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Geisteswissenschaften


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Produktart: Buch
Verlag: Bachelor + Master Publishing
Erscheinungsdatum: 06.2015
AuflagenNr.: 1
Seiten: 76
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Anhand neurowissenschaftlicher, sprachanalytischer, subjektivitätstheoretischer und theologischer Einsichten untersucht der Autor wie Offenbarung und Wirklichkeitsverständnis zusammengedacht werden können. Unter Berücksichtigung von Ingolf U. Dalferths Werk der Radikalen Theologie und Einsichten aus Konstruktivismus und hermeneutischer Religionsphilosophie widmet sich der Autor zugleich einem Grundlagenproblem der Theologie: ihre Berufung auf Offenbarung. Für die Theologie als Wissenschaft ist Offenbarung ein zweischneidiges Schwert. Denn woran in dieser Welt lässt es sich festmachen, dass die Welt mit Gott zu tun hat? Versucht man eine mögliche Wirklichkeit Gottes aus der Welt abzuleiten, also den Weg der Gottesbeweise zu gehen, wird man schnell ernüchtert sein müssen. Dennoch kann Offenbarung als fundamentale, gar schicksalhafte Unterbrechung der Wirklichkeit beschrieben werden, welche Auswirkung auf die ganze Welt- und Selbstbetrachtung des Menschen hat. Dies führt zu einer delikaten Frage. Ist dies allein der Deutung beizumessen, gewissermaßen abhängig von der religiösen Musikalität der Person, oder bringt das Widerfahrnis von Offenbarung einen Bedeutungsgehalt schon mit? Handelt es sich bei Offenbarung nur um die religiöse Deutung einer Empfindung oder um Gottes Weg in die Welt?

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 1.2, Gottes Wirklichkeit I – Mögliche Wirklichkeit: Wir müssen einen Gedankensprung zurück machen, denn es soll noch immer gelten, dass Erkenntnis formal nur an der vorfindlichen Wirklichkeit ansetzen kann. Aber woran in dieser Welt lässt es sich festmachen, dass die Welt mit Gott zu tun hat? Versucht man eine mögliche Wirklichkeit Gottes aus der Welt abzuleiten, also den Weg eines Gottesbeweises zu gehen, wird man schnell ernüchtert sein müssen. Weder ist es so, dass die Existenz der Dinge auf Gott als ihren Ursprung hinweist, noch ist es so, dass die Beschaffenheit der Welt, also ihre natürliche Ordnung, auch wenn diese noch so zum Staunen anregt, auf Gott schließen lässt. Zudem ist auch kein Bestimmungsziel aus der Evolution der Welt abzuleiten, das in irgendeiner Weise die Präsenz Gottes plausibilisiert. Dies wäre ein kategorialer erkenntnistheoretischer Fehlschluss. Obwohl sich also aus dem Ursprung kein Grund, aus der Beschaffenheit kein Sinn oder aus der Evolution kein Bestimmungsziel der Welt feststellen lassen, ist hieraus ebenso wenig eine Nichtexistenz Gottes ableitbar. Was bei diesen Verstehensbemühungen aber immerhin übrig bleibt, das sind Fragen zu einem nicht-welthaften Ursprung der Welt , zur Ambivalenz der Beschaffenheit der Welt und der Hinweis auf ein entscheidendes Moment eschatologischer Hoffnung . Eine ganz neue Betrachtungsweise ergibt sich dann, wenn die vorfindliche Welt nicht als rezeptiver Ausgangspunkt, sondern in ihrer potenziellen, kreativen und produktiven Bedeutung in den Blick genommen wird, gewissermaßen als ein offener Raum, in welchem Phänomene solcher Art entstehen können, die sich der fassbaren Kausalität entziehen. Demnach ließe sich Wirklichkeit im Sinne der fassbaren Wirklichkeit als ein von Gott gesetzter Möglichkeitsspielraum verstehen. Weiter wäre daher nach theologischem Urteil […] Wirkliches nicht nur das, was es faktisch ist [oder] möglicherweise sonst noch hätte sein können , sondern ein Horizont von Möglichkeiten in einem sich Gott zu verdankenden bzw. gottgewollten Dasein. Dies hat Dalferth auch in der noch zu besprechenden Radikalen Theologie wieder angedeutet. Der Theologie geht es um das Mögliche . In einer gewiss unterkomplexen Anwendung der Modallogik, die hier mit Blick auf sein ausdifferenziertes Standardwerk wohl bewusst geschieht, soll deutlich werden: Offenbarung ist weder ein empirisches Phänomen wie der Wind, der Sonnenuntergang, die Kernspaltung oder die Zellteilung, noch ist sie ein historisches Phänomen wie die Kreuzigung Jesu, die Französische Revolution oder der Mauerfall, dennoch lässt sie sich ohne die Auswirkungen auf den Lebenshorizont der Menschen nicht denken. Hier steht Dalferth (wie auch sein Lehrer Eberhard Jüngel) ganz in der Denklinie Karl Barths: Das Wort Gottes ist nicht so Wirklichkeit wie ein erfahrbarer Tatbestand unter dem Vorbehalt der Angemessenheit unserer Sinneswahrnehmungen […], aber auch nicht etwa wie die Naturgesetze, die ja auch in besonderer Abwandlung die der Geisteswelt sind […]. Auch nicht so wie, sofern es solche gibt, die Axiome der Mathematik und Physik Wirklichkeit haben . Offenbarung ist also im Horizont einer möglich gewordenen oder potentiell möglichen Wirklichkeit in den Blick zu nehmen, sie lässt Gott in dem, was erlebt wird, als Zeichen präsent sein (vgl. 2.), erst dadurch entfaltet sie Wirklichkeitsgeltung. Indem Phänomene als Zeichen für Gottes Gegenwart erlebt werden, gibt sich in der Wirklichkeit mehr zu verstehen, als sie von sich aus zeigt. Der Inbegriff alles Wirklichen ist daher nicht dasselbe wie die Welt , er ist auch kein großes Ganzes, […] sondern er ist das – formale und nicht etwa selbst reale – Integral alles Wirklichen in seinen jeweiligen Horizonten. Karl Barth legt die Betonung in diesem Zusammenhang freilich besonders auf die unmögliche Möglichkeit aller menschlichen Horizonte. Es ist auch kein Könnte , welches mutatis mutandis vorhanden und feststellbar sein könnte , jede Potentialität fällt aus, gerade das ist bezeichnend. […] Das Wort Gottes ist ungeschaffene Wirklichkeit, identisch mit Gott selber, darum n i c h t allgemein vorhanden und feststellbar, auch nicht möglicherweise . Auch Dalferth erkennt die Richtigkeit und Wichtigkeit des emphatischen Bestehens auf die Vorgängigkeit phänomenaler Erschließung vor der subjektiven Rekonstruktion an, sieht hier mit Jüngel das Pendel aber zu stark ausschlagen . Wahrnehmen, Verstehen, Erkennen und Denken sind mehr als nur ein gehorsames Geltenlassen der Phänomene , so gibt Dalferth zu bedenken ferner muss die Selbstauslegung Gottes […] von der sie nachkonstruierenden Auslegung verstehender Subjektivität zu unterscheiden sein. Seinsverstehen und Gottverstehen sind zu differenzieren, vor allem in Hinblick auf den Wissenschaftscharakter von Theologie. Ein genereller Einspruch, der bei der möglichen Gotteswirklichkeit bzw. einer durch Gott ermöglichten Wirklichkeit aufkommt, ist, dass hier von bloß gedachten Möglichkeiten gesprochen wird. Wie aber kann von Gott im Unterschied zu bloß Gedachtem die Rede sein? Vor allem die Beschreibungen von Gottesattributen wie Liebe, Allmacht und Allwissenheit stehen (Zu Recht) unter dem Verdacht, Produkt der menschlichen Fantasie zu sein. 1.3 Gottes Wirklichkeit II – Unbedingte Wirklichkeit: Ein Illusionsverdacht Sigmund Freuds und eine Projektionsthese Feuerbachs entfalten ihre Berechtigung unter der Voraussetzung, dass der Mensch gar nicht anders kann, als sich selbst immer mitzudenken bzw. mit Nietzsche die eigene Selbsterkenntnis zwangsläufig verabsolutiert. Wir sind vom kategorischen Imperativ beschlichen und mit ihm verirren wir uns wieder zu Gott, Seele, Freiheit und Unsterblichkeit. […] Wie? Du bewunderst den kategorischen Imperativ in dir? […] Diese ‚Unbedingtheit‘ des Gefühls? […] Bewundere vielmehr deine Selbstsucht darin! […] Selbstsucht nämlich ist es, sein Urteil als Allgemeingesetz zu empfinden [und dies verrät], daß Du dich selber noch nicht entdeckt, dir selber noch kein eigenes, eigenstes Ideal geschaffen hast. Offenbarungsinhalte resultieren allzu offenkundig aus menschlichen Sehnsüchten oder den Übersteigerungen der für gut befundenen Eigenschaften. Wie der Mensch denkt, wie er gesinnt ist, so ist sein Gott , wie Feuerbach treffend feststellt. Christliche Theologie versucht diese Angriffe u. a. dadurch zu entkräften, dass die Selbstoffenbarung Gottes der Einbruch des Unbedingten selbst ist, welches dem Bedingten immer schon entzogen ist. Die klassische subjektivitätstheoretische Antwort besteht eben darin, dass bei religiösen Erfahrungen nicht von Sondererfahrungen die Rede ist, sondern dass sie Wirklichkeitserschließungserfahrungen sind, die im Grunde jeder macht und die dem eigenen Projizieren uneinholbar voraus liegen. Die theologische Implikation liegt nahe, diese Instanz des Unbedingten als Gott zu bezeichnen. Da nun wiederum auch der Begriff Gott als ein Bezeichnungsakt angesehen werden kann, eben als menschliche Konstruktionsleistung, befindet sich die Theologie abermals in einer Aporie, weil sie dann genau dem widerspricht, was sie auf der anderen Seite behauptet. Aber untrennbarer Bestandteil dieser Konstruktion ist, dass sie immer schon mitdenkt, dass sie sich einem sich selbst offenbarenden Gott verdankt. Der Zirkelschluss ist also nur zu durchbrechen bzw. einer offenen Dynamik zu unterwerfen, wenn dabei auf Gott als ein unbedingtes Subjekt rekurriert wird, das den Zugang zu sich eröffnet hat – eben dadurch zur Alles bestimmenden Wirklichkeit wird. Unter dieser Voraussetzung bekommt das Unbedingte einen unbedingten Sinngehalt aber nur aus einer Warte, die Urheber und Inhalt nicht zu trennen vermag.

Über den Autor

Nach einer Ausbildung zum Bankkaufmann und drei Jahren Berufserfahrung, studierte Daniel Walther in den Jahren 2007–2014 evangelische Theologie und Geschichte an der Universität Leipzig und an der Martin-Luther-Universität Halle (Saale). Die Schwerpunkte seines Studiums lagen im Bereich der Dogmatik, der Fundamentaltheologie und der religionsphilosophischen Hermeneutik. Derzeit promoviert der Autor bei Prof. em. Dr. Matthias G. Petzoldt in Leipzig.

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