienst der Stadt Münster. Am 15.07.1958 Überreichung der Urkunde über den Kirchlichen Lehrauftrag für Katholische Religion . Seit 1957 nebenberuflich Studium der Germanistik in Münster. 1958/1959 Beurlaubung vom Dienst zum Studium am Werklehrerseminar der Stadt Köln zum Erwerb der Lehrbefähigung für Kunst- und Werkunterricht. 1961 Studium der Germanistik mit Staatsexamen. Von 1961 bis 1974 Dozent am Institut für Werkerziehung der Stadt Köln (Lehrerausbildung). 1961 Berufung zum Mitglied im staatlichen Prüfungsausschuss für das Künstlerische Lehramt an höheren Schulen in NRW. Anschließend ca. 20 Jahre Fachbereichsleiter an der VHS Köln im Bereich Kreatives Gestalten . Nach der Pensionierung 1995 Wiederaufnahme des Germanistik-Studiums an der Universität zu Köln, Promotion 2000. Weitere Veröffentlichung 2010 Der Parzivalroman Wolframs von Eschenbach - Ein Schicksalsrätsel .

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