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Soziologie


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 05.2015
AuflagenNr.: 1
Seiten: 112
Abb.: 12
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Insgesamt folgen bundesweit nahezu 83% der Eltern der Grundschulempfehlung und schicken ihr Kind auf die empfohlene Schulform. Diese Arbeit richtet das Augenmerk auf die 17% der Eltern, die sich gegen die ausgesprochene Schulformempfehlung entscheiden und ihr Kind auf eine nichtempfohlene Schulform schicken. Die Begründung dieser Wahl ist, dass eine Untersuchung von nonkonformen Schulübergängen einen Beitrag zum Verständnis sozialer Reproduktionsmechanismen liefern kann. Eine Entscheidung für eine Schulform, die gegen die ausgesprochene Schulformempfehlung der Lehrer durchgesetzt wird, lässt eine Analyse des schichtspezifischen Schulformwahlverhaltens abseits von individuellen Persönlichkeitsmerkmalen wie Intelligenz oder Begabung zu. Die Annahme hierbei ist also, dass die Entscheidung einer Lehrerempfehlung nicht zu folgen, sich im Besonderen auf statusbezogene Dimensionen zurückführen lässt und damit einen besonders problematischen Teil des Reproduktionsmechanismus sozialer Bildungsungleichheiten darstellt.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 2.5, Unsicherheit im Entscheidungsprozess: Wie bereits gezeigt, kann die Genese der Bildungsabsichten auf Elternseite über die jeweilige Berechnung der EU Gewichte offengelegt werden. Die Annahme bei dieser Kalkulation ist, dass die Eltern sich über die jeweiligen Werte der EU Berechnung im Klaren sind. In der Realität dürfte diese Sicherheit allerdings in wenigen Fällen gegeben sein und das Ausmaß zudem schichtspezifisch variieren. Sind sich Eltern im Entscheidungsprozess sicher, können sie den verschiedenen Werten einen eindeutigen Wert zuordnen, sind sie sich unsicher, können sie dies nicht, und jeder Wert auf der Skala ist gleichermaßen wahrscheinlich (vgl. Esser 1999: 290). An welchen Stellen der EU Berechnung können nun diese Unsicherheiten auftreten? Unter der vereinfachenden Annahme, dass der Bildungsnutzen U und die Bildungskosten C über die Sozialschichten hinweg konstant sind und die Wahrscheinlichkeit auf sozialen Abstieg cSV normalerweise eindeutig zu bestimmen ist, bleibt nur die subjektive Erfolgserwartung p. Wie bereits dargestellt, wird p je nach Klassenlage ein unterschiedlich hoher Betrag zugewiesen: Bildungsnahe Schichten schätzen die Erfolgsaussichten auf einer weiterführenden Schule weitaus besser ein als bildungsfernere Schichten. Analog dazu scheinen untere soziale Schichten größere Schwierigkeiten zu haben, überhaupt die Erfolgswahrscheinlichkeit zu bestimmen. Dementsprechend ist es sinnvoll, auf das Moment der Unsicherheit in dieser entscheidenden Determinante näher einzugehen. Als höhere Unsicherheit der unteren sozialen Schichten wird hier also verstanden, dass sie Schwierigkeiten haben, die Erfolgswahrscheinlichkeit ihrer Kinder auf weiterführenden Schulen zu bestimmen. Diese Unsicherheit kann zum einen auf einen Mangel an Informationen über das jeweilige Schulsystem zurückzuführen sein (Becker 2000: 459), zum anderen auf das Ausmaß der Komplexität des jeweiligen Schulsystems oder der Übergangsregelungen. Der Mangel an Informationen unterer Schichten kann wiederrum darauf zurückgeführt werden, dass die weiterführende Schulart selbst nicht besucht wurde, durch die niedrige Bildungsmotivation keine Informationen eingeholt werden oder diese auch durch das soziale Umfeld nicht bereitgestellt werden können. Das Element des erhöhten Risikos bildungsferner Schichten in der Kalkulation des Investitionsrisikos kann also nicht nur unter dem Gesichtspunkt einer niedrigeren Erfolgswahrscheinlichkeit verstanden werden, sondern auch als Risiko/Unsicherheit, überhaupt eine Prognose über die Möglichkeiten eines Bildungserfolgs abgeben zu können. Unter der Voraussetzung von Unsicherheit können Schulleistungen und Lehrerempfehlungen als ein risikomindernder Anhaltspunkt für Eltern verstanden werden (Hillmert 2005: 177). Es ist also sinnvoll, die Genese von Bildungsabsichten und die Interpretation von Bildungsempfehlungen auf Elternseite als Entscheidungsfindungen in einem Kontext von Unsicherheiten zu verstehen, dessen Ausmaß schichtspezifisch ausfällt. Wird die GSE als potentiell erwartungsstabilisierendes Element interpretiert, ist es verständlich, dass diese auch schichtspezifisch aufgefasst wird. Während sich bildungsnahe Schichten über die Erfolgswahrscheinlichkeiten eher im Klaren sind, werden sie sich durch eine anderslautende GSE nicht verunsichern lassen und diese im Zweifelsfalle überstimmen. Auf der anderen Seite werden bildungsferne Elternhäuser die GSE eher als Experteneinschätzung verstehen und sie befolgen. 2.6, Der nonkonforme Schulübertritt als Bestandteil des Reproduktionsmechanismus sozialer Bildungsungleichheiten: Wie in der Einleitung bereits vorweg gegriffen wurde, ist es mittlerweile eine hinlänglich erwiesene Tatsache, dass Kinder aus oberen Schichten im Vergleich zu Kindern aus unteren sozialen Schichten eine bedeutend höhere Chance haben, das Gymnasium zu besuchen und das selbst bei vergleichbaren Schulleistungen. Damit werden ihnen weitaus bessere Zukunftschancen zugesichert als Kindern aus unteren Schichten. Die in Relation hohen Übergangsraten auf das Gymnasium können zum einen durch die bessere schulische Leistung von Kindern aus oberen Schichten erklärt werden (primärer Effekt), aber auch durch ein sozialspezifisches Schulwahlverhalten (sekundärer Effekt). Im Abschnitt 2.1.1 wurde darauf hingewiesen, dass die abgegebenen Lehrerempfehlungen nicht ausschließlich auf den gezeigten schulischen Leistungen basieren, sondern auch der soziale Hintergrund des Schülers eine Rolle spielt. Insofern gehen in die letztendliche Leistungsbewertung indirekt sekundäre Herkunftseffekte mit ein. Vergleicht man die GSE mit der Bildungsabsicht der Eltern am Ende der Grundschulzeit hinsichtlich der Leistungsgerechtigkeit, ist es verständlich, dass sich die Lehrer mit ihrer Empfehlung stärker an den Schulleistungen orientieren (vgl. Pohlmann 2009: 13). Mit den genannten Einschränkungen kann die GSE, zumindest im Vergleich zur Bildungsintention der Eltern, als ein näherungsweiser Indikator für das schulische Leistungsvermögen der Kinder angesehen werden (vgl. Lohmann/Groh-Samberg 2010: 471). Entscheiden sich Eltern gegen die GSE, kann die gezeigte Schulleistung nur eine untergeordnete Rolle bei der Schulwahl gespielt haben und das Wirken des sekundären Effektes wird offensichtlich. Dabei darf nicht der Anschein entstehen, dass bei konformen Übergängen die sekundären Effekte keine gewichtige Rolle spielen, sie werden nur nicht offensichtlich, da die schulischen Leistungen dem Bildungswunsch entsprechen. Werden die Effekte aber auf Makro-Gruppenebene in Relation betrachtet, dürften die sekundären Effekte bei der nonkonformen Gruppe im Vergleich zu der konformen Gruppe aber eine deutlich gewichtigere Rolle spielen. Dementsprechend stellen Abweichungen von der Empfehlung ein gutes Beispiel für Analysen von familiären Bildungsentscheidungen dar. Sekundäre Effekte stehen besonders in der Kritik, da sie – anders als die primären Effekte – nicht mit Vorstellungen einer leistungsbezogenen Verteilungsgerechtigkeit vereinbar sind (vgl. Baumert et al. 2010: 8 Hadjar 2008).

Über den Autor

Valentin Marquardt, M.A. wurde 1983 in Stuttgart geboren. Das Studium der Soziologie und Anglistik an der Eberhard Karls Universität Tübingen schloss der Autor im Jahre 2014 mit dem akademischen Grad des Magister Artium erfolgreich ab. Besondere Schwerpunkte legte der Autor auf empirisch, quantitative Bereiche der Soziologie mit besonderem Blick auf die Ungleichheits- und Bildungsforschung. Während seines Studiums war der Autor wissenschaftlicher Mitarbeiter des soziologischen Lehrstuhls und hielt Lehrveranstaltungen im Bereich der Empirie und Statistik.

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