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  • Das Pashtunwali zwischen Tradition und Moderne. Eine Studie zur zweiten Generation der Paschtunen in Deutschland

Pädagogik & Soziales


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Produktart: Buch
Verlag: Diplomica Verlag
Erscheinungsdatum: 02.2018
AuflagenNr.: 1
Seiten: 108
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Das Pashtunwali ist ein Rechts- und Ehrenkodex der Paschtunen. Er reguliert die sozialen Beziehungen innerhalb der Stammesgesellschaft, formuliert die Verhaltensanforderungen sowie das Weltbild. Die Paschtunen, in Indien und Pakistan unter der Bezeichnung Pathan bekannt, stellen die größte Bevölkerungsgruppe Afghanistans dar. Innerhalb Afghanistans liegen ihre Zentren im Osten, Süden und Südwesten. Das Pashtunwali ist ein Ausdruck der ethnischen Identität der Paschtunen. Diese Studie beschäftigt sich mit Paschtunen der zweiten Generation, die in Deutschland geboren und/oder aufgewachsen sind. Der Schwerpunkt dieser Untersuchung richtet sich auf die Bedeutung des Pashtunwali für die in Deutschland lebenden Paschtunen. Inwieweit spielt das Pashtunwali in der Erziehung ihrer Kinder eine Rolle? Steht der Ehrenkodex im Einklang mit dem Islam? Diese Frage stellt sich, da der Kodex insbesondere bei der Reglementierung der Geschlechterverhältnisse Abweichungen zum Islam aufweist. Die Autorin erläutert diese einzelnen Komponenten und stellt ihre Ergebnisse der Interviews über das Pashtunwali denen der Informanten gegenüber.

Leseprobe

Textprobe: Kapitel 5.1. Inhaltliche Analyse von Pashtunwali Die einzelnen Komponenten des Pashtunwali sind nang, namus, tura, badal, melmastia, nanawatee und sharm. Ich stelle nachfolgend die Komponente des Pashtunwali im Einzelnen vor: 5.1.1. Nang Kern des Pashtunwali ist nang. Nang ist das ganze Spektrum des Pashtunwali, welches nämlich Ehre, Würde, Mut, Tapferkeit, aber auch Schande, Scham Schutz und Verteidigung umfasst (Janata/Hassas 1975: 85). In der Paschtu-Literatur wird häufig nang-i pukhtana verwendet, was mit Pashtunwali gleichgesetzt wird. Mit nang-i pukhtana wird diese Bandbreite demnach auch in der Literatur reflektiert. Nang weist ein altruistisches Element auf und impliziert den Dienst der Gemeinschaft (Steul 1981: 138). Dieser Dienst besteht insbesondere im Schutz und in der Verteidigung der Familie, der Lineage, des Clans und des Stammes, aber auch die Heimat eines Paschtunen, [...] um nicht in Schmach und Schande unterzugehen und so seinen Platz in der Gesellschaft zu verlieren (Janata/Hassas 1975: 85). Ahmed konstatiert: It is the Pukhtun who is `maddened´ by nang and the Pukhtun who gives his life to uphold nang. Pukhtun themselves are acutely conscious of this madness and quote the saying `Pukhto is half-madness´ (Pukhto nim liwantob day) [...] (1980: 98). Wenn ein Mann all die oben aufgelisteten Forderungen erfüllt, wird er als nangialai, [...] dem Superlativ aller Lobworte für den Paschtunen , tituliert (Janata/Hassas 1975: 85). Nangialai bedeutet mutig, mannhaft und drückt aus, dass der Mann Verteidiger, Beschützer, der Kühne, Tapfere, Held, Waghals ist. Einen Mann als be nanga laut und vor Zeugen zu bezeichnen ist die denkbar schwerste Beleidigung und seine Ehre kann er traditionell nur durch die Tötung desjenigen, der diese Beleidigung ausgesprochen hat, wieder herstellen. Ghairat wird in der Umgangssprache meistens von den Paschtunen aus der Stadt als synonymer Begriff für nang verwendet. Jedoch fehlt in der Bedeutung der Begriff Schande. Janata/Hassas (1975: 85) übersetzen das Wort ghairat so: Gefühl der eigenen Würde, Selbstachtung Ehrgefühl, Stolz Eifer, Fleiß Heldenmut, Mannhaftigkeit Tapferkeit Entrüstung, Empörung Bescheidenheit. Auch das Lobeswort nangialai verschwindet langsam aus dem Sprachgebrauch der Stadtpaschtunen und wird ersetzt durch ghairatman (ebd. 1975: 85). Verständnis der Informanten von nang Sieben Befragte kannten sowohl ghairat als auch nang, wohingegen sechs Befragte nur den Begriff ghairat kannten, drei von ihnen hatten jedoch schon einmal etwas von nang gehört, drei der Befragten war der Begriff nang unbekannt. S.P. (m., 28) sagte: Nang ist sehr sehr wichtig. Es ist die Grundlage des Bausteins meines Lebens. Ohne nang gibt es kein Pashtunwali. B.B. (m., 25) äußerte sich zu nang so: Ghairat ist Mut, Ehrgefühl, Stolz. Es gibt noch die Bezeichnung nangialai. A.H. (m., 18) erzählte: Nang ist Ehre, man ist ehrlos, wenn man nicht für sein Vaterland oder seine Gruppe kämpft. Es ist eine Haltung. Nang bedeutet auch seine Familie zu schützen. Eine positive Tat ist ehrenhaft. Zwei weibliche Befragte assoziierten das Wort ghairat mit Männer. F.H. (w., 24) sagte: Es ist Richtung Ehre. Ghairat kenne ich im Bezug auf Männer. Man sagt ja auch ‚Er hat nicht mal ghairat‘. L.S. (w., 29) erzählte: Ghairat ist mir eher bekannt. Der Begriff ist vielfältig. Es ist Stolz. Ich verbinde diesen Stolz mit Männern. Also der Stolz, den die Männer immer haben und dass sie ihren Ehefrauen bspw. Sachen verbieten und ihnen sagen, was sie dürfen und was nicht. Die Grundlage von Pashtunwali ist nang. In ihr wird die Gesamtheit von Pashtunwali ausgedrückt. Wenn ein Paschtune sich vorbildlich verhält, wird er als nangialai oder ghairatman bezeichnet. So bezeichnete S.P. nang als die Basis seines Lebens. Zudem erwähnte er als Einziger das Wort ghairatman, jedoch im Zusammenhang mit badal.23 A.H. war der Einzige, der nang im Zusammenhang mit der Verteidigung des Heimatlandes in Verbindung brachte. Für die anderen Interviewpartner bedeutet nang Ehre und Stolz. Auch über ghairat hat die Mehrheit gesagt, dass es Ehre und Stolz bedeute. So sagte H.S.: Ghairat ist Stolz, die Ehre meiner Eltern zu bewahren, sie nicht zu beschmutzen, wenn ich am Rauchen bin und einem Typen die Hand halte als Beispiel. Ehrenhaft ist, wer Ehrenhaftes tut. Zwei weibliche Befragte assoziierten das Wort ghairat mit den Eigenschaften eines Mannes, aber nicht wie im Pashtunwali als die Tugend eines Mannes. Die Mehrheit war mit den Begriffen nang und/oder ghairat vertraut. Allerdings kannte fast die Hälfte der Befragten nur ghairat. 5.1.2 Namus Eine weitere zentrale Komponente des paschtunischen Ehrbegriffs ist namus. Rzehak definiert namus als Ehre, guter Name, Ansehen, Gewissen, Reinheit, aber auch als die weibliche Hälfte der Familie (ebd. 1987: 821). Janata/Hassas vertiefen den Inhalt des Begriffes, der den weiblichen Teil der Familie meint, nämlich mit Keuschheit, Gesetz, Ehre, Grundprinzipien und Würde (ebd. 1975: 86). Mit diesem Begriff sind aber auch die Unversehrtheit des Gebietes mit Weideflächen sowie Heimat und Vaterland gemeint (Steul 1981: 256). Eine Frau ist für ihren Mann sein namus und jedem Paschtunen wird die Pflicht auferlegt diese Ehre, d.h. seine Frau, zu beschützen und zu verteidigen. Land bzw. materielle Güter und Frauen stellen nämlich den Fortbestand der Paschtunen dar. Janata/Hassas wagen eine weitere Deutung, sie dehnen den Begriff namus nämlich auf die Erde, ursprünglich auf das Stammesland mit Ackerböden und Weideflächen, in neuerer Zeit auch auf Heimat und Vaterland aus. Frau und Erde sind namus, beiden gemeinsam ist die Fruchtbarkeit. Sie interpretieren, dass diese Konstellation an einen möglichen vorislamischen Mutter-Erde-Glaube erinnert. Die Auffassung von Frau und Erde als heilige Güter scheint aus dem Blickwinkel der paschtunischen Kultur gerechtfertigt (vgl. Janata/Hassas 1975: 86). Steul widerspricht dem und erklärt, dass ein vorislamischer Mutter-Erde-Glaube weder bejaht noch verneint werden könne, da die vorhandenen Quellen dafür nicht ausreichen würden, um diese Behauptung zu belegen (Steul 1980: 141). Der namus eines Mannes hängt zunächst vom Ansehen der eigenen Mutter, dann von seinen unverheirateten Schwestern, den Töchtern und weiter entfernten weiblichen Agnaten und zweitens von der eigenen Ehefrau ab (Tapper 1991: 107). Steul geht weiter und beschreibt, dass der namus alle Frauen umfasst, mit denen ein Mann in Berührung kommt und unterscheidet zwischen einem direkten und einem indirekten namus. Der direkte namus eines Mannes wären demnach seine Mutter, seine Frau(en) und seine unverheirateten Töchter. Die verheirateten Schwestern und die verheirateten Töchter bilden den direkten namus ihrer Ehemänner, die damit zum Schutz dieser verpflichtet sind. Wenn Inhaber des direkten namus seine Frau(en) schlecht behandelt, dann greifen die Inhaber des indirekten namus sofort ein (Steul 1980: 141).24 Der Dichter Hamid Baba (1660-1732) sagte: Chi da bal nang au namus sa t? lai na-shi / wu-b? na-sati cok khp?l nang au namus - Derjenige, der den nang und namus des anderen nicht verteidigen kann, der kann auch nicht seinen eigenen nang und namus verteidigen (Rzehak 2011: 9-10). Wenn ein Mann seinen Pflichten, die ihm im namus auferlegt sind, nicht nachgeht, ist er be namus – d.h. er hat keinen namus. Die Negation dieses Wortes, nämlich be namus, grundlos zu benutzen berechtigt den Geschädigten den Beleidiger zu töten (Janata/Hassas 1975: 86). Steul erklärt, dass dies sicherlich bei besonders schweren Fällen geschehe, nämlich wenn diese Beleidigung z.B. in der Gegenwart von Frauen geäußert wurde, aber in der Regel wird der Beleidiger nicht getötet. Dazu zitiert Steul einen Informanten: Wer so beschimpft wird und wirklich nicht be namus und ba nanga ist, der wird nichts unternehmen. Seine Brüder und seine Söhne werden an seiner Stelle aufstehen und ihn verteidigen. Aber wir töten dafür nicht (1980: 142). Dieses Zitat entkräftet auch die Aussage von Janata/Hassas, dass nämlich bei Beleidigung eines Mannes mit ba nanga die Tötung des Beleidigers die Regel ist.

Über den Autor

Muska Haqiqat wurde 1985 in Wiesbaden geboren. Ihr Studium der Ethnologie und Islamwissenschaften an der Universität Hamburg schloss die Autorin im Jahre 2017 mit dem akademischen Grad der Magistra Artium erfolgreich ab. Seit ihrem Studium befasst die Autorin sich stärker auf kulturwissenschaftlicher Ebene mit ihrem Heimatland Afghanistan. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Migration, Transnationalismus und Diaspora. Sie absolvierte 2015 eine Ausbildung zur Schreibberaterin und arbeitete in dieser Funktion an der Universität Hamburg. Sie veröffentlichte als Co-Autorin im Jahre 2015 die Bücher Thematischer Grundwortschatz Deutsch–Paschtu Band 1 & Band 2 und 2016 Großer Lernwortschatz Deutsch–Afghanisch / Paschtu für Deutsch als Fremdsprache (DaF) .

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