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Pädagogik & Soziales


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 10.2019
AuflagenNr.: 1
Seiten: 80
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Häusliche Gewalt ist eine gesellschaftliche Realität, von der in Deutschland etwa jede vierte Frau betroffen ist. Dies ist dank jahrzehntelanger Arbeit von Frauenschutzbewegung weitestgehend bekannt. Dass auch Männer von Gewalt in Partnerschaften betroffen sind, und dies in einem quantitativ vergleichbar hohen Maße, ist gesellschaftlich dagegen weitaus weniger präsent. Dies liegt unter anderen an unseren erlernten Geschlechtervorstellungen. Männer gelten als stark und wehrhaft, werden folglich als Täter von Gewalt wahrgenommen und sind als Opfer von Frauen nur schwer vorstellbar. Das kulturelle Paradox männlicher Verletzlichkeit hat für die Betroffenen Konsequenzen, wie sie ihr Gewaltwiderfahren bewältigen können und welche Angebote die Soziale Arbeit ihnen dazu bereitstellt. Das Buch gibt einen ausführlichen Überblick über den aktuellen Forschungsstand männlicher Gewaltbetroffenheit in Partnerschaften und beschreibt, welche Strategien der Bewältigung von Männern aufgegriffen werden. Zudem wird über die Darstellung theoretischer Männlichkeitskonzepte erklärt, wie diese gesellschaftlich vorherrschenden Männerbilder auf die Bewältigung des Gewalterlebens Einfluss nehmen. Daraus ergeben sich Empfehlungen für die Soziale Arbeit, welche abschließend im Buch zusammengefasst werden.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 4.1 Theoretische Modelle von Männlichkeit: In Bezugnahme auf die Erkenntnisse der Frauenforschung entwickelte sich zunächst von England ausgehend ab den 90er Jahren auch im deutschsprachigen Bereich eine Männlichkeitsforschung, die sich als geschlechtskritische Perspektive in der Erforschung von Männern und Männlichkeit beschreiben lässt (Budde, 2007, S.6). Diese beschäftigt sich mit geschlechtskritischen Analysen der sozial hergestellten und hierarchischen Strukturen der heteronormativen Geschlechterordnung (ebd.). Ihnen ist das Konzept des männlichen Habitus von Pierre Bourdieu (2005) sowie das der hegemonialen Männlichkeit von Raewyn Connell (2015) zuzuordnen. 4.1.1 Männlicher Habitus (Bourdieu): Der französische Sozialwissenschaftler Bourdieu entwickelte das Konzept des Habitus zunächst zur soziologischen Analyse von Klassenverhältnissen (Meuser, 2016, S. 221). Dabei beschreibt er, wie über Sozialisationsprozesse eine prägende Grundhaltung in der Entwicklung einer Persönlichkeit erworben wird. Diese beeinflusst das weitere Denken, Wahrnehmen und Handeln eines Menschen in seiner sozialen Rolle entscheidend und offenbaren sich folglich im gesamten Lebensstil, den Bourdieu Habitus nennt (Zimmermann, 2003, S. 56). Der erworbene Habitus ermöglicht ein verinnerlichtes, situations- und positionsangemessenes Verhalten (Budde, 2007, S. 11). Unter dem Habitus versteht Brandes (2001) die einverleibten Werte, die durch körpernahe Interaktion in einer bestimmten Umgebung unvermeidbar angeeignet wurden und sich umfassend im individuellen Auftreten zeigen (S. 40). Der gesamte Lebensstil eines Menschen, vom Geschmack über Kleidungsstil bis hin zu den Werten und Normen, ist im Prozess der Sozialisation eine Anpassung an orientierungsgebende, soziale Gruppen (Zimmermann, 2003, S. 56). Später überträgt Bourdieu (1997) den Habitus als Analyseinstrument, um die männliche Herrschaft im Geschlechterverhältnis sowie die Entwicklung eines männlichen Habitus zu beschreiben (S. 158, 203). Der männliche Habitus nach Bourdieu ist also zugleich Prozess und Produkt einer geschlechterbezogenen Sozialisation (Faulstich-Wieland, 2008, S. 240). Diesem männlichen Habitus liegt eine zweigeschlechtliche, konstruierte Einteilung der Gesellschaft zu Grunde, die unter männlicher Dominanz steht und sich immanent in der gesamten sozialen Umwelt, Gegenständen, Texten, Redewendungen, Räumen, Symbolen, Körpern und Praktiken der Menschen ausdrückt (ebd., S. 159). Folge einer geschlechtsspezifischen Sozialisation ist ein dem Körper eingeschriebener, geschlechtsspezifischer Habitus (Neuber, 2009, S. 33). Der männliche Habitus bildet die Basis für das, was gesellschaftlich als `männlich` verstanden wird. Er grenzt sich vom vermeintlich weiblichen ab und wird sichtbar im sozialen Handeln, in Körperhaltungen, Sprache und sexuellen Orientierungen (Brandes, 2001, S. 7). Nach Brandes (2002) ist der männliche Habitus als eine verkörperte Praxis der geschlechtsspezifischen Jugendsozialisation zu verstehen (S. 76). Die permanente, in der Regel jedoch meist unbewusste Zuordnung von Verhalten, Symbolen und Aufgaben zu den Geschlechtern ist unabwendbar in unserem Denken und bestimmt damit unsere Wahrnehmung des Alltäglichen. Auf diese Weise entstehen Klassifizierungen und Hierarchien, in denen Männer den Frauen gegenüber überlegen zu sein scheinen (Neuber, 2008, S. 34). So wirkt die soziale Welt und ihre […] konstruierten Einteilung der Geschlechter, als natürlich gegeben, evident und unabwendbar … (Bourdieu, 1997, S. 159). Diese Einteilung scheint legitim zu sein und bedarf keiner Rechtfertigung (ebd., S. 158,159). Auch Partnerschaftsbeziehungen werden in der Struktur männlicher Herrschaftsverhältnisse eingeordnet (Brandes, 2001, S. 45). Seiner Ansicht folgend wird der männliche Habitus unter Eindruck der beschriebenen Geschlechterhierarchie in alltäglichen Interaktionen zwischen Männern und Frauen sowie Männern und Männern hergestellt, inkorporiert und ständig reproduziert (Böhnisch, 2013, S. 53). Die Auseinandersetzungen zwischen Männern finden nach Ansicht von Bourdieu (1997) in den für Männer reservierten sozialen Räumen statt, in welchen sich die ernsten Spiele des Wettbewerbs abspielen (S. 203). Er betont damit ganz ähnlich wie Connell den männlichen Wettbewerb sowie den spezifischen homosozialen Raum, welcher der Herstellung und Aufrechterhaltung von Männlichkeit dient (Neuber, 2008, S. 34). Aus diesem Wettbewerb heraus werden die im homosozialen Raum dominierende Männlichkeit und untereinander wirkende Hierarchien produziert (Meuser, 2016, S. 222). Frauen sind von diesem Wettbewerb ausgeschlossen. Ihre Rolle besteht nach Bourdieu (1997) darin, als Zuschauerin den Männern den Spiegel vorzuhalten, die dem Mann das vergrößerte Bild seiner selbst zurückwerfen, dem er sich angleichen soll und will (S. 203).Frauen nehmen im Wettkampf demnach zunächst eine marginale, jedoch zugleich eine für die Konstitution von Männlichkeit nicht unwichtige Position ein (Meuser, 2016, S. 222). Damit gilt der Wettbewerb auch als ein Instrument des symbolischen Kampfes , über welchen primär im homosozialen Raum und sekundär auch die Frauen dominiert werden sollen (Bourdieu, 1997, S. 203). Die Konfrontation mit einer dem Mann schlagenden Partnerin bringt diesen in einen Rollenkonflikt (Lamnek et al., 2012, S. 44). Denn Frauen, welche die Rolle der Zuschauerinnen nicht annehmen und Männer im heterosozialen Wettkampf herausfordern, brechen mit der ihnen zugeschriebenen stereotypen Geschlechterrolle. Sie fordern diese in der Geschlechterhierarchie und damit in ihrer angestrebten Aufrechterhaltung der Männlichkeit heraus. Zeitgleich verträgt sich die Erwartungshaltung an den männlichen Habitus nicht mit dem Opferstatus. Von ihm wird Kontrolle und Macht verlangt (ebd.). In dieser Hilflosigkeit wirkt der Drang, sich zumindest als männlich darzustellen. Die betroffenen Männer stehen unter dem Druck, ihre Männlichkeit zu wahren. Dies aber ist mit dem Zugeständnis der männlichen Verletzlichkeit nicht möglich. Ein Ausweg ist daher das Ignorieren, Bagatellisieren oder ins Lächerliche ziehen gerader körperlicher weiblicher Gewalt: Sie wird als relativ folgenlos bzw. nicht als `richtige` Gewalt dargestellt (Lamnek et al., 2012, S. 44 f.). Böhnisch (2016) weist darauf hin, dass der männliche Habitus stets auf die individuelle Lebenslage rückbezogen werden muss, um die gesellschaftlichen Strukturen und ihre stetigen Veränderungen mitbetrachten zu können (S. 33). Daher ist der männliche Habitus nicht als etwas Eindeutiges anzusehen, vielmehr als ein Bewältigungsmuster zur Handlungsfähigkeit, dass in erforderlichen Lebenslagenkonstellationen aktiviert werden kann (ebd.).

Über den Autor

Torsten Volker wurde 1980 in Ostfildern geboren. Nach seiner Ausbildung zum Jugend- und Heimerzieher 2003 war er zunächst über 10 Jahre in der Kinder- und Jugendhilfe tätig, bevor er 2019 das Studium der Sozialen Arbeit (B.A.) an der HS Esslingen abschloss. Im Rahmen des Studiums beschäftigte er sich mit den Themen häuslicher Gewalt, Gewaltprävention und geschlechterreflexiver Sozialer Arbeit und machte im Rahmen des Praxissemesters im Beratungszentrum des Jugendamtes erste Erfahrungen mit Männern, die von Partnerschaftsgewalt betroffenen waren. Parallel zum Studium war er als Co-Trainer für Anti-Aggressivitäts-Trainings (AAT®) tätig. Die theoretischen und praktischen Erfahrungen von männlicher Gewaltbetroffenheit und dem Paradox gewaltbetroffener Männlichkeit motivierten ihn dazu, in diesem Buch die Thematiken von männlicher Gewaltbetroffenheit, Männlichkeit und deren Bewältigungsstrategien zusammenzufassen und daraus Empfehlungen für die Soziale Arbeit abzuleiten.

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