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Sozialwissenschaften


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Produktart: Buch
Verlag: Bachelor + Master Publishing
Erscheinungsdatum: 11.2013
AuflagenNr.: 1
Seiten: 64
Abb.: 6
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

1493 wird in Nürnberg ein bilderreiches, großes Buch gedruckt: die Schedelsche Weltchronik. Die Chronik ist eine Manifestation des mittelalterlichen-frühneuzeitlichen Wissens. Eine Kompilation aus biblischen, sagenhaften und zeitgeschichtlichen Ereignissen und geographischen Angaben. Sie birgt umfangreiche Städte- und Länderbeschreibungen und liefert für mehrere mittelalterliche Städte erste, der Realität einigermaßen entsprechende Abbildungen, an denen unter anderen Albrecht Dürer mitgewirkt hat. Das mittelalterliche Verständnis von Geographie ist unserem heutigen weit entfernt. Geographisches Wissen beruhte meist auf Topoi und diente vor allem als Untermalung von Geschichten. Mit den neuen Entdeckungen und der Vergrößerung der bekannten Welt stieg das Interesse und es häuften sich neue erdkundliche Erkenntnisse und Erfindungen. Die Schedelsche Weltchronik steht ganz zu Beginn dieser neuen Entwicklung und zeigt ein großes Interesse an landeskundlichem Wissen. Doch inwieweit ist die Darstellung noch dem Mittelalter verhaftet? Zeigen sich tatsächlich schon Spuren eines neuen geographischen Ansatzes? In dieser Arbeit werden die Raumkonzepte im späten Mittelalter beleuchtet und es wird die Schedelsche Weltchronik hinsichtlich ihrer geographischen Ansätze untersucht.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 2, Raumkonzepte und geographisches Wissen im späten Mittelalter: Raum ist ein alltägliches, jederzeit fassbares und unumgängliches Phänomen. Räumlichkeit an sich, wie es Karl Schlögel schreibt, ‘ ist nicht der Rede wert. Über das, was sich von selbst versteht, spricht man nicht. […] Alles, was geschieht, findet nicht nur in der Zeit statt, sondern auch im Raum – das weiß jedes Schulkind.’ Doch gerade durch seine Alltäglichkeit ist Raum ein Phänomen, das ‘menschliches Handeln und Verhalten grundlegend’ bestimmt. Raum ist nicht nur physisch, real und unmittelbar existent, er kann auch als gesellschaftliches, menschliches Produkt verstanden werden und damit verschiedensten Konzepten und Konstruktionen unterliegen. ‘Denn während wir Raum im Kleinen täglich erfahren, indem wir ihn begehen, vermessen und verlassen, sind wir gleichzeitig mit einer Unermesslichkeit und Abstraktion von Räumen konfrontiert, die wir nur schwer begreifen können.’, schreibt Ingrid Baumgärtner in der Einführung des Bandes ‘Raumkonzepte: Disziplinäre Zugänge’. Dieses Buch ist eines unter vielen Publikationen der letzten Jahre, welches Raum im Titel trägt. Seit dem Ende der 80er Jahre manifestierte sich in den Gesellschaftswissenschaften der so genannte spatial turn. Raum ist zum beliebten Untersuchungsobjekt avanciert und gleichzeitig werden Raumkonzepte in vielen Forschungsbereichen angewandt. So haben Schlagwörter, wie Raumerfahrung, Raumbewusstsein oder Raumerfassung vor allem im letzten Jahrzehnt auch die Geschichtswissenschaften erreicht. 1987 schrieb Franz Irsigler, ‘daß die Erforschung von historischen Räumen, Raumstrukturen oder Raummustern seit den späten 50er Jahren in der deutschen und der internationalen Forschung einen außerordentlichen Aufschwung genommen hat’. Er postuliert eine Kontinuität der Raumforschung zu einer Zeit, als vom spatial turn noch keine Rede war. Die ‘Methoden, Konzepte oder Theorien’, die er präsentiert, beschränken sich auf die Landesgeschichte und auf die Zentralitätsforschung. Bei letzterer wird versucht geographische Raummodelle, z. B. von Heinrich von Thünen oder Walter Cristaller, auf die geschichtliche Zeit anzuwenden, bzw. anzupassen. Was hier deutlich wird ist, dass die Raumforschung bis zum Ende der 80er Jahre hauptsächlich dazu diente geschichtliche Abläufe in eine Raumstruktur einzubetten. Es galt Kulturräume, Herrschaftsräume, Territorien, Provinzen, Länder, Regionen, etc. zu beschreiben und voneinander abzugrenzen. Die politische oder rechtliche Dimension stand hierbei meist im Vordergrund, wie z. B. die Bildung der Territorialstaaten oder die Verfassungsgeschichte. Ein anderer Schwerpunkt lag auf dem Raumgefüge, wie z.B. die Forschungen zum Stadt – Umland Verhältnis. Mit dem spatial turn änderten sich die Auffassungen der Raumforschung. Raum ist nicht mehr eine absolute Gegebenheit, in der sich Geschichte abspielt, sondern Raum wird konstruiert durch geographische, politische, religiöse, ethnographische und soziale Faktoren. Der Aspekt, dass Raum etwas ‘Beobachterabhängiges, gesellschaftlich Produziertes’ ist, wird hervorgehoben. Raumkonzepte werden nicht mehr ausschließlich dafür benutzt geschichtliche Räume zu definieren. Mit der Betrachtung der räumlichen Wahrnehmung als Teil des menschlichen Bewusstseins können nun Erkenntnis- und Erfahrungsprozesse beleuchtet werden. Der Band zur 30. Kölner Mediaevistentagung in Köln im Jahr 1996 zeigt wie umfangreich die Betrachtungsansätze von ‘Raum und Raumvorstellungen’ für das Mittelalter sein können, sie reichen vom physikalischen Raum bis zum Raum in der Musik. Geographische Raumvorstellungen bilden dabei nur einen kleinen Teil. Insgesamt ist es sogar so, dass übergreifende Publikationen zum geographischen Wissen im Mittelalter eher eine Seltenheit sind. Dies rührt vermutlich daher, dass die Geographie im mittelalterlichen Wissensbetrieb nur eine Randerscheinung war. Die Grundlagen der Geographie sind in der Antike gelegt worden. Drei der bekanntesten ‘Geographen’ sind Herodot (490/480 – 424 v. Chr.), der nicht nur als Vater der Geschichte gilt, sondern auch als Vater der Geographie, Plinius der Ältere (23 – 79 n. Chr.), dessen Werk ‘Naturalis Historia’ das Wissen seiner Zeit über die Natur zusammenfasst und Claudius Ptolämeus (um 100 – um 175 n. Chr.), der mit seiner ‘Geographia’ das Fundament für die moderne Kartographie schuf. Diese drei und andere antike Autoren wurden im Mittelalter herangezogen, wenn es um geographisches Wissen und dessen Anwendung ging. Eigenständige Forschungen zur Länderkunde, zur Vermessung der Welt oder zur Wirtschaftsgeographie erfolgten in Mitteleuropa dagegen nicht. Trotzdem war die Geographie immer ein Teil des Lebens. Topographisches Wissen war für Reisende unentbehrlich. Händler verfügten natürlich über wirtschaftsgeographische Kenntnisse und eine konstruierte räumliche Ordnung lag der Religion zu Grunde. Die mappae mundi, universelle Weltkarten des Mittelalters, repräsentieren diese Ordnung. Sie zeigen nicht naturgetreu das Abbild der Welt, sondern sie illustrieren das Welt- und Heilsgeschehen. Sie sind ein ‘Erzeugnis der Geistesgeschichte’. Die Erforschung der Geographie des Mittelalters beschäftigt sich mit Einzelaspekten. Wichtige Quelle sind die Weltbilder der mappae mundi, Karten im Allgemeinen, Reise- oder Pilgerberichte und Itinerare. Die Chroniken und Geschichtswerke sind ebenso Quellen um geographisches Wissen des Mittelalters rekonstruieren zu können. Polybios (um 200 – um 120 v. Chr.) forderte, dass ein Geschichtsschreiber die Topographie des Schauplatzes kennen muss. Nicht nur seit ihm ist es Tradition einer geschichtlichen Abhandlung eine geographische Beschreibung des Ortes voran zu stellen oder beizufügen. Für das Mittelalter konstatiert Marie Bláhová: ‘Ein derartiger situs terrae, eine Beschreibung der Lage und Charakteristik der natürlichen Gegebenheiten des Landes, wurde zum Bestandteil fast jeder mittelalterlichen Staatsvolkgeschichte. Nicht selten kommt dieser Exkurs im Zusammenhang mit der Landnahmeerzählung vor. Die Verfasser versuchten jedoch nicht nur, das Land geographisch zu lokalisieren, seine Natur und sein Klima zu beschreiben, sondern auch seine Eignung für das menschliche Leben zu betonen. In diesem Fall geht die Landbeschreibung zumeist in das Landeslob über.’ Diese Herangehensweise ist auch in der Schedelschen Weltchronik zu finden und zeigt seine Verankerung im Mittelalter. Das Landeslob verharrt mehr in der Verwendung von Topoi anstatt reale Naturbeschreibungen einzubinden. Doch auch letztere kommen in der Weltchronik vor. So gilt für die Chronik, dass sie ‘typisch für das Produkt einer Zeitenwende [ist], in dem Althergebrachtes und Neues sich durchdringen, also 'Noch' und 'Schon' vermengt sind.’ Die Chronik steht am Beginn einer Zeit, in der der Stellenwert der Geographie wieder stieg. 1492, ein Jahr vor dem Druck der Chronik, schuf Martin Behaim den ‘Erdapfel’ und Christoph Kolumbus entdeckte Amerika. 1509 erhielt Barthel Stein eine Lektur an der wittenbergischen Universität für die er nur geographische Vorlesungen hielt. 1569 erschuf Gerhard Mercator die erste winkeltreue Karte mit der nach ihm benannten ‘Mercator-Projektion’. Es sollte zwar noch eine Weile dauern, bis die moderne Geographie mit Alexander von Humboldt (1769 – 1859) begann, doch die Anfänge waren gemacht.

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