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Pädagogik & Soziales


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 10.2012
AuflagenNr.: 1
Seiten: 124
Abb.: 10
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Von der emotional bedingten Störung selektiver Mutismus betroffene Menschen schweigen trotz funktionsfähigem Sprechapparat und vollendeter Sprachentwicklung gegenüber bestimmten Menschen oder in definierten Situationen, während sie mit einem ausgewählten Personenkreis sprechen. Vor allem in der Schule stellt das Schweigeverhalten mutistischer Kinder im Hinblick auf die soziale Integration und auf den Erwerb sprachlicher Fähigkeiten im Deutschunterricht ein großes Problem dar. Neben hermeneutischen Studien, die dazu dienen, die Ätiologie und Symptomatik von selektivem Mutismus zu besprechen, wurde ein selektiv mutistisches Kind im Rahmen einer Einzelfallanalyse über den Zeitraum von fünf Monaten im Unterricht hinsichtlich seiner Entwicklung in den Kompetenzbereichen Lesen und Sprechen sowie auch bezüglich der Integration in die Klassengemeinschaft, beobachtet und Interviews mit dessen Mutter und Klassenlehrerin geführt. Die Untersuchungsergebnisse geben Aufschluss über die Bedeutung der Zusammenarbeit von Eltern und Lehrpersonen, sowie angstreduzierender Maßnahmen und die Verstärkung der nonverbalen Kommunikation durch die betreuende Lehrerin oder den betreuenden Lehrer.

Leseprobe

Kapitel 2, Die Sprachentwicklung des Kindes: Beim selektiven Mutismus handelt es sich um eine psychische Störung, die das Sprech- und Kommunikationsverhalten von Betroffenen stört und einschränkt. Mögliche Ursachen und symptomverstärkende Faktoren können eine Störung der Sprachentwicklung oder ein Defizit im Erwerb sprachlicher und kommunikativer Fähigkeiten sein. Aus diesem Grund ist es für das Verständnis von Mutismus relevant, die Phasen des Spracherwerbs näher zu betrachten. 2.1, Die frühe Sprachwahrnehmung: Nach GRIMM ist Sprache ‘zentral für das menschliche Leben. Sie dient dem Ausdruck von Intentionen, Wünschen und Abneigungen, sie ermöglicht die Kommunikation mit anderen Menschen und sie steht in enger Beziehung zu kognitiven und sozialen Fähigkeiten.’ Säuglinge kommunizieren mit den Menschen in ihrem Umfeld bereits lange bevor sie eine Sprache erlernt und die Fähigkeit, sie auch einzusetzen, erworben haben. Sie äußern ihre Bedürfnisse nach Nahrung und Zuwendung durch Schreien, drücken Unbehagen oder Wohlbefinden durch entsprechende Gesichtsausdrücke und Körperbewegungen aus und reagieren ebenso auf das Kommunikationsverhalten ihrer Mitmenschen. 2.1.1, Die Lautwahrnehmung: Um jedoch Sprache zu erlernen, ist es erforderlich, sprachliche von nichtsprachlichen Lauten unterscheiden zu können. Das Wahrnehmen und Identifizieren sprachlicher Laute bildet die Grundlage für den späteren Spracherwerb. Zahlreiche, in der Fachliteratur beschriebene Versuche an Föten und Neugeborenen zeigen, dass Babys die Fähigkeit dafür bereits vor ihrer Geburt besitzen und geben Aufschluss über Ausprägung und Sensibilität der frühen Sprachwahrnehmung. So nehmen Föten bereits ab der 28. Schwangerschaftswoche sprachliche Reize wahr und zeigen besonders auf die Stimme ihrer Mutter signifikante Reaktionen. Weitere Versuche basieren auf der Messung der Saugrate und Zuwendungspräferenz von Neugeborenen. Verstärktes Saugen oder Hinwenden zu einer von mehreren Geräuschquellen weist auf eine deutlich erkennbare Vorliebe hin. Ferner konnte festgestellt werden, dass wenige Tage alte Babys Geschichten, die ihnen von ihren Müttern in den letzten sechs Wochen vor der Geburt wiederholt vorgelesen wurden, wieder erkennen und vor anderen, unbekannten, aber ebenfalls von der Mutter gelesenen Geschichten, bevorzugen. Die Babys signalisierten die Präferenz für die bekannte Geschichte durch verstärktes Saugverhalten, wodurch sie die Mutter zum Vorlesen der bevorzugten Geschichte motivierten. Weiters zeigte ein nach demselben Prinzip aufgebauter Versuch, dass Säuglinge bereits in den ersten Lebenstagen ihre Muttersprache von anderen Sprachen unterscheiden können. Während Babys auf unbekannte Sprachen weder positiv noch negativ reagierten, erkannten sie den Unterschied zwischen ihrer Muttersprache und einer Fremdsprache jedoch sehr wohl und drückten ihre Vorliebe für die ihnen bekannte Sprache auch durch intensives Saugen aus. Diese Versuche lassen darauf schließen, dass neugeborene Babys nicht nur die mütterliche Stimme von anderen unterscheiden können, sondern auch dazu fähig sind, sprachliche Äußerungen anhand prosodischer Merkmale, wie der Rhythmik der Spracheinheiten, der Länge der Sprachlaute und Pausen, der Satzmelodie und des Betonungsmusters, zu identifizieren und differenzieren. Außerdem wird durch diese Untersuchung deutlich, dass es ‘keine angeborene Präferenz für eine bestimmte Sprache [gibt]’ und, dass ‘[...] Babys jede Sprache lernen können, die in der Umwelt, in der sie leben, gesprochen wird.’ Die untersuchten Säuglinge konnten zwei unbekannte Sprachen nicht voneinander unterscheiden, wohl aber jene Sprache, die von ihren Bezugspersonen gesprochen wird, von einer fremden differenzieren. Grundsätzlich kann jedes Kind jede Sprache lernen. Innerhalb des ersten Lebensjahres orientiert sich das Baby an den besonderen Lautmerkmalen der Sprache seines Umfeldes und verliert nach und nach die Sensibilität für jene prosodischen Merkmale, die in seiner Muttersprache nicht vorkommen und somit für das Baby irrelevant sind. 2.1.2, Das Erkennen struktureller Einheiten: Säuglinge besitzen von Geburt an die Fähigkeit, eine Sprache anhand von Rhythmus und Melodik sowie charakteristischen Lautkontrasten zu erkennen, doch um die Sprache zu erlernen bedarf es einer Erweiterung dieser Kompetenz. Diese vollzieht sich in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres. Babys entwickeln eine erhöhte Aufmerksamkeit und Sensibilität für die phonotaktischen Muster jener Sprache, mit der sie täglich in ihrem Umfeld konfrontiert werden, und sie lernen, Wörter isoliert und innerhalb eines Redeflusses zu erkennen. SZAGUN weist darauf hin, wie schwierig es allerdings ist, diese Kompetenz zu erwerben: ‘Als Sprecher einer Sprache haben wir den Eindruck, dass einzelne Wörter klar voneinander getrennt sind. Wir hören und verstehen sie als getrennte Einheiten im Satz. Eine Spektogrammanalyse gesprochener Sprache offenbart allerdings, dass einzelne Wörter oft nicht so klar voneinander gesprochen werden. Häufig machen wir keine Pause zwischen einzelnen Wörtern, oder wir machen eine Pause in einem Wort‘. Babys, die ihre Muttersprache noch nicht beherrschen, können sich demnach nicht an der Sprachrhythmik, der Länge von Gesprochenem und dazwischenliegenden Pausen orientieren, um einzelne Wörter und Wortfolgen auszumachen und sich diese später auch zu merken, sie wieder zu erkennen, nachzuahmen, nachzusprechen und letztendlich auch ihre Bedeutung zu erfassen. Aus diesem Grund sind andere Anhaltspunkte notwendig, um die Einheiten und Strukturen gesprochener Sprache wahrzunehmen und zu identifizieren. Dies stellt im späteren Verlauf der Sprachentwicklung die Basis für die ersten, aktiven Sprechversuche von Kindern dar. Diese Anhaltspunkte sind charakteristische Regelhaftigkeiten einer Sprache, wie etwa bestimmte Lautkombinationen, die mit sehr großer Wahrscheinlichkeit am Anfang oder Ende von Wörtern vorkommen. Eine derartige, für die deutsche Sprache typische Lautkombination ist zum Beispiel ['?pr]. Sie steht, wie beispielsweise im Verb sprechen, immer am Anfang eines Wortes, nie aber am Ende. Babys registrieren diese signifikanten, in ihrem Umfeld gesprochenen, häufig vorkommenden Lautkombinationen, prägen sie sich nach oftmaligem Hören ein und erkennen Wörter schließlich auch außerhalb des Redeflusses isoliert wieder. Babys werden, wie in Versuchen festgestellt wurde, in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres sensibel für die Strukturen ihrer Muttersprache und hören dieser lieber zu als fremden Sprachen, an deren Regelhaftigkeiten sie nicht gewöhnt sind. Obwohl Babys Wörter speichern und wieder erkennen, haben diese für sie noch keine lexikalische Bedeutung. Allerdings sind sie bereits im Alter von fünf Monaten dazu in der Lage, die im Gesprochenen transportierten Emotionen, wie etwa Freude oder Wut, zu interpretieren und können auch Fragen von anderen Sätzen unterscheiden.

Über den Autor

Julia Titzer, B.Ed., ist Grundschullehrerin und Pädagogin, lebt und arbeitet in Wien.

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