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Sozialwissenschaften


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Produktart: Buch
Verlag: Bachelor + Master Publishing
Erscheinungsdatum: 08.2014
AuflagenNr.: 1
Seiten: 44
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Bildung schafft Chancen. Doch Bildungssysteme schaffen Ungleichheit. Dies trifft vor allem für das dreigliedrige Schulsystem Deutschlands zu, was in der Forschung nicht erst seit dem PISA-Schock beklagt wird. Aber wie kommt eine moderne, demokratische Industrienation dazu, ihre eigene globale Konkurrenzfähigkeit zu kompromittieren, indem sie das Begabungspotenzial ganzer Bevölkerungsschichten nicht ausschöpft? Die Habitus- und Kapitaltheorien des französischen Soziologen Pierre Bourdieu erklären die Reproduktion sozialer Ungleichheit im Bildungssystem durch unbewusst wirkende Mechanismen, die in Zusammenhang mit der Ideologie des Leistungsprinzips soziale Ungleichheit als gerechtes Resultat unterschiedlicher Begabungen und Anstrengungen erscheinen lassen. Durch die Orientierung am Habitus der oberen Schichten reproduziert und legitimiert das Bildungssystem abseits der öffentlichen Wahrnehmung die herrschende Gesellschaftsstruktur und die damit gegebene Chancenungleichheit. Trotz Bildungsexpansion bleibt daher sozialer Aufstieg ohne grundlegende Änderung der Strukturen und Aufklärung über ihre Wirkungsweisen weiterhin eine Ausnahme.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 2.2.1, Ökonomisches Kapital: Unter ökonomischem Kapital versteht Bourdieu neben Geld alle materiellen Güter, die sich unmittelbar in Geld konvertieren lassen. Daher eignet es sich besonders zur Institutionalisierung in Form des Eigentumsrechts. Ökonomisches Kapital liegt allen anderen Kapitalarten zu Grunde, da diese durch jenes erworben werden können (vgl. ebd.: 185). Deshalb ist es in modernen, kapitalistischen Gesellschaften von besonders großer Bedeutung (vgl. Bohn/Hahn 1999: 264). 2.2.2, Kulturelles Kapital: Bourdieu führt den Begriff des kulturellen Kapitals ein, um die Ungleichheit schulischer Leistungen von Kindern aus verschiedenen sozialen Klassen erklären zu können, wobei er den Schulerfolg und die Verteilung des kulturellen Kapitals aufeinander bezieht. Damit wendet er sich gegen die allgemeine Vorstellung, dass schulische Erfolge und Misserfolge auf natürliche Fähigkeiten zurückzuführen sind. Diese Annahme liegt auch der Humankapitaltheorie zu Grunde, welche die relative Bedeutung von ökonomischen und kulturellen Investitionen für die verschiedenen Klassen verkennt und nur in Geld messbare oder konvertierbare Investitionen berücksichtigt. Ebenso wird kein Zusammenhang zwischen schulischen Investitions-, Erziehungs- und Reproduktionsstrategien hergestellt (vgl. Bourdieu 1983: 185f.), was dazu führt, dass ‘die am besten verborgene und sozial wirksamste Erziehungsinvestition [...], nämlich die Transmission kulturellen Kapitals in der Familie’ (ebd.: 186 Hervorhebung im Original) unbeachtet bleibt. Das Bildungssystem heißt diese gut und trägt dadurch zur Reproduktion der Sozialstruktur bei. Schulerfolge hängen somit von der Investition von Zeit und kulturellem Kapital ab, welche die vermeintlich natürliche Begabung beeinflusst (vgl. ebd.). Hierbei unterscheidet Bourdieu drei Formen des kulturellen Kapitals: das inkorporierte, das objektivierte und das institutionalisierte kulturelle Kapital. 2.2.2.1, Inkorporiertes Kulturkapital: Das inkorporierte kulturelle Kapital, welches dem deutschen Begriff der Bildung entspricht, ist körpergebunden und setzt einen Verinnerlichungsprozess voraus, der vom Träger unter Einsatz von Zeit (Unterrichts- und Lernzeit) persönlich geleistet werden muss, was Entbehrungen mit sich bringen kann. Das Kapitalvolumen kann anhand der Dauer des Bildungserwerbs und der Primärerziehung in der Familie gemessen werden, wobei Letztere sich auch negativ auswirken kann, wenn sie nicht den Erfordernissen des schulischen Markts entspricht (vgl. ebd.: 186f.). Inkorporiertes Kulturkapital wird zum Habitus, also zum festen Bestandteil des Akteurs und ist daher nicht kurzfristig transferierbar. Die Verinnerlichung kann durch soziale Vererbung auch unbewusst, also ohne geplante Erziehungsmaßnahmen vonstattengehen, weshalb das inkorporierte kulturelle Kapital leicht als bloß symbolisches Kapital aufgefasst wird, das vor allem dort zum Tragen kommt, wo das ökonomische Kapital nicht voll anerkannt ist. Die Tatsache, dass es nicht über die Aufnahmefähigkeit des Trägers hinaus akkumuliert werden kann, bestimmt den Wert des inkorporierten Kulturkapitals, ebenso wie ein möglicher Seltenheitswert, von dem besonders profitiert werden kann. Letzterer entsteht durch die ungleiche Verteilung von ökonomischem und kulturellem Kapital, aufgrund derer nicht alle dieselbe Bildung genießen können (vgl. ebd.: 187f.), so dass es zu den ‘spezifischen Wirkungen von Kapital [kommt], nämlich die Fähigkeit zur Aneignung von Profiten und zur Durchsetzung von Spielregeln, die für das Kapital und seine Reproduktion so günstig wie möglich sind’ (ebd.: 188). Die Akkumulation kulturellen Kapitals ist besonders wirksam, wenn die dafür verwendete Zeit mit der Zeit der Sozialisation gleichgesetzt werden kann, was allerdings nur auf Familien mit besonders starkem Kulturkapital zutrifft (vgl. ebd.). Daraus folgt, daß die Übertragung von Kulturkapital zweifellos die am besten verschleierte Form erblicher Übertragung von Kapital ist. Deshalb gewinnt sie in dem System der Reproduktionsstrategien von Kapital um so mehr an Gewicht, je mehr die direkten und sichtbaren Formen der Übertragung sozial mißbilligt und kontrolliert werden. (ebd.) Die zum Erwerb nötige Zeit verbindet das ökonomische mit dem kulturellen Kapital, da das Individuum die Akkumulation von Kulturkapital nur so lange weiterführen kann, wie es durch seine Familie von ökonomischen Zwängen befreit ist. Das unterschiedliche Kulturkapital in den Familien erzeugt des Weiteren Unterschiede im Zeitpunkt des Beginns der Aneignung sowie in den für den Aneignungsprozess erforderlichen Kompetenzen (vgl. ebd.). 2.2.2.2, Objektiviertes Kulturkapital: Objektiviertes Kulturkapital ist an materielle Träger gebunden (z.B. Gemälde, Bücher, Denkmäler) und auf diesem Wege als juristisches Eigentum übertragbar (materielle Aneignung). Während zu seiner materiellen Aneignung ökonomisches Kapital erforderlich ist, wird hingegen für seine eigentliche, symbolische Aneignung inkorporiertes Kulturkapital benötigt, da dieses erst den Genuss eines Kunstwerks oder den Gebrauch einer Maschine ermöglicht. Objektiviertes Kulturkapital folgt seinen eigenen, dem individuellen Willen entzogenen Gesetzen und lässt sich nicht auf das inkorporierte Kulturkapital der einzelnen oder aller Handelnden reduzieren. Es besteht jedoch als materiell und symbolisch aktives und handelndes Kapital nur fort, wenn es von Handelnden angeeignet und in Auseinandersetzungen auf den Feldern der kulturellen Produktion und der sozialen Klassen eingesetzt wird (vgl. ebd.: 188f.). 2.2.2.3, Institutionalisiertes Kulturkapital: Inkorporiertes Kulturkapital steht unter ständigem Beweiszwang, wenn es nicht in Form von schulischen und akademischen Titeln objektiviert, also institutionalisiert und damit rechtlich garantiert ist. Es ist relativ unabhängig von der Person seines Trägers, aber auch vom kulturellen Kapital, das dieser tatsächlich besitzt, da die Unterscheidung zwischen offiziell anerkannter Kompetenz und ‚einfachem' Kulturkapital lediglich eine gesellschaftliche Regelung ist. Durch die institutionalisierte Anerkennung der Titel sind deren Besitzer vergleichbar und austauschbar. Da ökonomisches Kapital für den Erwerb eines Titels erforderlich ist, bestimmt der Geldwert den kulturellen Wert. Folglich ist die Bildungsinvestition nur sinnvoll, wenn sie zur Akkumulation ökonomischen Kapitals eingesetzt werden kann. Die durch einen Titel möglichen materiellen und symbolischen Profite hängen jedoch von dessen Seltenheitswert ab, der wiederum durch den Bildungsstand der Bevölkerung bestimmt ist (vgl. ebd.: 189f.). 2.2.3, Soziales Kapital: Unter sozialem Kapital versteht Bourdieu (ebd.: 190) ‘die Gesamtheit der aktuellen und potenziellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind’ (Hervorhebung im Original), wobei das Gesamtkapital der einzelnen Mitglieder ihnen allen Kreditwürdigkeit verleiht. Sozialkapitalbeziehungen beruhen auf der Grundlage von materiellen und/oder symbolischen Tauschbeziehungen zwischen den Mitgliedern und können durch Institutionalisierungsakte gesellschaftlich institutionalisiert und garantiert werden. Die materiellen und symbolischen Aspekte sind in den Austauschbeziehungen untrennbar miteinander verknüpft, was für deren Funktionieren erkennbar bleiben muss. Die Größe des Sozialkapitals eines Einzelnen hängt von der Ausdehnung seines Beziehungsnetzes sowie vom Kapitalvolumen derjenigen ab, mit denen er in Beziehung steht. Auf diese Weise übt das soziale Kapital einem Multiplikatoreffekt auf das tatsächlich verfügbare Kapital aus, wobei die in den Tauschbeziehungen institutionalisierte gegenseitige Anerkennung das Anerkennen eines Minimums an Homogenität unter den Beteiligten voraussetzt. Die Profite, die sich aus der Solidarität in der Gruppe ergeben, fördern jene zugleich und können auch unbewusst in materieller und symbolischer Form angestrebt werden (vgl. ebd.: 190ff.). Ein Beziehungsnetz entsteht durch fortlaufende Institutionalisierungsarbeit, die in ihren wesentlichen Momenten durch Institutionalisierungsriten geprägt ist und für die Produktion und Erhaltung dauerhafter und nützlicher sozialer Beziehungen nötig ist. Bestimmte soziale Institutionen (z.B. Verwandtschaftsverhältnisse, Erbrecht) erschaffen hierbei eine symbolische Wirklichkeit, innerhalb derer zufällige zu besonderen, mit Pflichten versehenen Beziehungen werden können. Gruppen reproduzieren sich überdies durch ständigen Austausch und gegenseitige Anerkennung der Mitglieder, wodurch gleichzeitig die Grenzen der Gruppe bestimmt werden. Um das Überleben der Gruppe zu gewährleisten, müssen die Zugangskriterien und die Kontakte kontrolliert werden (vgl. ebd.: 192f.). Sozialkapital kann nur durch ständige Beziehungsarbeit reproduziert werden, in der die gegenseitige Anerkennung durch Austauschakte immer wieder neu bestätigt wird. Dabei werden Zeit und ökonomisches Kapital investiert, was nur rentabel ist, wenn die Kompetenz, Beziehungen zu nutzen, mit eingebracht wird. Je größer das Sozialkapital ist, desto ertragreicher ist die für seine Akkumulation nötige Arbeit (vgl. ebd.: 193f.).

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