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Sozialwissenschaften


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Produktart: Buch
Verlag: Bachelor + Master Publishing
Erscheinungsdatum: 03.2013
AuflagenNr.: 1
Seiten: 64
Abb.: 7
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Wenn die Nachhaltigkeit in den Lehrplänen nicht nur eine gehaltlose Klausel sein soll, werden alternative/ neue pädagogische Hilfs- und Arbeitsmittel wie zum Beispiel Schulzoos und Schulhunde immer wichtiger. In diesem Buch wird der Vergleich zwischen dem Schulzoo und einer weiteren pädagogischen Unterstützungsmöglichkeit, dem Klassenhund, welcher den Lehrer in den Unterricht begleitet, und dessen Einsatzmöglichkeiten sowie die pädagogischen Auswirkungen beschrieben. Die zentralen Informationen in diesem Buch umfassen nicht nur die Rahmenbedingungen für den Einsatz der Tiere, sondern auch einige direkte pädagogische Anwendungsmöglichkeiten und die dazugehörigen möglichen Auswirkungen auf die Kinder und Jugendlichen. Lehrkräfte können anhand dessen ihr Repertoire an schülerorientierter bzw. problemorientierter Pädagogik erweitern und gegebenenfalls durch eine neue pädagogische Anwendung ergänzen. Einen Anhaltspunkt, welches Tier zum Einsatz kommen könnte, bietet eine Auflistung von Rahmenbedingungen. Diese geben Lehrkräften einen Hinweis auf das benötigte schulische Umfeld und damit eine Entscheidungshilfe für die geeignete Art der tiergestützten Pädagogik.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 2.2, Mensch-Tier-Beziehung als Grundlage für tiergestützte Pädagogik: Um tiergestützt arbeiten zu können, müssen sämtliche am Prozess beteiligten Personen eine Bindung zu anderen Individuen aufbauen können. Diese Bindungen haben Beziehungen zur Folge. Doch was veranlasst uns eine Bindung aufzubauen? Und wie kommt es zur Verbundenheit zwischen Mensch und Tier, die uns die tiergestützte Pädagogik erst verstehen lässt? Hierzu gibt es mehrere Hypothesen, und ich werde in diesem Kapitel drei von ihnen vorstellen. 2.2.1, Die Biophilie-Hypothese: Bei Olbrich ist zu lesen, dass bereits 1984 der Soziobiologe Edward O. Wilson über die Biophilie berichtete. Wilson meinte, 'dass sich Menschen in der Evolution doch stets zusammen mit anderen Lebewesen entwickelt haben.' Die Biophilie-Hypothese geht von einer natürlichen, evolutionär begründeten Verbundenheit des Menschen zur gesamten Fauna, aber auch zur Flora aus. Hintergrund ist die Koevolution des Menschen mit der Natur. Auf Grund dieser parallelen Entwicklung entstand ein Beziehungsgefüge, welches bis in die heutige Zeit Auswirkung auf unser Verhalten hat. Hierzu sei aber angemerkt, dass es sich 'nicht einfach [um einen] Instinkt' handelt. Edward O. Wilson geht davon aus, dass es eine 'angeborene Tendenz des Menschen [gibt], seine Aufmerksamkeit auf das Leben und auf lebensnahe Prozesse auszurichten'. Somit ist laut Kellert, 'Biophilie eine physische, emotionale und kognitive Hinwendung zu Leben und Natur'. Die Verbindung mit der Natur sei nach René Dubos sogar 'notwendig zur Bewahrung unserer geistigen Gesundheit'. Dies unterstützt auch Olbrich, 'denn Beobachtungen [hätten …] gezeigt, dass sich Menschen, die in einer nur urban und technologisch geprägten Umwelt [aufwuchsen …], nicht vollständig emotional und kognitiv entwickeln'. Betrachtet man Evolution nun nicht als einen Jahrtausende andauernden Verlauf, sondern als 'eine Weiterentwicklung von sozialen und psychischen Prozessen', die während unseres Lebens einen begleitenden Entwicklungsgang bilden, kann man die Biophilie mit Hilfe der Psychologie ebenfalls betrachten. So zeigten 'Längsschnittuntersuchungen […], daß sehr wenige Persönlichkeitsmerkmale im Laufe der Entwicklung über lange Zeiträume hinweg stabil bleiben.' Die Psychologie geht davon aus, dass 'Erbanlagen und Umwelteinflüsse in einem ständigen Interaktionsprozess' stehen. Diese Interaktionen setzen sich im Beziehungsgefüge aus stetigen Aktionen und Reaktionen zusammen. Hier zeigen sich tiefenpsychologische Bindungen, die 'zur Schaffung einer ‚evolutionär bekannten‘ Situation' beitragen. Eine Folge der Verbundenheit des Menschen mit der Natur ist die Veränderung des Umganges mit derselben. So entwickelten sich beispielsweise Tiere vom Nahrungslieferanten oder Götzenbild zum heutigen 'Mitbewohner des gleichen Lebensraumes'. Die oben erwähnte 'evolutionär bekannte Situation' hatte ihren Ursprung bereits vor der Domestikation, welche vermutlich 11000 v. Chr. mit dem Wolf bzw. Hund begann. Damals hatten unsere Vorfahren eine eher utilitaristische Beziehung zu Tieren. Sie dienten dem Überleben in Form von Nahrung und Kleidung. Nicht zu vergessen sind die lebensnotwendigen Mikroorganismen auf und in unserem Körper, welche ein Leben für uns erst möglich machen. Mit Hilfe der Domestikation schaffte sich der Mensch 'die Grundlage seiner Ernährung selbst und [wurde …] unabhängig vom Angebot der Natur.' Die ursprünglich utilitaristische Beziehung weitete sich nun auf den ökologisch-wissenschaftlichen Bereich mit dominierendem Aspekt aus. Kellert unterschied 1993 insgesamt noch sechs weitere 'biologische Grundlagen für die Verbundenheit des Menschen mit der Natur', auf die im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit nicht weiter eingegangen werden kann. 'Die Fähigkeit [des Menschen …] Bindungen zu entwickeln, ermöglicht die Genesung von […] frühen fehlgeschlagenen Erfahrung[en].' Mehr dazu im folgenden Abschnitt über Die Theorie der Bindungen. 2.2.2, Die Theorie der Bindungen: Die Mutter-Kind-Bindung ist die erste natürliche Bindung, die Säuglinge aufzubauen im Stande sind. Schöll ist der Meinung, dass nach Bowlbys Definition der Bindungstheorie 'jeder Mensch die Neigung [hat] sich zu binden.' Das ist schon allein angesichts der Versorgungsabhängigkeit des Säuglings leicht zu beweisen. In diesem Abschnitt werden wir sehen, dass nicht nur auf Grund der Versorgung seitens der Mutter und durch 'Berührung oder Kontakttröstung' die Mutter-Kind-Bindung die 'wichtigste Bindung [ist], die jedes Individuum in seinem Leben herstellen wird.' Der Verlauf und die Erfahrungen aus dieser Beziehung prägen nämlich die 'Qualität künftiger Bindungen' und haben einen 'entscheidenden Einfluss auf die sozio-emotionale Entwicklung von Kindern'. Für jede aufgebaute Bindung, insbesondere für die erste Beziehung, entwickelt das Kind ein, wie Beetz es nennt, internales Arbeitsmodell. Wenn nun die 'frühen Erfahrungen des Kindes mit seiner Umwelt es lehren, daß seine Handlungen in keiner Weise mit den Reaktionen anderer zusammenhängen', werden diese Erkenntnisse im internalen Arbeitsmodell fixiert. Seligmans nennt das Phänomen, welches zur unsicheren Bindung führt, die 'gelernte Hilflosigkeit'. Die Gestaltung von Gefühlen und Einschätzungen von Sachlagen werden von den internalen Arbeitsmodellen organisiert. Das bedeutet, dass diese Modelle die Grundlage für unsere emotionale Intelligenz und soziale Kompetenz darstellen. Die soziale Kompetenz beinhaltet das 'Interesse an und [die] Sorge um andere Menschen', des Weiteren die Kommunikationsfähigkeit mit denselben. Alles in allem stellt sich bei der sozialen Kompetenz die Frage, wie ein Mensch in der Gesellschaft wirkt (visuell und in Form von Tätig werden) und wie selbstbewusst er auftritt. Hingegen sind der Ausdruck von Gefühlen, diese überhaupt bemerken, emotionsgeladene Situationen einschätzen können und eine daraus entwickelnde Kommunikation mit Argumentation füllen, Teile der emotionalen Intelligenz. Der empirische Beweis, dass die internalen Arbeitsmodelle im Zusammenhang mit der Interpretation von Emotionen und sozialer Wahrnehmung stehen, wurde bereits von der Psychologie erbracht. Angesichts dieser Erkenntnis müssen wir unser Hauptaugenmerk auf die Fähigkeit, Bindungen aufzubauen, richten. Beetz ist der Meinung, dass nicht nur Kognition und Leistung wichtig für unsere Psyche sind, sondern auch die 'Bindungen an andere Personen eine entscheidende Rolle in der menschlichen Psyche und für die psychische Gesundheit' spielen. Es werden mehrere Arten von Bindungen bei Kindern unterschieden. Allerdings stehen alle in Zusammenhang mit dem Fingerspitzengefühl der Bezugsperson im Umgang mit dem Kind bzw. Säugling. Diese sichere Bindung ist diejenige, welche dem Kind eine optimale sozio-emotionale Entwicklung gewährleistet. Die Sicherheit der Kinder ist nach Beetz 'mit einer besseren Emotionsregulation verknüpft'. Kinder mit einer sicheren Bindung an ihre Bezugsperson erforschen wesentlich ausgiebiger ihre Umwelt und verfügen über größere soziale Kompetenzen, die es ihnen ermöglichen, mehr Kontakt zur Mutter, aber auch zu anderen Personen zu suchen und aufzunehmen. Trennungen von der Bezugsperson können solche Kinder leichter verkraften, da sie sich gewiss sein können, dass diese zurückkehrt. Dieses Zutrauen wird durch Erfahrung in ihrem Arbeitsmodell fixiert, welches nun ihre Emotionen reguliert. Diese 'kleinen Lernfortschritte, die [… das Kind als Säugling] bereits gemacht hat', erleichtern ihm das weitere Lernen. Jedoch können Menschen nicht nur zu anderen Personen eine Verbindung aufbauen. So sieht beispielsweise Monika A. Vernooij 'in der Mensch-Tier-Beziehung […] mögliches […] Potential für Bindungserfahrungen'. Denn die Arbeitsmodelle mit der 'gelernte[n] Hilflosigkeit' können durch genügend positive Bindungserfahrungen abgeändert werden. Auch durch die Psychologie wird die 'mögliche korrektive Erfahrung [durch …] spätere Interaktionen' bestätigt. Genau diese positiven Bindungserfahrungen können laut Beetz dann auf die 'soziale Situation mit Menschen' übertragen werden, denn 'Tiere [stellen] für den Menschen [ebenfalls] Bindungsobjekte' dar. So ist es auch nicht erstaunlich, dass es mehrere Parallelen zwischen der Eltern-Kind-Bindung und der Tierhalter-Tier-Beziehung gibt. Tiere werden allzu oft vermenschlicht. Am einfachsten ist der Beweis im Umgang mit dem Tier und in dessen Fürsorge. So schlafen viele Hunde im Bett, jedoch nicht in ihrem eigenen, sondern im Bett des Tierhalters. Bei jedem Unwohlsein wird sofort der Tierarzt zu Rate gezogen und bei ernsthaften Erkrankungen muss das Leben des Tieres unbedingt gerettet werden, auch wenn es artgerechter wäre, das Tier zu erlösen. Ebenso würde man bei einem Kind handeln! Dennoch ist die Tierhalter-Tier-Beziehung 'ein modifiziertes Elternverhalten'. Für ein Kind würden Eltern ihr Leben geben, für ein Haustier auch? Dass Menschen also im Stande sind, zu einem Tier eine ähnliche Bindung aufzubauen wie die innerartliche, scheint damit erwiesen. Dieses sollte nicht außer Acht gelassen werden, erst recht nicht, da Ascione und Weber bereits 1996 nachwiesen, dass die 'Empathie gegenüber Tiere [...] nachweisbar in Zusammenhang mit der Empathie gegenüber Menschen' steht. Kommt es zu Verhaltensauffälligkeiten gegenüber Tieren oder anderen Menschen, liegt oft eine 'Störung der Emotionsregulation, sozialer Kompetenz und emotionaler Intelligenz' vor. Diese Persönlichkeitsstörungen beruhen auf einer fehlgeleiteten Frühentwicklung, die von den fehlerhaften Arbeitsmodellen impliziert wurde, die ihrerseits ihren Ursprung im Bindungsverhalten haben. Wird nun das falsche Bindungsverhalten abgeändert, löst man hierdurch eine Kettenreaktion des Lernens aus und erreicht am Ende der Kette eine Verhaltensänderung des Kindes.

Über den Autor

Anja Knuth, StEx, wurde 1976 in Karlsburg geboren. Nachdem die Autorin mehrere Jahre als Managerin im Einzelhandel arbeitete, schloss sie 2012 über den zweiten Bildungsweg ihr Studium der Politikwissenschaften und Biologiewissenschaften an der Universität Heidelberg ab. Bereits während des Studiums war sie fasziniert von tiergestützter Pädagogik und richtete den Inhalt ihres Studiums entsprechend aus. Nach ihrem Studium widmet sie sich nun der praktischen tiergestützten Pädagogik und der dementsprechenden Ausbildung ihres Hundes.

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