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Soziologie


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 05.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 80
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Das Buch ‚Partizipation von Jugendlichen – ein Kinderspiel?‘ ist in einer Kooperation von Julia Verena Köffer (Sozialwirtschaft B.A., Jugendhilfe M.A.) mit Simon Schnetzer (Dipl. Volkswirt), Geschäftsführer von ‚DATAJOCKEY: Social Research & Dialogue‘, entstanden. Im Rahmen der Kooperation wurde das Jugendforschungs- und Beteiligungsprojekt ‘junge Deutsche’ mit Methoden der Qualitativen Sozialforschung ausgewertet. Erkenntnisinteresse der Auswertung war die Beantwortung der Frage: Wie müssen kommunale Beteiligungsprozesse gestaltet werden, um erfolgreich zu sein? Für die qualitative Studie wurden im Zeitraum von Juni bis August 2013 mündliche Befragungen in Form von ExpertInneninterviews und Gruppendiskussionen mit TeilnehmerInnen des Projektes ‘junge Deutsche’ durchgeführt. Die Ergebnisse dieser mündlichen Befragungen wurden anhand einer Qualitativen Analyse aufbereitet und stellten die Grundlage, für die von den Autoren entwickelten Handlungsempfehlungen für Beteiligungsprozesse von Jugendlichen im kommunalen Raum dar. Um diese Handlungsempfehlungen in einen Kontext zu stellen, wird in Teil 1 des Buches auf die Partizipation Jugendlicher als Handlungsmaxime von Jugendarbeit eingegangen. Im zweiten Teil werden die Rahmenbedingungen der Partizipation junger Menschen im kommunalen Raum dargestellt. Zum einen wird mit dem vorliegenden Buch die Intention verfolgt einen Überblick über das Feld der Partizipation Heranwachsender in der Kommune zu geben. Zum anderen kann mit den Handlungsempfehlungen für Beteiligungsprozesse im kommunalen Raum zur Beantwortung der Frage, wie die Partizipation junger Menschen in ihrem Wohnumfeld gelingen kann, beigetragen werden.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 2, Partizipation von Jugendlichen im kommunalen Raum: Der zweite Teil des vorliegenden Buches geht näher auf die Partizipation von Jugendlichen im kommunalen Raum ein. In diesem Zusammenhang wird der Schwerpunkt auf die Gestaltung von Beteiligungsprozessen im Lebensumfeld junger Menschen gelegt. Zu diesem Zweck wird zu Beginn in Kapitel 2.1 aus verschiedenen Perspektiven begründet, warum die Partizipation in der Kommune nicht ausschließlich einen Selbstzweck verfolgt, sondern sowohl den jungen Menschen selbst als auch den Kommunen nützt. 2.1, Begründungszusammenhänge: Argumente für die Partizipation von jungen Menschen im kommunalen Raum finden sich in verschiedenen Fachdiskursen: unter anderem in der Rechtswissenschaft, der Politikwissenschaft oder der Pädagogik. Im ersten Teil dieser Veröffentlichung wurde aus dem Blickwinkel der Rechtswissenschaft argumentiert, warum die Partizipation junger Menschen an sie betreffenden Angelegenheiten notwendig ist. An dieser Stelle wird die Bedeutsamkeit der Beteiligung Heranwachsender in der Kommune zuerst aus politischer Sichtweise und schließlich aus pädagogischer Perspektive begründet. Diese beiden Zugänge spielen im Kontext dieser Untersuchung eine besondere Rolle, da sich das Handlungsfeld Jugendarbeit genau in ihrer Schnittmenge befindet (vgl. Moser 2010, S. 87). Vollständigkeitshalber wird zum Abschluss dieses Kapitels noch auf Gegenargumente der Partizipation junger Menschen in ihrem Lebensumfeld eingegangen. 2.1.1, Politische Argumente: Gemäß dem partizipatorischen Demokratieverständnis ist Partizipation die aktive Praxis der Demokratie (vgl. Knauer/Sturzenhecker 2005, S. 68). Dieses Verständnis will die Beteiligung möglichst Vieler an möglichst Vielem – sprich ‘(…) an der Erörterung, Aushandlung und Entscheidung möglichst vieler öffentlicher Angelegenheiten’ (Koopmann 2008, S. 5). Dadurch sollen die Legitimität, Stabilität und Regierbarkeit des demokratischen Systems erhöht werden. Dieses Steuerungssystem ist als ‘Good Governance’ (ebd.) bekannt und zeichnet sich neben Transparenz und Kooperation, wesentlich durch die Stärkung der Bürgerschaft im Sinne von Empowerment (siehe 1.3.3) aus. Dieser Ansatz ist mit dem idealtypischen BürgerInnenbild der ‘citoyens’ (Koopmann 2008, S. 5) verbunden: Der Bürgerschaft, die aktiv und eigenverantwortlich am Gemeinwesen teilnimmt und dieses mitgestaltet (vgl. ebd.). Nach dem ‘Dreiklang’ der Bürgerarbeit ist die Voraussetzung für die Beteiligung von BürgerInnen allerdings, dass sie es wollen, können und dürfen (vgl. Gernbauer 2008, S. 17). Damit Heranwachsende überhaupt die Chance bekommen diesem Ideal gerecht zu werden, müssen die notwendigen Rahmenbedingungen, in Form von personellen, finanziellen und zeitlichen Ressourcen für Partizipation seitens der Kommunen geschaffen werden (vgl. Koopmann 2008, S. 5). Dadurch könnte der Partizipation Jugendlicher an kommunalen Planungs- und Entscheidungsprozessen sogar ein präventiver Charakter zugesprochen werden: Durch ihre Beteiligung wird jungen Menschen die Möglichkeit gegeben ihre Meinungen, Interessen und Ängste zu formulieren. Folglich können die Bedürfnisse der jungen Generation besser abgebildet, in Bedarfe umformuliert und politische Planungs- und Entscheidungsprozesse optimiert werden. Diese effiziente Steuerung kann die Jugendhilfeplanung einer Kommune verbessern, trägt zur Kinder- und Jugendfreundlichkeit bei und steigert unter dem Strich die Attraktivität eines Standortes (vgl. Bertelsmann Stiftung 2008, S. 37 ff.). 2.1.2, Pädagogische Argumente: Die Entwicklung von Selbstständigkeit gewinnt vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Trends, wie der Individualisierung oder Pluralisierung von Lebensformen, immer mehr an Bedeutung. Um diese Fähigkeit zu erlernen, müssen junge Menschen Freiräume zugestanden bekommen, in denen sie sich ausprobieren und in unsere Gesellschaft einbringen können (vgl. Moser 2010, S. 90). Eine Möglichkeit Freiräume zu gewähren ist die Beteiligung Jugendlicher an kommunalen Planungs- und Entscheidungsprozessen. Da Partizipation als ein zentraler Faktor in der Entwicklung von Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenzen gesehen werden kann und somit zu gesellschaftlicher Anerkennung und der Steigerung des Selbstwertgefühls führt, kann sie als ein erfolgreiches Integrationsinstrument bezeichnet werden (vgl. Bertelsmann Stiftung 2008, S. 37). Gemäß dem Gedanken des Empowermentansatzes, die Autonomie und Selbstbestimmung junger Menschen zu fördern, ist die Beteiligung von Jugendlichen an kommunalen Planungs- und Entscheidungsprozessen obligatorisch. Damit junge Menschen mit ihrer Freiheit adäquat umgehen können, müssen sie jedoch dazu befähigt werden. Die ‘Krux’ dabei ist, dass die Erziehenden bei der Gewährung von Freiräumen stets vor dem – für pädagogische Prozesse klassischen – Dilemma stehen ‘(…) Kindern und Jugendlichen als ExpertInnen ihrer selbst partnerschaftlich zu begegnen und sie gleichzeitig vor Überforderungen zu schützen’ (Moser 2010, S. 90). Partizipationsmodelle, die versuchen mit diesem Paradox umzugehen, fordern die Mündigkeit von Heranwachsenden heraus, indem sie ihnen Freiräume bieten, in denen sie selbstbestimmt handeln können. Wenn diese Voraussetzungen gegeben sind, verfolgt Partizipation nicht nur einen Selbstzweck, sondern dient auch dem Gemeinwesen: Denn wenn junge Menschen als ExpertInnen in eigener Sache ernst genommen werden, können sie Erwachsenen bei der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen und der Entwicklung innovativer Lösungsansätze im kommunalen Raum behilflich sein. Dadurch kann zum Dialog der Generationen angestiftet, Konflikte minimiert und das Gemeinwesen belebt werden (vgl. Bertelsmann Stiftung 2008, S. 37 ff.). 2.1.3, Gegenargumente: In den vorangegangenen zwei Kapiteln wurde die Partizipation von Jugendlichen im kommunalen Raum aus politischer und pädagogischer Perspektive begründet. Diese Argumentationsstränge können als Chancen kommunaler Beteiligungsprozesse junger Menschen gesehen werden. Doch die Forderung nach der Beteiligung junger Menschen in ihrem Wohnumfeld stößt in ihrer Umsetzung auch an ihre Grenzen. Zwei besonders relevante Gegenargumente werden an dieser Stelle kurz dargestellt, um verständlich zu machen, warum Partizipation ihrem Anspruch in der Praxis oftmals nicht gerecht wird: Als eine Grenze kommunaler Beteiligungsprozesse junger Menschen kann der Umstand bezeichnet werden, dass Heranwachsende in der Praxis oftmals nicht als Subjekte, sondern als Objekte, demokratischer Entscheidungen gesehen werden (vgl. Knauer/Sturzenhecker 2005, S. 64). Dieses Muster ist in gewisser Weise paternalistisch: Denn Beteiligungsmöglichkeiten, die BürgerInnen sanft stimmen sollen, anstatt sie zu emanzipieren, nennt Reimer Gronemeyer ‘apathische Partizipation’ (Gronemeyer 1973). Diese Art der Partizipation ist in der Praxis nach wie vor auf allen Ebenen – von der Europäischen Union bis zu Lokalpolitik – weit verbreitet. Apathische Partizipation verfolgt das Ziel Heranwachsende in gegebene Strukturen einzufügen. Dadurch wird die politische Praxis nicht hinsichtlich Zugangsbarrieren für junge Menschen hinterfragt, sondern lediglich in ein gutes Licht gerückt (vgl. Knauer/Sturzenhecker 2005, S. 65). In solchen Partizipationsmodellen kann folglich eher von Scheinpartizipation als von emanzipatorischer Partizipation gesprochen werden. Eine weitere Grenze der Partizipation junger Menschen im kommunalen Raum ist die Kritik am Steuerungssystem Good Governance. Diese Kritik geht davon aus, dass die Partizipation möglichst Vieler an möglichst Vielem zur Unregierbarkeit des Gemeinwesens führt. Demnach würde die Beteiligung junger Menschen an gesellschaftlichen und politischen Aushandlungsprozessen das politische System dysfunktional machen. PartizipationsgegnerInnen befürchten in diesem Kontext auch, dass durch die Beteiligung Heranwachsender an kommunalen Planungs- und Entscheidungsprozessen gesellschaftliche Segregations- und Individualisierungsprozesse beschleunigt, statt reduziert werden (vgl. Knauer/Sturzenhecker 2005, S. 65). Laut dieser KritikerInnen führt Partizipation früher oder später ‘(…) zur Herausbildung von Partizipationsbürokratien, in denen Partizipationsfunktionäre und -eliten darauf bedacht sind, ihre Partizipationsprofessionalität zu ihrem eigenen Vorteil zu nutzen’ (ebd.). Das vorliegende Buch will die Grenzen der Partizipation junger Menschen an öffentlichen Planungs- und Entscheidungsprozessen nicht negieren. Dennoch sieht es mehr Chancen als Grenzen – sowohl für die Heranwachsenden selbst als auch für die Kommunen.

Über den Autor

Julia Verena Köffer (* 1987) hat an der Hochschule Kempten Sozialwirtschaft (Bachelor of Arts) und an der Fachhochschule Münster Jugendhilfe (Master of Arts) studiert. Sie hat in diversen Forschungsprojekten, u.a. in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Jugendring, mitgearbeitet und neben ihrem Studium praktische Erfahrungen im Bereich der offenen Jugendarbeit, der Jugendbildung sowie der Jugendberufshilfe sammeln können.

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