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Sozialwissenschaften

Lea Thin

Wem gehört die Stadt? Ausgrenzungsstrategien im öffentlichen Raum

ISBN: 978-3-95684-250-4

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Produktart: Buch
Verlag: Bachelor + Master Publishing
Erscheinungsdatum: 02.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 48
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Die Ideologie öffentlicher Räume impliziert, dass diese allen zugänglich sind. Inwiefern ist das jedoch Realität? Das Werk Wem gehört die Stadt – Ausgrenzungsstrategien in öffentlichen Räumen stellt verschiedene soziologische, stadtgeographische und kulturwissenschaftliche Ansätze zu Dominanzverhältnissen und Ausgrenzungsstrategien im öffentlichen Raum vor. Ausgehend von den vielfältigen Definitionen öffentlicher Räume, widmet sich die Arbeit den Mechanismen, Strukturen und Instrumenten, die zur Ausgrenzung von Individuen und Gruppen im öffentlichen Raum führen. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Frage, wer über Ausschluss entscheiden darf und wer im Gegenzug ausgeschlossen wird. Dabei wird insbesondere auf die Rolle von Staat (institutionell), Wirtschaft (ökonomisch) sowie der Gesellschaft (sozial) eingegangen. Diese interdisziplinäre Herangehensweise ermöglicht einen Überblick über die zahlreichen Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte und liefert zusammenfassende Ergebnisse zu Ausgrenzungsstrategien im öffentlichen Raum.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 2, Was ist öffentlicher Raum? Bei der Frage ‘Wem gehört die Stadt?’ ist die Betrachtung des öffentlichen Raumes also besonders von Bedeutung, da er den sozialen und politischen Kern des öffentlichen Lebens ausmacht. Wer aus dem öffentlichen Leben einer Stadt ausgeschlossen wird, verliert nicht nur einen Ort der Erholung und Entspannung, sondern wird vielmehr unmündig gemacht in Bezug auf die Prozesse und Entwicklungen innerhalb seines städtischen Lebensraums. Nach Webers Stadtbegriff ist das wichtigste Merkmal des öffentlichen Raumes seine Funktion als Markt. Weber bezeichnet die Stadt dabei als alle Ansiedlungen, in denen ‘die ortsansässige Bevölkerung einen ökonomisch wesentlichen Teil ihres Alltagsbedarfs auf dem öffentlichen Markt befriedigt, und zwar zu einem wesentlichen Teil durch Erzeugnisse, welche die ortsansässige und die Bevölkerung des Umlandes für den Absatz auf dem Markt erzeugt oder sonst erworben hat’ (Weber 1921). Bahrdt spinnt diesen Faden weiter und sieht in der Marktfunktion den Ursprung von Öffentlichkeit, da die ständigen ökonomischen Beziehungen zu Fremden, die mit Konsum einhergehen, das alltägliche soziale Verhalten der Bewohner prägt. So ist die Basis für die Herausbildung anderer Formen von Öffentlichkeit, wie beispielsweise einer politischen Öffentlichkeit, gegeben (Bahrdt 2006). Andere Konzepte betrachten öffentlichen Raum aus Sicht der griechischen Agora und sehen sein wichtigstes Merkmal ganz abseits von Konsum in der Möglichkeit zu Meinungsaustausch und Kommunikation (Arendt 1981). Er repräsentiert die besonderen Qualitäten des urbanen Lebens und vermittelt seinen Nutzer_Innen so ein bestimmtes Lebensgefühl. Öffentliche Räume sind die Lebensader der Stadt und bieten den Stadtbewohner_Innen und Besucher_Innen Raum zur Entfaltung. Sie können sehr unterschiedliche Formen annehmen. Sie sind die Straßen, Gassen und Plätze einer Stadt. Sie umfassen Parkanlagen und Grünzüge sowie den gesamten öffentlichen Personennahverkehr (sofern dieser in öffentlicher Hand liegt und nicht privatisiert ist) aber auch öffentliche Gebäude wie Kirchen und Verwaltungen. All diese Orte sind besonders und in ihrer Funktion verschieden, so dass sie für die unterschiedlichsten sozialen und wirtschaftlichen Aktivitäten genutzt werden können. Denn neben seiner Erholungsfunktion umfasst der öffentliche Raum viele weitere Aufgaben wie Verkehr, Repräsentation, Politik und Handel (Reiß-Schmidt 2003). Siebel weist dem öffentlichen Raum vier grundlegende Funktionen zu, die ihn von der privaten Sphäre unterscheiden. Zunächst stellt er seine funktionale Bedeutung für die Entstehung und Mitwirkung an Politik sowie seine Funktion als Markt heraus, während der Bereich des Privaten für Produktion und Reproduktion zuständig ist. Diese politische und ökonomische Funktion befindet sich im Wandel, so findet Politik heute aufgrund von Globalisierung und der Herausbildung von Nationalstaaten auf nationaler, wenn nicht sogar internationaler Ebene statt. Statt politischer Demonstrationen wird der öffentliche Raum heute von Verkehr und Konsum eingenommen. Immer weniger Menschen ‘gehen auf die Straße’, wobei der sprachliche Ausdruck alleine schon zeigt, wofür die Straße einmal stand: für politischen Widerstand und Protest. Durch eine zunehmende Technisierung hat sich politischer Aktivismus in der Bevölkerung in die virtuelle Welt, auf Blogs, Facebook und Foren im Internet verlagert. Auch die Marktfunktion der öffentlichen Räume wird durch das Internet abgeschwächt (ebd.). Zudem werden öffentliche Märkte seit Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend in Kaufhäuser und Einkaufspassagen verlagert und somit privatisiert. Ein Raum, welcher von Subjekten (wie den Eigentümern der Kaufhäuser) kontrolliert, gesteuert, geplant und erworben werden kann, hat mit einem öffentlichen Raum nach soziologischer Definition nichts mehr zu tun (Siebel 2004). Durch diese Tendenz zur Privatisierung hat sich auch die juristische Funktion öffentlicher Räume verändert. Räume, die früher unter öffentlichem Recht standen, unterliegen heute häufig dem privaten Hausrecht der Eigentümer. Eine besonders wichtige Stellung nimmt der öffentliche Raum im Bereich des Sozialen ein. Öffentliche Räume dienen als Bühne zur Selbstdarstellung, auf welcher sich das Individuum durch seine Anonymität ständig neu erfinden und von seinen Verpflichtungen im Privaten erholen kann. Darüber hinaus trägt öffentlicher Raum maßgeblich zur Aneignung sozialer Kompetenzen bei, da das Individuum in ständiger Interaktion mit Fremden steht (ebd.). Überdies dienen öffentliche Räume als das kollektive Gedächtnis der Stadtbewohner_Innen (Reiß-Schmidt 2003). In ihm überlagern sich Geschichte und Gegenwart, hier sind die Spannung gesellschaftlicher Umbrüche und Veränderungen spürbar. Sie unterliegen (theoretisch) nicht der Herrschaft eines oder weniger Einzelner, sondern können von jedem/r Nutzer_In mitgestaltet werden. Diese Tatsache macht öffentliche Räume zu mehrdeutigen, ambivalenten Räumen. Robert Musil nennt sie Möglichkeitsräume, da sie offen für Umdeutungen und Aneignungen sind. Ihre Deutung wird durch eine Vielzahl von Akteuren festgelegt, die weder vollständige Informationen über den Raum besitzen können noch über ausreichend Mittel verfügen um sich den Platz allein zu Eigen zu machen. Dabei verfolgen die Akteure unterschiedliche, meist sogar widersprüchliche Ziele. Ein Raum, der zudem ein Stück Geschichte im Stadtraum repräsentiert, stärkt laut Musil den Möglichkeitssinn, da er den Nutzer_Innen des Raums vor Augen hält, dass die heutige städtische Realität nur eine von vielen Deutungsmöglichkeiten von Stadt ist (Siebel 2004). Der öffentliche Raum ist also sowohl sozialer als auch politischer Raum, dient als kollektives Gedächtnis der Stadt, stiftet Identität und Orientierung, bietet seinen Nutzer_Innen eine Bühne zur Selbstdarstellung, ist offen für unterschiedlichste Nutzungen und Lebensweisen und vernetzt wichtigen Infrastruktur miteinander. Letztendlich ist der öffentliche Raum aber auch die Grundlage zur Entwicklung politischen Handelns und so verantwortlich für das Wohlergehen derjenigen, die diesen Lebensraum bewohnen (Lofland 1989). Er lebt von der individuellen Aneignung durch seine Nutzer_Innen. Deshalb ist öffentlicher Raum ‘immer auch umkämpfter Raum, in dem wechselnde Kräfte und Gruppen ihre jeweiligen Hegemonialansprüche durchzusetzen und auch symbolisch zum Ausdruck zu bringen’ versuchen (Bernhardt et al. 2005: 240). Dabei wird er zur ‘Bühne für den offenen Kampf um Legitimation’ (Paloscia 2004:79). In diesem Kampf gibt es viele verschiedene Parteien, die bewusst und auch unbewusst Strategien und Instrumente anwenden, um ihre Interessen im öffentlichen Raum zu wahren. Wie effektiv und legitimiert diese Strategien angewendet werden können, hängt von der Positionierung der involvierten Individuen / der Gruppe innerhalb vorherrschender Macht-und Dominanzverhältnisse ab.

Über den Autor

Lea Thin schloss ihr Bachelor-Studium der Geographie und Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin im Jahr 2013 ab. Innerhalb ihres Studiums beschäftigte sie sich eingängig mit Metropolenforschung in Berlin und New York. Zu diesem Zweck studierte sie ein Semester am Department for Sociology an der New York University. Für ihre interdisziplinäre Abschlussarbeit, welche Themen der Stadtgeographie, der Soziologie und der Gender Studies verbindet, wurde sie 2013 für den Georg-Simmel-Preis nominiert. Aktuell absolviert sie ein Master-Studium im Bereich geographische Entwicklungsforschung an der Freien Universität Berlin.

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