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Pädagogik & Soziales

Johannes Balke

Genderspezifische Gesundheitsförderung für Männer

Konzeptionelle Grundlagen für die Praxis

ISBN: 978-3-8366-7973-2

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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 08.2009
AuflagenNr.: 1
Seiten: 104
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Die geringere Lebenserwartung von Männern im Vergleich zu Frauen ist in den Gesundheitswissenschaften und auch in der Öffentlichkeit bekannt. Gleichwohl werden die Hintergründe dafür eher selten diskutiert. Die Gesundheit des scheinbaren Normalfalls Mann wird recht wenig reflektiert im Vergleich zu der Gesundheit von Frauen, die schon lange in der Frauenforschung thematisiert wird. Natürlich gibt es medizinische Forschung zu den verschiedensten Aspekten männlicher Körper, aber die für Gesundheitswissenschaften unverzichtbare Sicht auf die sozialen und psychischen Aspekte der Gesundheit von Männern bedarf vertiefender Analyse. Es erscheint für die Gesundheitsförderung wenig produktiv, sich damit zu begnügen, festzustellen, dass Männer eben so seien wie sie sind mit einem im Vergleich zu Frauen oft ungünstigeren Gesundheitsverhalten. Männliches Verhalten ist analysierbar Männer haben ein soziales Geschlecht und es gibt einen Zusammenhang von Geschlechtlichkeit und Sozialität der Männer mit ihrer Gesundheit. Um sich diesem Thema zu nähern, werden in diesem Buch epidemiologische Erkenntnisse besprochen. Es werden unter Bezugnahme auf Autoren wie Bourdieu, Connell und Böhnisch Konzepte von Männlichkeit in ihrem Zusammenhang mit Gesundheit diskutiert und Thesen zu diesem Zusammenhang formuliert. Konsequenzen für eine genderspezifische Gesundheitsförderung und einzelne Gesundheitsförderungsprojekte für Männer werden abschließend erörtert. Zielvorstellung ist eine Gesundheitsförderung für Männer, die nicht in einer Gesundheitsmoral von gutem und schlechten Gesundheitsverhalten erstarrt, sondern soziale Lebenslagen und soziales Geschlecht von Männern reflektiert.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 3.4, Gesundheitsressourcen und Potenziale von Männern: Will H. Courtenay weist auf Aspekte von Männlichkeit hin, die förderlich für die Gesundheit sind: Although traditional masculinity – in general – is associated with increased health risks, there are certain masculine-identified characteristics that have been found to be highly adaptive for men (and women). These characteristics include having the ability to act independently, to be assertive, and to be decisive (...). Reliance on some specific masculine characteristics such as these have been found to help enable men to cope with cancer (...) and chronic illness (...) . Selbstständigkeit, Entscheidungsfähigkeit und Selbstvertrauen werden also als förderlich angesehen – sie erscheinen als die positiven Seiten eines männlich konnotiertem Strebens nach Unabhängigkeit und Kontrollfähigkeit (siehe Abschnitt 3.2.2). Ähnliches gilt für die bei Männern geringere Neigung zur als problematisch anzusehenden Medikalisierung und Pathologisierung. Positiv wird auch die Neigung zum Sport thematisiert: Das An-die-Grenzen-gehen, das Kräftemessen und die eigene Kraft spüren, die Fähigkeit, Spannungen über Bewegung abzubauen, das sind Qualitäten, die vielen Mädchen und Frauen zu wünschen wären. Die Autorinnen erwähnen hier nicht nur die physischen Effekte von Sport (siehe Abschnitt 2.7), sondern auch den positiven Einfluss auf die psychische Ausgeglichenheit. Ressourcen gelten oft als männlich oder weiblich , können aber natürlich auch beim jeweils anderen Geschlecht vorhanden sein. Entsprechend weist die Gesundheitspsychologin M. Sieverding auf den Zusammenhang von männlich geltenden Eigenschaften und psychischer Gesundheit hin, was aber nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen zutreffe. Ähnliche Zusammenhänge sieht auch A. Vosshagen bei alkoholkranken Männern, die ihre Sucht bekämpfen konnten. Diese Männer zeichneten sich gegenüber anderen, noch am Anfang ihrer Therapie stehenden Alkoholkranken dadurch aus, dass sie bei männlichen Eigenschaften wie Selbstbehauptung und Aufgabenorientierung dazugewonnen hatten. Sie hatten aber gleichzeitig auch bei weiblichen Eigenschaften wie Empathie und emotionalem Ausdruck dazugewonnen. Im Abschnitt 3.3. wurde schon gesagt, dass Jugendliche sich weniger geschlechterstereotyp verhalten als junge Erwachsene. Sie werden in ihrem Gesundheitsverhalten von Erwachsenen vielleicht unterschätzt. Winter und Neubauer berichten aus einer qualitativen Studie, dass viele Jungen gesund leben und gut über körperbezogene Themen sprechen und reflektieren können. Reduzierende Zuschreibungen, spektakuläre Statitstikauslegungen (...) führen genauso in die Irre wie Glorifizierung von Jungen und Jungsein . Da das Aussehen für Jungen wichtig ist, kann es auch eine Quelle von Verletzlichkeit sein, wenn man zu dick ist. Aber auch Bodybuilder-Figuren waren für die befragten Jungen keineswegs attraktiv. Es kommt hier auf die Balance an. Jungen dürfen den Körper nicht vernachlässigen, ihn aber auch nicht zu wichtig nehmen das Aussehen wird von der sozialen Umwelt selbstverständlich wahrgenommen, es darf aber nicht zu stark betont werden ... . Jungen fühlen eine allgemeine Erwartung, fit sein zu müssen, es ist ihnen selbstverständlich, möglichst gesund und fit aufzutreten. Gesunde Ernährung ist für sie wichtig, sicher auch wegen der Sorge, nicht dick sein zu wollen. Sorgen um die eigene Gesundheit rufen bei vielen Jugendlichen aktives Bewältigungsverhalten hervor Raucher puffern diese Sorge mit gesunden Aktivitäten ab. Gesundheit und Gesundheitsverhalten sind zwar für die Jugendlichen wichtige Themen, aber Sport bedeutet für sie eher Spaß und Geselligkeit als Gesundheit – dies zeigt, dass gesundes Verhalten zum Glück oft nicht durch eine Gesundheitsmoral induziert ist. Der Spaß an der sportlichen Betätigung ist für Jungen und Männer eine bedeutsame Ressource. Leistungsfähigkeit, das Mithalten-können und Konkurrenzstreben, die durch sie spielerisch aktiviert werden, zeigen hier positive Effekte, trotz der Verletzungsrisiken, die der Sport mit sich bringt. Der Aspekt von Spaß und Geselligkeit weist über einen rein instrumentellen Gebrauch des Körpers, wie im Abschnitt 3.2.1 von Brandes für erwachsene Männer beschrieben, hinaus. Winter und Neubauer beobachten in den Interviews bei vielen Jugendlichen das Streben nach Balance, etwa Balance zwischen etwas tun und zuviel tun . Das Motiv der Balance taucht bei ihnen in dem bereits im Abschnitt 3.1.5 erwähnten pädagogischen Variablenmodell balanciertes Junge- und Mannsein wieder auf und es wird uns im Kapitel 4 in der Besprechung des Ansatzes Balancierte Männergesundheit wieder begegnen. Ralf Ruhl stellt in einem Aufsatz über Männer als Väter auf Grund einer Lektüre von entsprechenden Ermahnungen aus dem Internet für (werdende) Väter fest, dass sie in der Hauptsache als Risikofaktor für die Gesundheit des Kindes wahrgenommen werden , während ihre spezifischen Situation als Vater kaum Beachtung findet. Nach der Schilderung dieser Defizite im Umgang mit den Vätern kommt er auf positive Aspekte der Vaterschaft zu sprechen: Viele Väter berichten, dass sie mehr auf die Ernährung achten, seit das Kind da ist. Sie kaufen mehr ökologische Produkte (...) und räumen gesundem Essen im Familienbudget einen größeren Platz ein . Und weiter: Wenn Neue Väter tatsächlich ihr Leben umkrempeln, mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen und auch mehr Zeit für die Pflege aufbringen, haben ihre Kinder gute Chancen. Sie haben gemeinsame Rituale (...), sie haben Spaß in der Badewanne und juchzen vor Vergnügen beim Trockenrubbeln und Einölen. Für sie ist es selbstverständlich, dass Papa sie aus dem Bett holt, wenn sie weinen, Fieber misst, mit ihnen zum Arzt geht und sie tröstet. Kinder lernen so, dass Körperpflege, Gesundheit und Vorsorge nicht nur Sache der Frauen ist, sondern dass auch Männer sie ernstnehmen. Jungen fällt es leichter, Gesundheitsaspekte ins männliche Selbstbild zu integrieren, wenn sie sehen, dass und wie Papa das macht und dass sie da etwas gemeinsam haben (...) Insofern muss Mama mitspielen, die Zahnputzkompetenz wirklich an Papa abgeben und nicht kontrollieren, ob er es denn auch richtig gemacht hat. Denn das hieße wieder: Gesundheit ist Frauensache . Ruhl beschreibt hier nichts weniger als die Dekonstruktion eines externalisierenden, körperfernen Mannseins – aus einer ganz alltäglichen Perspektive (daher sei die Länge des Zitats erlaubt). Ähnliches beschreibt Connell, wenn er auf Kinderpflege zu sprechen kommt. Um die darin liegenden Ressourcen für Gesundheit zu fördern, bedarf es auch gesellschaftlicher Anstrengungen, Väter in dem Bestreben zu stärken, ein nahes Verhältnis mit ihren Kindern zu leben. Dies verweist auf die gesellschaftlichen Aspekte von genderspezifischer Gesundheitsförderung (siehe Abschnitt 4.2). Es kann nicht allein dem Bewusstsein, den sozialen Ressourcen und auch der Durchsetzungsfähigkeit gegenüber dem Arbeitgeber der oft aus der Mittelschicht stammenden Neuen Väter überlassen bleiben, hier vorhandene Potenziale zu verwirklichen. Wir haben nun als Schlusspunkt der genderspezifischen Bedingungen für die Gesundheit von Männern die Ressourcen und Potenziale von Jungen und Männern beleuchtet, als Ansatzpunkte für eine genderspezifische Förderung der Gesundheit. Im Folgenden werden die genderspezifischen Bedingungen für Gesundheit von Männern, die in diesem Kapitel genannt wurden, noch einmal kurz als Thesen zusammengefasst.

Über den Autor

Johannes Balke, Gesundheitswissenschaftler und Sprachtherapeut, studierte an der Hochschule Magdeburg Angewandte Gesundheitswissenschaften mit Bachelor-Abschluss im Jahr 2008. Er ist derzeit tätig als Logopäde und nimmt am Masterstudiengang Gesundheitsförderung und -management in Europa in Magdeburg teil.

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