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Sozialwissenschaften


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Produktart: Buch
Verlag: Bachelor + Master Publishing
Erscheinungsdatum: 02.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 60
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Frauen machen 50 Prozent der Weltbevölkerung aus, sind am formellen globalen Arbeitsmarkt aber unterrepräsentiert. Die Weltbank sieht in dieser Kluft ein großes ökonomisches Potential um Jobs zu kreieren, die Wirtschaft anzukurbeln und sogar Krisen zu überwinden. Die ökonomische Ermächtigung der Frau wurde also ins Zentrum des Entwicklungsdiskurses gerückt. Das Modell der Mikrofinanzierung (MF) kam diesem Ziel nicht nur entgegen, sondern wurde explizit als die Strategie für Empowerment und Armutsbekämpfung beworben: Mikrofinanzierung soll Frauen ökonomisch unabhängig machen, indem sie Zugang zu Kapital und finanziellen Ressourcen erhalten. Begleitet wurde diese vermeintliche Erfolgsgeschichte von mehreren Selbstmordwellen unter indischen Bauern aufgrund von Überschuldung und mündete 2010 in einer Krise, die Parallelen zur Subprime-Krise in den USA hat. Die Autorin geht in diesem Buch der Frage nach, ob Mikrokredite Ursachen von Armut und Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands ändern können oder diese Ziele durch marktstrategische Interessen in den Schatten gestellt werden. Dabei sollen die nicht offenkundigen Entwicklungen und Machtverhältnisse freilegelegt und kritische analysiert werden.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 3, Frauen-Empowerment durch Mikrokredite: 3.1, Die Geschichte des (Mikro)-Kredits: Die Geschichte des (Mikro)-Kredits ist eine lange, und nicht jüngste Erfindung des Nobelpreisträgers (2006) Muhammad Yunus, der mit seinem Grameen-Bank-Projekt 1976, welches 1983 eine Finanzinstitution wurde, als Vater des Mikrokredits gilt - welchen er als Menschenrecht sieht beziehungsweise den Zugang zu Kredit an sich (vgl. Wichterich, 2012). Klas (2011) geht auf das alte Griechenland zurück, wo schon Kredite vergeben wurden. In vorkapitalistischen Gesellschaften waren sie meist Folge einer Notlage. Zinsen standen allerdings in einem negativen Licht, da sie, wie Klas Platon u.a. zitiert, die Not der SchuldnerInnen verschärfen, und die Zahl der Armen im Staat nur vermehren würden. Auch Aristoteles äußert sich ablehnend gegenüber dem Wucher, ‘der aus dem Geld selbst den Erwerb zieht und nicht aus dem, wofür das Geld da ist. Denn das Geld ist um des Tausches Willen erfunden wurden.’ (Aristoteles zit. nach Klas, 2011: 17) Wirkliche Verbreitung erfuhren Geldkredite aber erst im 18. Jahrhundert mit den großen Handelsgesellschaften und den ersten kapitalistischen Manufakturen. England, das einstige Finanzzentrum der modernen Welt, hatte den Diskontsatz der Bank of England auf maximal fünf Prozent begrenzt, was den Maßstab für den Höchstzins aller anderen Banken darstellte. Vor allem werden Kredite aber in Verwandtschaftskreisen gegeben. Ein weiteres Beispiel sind die Swift´schen Mikrokredite, welche als Vorbild des Grameen-Modells gelten. Der Autor von Gullivers Reisen, Jonathan Swift, vergab zu Beginn des 18. Jahrhunderts erstmals ‘Mikrokredite’ an KleinunternehmerInnen, mit Bürgschaften aber ohne Sicherheiten, welche wöchentlich rückzahlbar waren. Sein Modell erwies sich als äußerst erfolgreich und verdient deshalb Erwähnung, weil zinslose Kredite heute in Verruf gekommen sind, da sie angeblich die Rückzahlungsmoral der SchuldnerInnen beschneiden, womit Zinsen ein fester Bestandteil im Mikrokredit-Geschäft geworden sind. Ebenso liegt die damalige Kappungsgrenze von fünf Prozent weit unter der Realität der heutigen Zinsen. Weitere Vorläufer der gegenwärtigen Mikrokredite, welche Klas nennt, sind die ersten deutschen Genossenschaftsbanken benannt nach dem Gründer Friedrich Wilhelm Raiffeisen in der Mitte des 19. Jahrhunderts (vgl. Klas, 2011.: 17 ff). In der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts haben Teile der Frauenbewegung und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) die Vergabe von Mikrokrediten gefördert. Zum Beispiel wurde in Form von Selbsthilfegruppen (SHGs) Geld angespart, um es dann einzelnen Frauen aus der Gruppe zu borgen, beruhend auf dem Prinzip der gegenseitigen Hilfe, jedoch ohne Unterstützung der staatlichen Entwicklungspolitik. In den 1970ern begann Muhammad Yunus in Bangladesch Mikrokredite gegen Zinsen an Frauengruppen zu vergeben, wobei die Rückzahlungsquote laut Yunus bei 97 Prozent lag (vgl. ebd.). Die Geschichte der Mikrokredite und ihre wachsende Popularität sowie der daraus resultierende Boom auf den ich später genauer eingehen werde, liefen parallel zu einem entwicklungspolitischen und ökonomischen Wandel und sind in eine zunehmende Liberalisierung der Finanzmärkte und eine Ausweitung kapitalistischer Produktionsprozesse eingebettet. Graeber (2011) meint, dass die Geschichte vom Ursprung des Kapitalismus nicht auf einer Zerstörung traditioneller Gemeinschaften durch die Macht des Staats beruhe, sondern darauf, wie eine auf dem Kredit beruhende Wirtschaftsordnung in eine auf Zinsen beruhende Wirtschaftsordnung verwandelt wurde (vgl. Graeber, 2011: 350). Aus dem Versprechen, Geliehenes zurückzugeben, wurden unpersönliche finanzielle Prinzipien, also Schulden, die auch an andere weitergegeben werden können. Des Weiteren seien Schulden viel mehr als Ökonomie, da sie im Kern einem moralischen Prinzip folgen und eine moralische Waffe sind, die jedoch unhinterfragt bliebe. Weil wir das vergessen hätten, haben wir die Ökonomisierung aller sozialen Beziehungen lanciert. Diese Moral ist Machtgebunden, da Schuld ein Versprechen sei, dessen Einhaltung mit Gewalt durchgesetzt werden könne, womit es sich von allen anderen Versprechen unterscheidet. Außerdem liegt der Schuldverschreibung ein religiöses Motiv zugrunde, nach welchem der Mensch seine ‘angeborene Schuld’ abzutragen habe. Das Schuldensystem, das auf einer ‘Schöpfung aus nichts’ aufgebaut ist, habe deshalb nichts mehr mit Märkten oder Wissenschaft zu tun sondern mit Theologie. Märkte, denen man erlaubt sich von ihren gewalttätigen Ursprüngen zu befreien, verwandeln sich unweigerlich in Netzwerk der Ehre, des Vertrauens, der gegenseitigen Verbundenheit (vgl. Schirrmacher, 2011). Men like Smith and Bentham were idealists even utopians. […] [T]he history of capitalism, […] began as an utopian vision, was only gradually put into effect even in England and the North America, and has never, at any point, been the main way of organizing production for the market. (Graeber, 2011: 353) 3.2, Die ‘Entdeckung der Frauen’: Seit den 1970ern ist in der Entwicklungspolitik die Rede von ‘der Entdeckung der Frauen’ aufgekommen. Durch die zunehmende Thematisierung von Feministinnen, dass Frauen und ihre Arbeit zu gering geschätzt werden, wurde ein Diskurs produziert welcher die Frauen als ‘ungenutzte Ressource’ identifizierte: Die ‘unsichtbaren Frauen’ sollten, so das neue Credo der Weltbank, in die Entwicklung integriert werden, und ihre ‘untergenutzte Arbeit’ für Märkte und Wachstum aktiviert werden (vgl. Wichterich, 2012). Auch der IWF erkennt das weibliche Potential ökonomischer Effizienz und nachhaltiger Entwicklung (vgl. Ravenga & Shetty, 2012). Die OECD stellt fest, dass ökonomisches Empowerment von Frauen eine Grundvoraussetzung für nachhaltige Entwicklung, armutsminderndem Wachstum und die Erreichung der Millennium Development Goals (MDGs) darstellt. Des Weiteren werden Frauen als ‘lukrativ’ gesehen, da Investment in Gendergleichheit die höchsten Erträge aller Entwicklungsinvestitionen erzielen würde, weil Frauen generell einen größeren Anteil ihrer Gewinne in ihre Familien und Communities investieren als Männer, und auch was Rückzahlungen betrifft, verlässlicher sind (vgl. OECD, 2011: 6). Solchermaßen wie es beim Sexualitätsdispositiv durch eine ständige Thematisierung des ‘unterdrückten Sexes’ zu einer Diskursivierung kam, lässt sich auch hier eine feststellen. Durch das stetige Hinweisen darauf, dass Frauen unterdrückt und ‘unsichtbar’ sind, wurden sie in einen Diskurs eingebunden, der sie sichtbar machen sollte. Frauen und ihre Arbeit wurden als neue Strategie gegen Armut identifiziert. Dadurch wurden sie in Produktionsprozesse integriert, um sie an die ökonomischen Prozesse anzupassen.

Über den Autor

Ines Höckner wurde 1987 in Wien geboren. Im Zuge ihres Studiums der Internationalen Entwicklung an der Universität Wien verfasste sie ihre Bachelorarbeit über Empowerment und Mikrokredite, eine Thematik, die sie mit Foucaults Machtanalytik verband. Bereits während des Studiums reiste die Autorin nach Indien, wo sie praktische Erfahrungen im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit sammelte und erstmals mit dem Thema der Mikrokredite in Berührung kam. Durch zahlreiche Besuche in indischen Dörfern und Gespräche mit Betroffenen einerseits und EntwicklungszusammenarbeiterInnen andererseits wurde ihr die Relevanz dieses Themas bewusst. Dass daraus hervorgegangene Interesse ist dem vorliegenden Buch gewidmet.

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