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Pädagogik & Soziales

Tanja Schmidt

Begegnungen mit Migration. Ein Beitrag zur interkulturellen Kommunikation

ISBN: 978-3-96146-703-7

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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 03.2019
AuflagenNr.: 1
Seiten: 228
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Migration ist ein heiß diskutierter Dauerbrenner in Politik und Gesellschaft. Dieses Buch widmet sich dem Thema, indem es Informationen aus der wissenschaftlichen Forschung mit Erzählungen aus alltäglichen Begegnungen verknüpft. Das vorliegende Buch soll dem/r Leser/in bewusst machen, dass es eine Frage der Perspektive ist, wen wir als Migrant/-in wahrnehmen. Nach einer ausführlichen Beschreibung von Voraussetzungen und Ursachen von Migration weist die Autorin Migrationsbewegungen in der Neuzeit auf. Durch Vorurteile und Stereotypen entstehen Weltbilder , was in der Vergangenheit im Umgang mit Fremden häufig zu negativem Denken geführt hat. Längst ist jedoch widerlegt, dass Konflikte mit Fremden zwangsläufig seien. Dennoch ist das Bild über Migranten nach wie vor von Defizit, Differenz und Diskriminierung geprägt, was Folgen für die Integration im Bildungssektor hat. Durch die Offenlegung struktureller Benachteiligung im Bildungssystem wird die Machtposition der Mehrheit sichtbar. Gleichzeitig ergibt sich die Chance, bei einer Veränderung der Zugangscodes in Schule und Gesellschaft Potentiale von Menschen zu entdecken. Die Autorin möchte mit der Reflexion über die eigene kulturelle Brille zu kompetentem Handeln in sozialen Systemen anregen, besonders mit Menschen aus anderen Kulturkreisen.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 'Erst denken, dann handeln: Modell der korrespondierenden Schlussfolgerungen von Jones/Davis (1965)': Die Forscher Jones und Davis gehen in ihrem Attributionsmodell auf die Überlegungen ein, die ein Individuum anstellt, wenn es Ursachen von Ereignissen und Handlungsweisen von anderen Personen nachvollziehen will. Menschen beobachten die Handlungen anderer und welche Wirkungen sich daraus ergeben. Daraus ziehen sie ihre eigenen Schlüsse zwischen dem beobachteten Verhalten und Annahmen über die Person und deren Eigenschaften. Kann der Beobachter eine Absicht rekonstruieren, dann kommt er zu einem Urteil über die Person: Wenn der Beobachtete absichtlich etwas getan hat, dann waren ihm seine Handlungsfolgen bekannt. Außerdem verfügt er dann über gewisse Fähigkeiten. Dies führt zu einer Einschätzung über die Person z.B. dass sie vertrauenswürdig oder ein Lügner und Betrüger ist. Je sozial unerwünschter die Handlungsfolgen sind, desto stärker fallen die Schlussfolgerungen aus. Bei diesem Modell der korrespondierenden Schlussfolgerungen wird eine Verbindung gezogen zwischen dem Verhalten und der beobachteten Person. Wenn die Handlung keine Besonderheiten aufweisen, sondern typisch für eine soziale Rolle (z.B. im Berufsleben) sind, dann ist es natürlich schwieriger solche Schlussfolgerungen zu ziehen. Über die Bedingungen menschlichen Handelns: Kellys Anova-Modell Harold H. Kelley (1967, 1973, 1978) hat das Anova-Modell (Analysis of Variance) entwickelt. Dieses geht über das Nachvollziehen von Handlungsdispositionen hinaus, weil es umfassender die Wechselwirkungen von Personen, Zeitpunkten, Situationen und evtl. beteiligten Objekten berücksichtigt. Nicht allein das Beobachten einer Person in einer Situation ist aussagekräftig, sondern der Beobachter benötigt weitere Informationen über Konsensus (Verhalten anderer beteiligten Personen), Distinktheit (Verhalten anderer Beteiligter gegenüber der beobachteten Person) und Konsistenz (Verhalten anderer Beteiligter gegenüber der beobachteten Person zu verschiedenen Zeitpunkten). Ansonsten kommen verschiedenen Beobachter zu verschiedenen Schlüssen. Kritik an den klassischen Attributionsansätzen kam von europäischen Sozial-psychologen wie Apfelbaum und Herzlich (1970-71) und Deschamps (z.B. 1983). Sie forderten die Berücksichtigung der sozialen Überzeugungen, die ein Individuum mit anderen sozialen Gruppen teilt und die ebenfalls Einfluss auf sein Handeln haben. Kelley (1972, 1973) und Fiske und Taylor (1984) haben das Anova-Modell weiterentwickelt. Sie kritisieren die rationale Annahme, dass Menschen wie Statistiker beim Erklären von Verhaltensweisen vorgehen. Kelley selbst merkt an, dass im Alltag keine Zeit besteht aufwändige Ursachenanalysen zu betreiben. Daher nimmt er kausale Schemata an, dass Menschen bestimmte Annahmen über bestimmte Ursachen erlernt haben und diese dann anwenden. Jones und Nisbett (1972) üben Kritik, weil der Beobachter Erklärungen im Verhalten anderer sucht und sein eigenes Verhalten in den Hintergrund rückt. Menschen neigen zu einer Überschätzung der Repräsentativität eigenen Verhaltens und eigener Urteile. Daher soll die weitere Attributionsforschung analysieren, wann die Attribution (das Zuschreiben) dazu beiträgt ihren Teil zu einem realitätsnahen Abbild zu liefern und wann sie mehr dem eigenen Selbstbild dient. Mit den Attributionstheorien stehen uns Modelle aus der Psychologie zur Verfügung, die darstellen, wie Individuen kausale Erklärungen für menschliches Verhalten herleiten und welche Informationen sie dazu heranziehen. Attributionen sind Zuschreibungen über Menschen, Sachverhalte oder Dinge mit dem Ziel menschlichem Handeln einen Sinn zu verleihen. Fritz Heider stellt mit seiner These von der sozialen Wahrnehmung dar, wie der Mensch seine Sinneswahrnehmungen kausal filtert und als Alltagswissenschaftler eigene Theorien über das Handeln seiner Mitmenschen entwickelt. Durch die Heider-Simmel-Studie gelingt es ihm im Labor die Bedingungen nachzustellen, wie wenig nötig ist, damit der Prozess der Zuschreibungen in Gang kommt. Jones und Davis erweitern Heiders Überlegungen, indem sie erläutern, dass Menschen aus ihren Beobachtungen Schlussfolgerungen über das Verhalten einer Person ziehen und die Person dadurch einschätzen. Das Anova-Modell von Kelley berücksichtigt außerdem neben dem bloßen Beobachten von Handlungsdispositionen Person, Situation, Zeit und anderen Objekte auch weitere Informationen zu Konsensus, Distinktheit und Konsistenz. Mit Zuschreibungen geben wir Werturteile ab. Durch diese Zuschreibungen werden unsere Einstellungen gegenüber anderen sichtbar. Leistungsmotivation ist mit Hilfe der Attributionstheorie gut erklärbar: Gelingt jemanden eine knifflige Aufgabe, so schreiben wir dieser Person Klugheit oder hohe Leistungsmotivation zu. Die Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen sind ebenfalls von Attributionen gekennzeichnet. Überschätzen wir Eigenschaften, Einstellungen und Meinungen (z.B. Bayer verhalten sich nun mal anders ) und unterschätzen wir äußere Einflüsse, werden Vorurteile und Stereotypen gegenüber der anderen ethnischen Gruppe genährt. Vorurteile und Stereotypen sind Attributionsfehler. Wie wir Fremdes sehen (Die Vorurteilsforschung) In einer Kita las ich eines Nachmittags ein Buch der Augsburger Puppenkiste von der Schweinefee vor. Plötzlich rief eine der stillen kleinen Zuhörer ein: Das gibt es doch gar nicht! So etwas Schönes wie eine Fee kann doch kein Schwein sein! Die Verbindung zwischen einem Schwein und einer Fee war unlogisch und wenig nachvollziehbar für die (meist muslimischen) Kinder und entzog sich ihren bisherigen Erfahrungen. Kein Zweifel: Einem Schwein sprachen die Kinder Unsauberkeit zu, die Fee war dagegen ein reines, überirdisches Wesen. Aber warum? Meine erste Begegnung mit der Idee des islamic banking irritierte mich persönlich genauso wie die Schweinefee die Kids. Mit Geldhandel verband ich Wucher , Geschacher , auf jeden Fall nichts Positives. Vielleicht spielten sogar antisemitische Motive eine Rolle bei meiner Sozialisation im Umgang mit Geld. Immerhin konnten die Juden jahrhundertelang ja oft nichts anderes tun als mit Geld zu handeln und Zinsen zu nehmen. Dies wurde von den Christen oft als Wucherzinsen wahrgenommen. Außerdem komme ich aus einer protestantischen Familie. Die sahen das irdische Leben oft nur als Durchgangsstation zur ewigen Seligkeit an. Arbeiten und Fleißig sein waren hohe Werte. Geld haben, damit prahlen oder Besitz zur Schau stellen waren dagegen Todsünden. Komisch eigentlich, mit Arbeit sollten wir was zu tun haben, mit Geld nicht. Dabei kommt man doch durch Arbeit zu Geld, oder? Und dann erzählt mir Murat vom islamic banking: Dass wir Vertrauen zu einem Bankberater haben können, ist ganz wichtig. Sie würden Ihr ganzes Erspartes doch auch nicht einem Betrüger geben wollen oder jemandem anvertrauen, dem sie nicht hundertprozentig vertrauen? Ich vertrauen – einem Bankberater?! Ich bin doch nicht von gestern. Die wirtschaften doch alle nur in ihre eigene Tasche, und man muss aufpassen, dass man nicht übers Ohr gehauen wird. Und dennoch: Die Idee, dass man sein Geld nur dort anlegt, wenn man Vertrauen haben kann, gefiel mir trotzdem. Plötzlich bekam die Werbung von Banken, die dabei warben, vertrauenswürdig zu sein, einen ganz neuen Sinn für mich. Glauben kann ich es in meinem Herzen nicht. Die Bank ist auf Gewinn aus. Davon lösen kann ich mich nicht. Dazu ist meine persönliche Brille zu stark gefärbt . Zuschreibungen legen den Grundstock zur Entstehung von Einstellungen, die wir im Alltag, durch unsere Kultur und Sozialisation erwerben. Zur Orientierung und Alltagsbewältigung greifen Menschen auf Einstellungen zurück, die sie in ihrer Sozialisation eingeübt haben, und handeln effizient, wenn Informationen rasch bestimmten Einstellungen zugeordnet werden können. Sie haben die Funktion, schnelles Handeln zu ermöglichen. Es gibt wertneutrale Einstellungen sie können aber auch mehr oder weniger rational sein. Der Psychologe Gordon Allport (1897-1967) definierte Einstellungen als mentaler und neuraler Bereitschaftszustand, der durch die Erfahrung strukturiert ist und einen steuernden Einfluss ausübt auf die Reaktionen des Individuums gegenüber allen Situationen und Objekten, mit denen dieses Individuum eine Beziehung eingeht (Allport 1954). Katz und Stotland (1959) unterscheiden die Funktion von Einstellungen. Einstellungen gegenüber Personen oder Objekten, die einen hohen Belohnungswert haben, sind positiv gefärbt, während solche, die gefährlich sein könnten, negativ gewertet werden. Einen Nutzen haben Einstellungen, da sie die Bildung von Wir-Gruppen unterstützen. Dies ist eine überlebenswichtig für den Einzelnen. Bezugsgruppen sind einfach attraktiv. Daneben haben Einstellungen eine Verteidigungsfunktion: Das Individuum kann sich schützen, indem andere der Sündenbock sind. Auch haben Einstellungen eine expressive oder Selbstverwirklichungsfunktion: Nirgendwo werden zentrale Wertvorstellungen so klar formuliert. Da soziale Interaktionen häufig durch Ritualisierung im Verhalten und einem allgemeinen Rollenverständnis geprägt sind, erleichtern klare Bekenntnisse den Austausch. Nicht zuletzt haben Einstellungen eine Ökonomie- oder Wissensfunktion, indem sie schnell Klarheit, Ordnung und Sinn in ein ansonsten chaotisch wahrgenommenes Universum bringen ohne dass sich jeder Einzelne von neuem ein Bild machen muss. Überschaubarkeit und Vorhersehbarkeit sind für das Individuum meist so bedeutend, dass es auch emotional betonte oder pseudorationale Einstellungen entwickelt, solange sie der Orientierung dienen. Im Zweifel ist es für das Mitglied einer Gruppe wichtiger bei anderen eine Bestätigung zu erhalten als das Wissen, ob dies der Wirklichkeit entspricht. Vorurteile und Stereotype sind als Besonderheiten von Einstellungen anzusehen. Vorurteile können als negative Einstellungen bezeichnet werden, die als statische Bewertungsmuster dienen und kaum modifiziert werden. Vorurteile und Stereotypen werden genährt durch unsere Einstellungen, gefärbt durch unsere ganz persönliche Brille oder Sicht der Dinge. Bewertet werden so einzelne Personen, aber auch Gruppen, Nationen, Organisationen, Produkten aus Kunst und Wissenschaft. Stereotype stellen Merkmalsmuster dar, die einer Gruppe als ganzer oder aber einer Einzelperson allein aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zugeschrieben werden. Die Ursache für Diskriminierung sieht die Vorurteilsforschung in Vorurteilen der einzelnen Menschen, die durch Wissen korrigierbar seien. Diskriminierung ist im Sinne der Vorurteilsforschung eher ein individuelles als ein strukturelles Problem. Ganz so einfach ist es dann doch nicht.

Über den Autor

Tanja Schmidt, geboren 1977, ist Dipl.-Sozialpädagogin (FH) und Soziologin (M.A.). Seit ihrem ersten Studienabschluss ist die Autorin in mehreren Feldern der Sozialen Arbeit tätig, wie z.B. der Förderung von Jugendlichen im Übergang von der Schule in den Beruf und in der beruflichen Aus- und Weiterbildung sowie in der frühkindliche Bildung in Krippe und Kindergarten. Unter anderem dadurch sammelte sie Erfahrungen mit Menschen mit Migrationshintergrund. Zudem baute die Autorin ehrenamtlich eine Gruppe zum Deutschlernen für asylsuchende Frauen auf. Diese persönlichen Begegnungen und das parallel erworbene Wissen in den Studiengängen der Sozialpädagogik, Soziologie und Erziehungswissenschaften bewogen sie, dieses Buch zu schreiben und somit andere Menschen zur Auseinandersetzung mit dem Thema Migration anzuregen.

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