Suche

» erweiterte Suche » Sitemap

  • Sie befinden sich:
  • Fachbücher
  • »
  • Pädagogik & Soziales
  • »
  • Fahrlehrerausbildung kritisch betrachtet! Welchen Stellenwert haben lebenslanges Lernen und bestehende Lerntheorien?

Pädagogik & Soziales


» Bild vergrößern
» Blick ins Buch
» weitere Bücher zum Thema


» Buch empfehlen
» Buch bewerten
Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 10.2013
AuflagenNr.: 1
Seiten: 72
Abb.: 6
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Immer wieder werden die gesetzlichen Bestimmungen im Bereich des Fahrerlaubniswesens reformiert. Mit der Umsetzung der zweiten EU-Führerscheinrichtlinie im Jahr 1999 fand ebenfalls eine Reformierung der Fahrlehrerausbildung statt, bei der die inhaltlichen Schwerpunkte von der Technik hin zur Pädagogik gewendet wurden. In diesem Zusammenhang befasst sich die vorliegende Arbeit, vor dem Hintergrund der erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisse, mit der Umsetzbarkeit bestehender Lerntheorien im alltäglichen Praxisbezug und widmet sich als praktischen Anwendungsbezug der Thematik der Fahrlehrerausbildung. Die Fragestellung, inwiefern die bestehenden Lernansätze und Lerntheorien in der Ausbildung Anwendung finden, steht hierbei im Fokus.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 5, Lerntheorien: Die wesentlichen Lerntheorien lassen sich in zwei Kategorien unterteilen. Die eine ist der Objektivismus, eine Erkenntnistheorie, die von dem Vorhandensein eines richtigen und verlässlichen Wissens in der Welt ausgeht und damit aussagt, dass die Welt eindeutig strukturiert vorgegeben existiert. Die andere Kategorie ist der Subjektivismus, jene Erkenntnistheorie, die entgegengesetzt zum Objektivismus von individueller Meinungsbildung und damit relativen Weltbildern ausgeht und aussagt, dass jedes Subjekt die Welt auf seine eigene Weise wahrnimmt. Es gibt dementsprechend keine Eindeutigkeit, keine Strukturiertheit und keine Wirklichkeit. Die Lerntheorie des Behaviorismus gehört zu den traditionellen Ansätzen und ist dem Objektivismus zuzuordnen. Das Wissen wird hier als feste und verlässliche Größe angesehen, welches die Lernenden aufzunehmen haben. Auf die dem Menschen präsentierten Reize erfolgen Reaktionen, die als beobachtbares Verhalten zum Gegenstand dieser Wissenschaft werden. Die inneren Prozesse werden bewusst in diesem verhaltensorientierten Theorieansatz ausgeblendet, Lernziele beschränken sich auf richtiges Verhalten und richtige Antworten, welche durch Konditionierung erreicht werden. Der Kognitivismus ist eine dem Behaviorismus nachfolgende Lerntheorie, die noch eindeutige Züge des Objektivismus beinhaltet, aber auch bereits deutliche Züge des Subjektivismus trägt. Hierbei geht es nicht mehr nur um eine passive Wissensaufnahme, vielmehr um die individuelle Verarbeitung von Informationen. Lernprozesse sind nicht mehr eine Reiz-Reaktions-Folge, sondern kognitive Erkenntnisleistungen. Die nichtbeobachtbaren inneren Prozesse, die zwischen Reiz und Reaktion liegen, dominieren diesen Theorieansatz. Die Steigerung dieser Lerntheorie findet sich im Konstruktivismus, ein Ansatz der eindeutig dem Subjektivismus zuzuordnen ist und von der Wahrnehmung der Welt als Prozess der Konstruktion ausgeht. Jeder konstruiert sich seine eigene Welt, geprägt und geformt durch seine individuellen Erfahrungen und Kenntnisse. Lernprozesse basieren nicht mehr wie im Kognitivismus auf der Verarbeitung von Informationen, sondern auf aktiven, individuellen und selbstgesteuerten Prozessen der Wissenskonstruktion. Jeder dieser drei Theorieansätze, besonders aber der Konstruktivismus, ist so umfangreich, dass eine ausführliche Darstellung und Erörterung den Umfang der Arbeit deutlich übersteigen würde. Daher soll in diesem Kapitel ein grundlegender Überblick über diese drei, in ihrem Ansatz sehr unterschiedlichen, klassischen Lerntheorien gegeben werden, um die für die Fahrlehrerausbildung bedeutsamen Aspekte zu beleuchten. 5.1, Der Behaviorismus: Die Gründung des Behaviorismus ist auf den amerikanischen Professor für Psychologie John B. Watson im Jahr 1913 zurück zu führen, der menschliches Verhalten auf alle von außen beobachtbaren Reaktionen beschränkte, um diese dann ‘mit den üblichen Methoden experimenteller Wissenschaften’ untersuchen zu können. ‘Warum machen wir nicht das, was wir beobachten können, zum eigentlichen Gebiet der Psychologie? Wir wollen uns auf Dinge beschränken, die beobachtbar sind...’ Es wurden bewusst das Unerklärliche und die inneren Prozesse ausgeklammert, die dann als ‚black-box’ undefiniert und unbeachtet blieben. ‘[Die Behavioristen] verbannten konsequent Phänomene des Bewusstseins und erst recht die des Unbewusstseins aus ihrem Forschungsprogramm und ihren Erklärungen menschlichen Verhaltens.’ Es interessierte nur, was vorne reingeht (Reiz) und was hinten wieder raus kommt (Reaktion). Die leitende Frage war: ‘Kann ich den Verhaltensausschnitt, den ich wahrnehme, in den Begriffen »Reiz und Reaktion« beschreiben?’ Dabei besteht das Verhalten der Menschen aus fünf verschiedenen Mustern: motorisches Verhalten, welches sich in Bewegungen und Aktionen verkörpert kognitives Verhalten, das sich auf Gedanken und Denkprozesse bezieht emotionales Verhalten, in dem Gefühlsregungen sichtbar werden physiologisches Verhalten, das auf den physischen Veränderungen im Körper basiert motorisches (End-) Verhalten, welches in einer nach außen sichtbaren Reaktion, alle anderen Verhaltensformen verarbeitet. Jedoch finden nur die beobachtbaren Verhaltensweisen und Reaktionen Beachtung bei den Behavioristen. Darüber hinaus ‘behauptet der Behaviorist, dass es zu jedem wirksamen Reiz eine Reaktion, und zwar eine unmittelbare Reaktion gibt.’ Die gezeigten Reaktionen werden in gelernte und ungelernte Reaktionen unterschieden. So sind Reaktionen wie Atmen, Herzschlag, Verengung der Pupillen bei Blendung ungelernte Reaktionen, die dem Mensch (und auch den Tieren) angeboren sind. Es gibt zum Beispiel nur zwei angeborene Furchtreaktionen beim Menschen: laute Geräusche und Haltverlust, die Angst, Furcht oder Erschrecken auslösen. Alle anderen Reaktionen die Furcht und Angst verkörpern sind werden im Laufe der menschlichen Entwicklung in verschiedenen Situationen erworben und gelernt. Unkonditionierte Reiz-Reaktions-Zusammenhänge beziehen sich auf die ungelernten, also angeborenen Verhaltensweisen der Menschen. (Berühren wir mit der Hand ein heißes Bügeleisen, ziehen wir im Reflex die Hand zurück.) Demgegenüber stehen die gelernten und somit konditionierten Reaktionen. 5.1.1, Klassische Konditionierung: Die Theorie der klassischen Konditionierung geht auf den russischen Physiologen und Mediziner Iwan Pawlow zurück. Er untersuchte das Verdauungsverhalten bei Hunden und stellte dabei fest, dass neutrale Reize den Speichelfluss beeinflussten. Dieser Beobachtung folgend entwickelte er die Systematik der Konditionierung. Dabei wird ein anfänglich neutraler Stimulus mit einem, eine angeborene Reaktion auslösendem Reiz gekoppelt, so dass dieser einst neutrale Reiz nach mehrfacher Wiederholung dann alleine die arteigene Reaktion auslösen kann. So setzen Tiere zum Beispiel die bei der Futtergabe entstehenden Geräusche (akustische Reize), etwa das Öffnen der Futterdose, oder das Aufschließen des Vorratsschrankes, in die entsprechenden angeborenen Reaktionen, wie zum Beispiel Speichelfluss um, ohne dass ihnen Futter dargeboten wird. Solche Konditionierungsprozesse erfolgen aber nicht nur bei Tiere: John B. Watson konditionierte ein Kleinkind zu ängstlichem Verhalten gegenüber einer Ratte. Die Grundüberlegung bestand darin, dass nur laute Geräusche und Haltverlust ungelernt Angst auslösen. Einem Kleinkind wurde eine weiße Ratte gegenüber gesetzt. Es reagierte nicht ängstlich, sondern erfreut und interessiert. Danach wurde die Darbietung der Ratte mit einem lauten Hammerschlag auf ein Metallrohr gekoppelt. Das laute Geräusch verursachte Angstgefühl und Schrecken bei dem Kind. Da dieses Geräusch mehrfach gleichzeitig mit dem Erscheinen der Ratte erfolgte, zeigte sich das Kind später beim alleinigen Anblick der Ratte erschrocken. Der Hammerschlag war ein unkonditionierter Stimulus, auf den das Kind aus einem angeborenem Verhalten heraus furchtsam reagierte. Die Ratte dagegen war zu Beginn ein neutraler Stimulus, der aber durch die Koppelung mit dem Hammerschlag zu einem konditionierten Stimulus wurde und so als Reaktion ‚Angst’ auslöste. Klassische Konditionierungsprozesse können aber auch zufällig und inzidentell entstehen. Ein Beispiel aus dem Praxisbereich der Fahrschulausbildung: Der Fahrlehrer zeigte mit dem Finger immer in die Richtung, in welche die Fahrschülerin in den entsprechenden Situationen den Schulterblick machen sollte und kommentierte dieses zum Beispiel mit »Denk an den Schulterblick!« In der Prüfungsfahrt hob der Fahrlehrer die rechte Hand um sich an dem Griff im Deckenbereich des Fahrzeugs festzuhalten und obwohl die Fahrt geradeaus ging, machte die Fahrschülerin, durch die seitlich nach oben bewegte Hand ausgelöst, einen Schulterblick nach rechts. Es lässt sich zu der klassischen Konditionierung jedoch sagen, dass die Verbindung mehrerer Reize aber immer über eine längere Zeit hinweg erfolgen muss, um eine Konditionierung hervorzurufen. ‘Wie schon beschrieben, resultiert das Lernen in dieser Situation aus der Paarung von Reizen über eine Reihe von Versuchsdurchgängen hinweg.’ Die Werbewirksamkeit vieler Produkte bedient sich dem Effekt der klassischen Konditionierung. So werden positive Emotionen, ausgelöst durch angenehme Bilder oder Musik mit Produkten und Herstellern gekoppelt, so dass hinter einem Waschmittel nicht mehr bloß die saubere Wäsche, sondern auch Empfindungen wie Unbeschwertheit, Sex-Appeal, oder Freiheit als konditionierte Reaktionen erfolgen. Die im TV dargebotenen Bilder und Gefühle werden im Supermarkt mit dem Produktnamen automatisch assoziiert, die konditionierten Empfindungen verleiten zum Kauf des Produktes. Ein so bedingtes Konditionierungsmuster ließe sich im schulischen Kontext umsetzen, wenn ein neutrales, vielleicht sogar langweiliges Unterrichtsfach durch die lustige, spannende und abwechslungsreiche Gestaltung der Lehrkraft an Attraktivität gewinnt. Die positiven Emotionen die der Pädagoge überträgt, werden mit den Eigenschaften des Unterrichtsfachs gekoppelt, bis dieses Unterrichtsfach alleine positive Gefühle und damit gesteigertes Interesse und Lernmotivation erzeugt. Allerdings werden solche klassischen Konditionierungsprozesse weitaus seltener in pädagogischen Kontexten zu etablieren sein, wie die operante Konditionierung.

Über den Autor

Harry Kirchwehm wurde 1977 in Recklinghausen geboren. Die Ausbildung zum Fahrlehrer absolvierte er bei der Bundeswehr und bildete sich in diesem Metier weiter, um nach Beendigung der Bundeswehr als Honorardozent in der Fahrlehrerausbildung und Fahrlehrerweiterbildung tätig zu sein. Als Fahrlehrer aller Klassen und mit dem angeschlossenen Studium der Erziehungswissenschaften, ist er befähigt, zwei der vier Fachbereiche und somit weit mehr als zweidrittel der in der Ausbildung zum Fahrlehrer vorgeschriebenen Inhalte abzudecken. Aufgrund der Tätigkeit in diesem Arbeitsfeld stieß der Autor sowohl auf strukturelle Probleme als auch auf pädagogische Defizite, weshalb er sich dazu entschloss, sich kritisch mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. Mittlerweile ist er nicht mehr in der Fahrlehrerausbildung tätig und richtet seine Tätigkeit auf die Zielgruppe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus.

weitere Bücher zum Thema

Bewerten und kommentieren

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichenten Felder aus.