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  • Die unsichtbare Verbindung. Die Grundlage für erfolgreiche hundegestützte Pädagogik in Kindertageseinrichtungen

Pädagogik & Soziales


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Produktart: Buch
Verlag:
Diplomica Verlag
Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH
Hermannstal 119 k, D-22119 Hamburg
E-Mail: info@diplomica.de
Erscheinungsdatum: 08.2026
AuflagenNr.: 1
Seiten: 68
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Tiergestützte Interventionen gewinnen zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung und auch in Kindertageseinrichtungen werden die positiven Effekte von Tieren immer stärker anerkannt. Dieses Buch unterstützt dabei, hundegestützte Pädagogik in einer Kindertageseinrichtung erfolgreich zu etablieren, und verdeutlicht die zentrale Rolle einer sorgfältigen Vorbereitung. Der Hund wird dabei als wesentlicher Partner betrachtet – mit Blick auf seine Entwicklung, seine Kommunikationsfähigkeit sowie die besonders wichtige Bedeutung einer vertrauensvollen Mensch-Hund-Beziehung.

Leseprobe

Brauchen Kinder Tiere (und die Natur?) Zu Beginn beschäftigen wir uns mit der Frage, ob Kinder Tiere und die Natur benötigen, um sich gut entwickeln zu können. Wir beginnen mit einem kleinen Einblick in die Evolutionswissenschaft, die den Zusammenhang zwischen uns Menschen und den Tieren deutlich macht. In der Molekularbiologie fand man heraus, dass alle Lebewesen von Einzellern abstammen. Diese lebten vor rund 3,8 Milliarden Jahren. Ihre Namen waren LUCA und standen für last universal common ancestor . Sie sind die wahrscheinlich letzten gemeinsamen Vorfahren aller Pflanzen, Tiere und Menschen. Der Evolutionsbiologe Charles Darwin übermittelte dieses Wissen des gemeinsamen Ursprungs vor 170 Jahren. Im Zweig der Tiere entwickelte sich – anders als bei Pilzen, Pflanzen und Bakterien – ein Nervensystem, welches dazu fähig ist, komplexe Sinne wahrzunehmen, beispielsweise Schmerz und Lust und – ab einer bestimmten Entwicklungsstufe – bis hin zu Gefühlen wie Freude und Trauer. Dies verbindet uns mehr mit den Tieren als mit allen anderen Lebewesen (vgl. Mutschler Wohlfarth, 2020, S. 18f.). Um vorerst Begrifflichkeiten aus der Ausgangsfrage zu klären, wird das Kind im Folgenden definiert. Das Wort Kind war bis zum Ende des Mittelalters nicht mehr als ein Begriff in einem Verwandtschaftsverhältnis. Die Kindheit war eine Zeitspanne der Entwicklung eines Menschen vor dem Erwachsenenalter, die sich erst im 17. Jahrhundert bildete. In der Gesellschaft wurde das Kind als kleiner Erwachsener bezeichnet und nahm – sobald es laufen und sich verständlich machen konnte – die Rolle eines Erwachsenen ein. Erst später wurde entdeckt, dass Kinder als unfertig betrachtet werden konnten – es galt, sie zu formen und durchs Leben zu führen. Die Idee eines unvollkommenen Menschen weckte das Interesse an der Erziehung der Kinder, um den Charakter und die Vernunft zu entwickeln. Im 19. Jahrhundert – der Beginn der Aufklärung und des Bildungsbürgertums – galten Kinder nicht als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft, sondern als unmündige Wesen, die geformt werden mussten. Die Kinder wurden zu körperlicher und moralischer Reife erzogen. Die hilfsbedürftige Entwicklungsphase und was das Kind selbst einbringen konnte, war hier nicht relevant (vgl. Braun Dieckerhoff, 2009, S. 21ff.). Erst insbesondere der Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) wandelte das Bild vom Kind und machte auf die Fähigkeiten und spezifischen Bedürfnisse aufmerksam. Er bezeichnete das Kind als ein Samenkorn, welches von Natur aus gut ist und sich am besten eigenständig entfaltet (vgl. Büchin-Wilhelm et al., 2008, S. 125). Maria Montessori (1870-1952) hat erstmals in der Pädagogik das Konzept eines aktiven Kindes entwickelt, welches sich die Welt eigenständig erschließt. Aus diesem Denken entwickelte sich die Botschaft: Hilf mir, es selbst zu tun (vgl. Braun Dieckerhoff, 2009, S. 25). Tiere lernten die Gegenwart der Menschen schnell zu schätzen und profitierten davon. Ebenso konnten die ersten Frühmenschen von den Tieren profitieren, wie wir es heute auch noch tun. Vor rund 2,6 Millionen Jahren lernten die Menschen, erste Steinwerkzeuge herzustellen, um wilde Tiere jagen zu können. Die Tierwelt regte unsere Vorfahren an, höhere Intelligenz zu entwickeln, sei es, um Werkzeuge zu entwickeln oder Gewohnheiten zu beobachten und daraus Resultate zu ziehen, beispielsweise zum besseren Jagdverhalten. Die Entwicklung von Empathie und das Verstehen von Verhaltensweisen ermöglichte einen Entwicklungssprung, den die Frühmenschen ohne Tiere nicht erzielt hätten (vgl. Mutschler Wohlfarth, 2020, S. 21f.). Letztendlich ist es nicht geklärt, wann unsere Vorfahren begannen, eine persönliche Beziehung zu einem Tier einzugehen und diese nicht nur als Nutztier (Nahrung, Jagdhelfer, Haushüter) anzusehen. Es ist wahrscheinlich, dass bestimmte Tierarten über viele Jahrtausende hinweg sowohl eine praktische Funktion als auch eine emotionale Bedeutung für die Menschen hatten. Über Jahrtausende hielten die Menschen Tiere aus praktischen Gründen, wie zum Beispiel Hunde als Wachhunde, Katzen zur Mäusejagd oder Pferde als Lasttiere. Im Gegensatz dazu ist die Idee, ein Tier aus Freude zu halten, eine romantische Vorstellung, die ihren Ursprung erst im späten 18. Jahrhundert hat. Die Aristokratie in königlichen und adligen Haushalten konnte es sich leisten, Tiere zu besitzen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung wuchs das Bedürfnis nach solchen Accessoires . Die neue Mode der Haustierhaltung fiel zeitlich mit der beginnenden Industrialisierung zusammen. Viele Menschen zogen vom Land in die Städte, wo sie Arbeit fanden und sich als letzten Hauch von Natur ein Tier ins Haus oder in die Wohnung holten. Der Wunsch, ein Heimtier zu besitzen, war laut einer Vermutung des Nobelpreisträgers Konrad Lorenz ein Ursprung der Sehnsucht des Menschen nach der freien Natur (vgl. Mutschler Wohlfarth, 2020, S. 33f.). Im Jahr 1792 gründete William Tuke eine der ersten Einrichtungen weltweit, in der Tiere zur Therapie eingesetzt wurden: das York Retreat . Er erkannte, dass der Kontakt zu Tieren für Menschen mit psychischen Erkrankungen heilende Wirkungen haben kann. Ziel war es, einen Ort zu schaffen, an dem psychisch kranke Personen in einem familiären Umfeld respektiert und wertgeschätzt werden. Das Konzept erwies sich als so erfolgreich, dass bereits in den 1830er-Jahren britische Wohltätigkeitsorganisationen darauf drängten, dass auch staatliche Einrichtungen für psychisch kranke Menschen Tiere halten sollten, um eine angenehmere und weniger gefängnisähnliche Atmosphäre zu fördern (vgl. Mutschler Wohlfarth, 2020, S. 37). Wieso haben nun die Natur und Tiere bei Kindern eine gesundheitsfördernde Wirkung? Die Natur stellt Menschen ihre natürliche Heimat dar, was wissenschaftlich als basales Heimatgefühl bezeichnet wird (vgl. Mutschler Wohlfarth, 2020, S. 44). Die Biophilie (s. Kapitel 4.3.1.) beschreibt es schon: Der Mensch ist dafür ausgestattet, in der Natur und mit Tieren zu leben. In der heutigen Zeit haben sich die Menschen laut dem Autor Richard Louv von der Natur und den Tieren entfremdet. In seinem Buch Last Child in the woods von 2005 (hier verglichen mit der deutschen Ausgabe von 2011: Das letzte Kind im Wald ) wird es wie folgt benannt: Der kulturelle Wandel beschreibt den schnellen Übergang von einer ländlich geprägten Kultur, in der familiäre Verbindungen zur Landwirtschaft bis in die 1950er Jahre bestanden, hin zu einer überwiegend städtischen Kultur. In einer von Landwirtschaft, Jagen und Sammeln sowie Erkundung und Kolonisation geprägten Gesellschaft wurden vor allem energiegeladene Jungen aufgrund ihrer Kraft und Schnelligkeit geschätzt. Viele Kinder nutzten ihre Energie auf konstruktive Weise: Sie halfen auf dem Hof, kletterten auf Bäume, sprangen über Bäche und erkundeten den Wald. All dies war tief in der Natur verwurzelt (vgl. Louv, 2011, S. 133). Es ist bis heute nicht wissenschaftlich erwiesen, dennoch weiß man aus fundierten Erfahrungsberichten, dass die Menschen mit der Reizüberflutung der heutigen Umwelt (überwiegend technische Medien) neurologisch nicht mithalten können. Ca. 70-80% aller Kinder kommen damit gut zurecht, da das Hirn leistungsstark und flexibel ist, die restlichen 20-30% schaffen dies aber nicht. Die Energie und die Körperlichkeit wurden damals konstruktiv eingesetzt, heute ist das durch die Industrialisierung und Maschinen kaum mehr nötig. Louv verfolgt die These, dass sich etwas verändern würde, wenn die Menschen mehr in der Natur wären. Als Beispiel: In einer – über neun Jahre angelegten – Studie von den Umweltpsychologen Stephen und Rachel Kaplan (Kaplan Kaplan, 1989) erkannte man den positiven Effekt, den man als Heilkraft der Umwelt bezeichnet. Die Kaplans ließen sich von dem Philosophen und Psychologen William James inspirieren. James (1890) unterschied zwischen zwei Arten der Aufmerksamkeit: der zielgerichteten Aufmerksamkeit und der Faszination. In einer Studie unternahmen die Testpersonen zweiwöchige Expeditionen durch die Wildnis. Die Ergebnisse zeigten, dass eine übermäßige zielgerichtete Aufmerksamkeit zu Erschöpfung führen kann, die sich unter anderem durch Gereiztheit und Konzentrationsschwäche äußert. Diese Erschöpfung tritt auf, wenn neuronale Hemmungsmechanismen durch das Blockieren konkurrierender Reize ermüden. In einer faszinierenden Umgebung ist gezielte Aufmerksamkeit nicht erforderlich, da die Aufmerksamkeit in der Natur automatisch funktioniert. In Louvs Buch wird außerdem die Entfremdung zur Natur auch als das Natur-Defizit-Syndrom (engl.: Nature Deficit Disorder) benannt: Es beschreibt die negativen Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit von Menschen, insbesondere von Kindern, die aufgrund eines Mangels an Kontakt zur Natur entstehen. Es bezieht sich auf die Beobachtung, dass der Rückzug von der Natur in der modernen Gesellschaft zu einer Reihe von gesundheitlichen und emotionalen Problemen führen kann (ADHS, Konzentrationsschwierigkeiten, aggressives Verhalten oder Unruhe, Stress, depressive Verstimmungen und vermindertes kreatives Denken) (vgl. Louv, 2011, S. 131-134). Dies macht deutlich, wie notwendig die Beziehung zu Natur und Tieren für eine persönliche, geistige und emotionale gesunde Entwicklung ist (vgl. Heier Liese-Evers, 2021, S.13). Wie wichtig ein Haustier für ein Kind sein kann, zeigt eine Studie von Forschern der Universität Cambridge: Man fand heraus, dass die emotionale Bindung zu einem Tier oft mehr Zufriedenheit bietet als die Bindung zu Geschwistern. Ein Tier ist selten nachtragend und kann angemessen auf kindliche Signale eingehen, was in der hektischen Welt von den Erwachsenen oft übersehen wird. Um sich zu einer selbstständigen Person entwickeln zu können, brauchen Kinder den Kontakt zur Natur und zu Tieren. Der Körper kann Störungen besser abwehren, wenn die Person resilienter ist. Hierbei können Tiere helfen. Viele Kinder besitzen heutzutage nicht mehr die nötigen Ressourcen (Kompetenzen wie Resilienz, Selbstvertrauen usw.), was das Erwachsenwerden erschwert. Dies äußert sich durch vermehrte psychische Erkrankungen oder Auffälligkeiten (vgl. Mutschler Wohlfarth, 2020, S. 48, 52, 67f.). In allen Stadien der kindlichen Entwicklung können Tiere zur Verbesserung von Kompetenzkognitionen beitragen. In den ersten Lebensjahren sind die Empathie und das Miteinander von großem Wert sowie das gegenseitige Verstehen und sich aufeinander Einspielen. Im Schulalter lernen die Kinder, dass sie in bestimmten Bereichen etwas bewirken können. Die Jugend ist die Zeit, in der sich die Identität entwickelt und die jungen Erwachsenen eigene neue Dinge realisieren und individuelle Pläne machen können. Ebenso lernen Kinder – egal welchen Alters – im Umgang mit Tieren, wie man mit Begrenzungen, Geduld und Ausdauer umgeht (vgl. Olbrich Otterstedt, 2003, S. 262ff.). 3. Die Entwicklung von Kindern im Elementarbereich Als Entwicklung bezeichnet man bei Lebewesen – und somit auch bei Menschen – die Wandlung und das Aneignen von bestimmten Eigenschaften und Fähigkeiten. Ein Mensch verändert sich im Laufe des Lebens kontinuierlich besonders bei Kindern ist die Entwicklung rasant schnell zu beobachten. Der Mensch muss über einen bestimmten Reifestand verfügen, um gewissen Fortschritt zu erlangen. Im Laufe des Lebens werden Aufgaben gemäß dem Entwicklungsstand bewältigt und neue Fähigkeiten und Eigenschaften kommen hinzu (vgl. Vollmer, 2005, S. 25ff.). Die Elementarpädagogik bezieht sich auf die Unterstützung von kindlichen Bildungsprozessen ab dem Krippenalter. Die frühkindliche Bildung orientiert sich hierbei am Kind und nicht an den Erwartungen der Gesellschaft (vgl. Schäfer, 2005, S. 62). Jedes Kind hat unterschiedliche Ressourcen, lernt individuell und benötigt viel oder wenig Unterstützung beim Erlernen bestimmter Kompetenzen (vgl. Grünig Kahlisch Markgraf, 2022, S. 62ff.). Das Ziel von Bildung und Erziehung besteht darin, Kindern zu ermöglichen, autonom zu leben, soziale Verantwortung zu übernehmen, mit Belastungen umzugehen und letztlich anstehende Veränderungen zu meistern. Dazu benötigen Kinder sogenannte Basiskompetenzen, bevor sie weitere Fähig- und Fertigkeiten ausbilden können. Die Basiskompetenz dient als Überbegriff für die Selbst-, Sach- und Sozialkompetenz und ist grundlegend wichtig für die Entwicklung. Das Lerntempo ist bei jedem Kind individuell und ganzheitlich zu sehen. Die Bildung von Basiskompetenzen muss selbstbestimmt und entdeckend erfolgen, um den Grundstein für alle weiteren Entwicklungen zu legen. Die Basiskompetenzen lassen sich noch weiter unterteilen, dazu gehören die personale Kompetenz (positive Selbstwahrnehmung, Selbstwirksamkeit), die lernmethodische Kompetenz (lernen, wie man lernt), das Handeln im sozialen Kontext (Fähigkeit zu Kommunikation und Kooperation, Empathie, Verantwortungsfähigkeit usw.) sowie auch der kompetente Umgang mit Belastungen. Diese Widerstandsfähigkeit bzw. Resilienz zeigt sich erst, wenn Veränderungen auftreten und es dem Kind gelingt, die Anforderungen zu bewältigen und sich positiv weiterzuentwickeln. Haben Kinder diese Ressource nicht, besteht die Gefahr der Vulnerabilität – der Verwundbarkeit, Verletzbarkeit. Vulnerable Kinder sind oft nicht in der Lage, belastende Situationen angemessen zu bewältigen, was dazu führen kann, dass sie vermehrt unter Ängsten, Aggressionen, Erkrankungen und psychischen Störungen leiden. Damit sich ein Kind zu einer resilienten Persönlichkeit entwickeln kann, benötigt es gewisse soziale Ressourcen, unter anderem spielt eine sichere Bindung zu den Eltern bzw. zur Bezugsperson eine wichtige Rolle (vgl. Altenthan, 2009, S. 320-323). Besonders wichtig in der Entwicklung von Kindern ist auch die Partizipation. Kinder, die ernst genommen und mit denen ein Dialog auf Augenhöhe geführt wird, haben eine höhere Lernbereitschaft und mehr Motivation als Kinder, die autoritär erzogen werden. Ebenso sind diese Kinder resilienter, da sie mehr Selbstwirksamkeitserfahrungen machen können, indem ihnen der Raum dafür gegeben wird (vgl. Bensel Haug-Schnabel, 2017, S. 118). Zunächst werden nun die fünf ausgewählten Kompetenzen erläutert, die für die Konzeptionsausarbeitung der Kita St. Laurentius relevant sind. 3.1. Kognitive Kompetenz Bereits kurz nach der Geburt nimmt der Säugling seine Umgebung mit allen Sinnen wahr. Das Gehirn des Säuglings ist bereits so weit entwickelt, dass es Informationen zusammenführen und zuordnen kann. Alle Systeme sind erst einmal grundsätzlich vorhanden und bedürfen weiteren Entwicklungen. Wenn das kindliche Umfeld ausreichend entsprechende Reize zur Weiterentwicklung bietet, hat das Kind ein nahezu uneingeschränktes Lernvermögen. Kinder können sehr früh mit ihren Bezugspersonen interagieren und suchen von Anfang an den Kontakt zu diesen (vgl. Bensel Haug-Schnabel, 2017, S. 56f.). Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget (1896-1980) forschte über einen Zeitraum von fast 50 Jahren zu den Themen Denken, Schlussfolgern und Problemlösen bei Kindern und entwickelte dazu verschiedene Theorien. Diese Theorien basieren auf den Konzepten zur Verarbeitung von Wahrnehmungen. Laut diesen Vorstellungen können z. B. Kenntnisse, Werte und Autonomie nicht von außen vermittelt werden vielmehr müssen die Kinder diese selbstständig konstruieren (vgl. Braun Dieckerhoff, 2009, S. 27f.). Nach Piagets Theorie geschieht dies durch verschiedene Schemata, d.h. Muster in Denk- und Handlungsprozessen. Ein Beispiel für ein solches Schema ist ein Kleinkind von ca. 12 Monaten, welches den Finger eines Erwachsenen greift. Die Assimilation (lat. assimilatio = Ähnlichmachung) beschreibt die Fähigkeit, neue Erfahrungen in Strukturen (des Denk- und Handlungsprozesses) zu integrieren, die bereits vorhanden sind. Bezogen auf das genannte Beispiel: Das Kind greift (bestehendes Schema) den Löffel (Assimilation des Löffels in das Schema). Bei der Akkomodation (lat. accomodatio = das Anpassen) wird das Muster an die Umwelt angepasst: Ein Kind greift nach einem großen Buch (Assimilation des Greifens), merkt, dass es nicht gelingt, da das Buch zu schwer ist, und nutzt schließlich beide Hände zum Greifen des Buches. Das Schema wurde verändert und auf das Umfeld und das Bedürfnis angepasst. Durch das Zusammenspiel von Assimilation und Akkomodation entsteht der Zustand des inneren Gleichgewichts, der Äquilibration (lat. aequilibrium). Wird dieses Gleichgewicht gestört (Beispiel: Der Löffel befindet sich in Sicht- aber nicht in Greifweite des Kindes), versucht das Kind immer wieder, das Gleichgewicht wieder herzustellen (den Löffel greifen, bis es ihm gelingt) (vgl. Vollmer, 2005, S. 50f.). Die moderne Hirnforschung bestätigt die aktive Rolle des Kindes in seinem Bildungs- und Entwicklungsprozess. Die Synapsenbildung (Bildung von Verbindungen zwischen den Nervenzellen) wird durch die Anregung von Sinneserfahrungen und körperlichen Aktivitäten des Kindes gefördert. Die Synapsen verstärken sich durch wiederholtes Wahrnehmen und werden stabiler: Man spricht von Lernen. Wenig genutzte Verknüpfungen degenerieren (schrumpfen) wieder, während die häufig verwendeten Synapsen stärker werden und in größere funktionelle Netzwerke integriert (Braun Dieckerhoff, 2009, S. 26) werden. Ein Kind im vierten Lebensjahr ist in der Lage, ein Zeitverständnis und ein autobiografisches Gedächtnis zu entwickeln. Im Alter von etwa fünf Jahren beginnt ein Kind zu verstehen, dass sich die eigenen Gedanken und Gefühle von denen anderer Personen unterscheiden. Das Kind kann ab diesem Zeitpunkt bewusst lügen. Im sechsten Lebensjahr kann ein Kind Schein und Wirklichkeit besser voneinander trennen als zuvor. Es versteht z. B. das Verkleiden (vgl. Büchin-Wilhelm et al., 2008, S. 246). Ab diesem Zeitpunkt sind Kinder in der Lage zu verstehen, dass andere Menschen unterschiedliche Meinungen und eigene Überzeugungen haben können. Dies bezeichnet man als Theory of Mind . Die Kognition umfasst alle geistigen Aktivitäten, die uns helfen, die Welt zu verstehen und zu navigieren. Eine gute Kognition befähigt das Kind dazu, ein kompetentes Sozialverhalten zu entwickeln. Die Eltern sind in jedem Stadium von Entwicklungen Vorbilder sowie auch die Beziehungen in der Familie und der Umgang miteinander (vgl. Vollmer, 2005, S. 52).

Über den Autor

Lisa Marquardt wurde am 08.August 1989 in Münster geboren. Sie lebt mit ihrem Lebensgefährten und den zwei gemeinsamen Kindern auf einem Bauernhof in Senden (Westf.), wo sie die Nähe zur Natur täglich genießt und inspiriert. Beruflich arbeitet Lisa Marquardt als pädagogische Fachkraft in einer Kindertageseinrichtung und ist zusätzlich ausgebildete Fachkraft für tiergestützte Intervention (TGI).

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