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  • Empfindungsqualitäten als Wegweiser für Entscheidungen. Eine Klassifikation körperlicher Reprojektionen

Pädagogik & Soziales


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 07.2020
AuflagenNr.: 1
Seiten: 100
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Unser Leben erhält dadurch, dass wir Entscheidungen treffen, eine Richtung. Mit vielen kleinen Entscheidungen navigieren wir uns durch den Alltag und mit großen Entscheidungen stellen wir Weichen für unseren Lebensweg. Bei all diesen Entscheidungen spielt ein Phänomen eine Rolle, das sich auf der körperlichen Ebene manifestiert und hier körperliche Reprojektion genannt wurde. Es vereint bestimmte Muster von Empfindungsqualitäten, deren Besonderheit darin besteht, dass sie spezifisches zukünftiges Erleben in der Gegenwart abbilden. In dieser Eigenheit sieht der Autor den Schlüssel für situationsadäquates Entscheidungsverhalten. Die hier erstellte Klassifikation körperlicher Reprojektionen ist demgemäß ein Angebot, ein Bewusstsein für das eigene körperliche Erleben, welches im Zusammenhang mit einer zu treffenden Entscheidung auftritt, zu entwickeln und den Blick für Unterschiede zu emotionalen Qualitäten zu schärfen.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 3.2, Das Phänomen der körperlichen Reprojektion: Beachtung verdient das noch weiter zu ergründende Phänomen, dass eine handlungsvorbereitende Imagination mit Bezug auf die hier herausgearbeiteten und untersuchten Empfindungsqualitäten anscheinend nicht ausschließlich eine rein assoziative Aktivierung, z.B. im Sinne einer konditionierten Reaktionsweise, auslöst, sondern der cerebrale Verarbeitungsapparat sich vor dem Hintergrund aller situativ eingehender Informationen der im Gedächtnis gespeicherten, empfindungsmäßig vermittelten (räumlichen etc.) Vorstellungswelten bedient, um mittels dieser Erfahrungsgrundlage den Gegebenheiten der Situation in optimaler Weise begegnen zu können. Das Ergebnis eines als Spiegelung der Zukunft in die Gegenwart zu bezeichnenden Vorgangs ist die Wahrnehmung der sich einstellenden oder eben auch nicht einstellenden Körperlichkeit in der imaginativ zur Disposition gestellten Welt eines planmäßig betriebenen, optionalen Voranschreitens. Der Körper fungiert hier, so hat es den Anschein, als eine Art Projektionsfläche, die dafür sorgt, dass der Entscheider gemäß der identifizierten körperlichen Signale die Optionen einer Bewertung unterziehen kann. Die Besonderheit der Art und Weise, wie die körperlichen Signale zur Geltung kommen, liegt darin, dass die Körpersensorik das Zukunftsszenario eines sich in seiner Realisation ja erst noch zeigenden Handlungsverlaufs erlebnismäßig in der Gegenwart reprojektiv vorwegnimmt. Der bei Entscheidungsfindungen auftretende Vorgang des körperlich-empfindungsmäßigen Resonierens ist somit rückwärtsgerichtet es wird bei diesem Vorgang nicht, wie aus anderen Zusammenhängen bekannt, etwas von der Gegenwart in die Zukunft projiziert. Dementsprechend bildet als Schlüsselbegriff der Terminus reprojektiv das im Rahmen dieser Studie untersuchte körperliche Erleben optimal ab. Für das Reprojekt , welches von der Zukunft (ausgehend) in die Gegenwart geworfen (im Sinne von projiziert) wird, und das sich zu den Spezifika des ins Auge gefassten Handlungsplans verhält, bildet, wie bereits erwähnt, der Körper eine Art Projektionsfläche: Der Körper resoniert auf eine Imagination des Entscheiders mit einer den imaginativen Vorgang bestätigenden oder nicht bestätigenden körperlichen Reaktion. Das durch die Imagination angestoßene Erleben ist insofern das Produkt einer Reprojektion, als der Entscheider seinen körperlichen Signalen zufolge den Eindruck gewinnt, dass der sich erst in Zukunft vollziehende Handlungsakt sich bereits empfindungsmäßig zum gegenwärtigen Zeitpunkt ereignet hat bzw. fehlgeschlagen ist (vgl. hierzu auch Kap. 4.5). Den für die Option, einen (als frei angenommenen) Platz zu besetzten und auszufüllen, typischen Sensationen wie dem Empfinden von voll / (aus-)gefüllt / Fülle (gepaart mit ausreichend Spiel ) im Gegensatz zu leer / unausgefüllt (gepaart mit [physisch] eng ) kann dementsprechend zugebilligt werden, dass sie mit ihrem, einen der beiden Pole bedienenden Gehalt die mögliche oder unmögliche Inbesitznahme von etwas auf der körperlichen Ebene ganzheitlich vorwegnehmen. So gesehen werden mittels der Imagination als initiale Kognition über die Körperlichkeit bzw. die sich auf der körperlichen Ebene ausdrückende sinnesphysiologische Aktivität die mit dem Handlungsvorhaben kompatiblen oder andernfalls nicht kompatiblen Gegebenheiten der aktuellen Situation sowie ihre, die Gegebenheiten verändernde Dynamik sichtbar gemacht. Vor dem Hintergrund der obigen Ausführungen erscheint es folgerichtig, den sich als körperliche Reprojektionen darstellenden Gefühls- und Empfindungsqualitäten bei der Navigierung auf dem Markt der Möglichkeiten eine weg- und richtungsweisende Bedeutung beizumessen. 3.3, Eigenständigkeit der körperlichen Reprojektion: Ein anderer Punkt, über den es lohnenswert erscheint zu reflektieren, betrifft die Frage, ob es sich bei den Körpersensationen als einem auf eine mutmaßliche Reprojektion zurückgehenden Sachverhalt um eine eigenständige Erlebenskategorie handelt, die sich sowohl von dem, was in der Literatur üblicherweise unter Emotionen verstanden wird (s. Otto, Euler & Mandl, 2000), als auch von dem, was der Autor seinen Untersuchungen zufolge unter dem Begriff Gefühl versteht, abgrenzen lässt. Nimmt man Forschungsergebnisse zu zentralen Fragestellungen der Emotionspsychologie in den Blick, dann erfährt man, dass folgende voneinander abgrenzbare und deshalb unterscheidbare Zustände als Grundemotionen (Plutchik, 1980) ausgewiesen werden: Furcht/Schreck, Ärger/Wut, Freude, Traurigkeit/Kummer, Vertrauen, Ekel, Erwartung, Überraschung. Zwar korrelieren diese mit einer physiologischen Komponente, und es finden sich je nach Grundemotion typische physiologische Muster (s. Pennebaker, 1982), die auch körperlich wahrnehmbar sind, aber der essenzielle Unterschied zu den hier herausgearbeiteten Körpersensationen im Kontext von Entscheidungssituationen besteht darin, dass letztere kein Korrelat einer emotionalen Reaktion sind, sondern das sich auf der körperlichen Ebene manifestierende Produkt sinnesphysiologischer Aktivität selbst – angeschlossen an die handlungsbezogene imaginative Aktivität. Auf der Basis einer nun folgenden Gegenüberstellung soll der Frage nach der Plausibilität der soeben in den Raum gestellten These von der kategorialen Eigenständigkeit der Phänomene Emotion, körperliche Reprojektion und Gefühl argumentativ weiter nachgegangen werden: Emotion. Für die Erläuterungen bezogen auf die Emotionen wird hier die Angst-Emotion exemplarisch ausgewählt. Zu der Angst-Emotion lässt sich anführen, dass die – die kognitive Komponente darstellende – Antizipation, z.B. in einer Prüfung zu versagen und durchzufallen, mit körperlich-physiologischen Reaktionen wie Schwitzen, Herzklopfen, erhöhter Hautleitfähigkeit etc. (physiologische Komponente) verbunden ist. Die Angst-Emotion findet darüber hinaus ihren sprachlichen Ausdruck in be- oder umschreibenden Äußerungen, die nicht selten in bildhafter Weise (vgl. Lakoff & Johnson, 1980) einen vom Soll abweichenden, zumeist an einer bestimmten Stelle im oder am Körper zu lokalisierenden Zustand zu erfassen suchen. Solche Versprachlichungen typischer mit Ängsten einhergehender Körperempfindungen lauten z.B.: Druck in/auf der Brust , das Herz schlägt bis zum Hals , zugeschnürte Kehle , weiche Knie , Harndrang . Die Be- oder Umschreibungen einer mit einer Angst-Emotion einhergehenden Körperempfindung sind offenkundig also nichts anderes, als die sprachliche Erfassung der sich körperlich ausdrückenden Angst-Symptome. Die Entstehung von Ängsten und der für Ängste typischen Symptome basiert lerntheoretischen Betrachtungsweisen zufolge (vgl. Euler, 1983) hauptsächlich auf Konditionierungsprozessen. Gehört ein konkreter, z.B. operanter Konditionierungsvorgang erst einmal zu den Lernerfahrungen eines Individuums, geht bereits von dem Gedanken, ein entsprechendes Szenario mit potenziell negativen Konsequenzen zu durchlaufen, eine Angst auslösende Wirkung aus. Aufgrund der mechanistischen Weise, in der Ängste allein durch die Aktivierung konditionierter Gedächtnisinhalte erzeugt werden können, erscheint es angebracht, den für die Angst-Entstehung verantwortlichen prozessualen Vorgang als ein potenziell nach außen abgeschlossenes System zu bezeichnen. Entsprechend wird hier die Anschauung vertreten, dass konditionierte emotionale Reaktionsweisen in der Regel das Produkt eines in sich geschlossenen Systems sind. Die Tatsache, dass Ängste oft irrational sind und als Folge habituierter, z.B. katastrophierender Denkmuster auch ohne Realitätsbezug auftreten bzw. auftreten können, unterstreicht den Eindruck einer potenziellen Geschlossenheit nach außen.

Über den Autor

Dr. Bernt-Michael Hellberg wurde 1967 in Hannover geboren. Bereits während seines Studiums der Psychologie, Germanistik und Philosophie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster legte er einen Studienschwerpunkt auf das Themenfeld der Emotionen, Affekte und Gefühle und spezialisierte sich auf deren Rolle bei Entscheidungen. Im Rahmen seiner Promotion führte der Autor eine qualitative Untersuchung zu Entscheidungsfindungsprozessen bei der Berufswahl durch und entwickelte ein kognitiv-emotionales Prozessmodell. Beruflich hat der Autor als Mitarbeiter in der Zentralen Studienberatung und im Career Service der Universität Bielefeld täglich mit Studierenden zu tun, die hinsichtlich ihrer persönlichen Entscheidungsanliegen Unterstützung in der Beratung suchen. Die vorliegende Arbeit mit dem Titel Körperempfindungen als Wegweiser für Entscheidungen zeichnet sich aus durch die Verbindung aus einem langjährigen wissenschaftlichen Interesse des Autors an dem Thema Entscheidungen und seinen vielfältigen Praxiserfahrungen im Berufsfeld der Beratung.

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