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  • Wenn du es eilig hast, gehe Eselwandern. Warum Eselwanderungen entschleunigen und die mentale Gesundheit stärken können

Pädagogik & Soziales


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Produktart: Buch
Verlag:
Diplomica Verlag
Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH
Hermannstal 119 k, D-22119 Hamburg
E-Mail: info@diplomica.de
Erscheinungsdatum: 08.2026
AuflagenNr.: 1
Seiten: 72
Sprache: Deutsch
Einband: Paperback

Inhalt

Ich fühle mich richtig entschleunigt , sagt die Teilnehmerin einer Eselwanderung, während sie verträumt neben ihrem Langohr herläuft. Eine Rückmeldung, die auf geführten Eselwanderungen immer wieder zu hören ist. Je häufiger sie geäußert wird, desto bedeutsamer erscheint sie – gerade in einer Zeit, in der Stress für viele Menschen zum Dauerzustand geworden ist. Doch was genau ist damit gemeint? Was empfinden Menschen, wenn sie von Entschleunigung sprechen? Und was geschieht auf einer Eselwanderung, das dieses besondere Gefühl auslöst? Diesen Fragen geht das Buch auf den Grund. Es zeigt, was Entschleunigung bedeutet, warum sie für unsere Gesellschaft heute so wichtig ist und wie sie im Kontakt zwischen Mensch und Tier – insbesondere auf Eselwanderungen – erfahrbar wird. Das Buch lädt dazu ein, die eigene Geschwindigkeit zu hinterfragen und vielleicht den Mut zu finden, selbst einmal langsamer zu gehen – mit oder ohne Esel.

Leseprobe

Textprobe: Diagnose Beschleunigungsgesellschaft Der Soziologe Hartmut Rosa prägt mit dem Begriff der Beschleunigungsgesellschaft (Mundt, 2023, S. 64) eine treffende Diagnose unserer Gesellschaft. Er beschreibt sie als eine Gesellschaft, die gewissermaßen an der fortschreitenden Beschleunigung leidet. Doch wie gelangt Rosa zu dieser Einschätzung? Ausgang dafür sind verschiedentliche Entwicklungen und Erfindungen der letzten Jahrzehnte, durch die sich Prozesse beschleunigt haben und Zeit eingespart werden konnte. Auf technischer Ebene spielte die fortschreitende Industrialisierung eine entscheidende Rolle. Ein Beispiel für eine weitreichende technische, aber auch ‚soziale‘ Beschleunigung ist die Erfindung des Automobils. Vor 200 Jahren noch bedeutete Reisen, Zeit mit auf den Weg zu nehmen (Herz, 2023). Gut gesittete Leute reisten mit Kutschen, aber auch diese waren langsame Gefährte (vgl. ebd.). Das änderte sich mit der Erfindung des Automobils. Nicht länger war man auf das Tempo und die Kondition der Zugpferde angewiesen. Doch auch die ersten Automobile können nicht sehr schnell gewesen sein. Dahingegen ist es mittlerweile keine Seltenheit mehr, dass auf der Autobahn Sportwagen mit 200 km/h an einem vorbeirasen und auch mit einem ‚normalen‘ Auto innerhalb weniger Stunden ein ganzes Land durchquert werden kann. Höher, schneller weiter ist längst nicht mehr nur Motto der olympischen Spiele (vgl. Sonnleitner, 2009, S. 94). Paradoxerweise sollte durch die zeitsparenden Innovationen mehr Zeit zur Verfügung stehen (vgl. Zapotocky, 2009, S. V). Stattdessen scheint das Gegenteil zuzutreffen und regelrecht immer weniger Zeit vorhanden zu sein (vgl. ebd., S. V). Es ist ein Mehr an Stress, Hektik und auch an Egoismus (Pröll, 2009, S. VII) in nahezu allen Lebensbereichen der Gegenwart zu beobachten und das Leben läuft heute so rasant schnell ab, manchmal sogar an uns vorbei (ebd., S. VII), sodass manch einer bereits im Sommer beklagt Weihnachten ist auch jedes Jahr früher. Dieses beinahe allgegenwärtige Gefühl der Zeitnot gilt als zentrales Grundgefühl der Moderne – das Empfinden, dass die Zeit selbst aus den Fugen geraten sei (Mundt, 2023, S. 64). Rosa erklärt die paradoxe Zeitnot als Folge der Beschleunigung des Lebenstempos, einer von drei Theorien der sozialen Beschleunigung (Mundt, 2023, S. 65). Die allseits empfundene Zeitnot ist Resultat dessen, dass die Menschen mittlerweile viel mehr Möglichkeiten haben als damals. Um beim Beispiel mit dem Auto zu bleiben, Spritztour nach Holland ans Meer und am gleichen Tag wieder zurück, damit am nächsten Tag wieder zur Arbeit gegangen werden kann? Möglich! Und das ist nur ein Beispiel von einer unendlich langen Liste potenzieller Möglichkeiten, die uns tagtäglich zur Verfügung steht. Diese Liste kann überfordernd sein, denn sie wird nie kleiner. Egal wie viel wir realisieren oder abarbeiten, in der Zeit haben sich schon wieder x-neue Möglichkeiten ergeben und die Liste verlängert. Ganz egal, wie schnell wir werden, das Verhältnis der gemachten Erfahrungen zu denjenigen, die wir verpasst haben, wird nicht größer, sondern konstant kleiner (Rosa, 2013, S. 41). Es ist wie Don Quijotes nicht endender Kampf gegen die Windmühlen. Auch die ständige Erreichbarkeit via Smartphone oder die omnipräsente Medienlandschaft sind Umstände der Zeitverknappung, denen man sich in der Beschleunigungsgesellschaft ausgesetzt fühlen kann und nicht folgenlos bleiben (vgl. Heimsoeth, 2022, S. 202). Steht man über einen längeren Zeitraum unter Druck oder ‚Zeitnot‘, ist dies idealer Nährboden für Dauerstress und negative gesundheitliche Begleiterscheinungen. Keine Zeit, bin im Stress Jeden Morgen wacht in Afrika eine Gazelle auf. Sie weiß, dass sie schneller rennen muss als die schnellste Löwin, sonst wird sie getötet. Und jeden Morgen wacht in Afrika eine Löwin auf. Sie weiß, dass sie schneller laufen muss als die langsamste Gazelle, sonst verhungert sie. Egal, ob Sie eine Gazelle oder eine Löwin sind: Wenn die Sonne aufgeht – müssen Sie rennen (Baeriswyl, 2009, S. 3) Diese Erzählung kann als Parabel interpretiert werden, für die beschriebene Rastlosigkeit und den Zwang zur ständigen Höchstleistung der Menschen der Beschleunigungsgesellschaft. Der Alltag kann, wie bei den Tieren in Afrika, einer täglichen Hetzjagd gleichen, die seinen Tribut fordert. Stress. Dieser nimmt laut der TK-Stressstudie 2021 (Techniker Krankenkasse, 2021) in Deutschland seit Jahren stetig zu. Bundesweit wurden insgesamt 1000 ausgewählte deutschsprachige Erwachsene zu ihrer Stressbelastung und den eigenen Entspannungsstrategien im Privat- wie Arbeitsleben befragt (vgl. ebd., S. 46). Die Befragten spiegeln Deutschland insofern gut wider, als dass Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts, mit verschiedener Bildung und Religion teilnahmen (vgl. ebd., S. 46). Dabei stellte sich heraus, dass sich (Stand 2021) jede vierte Person häufig gestresst fühlt und sogar jede dritte Frau extremen Stress erlebe (vgl. ebd., S. 44). So auch unser Sprachgebrauch, in dem das Wörtchen Stress viel Verwendung findet. Wir sind im Stress, fühlen uns gestresst, haben Stress mit xy, Beziehungsstress, Stress auf der Arbeit und sogar in unserer Freizeit existiert er in Form von Freizeitstress. Aber was ist Stress überhaupt? Stress hat ein sehr negatives Image. Dabei ist Stress in erster Linie eine biologische Meisterleistung unseres Körpers (Heimsoeth, 2022, S. 207), die auch bei Tieren ähnlich abläuft (vgl. Böker, 2022). Es handelt sich um einen uralten, tief in der Evolution verankerten Mechanismus, der nicht nur der Gazelle hilft, vor der Löwin zu fliehen, sondern bereits dem steinzeitlichen Menschen in lebensbedrohlichen Situationen, wie etwa bei einem Tierangriff, das Überleben sichern konnte (vgl. Klingenberg, 2021, S. 12). Der Definition zufolge bedeutet es: Stress beschreibt die physiologische, psychologische und verhaltensbezogene Anpassung eines Organismus (Stressreaktion) auf umweltbezogene und psychosoziale Reize, sog. Stressoren. Die Einordung eines Reizes als Stressor erfolgt im Gehirn (Werdecker & Esch, 2018, S. 1) Das heißt aus biologischer Sicht ist Stress eine Reaktion unseres Körpers auf bestimmte auf uns einwirkende Reize (Stressoren), die wir persönlich als Bedrohung einstufen. Durch die Reize, egal ob positiv oder negativ, wird eine körperliche Reaktion ausgelöst (Joeres, 2024, S. 129), gewissermaßen die Antwort des Körpers auf die Bedrohung. Diese hat das Ziel Energie für das Bewältigen einer Herausforderung zu aktivieren (vgl. ebd., S. 129). Es wird ein Teil des Nervensystems aktiv, der sogenannte Sympathikus (ebd., S. 129), der die Ausschüttung der Hormone Adrenalin oder Kortisol, veranlasst. Der Puls und die Atmung beschleunigen sich, der Körper ist in Alarmbereitschaft (vgl. Techniker Krankenkasse, 2021, S. 5-6). Die körpereigene Leistungsfähigkeit ist kurzzeitig erhöht, bereit zum Kampf oder der Flucht vor der Bedrohung (vgl. Klingenberg, 2021, S.12). Die Stressreaktion kann also auch als Schutzvorkehrung vor Bedrohungen gesehen werden. Was eine Bedrohung darstellt und Stress auslöst, ist hochgradig individuell und hängt von zahlreichen persönlichen Faktoren ab, wie dem Geschlecht, der Erwerbstätigkeit, der Herkunft, um nur einige zu nennen (vgl. Techniker Krankenkasse, 2021, S. 6). Ebenso unterschiedlich und zahlreich sind die Ursachen und Auslöser von Stress. In der zivilisierten Welt sind es oft nicht mehr die natürlichen vorkommenden Bedrohungen der Tierwelt, wie Prädatoren (Raubtiere), Habitatveränderungen, Ressourcenknappheit oder auch Ausschluss aus der Gemeinschaft (vgl. Böker, 2022). Oder doch? Die bereits genannte TK-Stressstudie (2021) gibt Aufschluss über die häufigsten, gemeinschaftlich empfundenen Stressfaktoren. Diese sind in einem Balkendiagramm (siehe Abb. 2) dargestellt. Abbildung 2: Größte Stressfaktoren in Deutschland nach Geschlecht im Jahr 2021 (Techniker Krankenkasse, 2021, zitiert nach statista.com) Demnach zählen die Kategorien Schule, Studium und Beruf sowie hohe Ansprüche an sich selbst zu den größten Stressfaktoren. Hier könnte man auch einen Vergleich zu den Bedrohungen in der Tierwelt ziehen – etwa Ressourcenknappheit in Form von Existenzängsten oder Geldnot. Zum Beispiel: Wer das Gefühl hat, seinen Job unbedingt bestmöglich ausführen zu müssen, weil sonst die eigene Lebensgrundlage bedroht ist, erlebt erheblichen Stress. Auch ein fordernder Vorgesetzter kann in diesem Zusammenhang sinnbildlich als Angreifer wahrgenommen werden. Bei Schule, Studium und Beruf werden auch Stressoren wie zu viel Arbeit oder Termindruck und Hetze genannt, die eng mit dem zunehmenden Leistungsdruck und der immer stärkeren Zeitverknappung verbunden sind (vgl. Techniker Krankenkasse, 2021, S. 4). Diese Faktoren fördern das Gefühl der Überforderung und tragen wesentlich zur Stressbelastung in der modernen Arbeitswelt bei. Darüber hinaus werden auch weitere Symptome der Beschleunigungsgesellschaft als Stressoren identifiziert, wie etwa die ständige Erreichbarkeit (Platz 5), zu viele Termine und Verpflichtungen in der Freizeit (Platz 6) oder auch die Teilnahme am Straßenverkehr (Platz 7). Auch hier kann ein Rückschluss zu den natürlichen Bedrohungen gezogen werden. Gerade lärmender Straßenverkehr oder auch ein ständig vibrierendes Handy haben den menschlichen Lebensraum sehr verändert und lösen Stressreaktionen aus. Diese gemeinsamen Stressfaktoren spiegeln die Herausforderungen wider, denen sich viele Menschen in der modernen Gesellschaft gegenübersehen und in ursprünglicher Form den natürlichen Bedrohungen der Tierwelt gleichen. Es gibt allerdings einen wesentlichen Unterschied in der Stressreaktion bei Tieren und dem modernen Menschen. In der Tierwelt ist es häufig so, dass das Stresslevel, z.B. bei einer Hetzjagd, kurzzeitig ansteigt. Wenn das Stresslevel kurzzeitig ansteigt, ist das nicht weiter bedenklich und kann uns leistungsfähiger machen, wenn die Herausforderung nicht zu groß ist (vgl. Joeres, 2024, S. 130-131). In der modernen Gesellschaft zeigt sich hingegen ein anderes Bild: Eine zunehmende Zahl von Menschen steht unter dauerhaftem Stress, etwa weil wiederkehrende Belastungen (z.B. Schule, Studium und Beruf) im Alltag das Stresssystem täglich aufs Neue aktivieren (Berka-Schmidt, 2009, S. 107). Gleichzeitig kommen erholsame Ruhephasen oft zu kurz (vgl. ebd., S. 107). Es ist nur logisch, dass ein solches Ungleichgewicht nicht lange gut gehen kann. Anhaltender Stress, der häufig den Überlebensmodus aktiviert, wie es bei jeder vierten Person in Deutschland laut der TK-Stressstudie 2021 der Fall ist, führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu negativen gesundheitlichen Konsequenzen (vgl. Joeres, 2024, S. 130-131). Wögebauer (2009, S. 67) benennt chronische Distress-Situationen, Burn-Out-Syndrome […] bis hin zu den sogenannten ‚neuen Erkrankungen‘: Ängste, Panikattacken, […] Depression, Immunschwäche [oder] Infektanfälligkeit als Resultat eines zu hohen Lebenstempos . Im besten Fall kommt es durch Stressprävention gar nicht so weit, denn das einfachste und zudem noch wirksamste Mittel zur Verhinderung von Krankheiten ist deren Vermeidung (Gründer, 2020, S. 67). Leider verhält es sich oft so, dass der Stress lange Zeit unerkannt bleibt, weil der Mensch sich an alles gewöhnen kann, auch an schädliche Einflüsse (vgl. Tomoff, 2024, S. 108). Der nachfolgende Abschnitt von Lorenz (2021, S. 24) verdeutlicht diesen Prozess sehr nachvollziehbar: Wir sind so daran gewöhnt, kaum Pausen einzulegen, dass wir die ersten Anzeichen von psychosomatischen Beschwerden, die sich infolge in unserem Alltag bemerkbar machen, erst mal gar nicht richtig zuordnen können. Immer mal wieder auftauchende Rücken- oder Kopfschmerzen scheinen für uns ohne Ursache aus dem Nichts zu kommen. Oder wir schauen nicht mal nach dem Grund, sondern versuchen, sie mit Schmerztabletten und Ignorieren in den Griff zu bekommen, um weiter durchpowern zu können. Auch Schlaflosigkeit oder das ständige Grübeln sind irgendwann Teil des Alltags An dieser Beschreibung wird deutlich, der Körper schreit schon lange um Hilfe, bis der Schrei auch in Worten wie Ich will Ruhe den Mund eines Menschen verlässt, der erschöpft, gehetzt, ruhe – und rastlos gelebt [wurde] (Steger, 2009, S. 64). Um es mit den Worten der Beschleunigungsgesellschaft zu sagen, hier gilt aller höchste Eisenbahn, die Verbreitung von hohem und extremen Stress (Techniker Krankenkasse, 2021, S. 44) aufzuhalten! Nicht zuletzt ist dies auch im Interesse der Wirtschaft, um die es in Deutschland derzeit große Sorgen gibt. Die stressbedingten Arbeitsunfähigkeitstage verursachen jährlich volkswirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe (ebd., S. 44). Im Umgang mit Stress und dessen Reduktion gibt es zwei grundlegende Lösungsansätze: 1) Stressoren reduzieren und/oder 2) einen Umgang mit den Stressoren entwickeln (vgl. ebd., S. 6). Zu 1) ist anzumerken, dass Ruhephasen für unsere mentale und körperliche Erholung essenziell wichtig sind (vgl. Berka-Schmid, 2009, S. 107). Erholung besteht aus Momenten, in denen unser Geist zur Ruhe kommt und unser Körper entspannt (vgl. ebd., S. 107). Dann ‘zapfen‘ wir (…) unsere salutogenetischen Ressourcen an, die uns die Möglichkeit geben, uns gesund zu erhalten oder wieder gesund zu werden (ebd., S. 108). Ob Entschleunigung dabei einen wirksamen Ansatz zur Förderung solcher Erholungsprozesse darstellt, wird im folgenden Kapitel näher untersucht. Entschleunigung Entschleunigung ist das Gegenstück zum Begriff Beschleunigung und umfasst weit mehr als nur die Reduzierung technischer Geschwindigkeit. Vielmehr wurde der Begriff gesellschaftlich geprägt und kann heute ebenfalls eine gezielte Verlangsamung einer (sich bisher ständig beschleunigenden) Entwicklung, einer Tätigkeit o. Ä. (DWDS, o.D.) bedeuten. Für die Beschleunigungsgesellschaft stellt die Entschleunigung gewissermaßen ihren ‚netten‘ Gegenspieler dar, da sie den Versuch unternimmt, der rasanten Lebensgeschwindigkeit der Moderne entgegenzuwirken. Bei Entschleunigung geht es um eine Art Entwöhnung von der Sucht, möglichst rasch, möglichst schnell (Baatz, 2008, S. 27) zu sein. Diese ‚Sucht‘ ist in der heutigen Zeit allgegenwärtig und hat tiefgreifende Auswirkungen auf die psychische und physische Gesundheit. Der ständige Drang nach mehr Geschwindigkeit führt zu Zeitverknappung, Hektik und Dauerstress, wie in Kapitel 2.1 Diagnose Beschleunigungsgesellschaft, beschrieben wurde. Das Streben nach immer mehr Effizienz und Produktivität hat zu einer gesellschaftlichen Entwicklung geführt, in der das Tempo das Maß aller Dinge geworden ist (vgl. Pröll, 2009, S. VII). Daher kann Entschleunigung auch als ein Versuch angesehen werden, einen neuen Umgang mit der aus den Fugen geratenen Zeit zu finden – getragen von der Idee: Jetzt soll es bitte wieder langsamer gehen! (vgl. Baeriswyl, 2009, S. 4). Und tatsächlich ist aktuell bereits in einigen Bereichen eine Verlangsamung und ein Umdenken erkennbar. Hier ist besonders die sog. Slow-Bewegung zu nennen, die in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen hat (vgl. Heise, 2016). Es handelt sich dabei um eine Gegenbewegung zu Konsumtrends wie Fast Food oder Fast Fashion, die, wie am Namen erkennbar wird, auf Schnelllebigkeit ausgelegt sind. Slow Food, als Pendant zum Fast Food, steht für bewusstes, genussvolles Essen und den Wert von Qualität über Quantität (vgl. ebd.). Ebenso verhält es sich mit Fast Fashion und Slow Fashion. Dabei geht es nicht zwingend um langsames Essen oder Shoppen, sondern vielmehr um den Aspekt des Bewusstseins – einen bewussteren Umgang mit Ressourcen, einem nachhaltigeren Lebensstil und einer stärkeren Verbindung zu den Dingen, die uns umgeben. Das macht deutlich, Entschleunigung ist nicht nur Langsamkeit. Der Meinung ist auch Entschleunigungspabst (Thöne, 2016) Hartmut Rosa, der sich seit Jahren intensiv mit dem Thema auseinandersetzt. Rosa stellt fest, dass es nicht ausreicht, lediglich das Tempo zu reduzieren (vgl. Heise, 2016). In seiner Kritik an der bloßen Reduktion von Geschwindigkeit verweist er darauf, dass die Verlangsamung an sich nicht automatisch zu einer Verbesserung der Lebensqualität führt (vgl. Thöne, 2016). Es mag vielleicht einige Dinge geben, die besser werden, wenn man sie langsam macht – Essen gründlich durchzukauen, anstatt es zu verschlingen beispielweise – zur Entschleunigung gehöre allerdings mehr als Verlangsamung. Als bildliches Beispiel soll Abbildung 3 dienen. Abbildung 3: Mind full oder Mindful? (DevianArt, o.D.) Bei der abgebildeten Person könnte es sich um eine gestresste Person handeln, da in ihrem Kopf die Gedanken zu kreisen scheinen. Wenn diese Person nur ihr Tempo, ihre Schrittgeschwindigkeit, reduzieren würde, würde sich die Situation wahrscheinlich nicht wesentlich verändern. Die Person würde immer noch gedankenverloren durch die Landschaft gehen, nur langsamer vorankommen. Das langsamere Tempo könnte sie sogar noch mehr stressen, da sie möglicherweise das Gefühl hätte, weniger Zeit nach dem Spaziergang zu haben. Daher Rosas Credo: Langsamer machen reicht nicht (Thöne, 2016). In Ergänzung plädiert er für Resonanz.

Über den Autor

Anne Faßbinder wurde 1998 in Köln geboren, nichtsahnend, dass sie dort Jahre später Eselwanderungen entlang des Rheins führen würde. Während ihres Lehramtsstudiums an der Universität zu Köln entwickelte sie ein besonderes Interesse daran, wie Tiere die menschliche Entwicklung begleiten können und begann 2024 die Ausbildung zur Fachkraft für tiergestützte Therapie und Interventionen. Auf diesem Weg entdeckte die Autorin ihre Begeisterung für Esel und begleitete bei Pfalzesel, Tierzeit Köln und auf dem Naturerlebnishof Kartsteinhöhe zahlreiche Menschen auf Eselwanderungen. Immer wieder zeigte sich, dass das Führen eines Esels etwas im Menschen anstößt und Ruhe entstehen lässt. Diese Erfahrungen bilden die Grundlage ihres Buchs über Entschleunigung beim Eselwandern.

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