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Sozialwissenschaften


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Produktart: Buch
Verlag: Bachelor + Master Publishing
Erscheinungsdatum: 10.2012
AuflagenNr.: 1
Seiten: 68
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Begehen Menschen eine Straftat, so kann, je nach Schwere der Handlung, eine Gefängnisstrafe die Sanktion sein. Eine Freiheitsstrafe bedeutet für die verurteilte Person, einen Teil ihres Lebens in einem System zu verbringen, in dem vorgeschriebene Regeln und Einschränkungen an der Tagesordnung sind. Man befindet sich plötzlich hinter Gittern - nach der Theorie Goffmans (1973) in der totalen Institution Gefängnis. Der Übergang von dem alltäglichen Leben in eine Lebenswelt, die von Kontrolle und strikten Regelungen geprägt ist, ist keinesfalls fließend und unproblematisch. Es stellt sich die Frage, wie es den weiblichen Insassen mit dieser neuen Lebenssituation ergeht und wie sie problematische Lebenslagen, wie gesundheitliche und psychische Einschränkungen, im Gefängnis bewältigen können. Zu einer allgemeinen Einführung in die Thematik werden zu Beginn dieser Arbeit aktuelle empirische Befunde und die rechtlichen Grundlagen bezüglich des Frauenstrafvollzugs im Allgemeinen vorgestellt. Primär geht es anschließend in dieser wissenschaftlichen Arbeit um die Lebenssituation von Frauen in einem geschlossenen System und die problematischen Lebenslagen, mit denen sich die Insassinnen auseinandersetzen müssen. Des Weiteren wird auch die Vorgeschichte der Frauen beleuchtet, die thematisch eine bedeutsame Rolle spielt. Zuletzt werden die unterschiedlichen Strategien zur Bewältigung der problemreichen Lebenslagen erörtert um die Frage beantworten zu können, was sowohl die Insassinnen selbst als auch das System tun können, damit die Lage der Frauen in Haft auch nachhaltig verbessert werden kann!

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 3, Das Gefängnis als totale Institution: Der Begriff der ‘totalen Institution’ ist unmittelbar mit dem amerikanischen Soziologen Erving Goffman verbunden. Goffman (1973) beschreibt in seinem Werk ‘Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen’ die Herkunft des Begriffs, die Strukturen, die Merkmale und die Funktionalität totaler Institutionen. Der Soziologe erläutert zudem die Lebenssituationen der Insassen aus beispielsweise psychiatrischen Einrichtungen oder Gefängnissen. Der Titel der Originalausgabe lautet ‘Asylums. Essays on the Social Situation of Mental Patients and Other Inmates’ und erschien im Jahr 1961, zwölf Jahre vor der deutschsprachigen Erstauflage. Goffman forschte von 1955 bis 1956 an dem St. Elizabeths Hospital in Washington D.C. mit dem Ziel, das soziale Milieu der Klinikinsassen aus der subjektiven Sichtweise der Klientel zu untersuchen (vgl. Goffman 1973, S. 7). Er begab sich dabei unmittelbar in das Feld der Insassen, um das subjektive Erleben und Empfinden der Personen wahrnehmen und begreifen zu können. Der Fokus Goffmans Publikation liegt auf der ‘Welt der Insassen, nicht auf der Welt des Personals’ (Goffman 1973, S. 11), wodurch sich diese Literatur, im Hinblick auf die Anschauung der Lebenswelten und Bewältigungsstrategien der Inhaftierten, als äußerst geeignet darstellt. Im Folgenden wird, basierend auf Goffmans Theorie, der Frage nachgegangen, wann eine Einrichtung als eine totale Institution bezeichnet wird und welche Strukturen und Merkmale ein System aufweisen muss, um als ‘total’ klassifiziert zu werden. Die Betrachtung der Theorie ist notwendig, um das Gefängnissystem und dessen Bedeutung für die Inhaftierten im weiteren Verlauf dieser Arbeit näher beleuchten zu können. 3.1, Definition und Charakteristika totaler Institutionen: Goffman (1973) beschreibt in der Einleitung seines Werkes den Begriff der totalen Institution folgendermaßen: ‘Eine totale Institution läßt sich als Wohn- und Arbeitsstätte einer Vielzahl ähnlich gestellter Individuen definieren, die für längere Zeit von der übrigen Gesellschaft abgeschnitten sind und miteinander ein abgeschlossenes, formal reglementiertes Leben führen’ (Goffman 1973, S. 11). Das Leben in einer Gruppe ‘Gleichgesinnter’ innerhalb eines geschlossenen Systems, ausgeschlossen von dem Leben innerhalb der Gesellschaft, ist somit der zentrale Aspekt einer totalen Institution. Die Menschen leben und wohnen nicht nur in der Institution, sondern sie arbeiten zudem an dem gleichen Ort, was darauf schließen lässt, dass es in totalen Institutionen keine Trennungen von ‘Beruflichem und Privatem’ gibt. Zu der Herkunft der Bezeichnung ‘totale Institution’ lässt sich Folgendes festhalten: Der Begriff leitet sich von dem Ausdruck der ‘sozialen Institution’ ab, womit ‘Räume, Wohnungen, Gebäude oder Betriebe, in denen regelmäßig eine bestimmte Tätigkeit ausgeübt wird’ (Goffman 1973, S. 15) gemeint sind. Des Weiteren erwähnt Goffman, dass jeder Mensch einen Teil seiner Lebenszeit in einer Institution verbringt und somit diese Organisation zu einem Teil seiner alltäglichen Welt wird (vgl. ebd.). Dies bedeutet, beispielhaft dargestellt, dass ein Vereinsmitglied einen Teil seiner freien Zeit mit seinem Verein verbringt und diese Institution somit zu einem Teil seiner Alltagswelt wird. Goffman unterscheidet zwischen dieser Art der sozialen Institutionen und den totalen - im Sinne von allumfassenden Institutionen - in denen der Insasse nicht nur einen Bruchteil seines Alltags verbringt, sondern jeden einzelnen Tag unter den institutionellen Einschränkungen innerhalb dieser Institution leben muss (vgl. ebd.). Insassen totaler Institutionen besitzen innerhalb des Systems nicht immer die Möglichkeit, nach ihren Bedürfnissen und Wünschen zu handeln und so können sie die Institution auch nicht immer auf eigenen Wunsch hin verlassen und wieder aufsuchen. Nach außen hin sind totale Anstalten durch ‘verschlossene Tore, hohe Mauern, Stacheldraht, Felsen, Wasser, Wälder oder Moore’ (Goffman 1973, S. 16) gekennzeichnet, welche die Einschränkungen der Handlungsfähigkeiten und Freiheit der Insassen bildlich darstellen. Betrachtet man Goffmans Theorie in Bezug auf die Welt im Inneren einer totalen Institution, so lassen sich vier gemeinsame Charakteristika der Institutionen festhalten (vgl. Goffman 1973, S. 17): Zum einen findet das Leben eines Insassen immer an dem selben Ort und unter der gleichen Autorität statt. Als zweites Merkmal ist die Gruppe der ‘Schicksalsgenossen’ (ebd.) zu nennen, welche zusammen innerhalb einer Gruppe die tägliche Arbeit verrichtet. Des Weiteren ist jeder Arbeitsschritt und jede Phase des Alltags im Detail geplant und vorgegeben. Die Arbeitsphasen gehen ineinander über und werden durch interne Regeln, auferlegt durch ‘Funktionäre’, vorgeschrieben. Als letztes Merkmal führt Goffman die Vereinigung der ‘verschiedenen erzwungenen Tätigkeiten’ (ebd., S. 16) zu einem rationalen Plan auf, welcher die Erreichung der offiziellen Zielsetzungen der Institution gewährleisten soll. Man kann anhand der Aufzählung dieser Charakteristika deutlich erkennen, dass das Leben und der gesamte Tagesablauf der Insassen in einer totalen Institution geplant und vorgegeben sind. Die Insassen stehen unter der Kontrolle der Institution und müssen sich dem Plan der Leitung unterordnen: ‘Die Handhabung einer Reihe von menschlichen Bedürfnissen durch die bürokratische Organisation ganzer Gruppen von Menschen […] ist das zentrale Faktum totaler Institutionen’ (ebd., S. 18). Diese Ansicht fasst Robert Hettlage treffend zusammen: ‘Er [Goffman] versteht darunter eine geschlossene Welt, in der Kontrolle über Zeit und Raum der Insassen ausgeübt wird’ (Hettlage 2008, S. 255, Anmerkung des Verfassers). Die Kontrolle übernimmt das Personal, wodurch sich zwei Gruppierungen innerhalb einer totalen Institution herauskristallisieren. Die Insassen auf der einen Seite und auf der anderen Seite das Personal, der ‘Stab’ (vgl. Goffman 1973, S. 18). Kontrolle steht in einem Zusammenhang mit Zwang und Machtausübung (vgl. ebd., S. 21). Somit muss betont werden, dass totale Institutionen demnach auch von Zwang und Unterdrückung, bedingt durch ein hierarchisches Verhältnis in dem System, geprägt sind. Durch Macht, Zwang, Freiheitsentzug und Unterdrückung eines Individuums kann sich die Identität des Einzelnen verändern. Diesbezüglich schreibt Goffman über das Charakteristikum totaler Institutionen: ‘Sie sind die Treibhäuser, in denen unsere Gesellschaft versucht, den Charakter von Menschen zu verändern’ (Goffman 1973, S. 23). Diese Feststellung ist für den weiteren Verlauf dieser wissenschaftlichen Arbeit, insbesondere für die Betrachtung der Lebenswelt inhaftierter Frauen, äußerst bedeutsam und wird somit in dem vierten Kapitel dieser Arbeit näher betrachtet. Zuletzt soll kurz noch ein Überblick über die verschiedenen Formen totaler Institutionen ermöglicht werden. Goffman unterscheidet zwischen fünf unterschiedlichen totalen Institutionsformen einer Gesellschaft, die nachfolgend kurz zusammengefasst werden (vgl. Goffman 1973, S. 16): 1. Anstalten für harmlose Menschen, die Fürsorge und Hilfe benötigen (z.B. Altersheime). 2. Einrichtungen für fürsorgebedürftige Menschen, die aber (unbeabsichtigt) zu einer Gefahr der Gesellschaft werden können (z.B. Psychiatrien, Tuberkulose-Sanatorien). 3. Institutionen, die dem Wohl und Schutz der Gemeinschaft dienen und nicht der Fürsorge der Insassen, welche der Gesellschaft absichtlich Schaden zufügen (z.B. Gefängnisse, Zuchthäuser). 4. Einrichtungen, in welchen Menschen aus erwerbstätigen Gründen zusammentreffen und somit in und mit der Gemeinschaft ein Arbeitsziel verfolgen (z.B. Kasernen, Schiffe, Internate). 5. Institutionen als Zufluchtsstätte und religiöse Ausbildungsorte (z.B. Abteien, Klöster). Diese fünf verschiedenen Institutionsformen sind allesamt von Totalität und Kontrolle geprägt, jedoch sind die einzelnen Intentionen der Einrichtungen unterschiedlich, worauf in dem nachfolgenden Teil, mit einem differenzierten Blick auf die totale Institution Strafvollzug, näher eingegangen wird.

Über den Autor

Christin Pietsch, B.A., wurde 1989 in Hemer geboren. Ihr Studium der Erziehungswissenschaft und Soziologie an der Technischen Universität Dortmund schloss die Autorin im Jahr 2012 mit dem akademischen Grad des Bachelor of Arts erfolgreich ab. Bereits während des Studiums interessierte sich die Autorin sehr für die Bereiche der Bildung und der Hilfsmöglichkeiten Straffälliger, was sie dazu veranlasste, ihre Bachelorarbeit den inhaftierten Frauen in Deutschland zu widmen.

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