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Pädagogik & Soziales

Björn Gerstenköper

Der Therapie Beine gemacht

Lauftherapie und ihre Einsatzmöglichkeiten in therapeutischen und sozialpädagogischen Zusammenhängen

ISBN: 978-3-8366-6349-6

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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 08.2008
AuflagenNr.: 1
Seiten: 106
Abb.: 8
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Der Mensch verändert seinen Lebensstil innerhalb kürzester Zeit radikal. Vom Jäger und Sammler, der sich zum Zwecke der Existenzsicherung ständig ausdauernd in Bewegung befindet, hin zum körperlich inaktiven Müßiggänger, der ein Leben im Überfluss führt. Seine Gene hingegen sind nach wie vor auf ein Leben in Bewegung programmiert. Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft! Dieses Zitat des dreifachen Olympiasiegers im Langstreckenlauf, Emil Zatopek, veranschaulicht auf ebenso einfache wie prägnante Art und Weise das, was der Mensch tatsächlich ist: ein Lauftier. Er ist von Natur aus zum Laufen geboren, sein Körper ist in seinen ganzen Proportionen darauf hin ausgerichtet. Somit überrascht es nicht, dass das Laufen als herausgehobene Form des Kulturmenschen in der westlichen Kultur seit Jahrtausenden nachweisbar ist, als Massenbewegung etabliert es sich dort allerdings erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (ebd.). Mittlerweile geht man in Deutschland von etwa 17 Millionen Läufern aus. Es stellt sich die Frage, was diese enorme Zahl von Menschen dazu treibt, ihre kostbare Zeit freiwillig dem Laufen zu widmen, sind doch Gründe der Existenzsicherung für sie irrelevant. Gefragt nach ihren Motiven geben Läufer/innen an, das Laufen mache sie gesund, halte sie jung, mache sie fit und frei. Es steigere das Wohlbefinden, die Ausgeglichenheit und Ruhe, zugleich gewinne man aber eben auch an Kraft und werde aktiviert. Das Laufen biete ihnen die Option, sich zu verändern, Körper und Seele einer radikalen Metamorphose zu unterziehen. Es ist festzuhalten, dass keiner anderen Sportart so mannigfache Einwirkungen auf Körper, Geist und Seele zugesprochen wird, wie dem Laufen. Diese Aussagen machen deutlich, welche enormen Potentiale das Laufen in sich birgt, und es liegt nahe, sich zu fragen, inwiefern sich das Laufen unter therapeutischen Gesichtspunkten anwenden lässt, gar ein eigenständiges Therapiemodell darstellt und wie es sich unter diesen Umständen gegebenenfalls in die sozialpädagogische und therapeutische Praxis integrieren lässt.

Leseprobe

Kapitel 3.2, Laufsucht: Die heilsame Wirkung des Laufens in körperlicher und psychischer Hinsicht ist durch vielfältige Studien belegt (vgl. S.13-29). Allerdings existieren auch gegenteilige Berichte und Erfahrungen vom Laufen, jene nämlich, wo von einer Art Laufsucht die Rede ist. Laufen hat demnach nicht nur heilsame Wirkungen, sondern führt unter Umständen auch in eine Art Abhängigkeit beziehungsweise Sucht. Um zu prüfen, ob tatsächlich so etwas wie eine Laufsucht existiert und worin die mögliche, eine Abhängigkeit erzeugende Wirkung des Laufens liegt, ist zunächst der Begriff Sucht näher beschrieben. Dieser wird 1957 von der World Health Organisation (WHO) wie folgt definiert: Sucht ist ein Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation (Vergiftung), welcher durch wiederholten Gebrauch einer natürlichen oder synthetischen Droge hervorgerufen wird und zu folgenden psychischen, körperlichen, pharmakologischen und sozialen Phänomenen führt: Psychische Abhängigkeit: Ein unbezwingbares, gieriges Verlangen, die Einnahme der Droge fortzusetzen und sie unter allen Umständen zu beschaffen. Toleranzsteigerung: Die Tendenz die Dosis zu steigern. Körperliche Abhängigkeit: Eine körperliche Abhängigkeit von den Wirkungen der Droge, die sich beim Absetzen derselben in Abstinenzsymptomen manifestiert. Schädlichkeit der Droge: Nachteilige Wirkungen für die Einzelnen und die Gesellschaft. Um das Phänomen Laufsucht genauer zu untersuchen, führt Rümmele eine Studie unter Marathonläufern durch. Jeder zweite der 60 Marathonläufer behauptet von sich selbst, unabhängig von seinem Leistungsniveau, vom Laufen abhängig zu sein. Vier von ihnen glauben sogar, dass sie sich das Leben nehmen, wenn sie plötzlich nicht mehr in der Lage sind zu laufen. Weiterhin berichtet er von heftigen Entzugserscheinungen, wie Aggressionen, Gereiztheit oder Unruhe. Diese treten immer dann auf, wenn Läufern, beispielsweise aus Verletzungsgründen, zeitweilig das Laufen verwehrt ist. Auch eine Ehe geht aufgrund des übertriebenen Laufpensums des männlichen Ehepartners in die Brüche. Eine weitere Ehefrau kündigt die Trennung für den Fall an, dass ihr Ehemann das Laufen nicht einschränkt. Den tragischen Höhepunkt dieser Studie stellt ein Läufer dar, bei dem ein Herzklappenfehler diagnostiziert wird und der sich dem Anraten der Ärzte, das Laufen einzustellen, widersetzt und als Konsequenz bei einem Rennen tot zusammenbricht. Auch Hollmann und Strüder berichten im Rahmen einer Studie von dem Gefühl, nicht mehr vom Laufen lassen zu können, und liefern ein Beispiel für einen pathologischen Fall von Runner`s High : Ein 18jähriger Schüler macht beim Laufen die Erfahrung, dass sich ein wunderbares Gefühl einstellt, wie von ihm nie zuvor erlebt. In einem zweiten Lauf testet er die Wiederholbarkeit dieses Gefühls, das sich auch wiederum einstellt. In der Folge läuft er zunächst täglich zwei Mal eine halbe Stunde in einem relativ hohen Tempo, um das Glücksgefühl wieder zu verspüren. Schließlich steigert er die Dauer und den Umfang der Läufe auf 230 Kilometer pro Woche. Um dieses Laufpensum absolvieren zu können, unterbricht er sogar die Nachtruhe. Im Alter von 20 Jahren ist das Laufen sein gesamter Lebensinhalt und aus diesem Grund bricht er auch die Schule ab. Bei einer Untersuchung weigert er sich zunächst, seine Schuhe auszuziehen, da er aufgrund der etwaigen Befunde ein Laufverbot befürchtet. Nach langen Überredungsversuchen kommt er der Aufforderung nach und zieht diese schließlich aus. Es zeigt sich, dass im Fußballenbereich beide Füße so weit durchgelaufen sind, dass die Fußknochen sichtbar sind. Erst nach einer mehrwöchigen psychiatrischen Behandlung in Kombination mit einer systematischen Reduzierung der Ausdauerbelastungen, die er auf dem Fahrrad absolviert, ist der Gemütszustand normalisiert. Schack kommt unter der Verwendung zahlreicher Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass es Laufsucht gibt. Um diese näher zu bestimmen, fasst er folgende als Suchtindizien angesehene Kriterien zusammen, die hier der Übersicht halber tabellarisch aufgeführt sind: 1. Laufsüchtige sind sehr stark negativ motiviert. Sie vermeiden Entzugsymptome und leiden unter einem Erledigungszwang. 2. Das Motiv, Laufsport zu betreiben, ist das zentrale Motiv. Somit kontrolliert das Verhalten die betroffene Person und nicht umgekehrt. 3. Es treten starke psychophysiologische Entzugserscheinungen auf, wenn das Laufen nicht betrieben wird. Dazu zählen beispielsweise Angst, Irritationen, Ruhelosigkeit, Unwohlsein, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit. 4. Es kommt zur Missachtung körperlicher Signale der Überbelastung und in der Folge zu körperlicher Schädigung, zu Verletzungen bis hin zu Todesfällen. Zu den am häufigsten vorkommenden körperlichen Schädigungen zählen beispielsweise Achillessehnenbeschwerden, Schienbein- und Knochenhautreizungen, Kniebeschwerden, Verstauchungen, Rückenbeschwerden, Muskelkrämpfe, Muskelzerrungen, Muskelfaserrisse und Entzündungen der Fußsehnenplatte. 5. Ein sozialer Verfall ist immer wahrscheinlicher. So kommt es beispielsweise zu einer Zerrüttung der Ehe und/oder die Verantwortung in der Familie oder im sozialen Umfeld ist nicht mehr ausreichend wahrgenommen. 6. Es werden immer größere Beanspruchungsmengen benötigt und toleriert. 7. Das Laufen wird nicht mehr um seiner selbst willen ausgeführt, sondern um sekundäre Ziele, wie Gewichtsreduktion, Verbesserung des Selbstvertrauens oder eine Identitätsstärkung, zu erreichen. Marlovits ist der Auffassung, dass in der Regel das Laufen selbst keine Sucht darstellt. Jedoch merkt er an, dass Ausnahmen existieren, die dadurch charakterisiert sind, dass das Verlangen des Läufers, das Laufpensum ständig zu steigern, ausgeprägt vorhanden ist. Der Läufer sehnt sich in diesem Fall immer wieder nach einer mit dem Laufen eintretenden Möglichkeit der seelischen Komplettverwandlung. Er ist mit dem Laufen in der Lage den Unterschied zwischen Subjekt und Objekt aufzuheben und somit den Alltagsstress nicht mehr zu spüren (vgl. S. 37). Dies hat zur Folge, dass, je öfter jemand läuft und je besser er dadurch trainiert ist, die Dosis des Laufens immer größer sein muss, um sich in diesen Zustand hineinzulaufen. Die Laufstrecke wird immer weiter ausgedehnt und die Laufgeschwindigkeit erhöht. Marlovits kommt zu dem Schluss, dass die Sehnsucht nach der Installation der Laufverfassung in das Seelenleben des Läufers ihn antreibt und letztlich die Möglichkeit zur Entstehung einer Laufsucht beinhaltet. Er rät gefährdeten Läufern, also Läufern, die ihr Laufpensum extrem erhöhen und an den Folgen zu leiden beginnen, bewusst gegen diese Entwicklung zu steuern und sich dem zu stellen, wovor sie weglaufen. Gegebenenfalls ist psychologische Beratung einzuholen, um die Hintergründe für die große Sehnsucht nach der modulierenden Wirkung des Seelenlebens aufzudecken. Schack betrachtet die Laufsucht als ein biopsychosoziales Phänomen und macht einen ganzen Komplex von Bedingungen und Ursachen für deren Entstehung und Aufrechterhaltung verantwortlich. Er teilt diese in drei Ebenen auf: Die psychophysiologischen Zustände, die direkt mit dem Laufen entstehen (körperliches Befinden, Veränderung des Herz-Kreislauf-Systems, hormonelle Veränderungen), die Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung des Laufens durch den Läufer (aktuelle Genese des Selbst, Bewertung der eigenen Handlungskontrolle) und die Randbedingungen und Reaktionen des sozialen Umfeldes (Laufboom in der Gesellschaft, Freunde, Wettkampfgegner, aber auch Stressfaktoren beispielsweise aus der Sozial- und Arbeitswelt). Schack führt dazu aus, dass diese Perspektive einer unzulässigen Reduktion auf nur einen Aspekt menschlichen Verhaltens begegnet. So besteht zwar die Möglichkeit, dass die Entstehung von Laufsucht über jede dieser Ebenen, wie beispielsweise über eine angestrebte Aufwertung des Selbstbildes, forciert wird, dann sind jedoch auf den anderen Ebenen zumindest suchtfördernde Randbedingung für eine weitere Ausprägung von Suchtverhalten nötig. Auch er empfiehlt bei einem etwaigen Aufkommen einer Laufsucht psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Dabei gilt es besonders, Fähigkeiten der Realisierungshemmung zu entwickeln. Unter Realisierungshemmung ist die Fähigkeit zu verstehen, die Realisierung von Zielen zurückzustellen, wenn es die Umstände erfordern, und sie unter geeigneten Umständen zu implementieren. Diese sind bei Laufsüchtigen weniger gut ausgeprägt, was dazu führt, dass es in psychischer, körperlicher und sozialer Hinsicht zu Problemen kommt (vgl. S.48). Bartmann ist der Ansicht, dass Läufer, die wöchentlich mehr als 160 Kilometer zurücklegen, wohl als laufsüchtig einzustufen sind. Dabei spielt für ihn bei der Entstehung einer Laufsucht ein überzogener Ehrgeiz in aller Regel eine ebenso große Rolle wie eine Verarmung der Persönlichkeit, die keine andere Quelle der Freude hat als das Laufen. Solche Läufer kurieren beispielsweise eine körperliche Störung nicht aus und pausieren dementsprechend mit dem Laufen, sondern nehmen in solchen Fällen Medikamente zu sich, um weiterzulaufen. Er hält fest, dass diese Läufer nicht mehr ihrer Gesundheit und seelischen Ausgeglichenheit dienen, sondern Raubbau an ihrem Körper betreiben. Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die Möglichkeit besteht, dass Laufen zu denselben Phänomen wie eine Sucht führt (vgl. S. 47f). So sind sowohl psychische und körperliche Abhängigkeit als auch eine Toleranzsteigerung mit einer entsprechenden Anpassung und den damit einhergehenden nachteiligen Wirkungen bekannt. Eine klare Abgrenzungslinie, ab welchem Laufpensum das gesunde Laufen aufhört und eine Laufsucht beginnt, lässt sich jedoch nicht ziehen. Vielmehr ist entscheidend, dass Laufen das Leben des Läufers bereichert und nicht in Konkurrenz mit anderen Lebensbereichen steht. Die Tatsache, dass viele Läufer sich selbst als laufsüchtig bezeichnen (vgl. S.46), liegt wohl darin begründet, dass sie das Bedürfnis nach regelmäßigem Laufen wie eine Sucht wahrnehmen. Um eine Abgrenzung zwischen einem Laufsüchtigen und einem Normalläufer zu schaffen, lässt sich über Letzteren aussagen, dass für ihn das Motiv zum regelmäßigen Laufen ein wichtiges, aber nicht das zentrale Motiv in seinem Leben ist. Außerdem leidet er nicht unter starken, unkontrollierbaren Entzugserscheinungen, wenn er aus objektiven Gründen nicht in der Lage ist, das Laufen auszuführen. Schließlich steht für den nichtsüchtigen Läufer die selbstregulierende Tätigkeit des Laufens und nicht ein damit in Zusammenhang stehendes Rauscherleben im Mittelpunkt seiner Tätigkeit. Um die tatsächliche Anzahl an laufsüchtigen Menschen festzustellen, bedarf es einer weiterführenden wissenschaftlichen Forschung zu diesem Themenkomplex. Es scheint jedoch festzustehen, dass die Zahl der Laufsüchtigen im Vergleich zu den Nichtlaufsüchtigen gering ist und kein aus gesundheitlichen Motiven laufender Mensch befürchten muss, eine Laufsucht zu entwickeln. Nachdem nun die positiven wie auch die negativen Effekte des Laufens eingehend untersucht sind, wird im folgenden Kapitel geprüft, ob das Laufen den Prüfkriterien einer wissenschaftlichen Therapie standhält und somit eine eigenständige Therapie darstellt beziehungsweise darstellen kann (vgl. 1.2).

Über den Autor

Björn Gerstenköper, examinierter Kranken- und Gesundheitspfleger, Diplom-Sozialpädagoge, Sozialpädagogik-Studium an der FH Köln. Abschluss des Studiums 2008 mit der Gesamtnote 1,3. Derzeit tätig in der therapeutischen und pädagogischen Begleitung von Menschen mit Borderline-Syndrom und anderen Persönlichkeitsstörungen.

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